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Titel
Zwischen Provisorium und Prachtbau. Die Synagogen der jüdischen Gemeinden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart


Autor(en)
Rees-Dessauer, Elisabeth
Reihe
Jüdische Religion, Geschichte und Kultur 30
Erschienen
Göttingen 2019: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
264 S.
Preis
€ 80,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Klei, Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg

Die jüdische Geschichte in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lässt sich mit Hilfe von Synagogenbauten als eine des Erfolgs erzählen: Von den Betsälen der unmittelbaren Nachkriegszeit, die für den als provisorisch bestimmten Übergang vor der Emigration in die USA oder nach Israel stehen, über die kleinen, oft abgelegen situierten Neubauten der Nachkriegsjahrzehnte, die – meist aus städtischer Hand finanziert – als Zeichen einer „Wiedergutmachung“ gelten, hin zu den teils Aufsehen erregenden Gebäuden, die das Anwachsen der Gemeinden und ihre „Aufbrüche“[1] nach 1990 begleiteten. Derzeit kündigt sich mit den Planungen für Rekonstruktionen zerstörter Synagogen in Berlin und Hamburg eine weitere Phase an. Mit ihnen werden im Stadtbild eingeschriebene Brüche jüdisch-deutscher Geschichte an zwei prominenten Orten unsichtbar gemacht werden. Dies verweist nicht nur auf Veränderungen in der Erinnerungskultur, sondern zudem darauf, dass ein konservatives Verständnis von Architektur nun zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch den Neubau von Synagogen beeinflusst.

Die Historikerin Elisabeth Rees-Dessauer hat mit der Veröffentlichung ihrer 2017 an der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommenen Dissertation eine Studie vorgelegt, die den Anspruch erhebt, dass die „Synagogen [...] hier erstmals als Quelle zur jüdischen Geschichte im Nachkriegsdeutschland auf[treten ] und [...] es [erlauben], durch den Blick auf diese besonderen Gebäude neue Perspektiven auf die ihrer Entstehung zugrunde liegenden Entwicklungen der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte zu eröffnen“ (S. 15). Rees-Dessauer untersucht die Synagogen anhand von drei Aspekten: 1.) dem Raum als Architektur, Stil und Standort, 2.) der Zeit als Terminierung von Einweihungen und 3.) der Handlung im Akt der Gestaltung und Durchführung von Einweihungsfeiern, ihren Abläufen und Redebeiträgen. Die Veröffentlichung kann dabei als Erweiterung des von Michael Brenner 2012 herausgegebenen Sammelbandes „Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart“[2] gelesen werden, in dem Synagogenbauten nur marginal behandelt werden. Zwar gibt es neben Überblicksdarstellungen zum Synagogenbau[3], in denen die Nachkriegssynagogen einbezogen werden, seit einigen Jahren Monographien zur Geschichte einzelner Gemeinden, in denen auch die Errichtung neuer Synagogen thematisiert wird[4], und einen Ausstellungskatalog zu den Neubauten seit den 1990er-Jahren, der einen Überblickstext zum Synagogenbau seit 1945 enthält[5]; eine Gesamtdarstellung für die Zeit ab 1945 fehlt aber nach wie vor. Rees-Dessauers Publikation verspricht, diese Lücke zu schließen. Sie ist hierfür in fünf Kapitel und eine tabellarische Übersicht gegliedert und zeichnet sich durch das Bemühen aus, einen vollständigen und dabei systematischen Überblick zu erarbeiten.

In den Mittelpunkt ihrer Einführung stellt die Autorin zwei Aspekte: Zum einen erläutert sie die ihrer Arbeit zugrundeliegende Periodisierung in vier Phasen, die der bereits genannten Publikation von Brenner folgt – „Zwischenstation“ (1945 bis 1949), „Konsolidierung“ (1950 bis 1967), „Positionierungen“ (1968 bis 1989) und „Aufbrüche“ (1990 bis 2012). Rees-Dessauer ergänzt sie dabei um die vier Phasen des Synagogenbaus nach 1945, die Salomon Korn 1988 in einem Artikel zum Synagogenbau der Nachkriegszeit formulierte.[6] Zum Zweiten untersucht sie detailliert und kenntnisreich die Rezeptions- und Erfolgsgeschichte des Satzfragments „Wer ein Haus baut, will bleiben“, das Korn 1986 zur Einweihung des von ihm und der Architektengemeinschaft Hubertus von Allwörden, Gerhard Balser, Rolf Schloen in Frankfurt am Main realisierten Gemeindezentrums prägte.

Das zweite Kapitel ist dem „Stil und Standort: Zur Bautätigkeit und Synagogenarchitektur“ gewidmet. Wer bei diesem Titel – wie ich – eine Auseinandersetzung mit architekturgeschichtlichen und/oder -theoretischen Fragestellungen erwartet hat, wird allerdings enttäuscht. Rees-Dessauer versammelt hier vor allem Daten und Baubeschreibungen von einzelnen Beispielen in unterschiedlichen Städten. Diese benutzt sie dazu, erste Kategorien zu entwickeln: provisorische Betsäle, Wiederaufbauten und Renovierungen sowie Synagogenneubauten. Der Begriff des Stils bleibt hingegen unproblematisiert und auch der Standort spielt bei diesen Kategorisierungen keine Rolle. Ihre Bedeutung scheint sich in der titelgebenden Alliteration der Kapitelüberschrift zu erschöpfen. Ergänzend stellt sie einige Eckdaten zum Leben und Wirken der Architekten Helmut Goldschmidt, Hermann Zvi Guttmann, Karl Gerle und Alfred Jacoby vor, die quantitativ die meisten Neubauten entwarfen. Im Wesentlichen baut die Erzählung von Rees-Dessauer hier auf den Zusammenfassungen bereits veröffentlichter Forschungsliteratur auf. Eigenständige Forschungen und Interpretationen oder eine kritische Auseinandersetzung mit den Entstehungsbedingungen oder mit Bedeutungszuschreibungen von Akteur/innen fehlen in diesem Kapitel hingegen weitgehend. Die Bauten stehen weder in ihrer Materialität noch in ihrer Baugeschichte, ihrer Aneignung oder ihrer Rezeption im Mittelpunkt. Hier hätte eine interdisziplinäre Herangehensweise, die auch architekturwissenschaftliche Perspektiven ernst nimmt, zu komplexeren Erkenntnissen führen können. So verharrt Rees-Dessauer beispielsweise bei der Beobachtung, dass sich „Stilformen“ (S. 54) von Synagogen der 1950er-/60er-Jahre von denen der 1990er-/2000er-Jahre unterschieden. An dieser Stelle wäre sicherlich der Blick auf ein allgemeines Architekturgeschehen hilfreich gewesen, in das die Synagogen entsprechend gestalterischer Vorlieben der jeweiligen Zeit einzuordnen sind, aber auch die möglichen Rückschlüsse aus den Bedingungen für jüdische Gegenwart in den unterschiedlichen Phasen der Entstehung. Stattdessen entscheidet sich Rees-Dessauer gegen eine eigenständige baugeschichtliche Untersuchung und wird damit ihrem eingangs formulierten Anspruch, Synagogen als Quellen zu sehen, letztlich nicht gerecht. Denn dies hätte zum Beispiel bedeuten können, die komplexen Entstehungsgeschichten der Gemeinde(neu)bauten zu untersuchen oder die Architektur selbst in ihrer gestaltenden Form, den umgesetzten Raumprogrammen, den Standorten, Aneignungen und tatsächlichen Veränderungen einer Analyse zu unterziehen. Zur Erforschung einer jüdischen (Gemeinde-)Geschichte wäre es obendrein lohnend gewesen, die Wünsche der Gemeinden und die gesetzten Bedingungen der nichtjüdischen Gesellschaft in Beziehung zu setzen oder nicht realisierte Projekte einzubeziehen.

Die folgenden Kapitel sind von dem Bemühen um Vollständigkeit, Überblick und Systematik geprägt. Kapitel 3 widmet sich den jeweiligen Einweihungsdaten (Jüdische Feiertage, andere Festtage, Gedenktage und Jahrestage von Synagogeneinweihen) und Kapitel 4 den Festprogrammen zur Eröffnung (Zeremonielle Elemente, Gebete, Psalmen und Lieder, Reden und Grußworte). Mit diesen beiden Kapiteln betritt Rees-Dessauer Neuland, da eine systematische Darstellung dieser Aspekte der Synagogen- und Gemeindegeschichten bisher unterblieb. Vor dem Hintergrund der Fülle des zusammengetragenen Materials verwundern dann allerdings – wiederholt – die abschließenden Bemerkungen. Hier hätte man sich von der Autorin mehr Mut in der Argumentation und mehr thesenhaftere Zuspitzungen in den Schlussfolgerungen gewünscht. So bleibt es bei reinen Feststellungen, wonach beispielsweise Ansprachen „immer ein wichtiger Programmbestandteil“ der Eröffnungen waren, bei dem „neben vielen Gemeinsamkeiten insbesondere im Bezug auf Begrifflichkeiten wie Heimat und Normalität jüdischen Lebens in Deutschland durchaus auch Unterschiede zwischen jüdischen und nichtjüdischen Rednern ausgemacht werden können“ (S. 170-171).
Zudem konzentriert sich die Autorin im gesamten Band mit großer Selbstverständlichkeit und ohne dies methodisch, baugeschichtlich oder inhaltlich zu begründen, für die Zeit vor 1989/90 auf Westdeutschland. Die Entwicklungen und Gebäude in der SBZ/DDR sind ihr nur einige wenige Verweise wert.

Mit der „Schlussbetrachtung“ wagt die Autorin zwar einen Ausblick auf die weitere Entwicklung, den sie mit einem voraussichtlichen Ende des Aufbruchs und mit der Frage nach einem Erreichen von „Normalität“ zu bestimmen sucht. Was eine „Normalität“ jüdischer-nichtjüdischer Beziehungen in Deutschland definiert und ob ein derart bestimmter Zustand erstrebenswert sein soll, bleibt dabei allerdings offen. An diesem Punkt wäre eine tiefergehende kritische Auseinandersetzung mit Begriffen und Diskursen jüdischer-nichtjüdischer Vergangenheit und Gegenwart in Deutschland wünschenswert gewesen.

Einen besonderen Wert der Veröffentlichung, speziell im Hinblick auf zukünftige Forschungen, stellt die umfangreiche Dokumentation von Beträumen und Synagogen/Gemeindezentren dar, die die Autorin in Tabellenform zusammengestellt und als Überblick der Publikation beigefügt hat. Hier zeigt sich allein durch die Sammlung eindrucksvoll der Umfang jüdischen Baugeschehens nach 1945, bei dem zugleich die Bandbreite (baulicher) Lösungen für die Bedürfnisse der Gemeinden und einige der Voraussetzungen, die sie für ihre Umsetzungen vorfanden, deutlich werden. Ihr aufbereitetes Datenmaterial unterteilt Rees-Dessauer den Ideen aus Kapitel 2 folgend in fünf Kategorien: Synagogen und Betsäle in bereits bestehenden Gebäuden, provisorische Betsäle, Synagogenwiederaufbauten/-renovierungen, Synagogenneubauten und ehemalige Synagogen als Gedenkstätten. Die Auflistungen bieten überraschende Einsichten, so unter anderem, dass Neubauten (36) vor 1989 quantitativ deutlich hinter der Umnutzung von bestehenden Gebäuden (69) zurück blieben. Eine derartige Feststellung wird besonders wertvoll vor dem Hintergrund, dass sich bisherige Veröffentlichungen auf die Neubauten konzentrieren. Hier wird deutlich, welche immense Leerstelle in der Wahrnehmung der Nachkriegsgemeindegeschichte damit bisher produziert wurde.

In der Auflistung fehlen überraschenderweise jedoch meist die Angaben dazu, wie lange die Bet- und Gemeinderäume jeweils genutzt wurden und in welchen Bauten sie eingerichtet worden waren. Dabei hätten derartige Informationen geholfen, ein detaillierteres Bild von der Situation der jeweiligen Gemeinden und den Voraussetzungen für die Etablierung ihres Gemeindelebens zu gewinnen. Eine Geschichte lediglich über den Zeitpunkt einer Einweihung zu vermitteln, zeigt ein ausgesprochen verkürztes Bild der jeweiligen Gemeinde- und Baugeschichte an. Zudem lassen sich bei aller Bedeutung dieser Zusammenstellung auch einige sachliche Fehler finden: So wäre zum Beispiel aus denkmalpflegerischer und architekturgeschichtlicher Perspektive die Synagoge in Herford ein Neubau und dabei eine Rekonstruktion. Ein 1956 in Mannheim eingeweihter Betsaal entstand in einem eigens dafür errichteten Neubau, und nicht wie angegeben in einem bereits bestehenden Gebäude. Schwerwiegender ist noch die Behauptung, bei der 1951 in Saarbrücken eingeweihten Synagoge handele es sich um den ersten Neubau in der Bundesrepublik: Das Saarland trat ihr erst im Januar 1957 bei.

Aus der Perspektive einer Architekturhistorikerin bleibt mit Bedauern festzustellen, dass dieser Arbeit mehr Bereitschaft zur interdisziplinären Forschung zuträglich gewesen wäre, ist doch gerade ihr Anspruch, Synagogenbauten als Quellen der deutsch-jüdischen Geschichte nach 1945 zu analysieren, ein lohnender Ansatz für ein Verständnis der Entwicklungen und unterschiedlichen Phasen. Insgesamt entstand zwar ein Band, der als Sammlung und Dokumentation einen wichtigen Überblick bereitstellt, gleichzeitig aber dazu auffordert, die Ausführungen und die erarbeiteten Kategorien in einen breiteren Kontext einzubetten, um der Komplexität und den Veränderungen der gesellschaftlichen Voraussetzungen im untersuchten Zeitraum ausreichend Rechnung zu tragen.

Anmerkungen:
[1] So die Überschrift des vierten Teils, der den Zeitraum 1990 bis 2012 behandelt.
[2] Michael Brenner (Hrsg.), Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart, München 2012; Susanne Cohen-Weisz, Jewish life in Austria and Germany since 1945. Identity and communal reconstruction, New York 2016, bestimmt drei Phasen einer jüdischen Nachkriegsgeschichte in beiden Ländern: 1945 bis 1953, 1953 bis 1980 und 1980 bis 2015.
[3] Carol Herselle Krinsky, Europas Synagogen. Architektur, Geschichte und Bedeutung. Wiesbaden 1997.
[4] Exemplarisch sei verwiesen auf Anke Quast, Nach der Befreiung. Jüdische Gemeinden in Niedersachsen seit 1945. Das Beispiel Hannover, Göttingen 2001.
[5] Ulrich Knufinke, Zur Geschichte der Synagogen in Deutschland, in: Stiftung Baukultur Rheinland-Pfalz (Hrsg.), Gebauter Aufbruch. Neue Synagogen in Deutschland, Regensburg 2010, S. 19–52.
[6] Salomon Korn, Synagogenarchitektur in Deutschland nach 1945, in: Hans-Peter Schwarz (Hrsg.), Die Architektur der Synagoge. Frankfurt am Main 1988.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.06.2020
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