A.J. Lappin u.a. (Hrsg.): Dominus Episcopus

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Titel
Dominus Episcopus. Medieval Bishops Between Diocese and Court


Herausgeber
Lappin, Anthony John; Balzamo, Elena
Erschienen
Anzahl Seiten
267 S.
Preis
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephan Bruhn, German Historical Institute London

Die Erforschung von Bischöfen hat in der Mediävistik unbestreitbar Konjunktur. Hiervon zeugt nicht nur die Vielzahl an publizierten wie laufenden Qualifikationsarbeiten[1], sondern auch die Fülle an Sammelbänden[2], welche sich ganz unterschiedlichen Epochen und Aspekten der Bischofsgeschichte widmen. Ein wichtiges Themenfeld bildet dabei weiterhin die doppelte Funktion des Episkopats als geistliche wie politische Elite, zu dessen Aufgaben neben der Seelsorge und kirchlichen Verwaltung auch die Wahrnehmung von Herrschaftsrechten oder die Beratung von Königen gehörten. Gerade die (vermeintlichen) Spannungen und Aporien, welche sich aus dieser Doppelfunktion aus zeitgenössischer wie moderner Perspektive ergeben konnten, haben sich als wichtige Impulsgeber für die Forschung erwiesen und zu immer neuen Fragen und Ansätzen geführt. Dieses produktive Spannungsfeld steht auch im Mittelpunkt des hier zu besprechenden Sammelbandes, widmet er sich doch den unterschiedlichen Rollen, welche Bischöfe in den mittelalterlichen regna wahrnehmen konnten. Die Beiträge basieren dabei auf einer am 3. Dezember 2015 in Stockholm abgehaltenen Tagung mit dem Titel „Dominus Episcopus: Medieval Bishops in their Diocese“.

Auf eine knappe Einleitung (S. 9–13) folgen zehn Fallstudien, welche im Wesentlichen chronologisch geordnet sind. Zwar spannen diese einen weiten Bogen vom 7. bis zum 16. Jahrhundert und nehmen unterschiedliche Regionen Europas in den Blick. Besondere Untersuchungsschwerpunkte bilden aber chronologisch die Zeit nach dem vierten Laterankonzil 1215 (Lauge Christensen, Lappin, Välimäki, Salonen, Rosa Doval, Skoog, Balzamo) und geographisch Nordeuropa (Ryan, Moilanen, Villads Jensen, Lauge Christensen, Lappin, Salonen, Skoog, Balzamo). Thematisch liegt der Fokus deutlich auf dem kanonischen Recht (Ryan, Lauge Christensen, Lappin, Välimäki, Salonen). Beschlossen wird der Band durch ein Verzeichnis der Autor*innen, ein Register fehlt.

Der kirchenrechtlichen Schwerpunktbildung entsprechend nähert sich ein Großteil der Studien der Spannung zwischen weltlichen und geistlichen Aspekten episkopaler Amtsführung über das Verhältnis von klerikaler Normvorstellung und gelebter Praxis an. Eher traditionelle Perspektiven entwerfen dabei die Studien von Kirsi Salonen (S. 207–216), Anthony John Lappin (S. 131–185) und Kurt Villads Jensen (S. 83–99), welche vor allem nach der handlungsleitenden Funktion kirchenrechtlicher Bestimmungen fragen. Während Salonen in ihrem eher kursorischen Überblick zu Zölibatsverletzungen, dem Unterlassen von Ad-limina-Besuchen und Gewaltanwendungen im skandinavischen Episkopat des Spätmittelalters allein nach Normbrüchen fragt, entwerfen die letztgenannten Beiträge durchaus facettenreichere Perspektiven.

So misst Lappin die Beziehungen des Klosters Selby zu den Erzbischöfen von York im 13. Jahrhundert nicht allein an den Bestimmungen des Vierten Laterankonzils zur Diözesanordnung. Vielmehr verdeutlicht er die situative Vielsichtigkeit des Verhältnisses, welches durch Konflikte ebenso geprägt gewesen ist wie durch Phasen der Kooperation. Villads Jensen kann in seinem quellennahen, aber auch knappen Überblick über die bischöfliche Partizipation an Kreuzzügen wiederum aufzeigen, dass militärisches Engagement trotz des kanonischen Gewaltverbots keineswegs allein negativ bewertet wurde. Die Studien heben somit den pragmatischen Umgang mit kirchenrechtlichen Bestimmungen sowie die Kontextgebundenheit und situative Dynamik von Normenvorstellungen hervor, deren praktische Relevanz sich anhand der Parameter „Befolgung“ und „Verletzung“ vielfach nur unzureichend erfassen lässt.

Einen innovativen Zugang zum Kirchenrecht wählen die Studien von Emil Lauge Christensen (S. 100–130) und Martin J. Ryan (S. 14–52), indem sie sich weniger mit der Geltungskraft als vielmehr mit der Aneignung, Deutung und Nutzung von Normen befassen. So zeigt Lauge Christensen anhand der Darstellung der Erhebung Bischof Absalons († 1201) von Roskilde zum Archiepiskopat von Lund in den Gesta Danorum des Saxo Grammaticus († um 1220) auf, welche narrativen Strategien der Autor einsetzte, um die Translation und die hieraus resultierende Ämterhäufung zu rechtfertigen. Ryan fokussiert in seiner Studie zum sogenannten Dialogus Ecgberhts von York († 766), einem kurzen kirchenrechtlichen Traktat in Dialogform, die im Werk greifbare Arbeitsweise des Autors, welche äußerst luzide als Zugang zu dessen Selbstverständnis genutzt wird. Ecgberhts Ansprüche spiegeln sich weniger in den inhaltlichen Bestimmungen als vielmehr im selbstbewussten Umgang mit älteren kirchenrechtlichen Traditionen wider. Die Beiträge legen den Fokus somit auf normative Aushandlungsprozesse und verweisen zugleich auf den doppelten Stellenwert von Recht als eigentlichem Gegenstand wie zweckgerichtetem Mittel dieser Diskurse.

Das Erkenntnispotential eines veränderten Zugangs zu vermeintlich wohlbekannten Quellen zeigt auch der Beitrag von Inka Moilanen (S. 53–82) auf, welcher sich der Rezeption der Hirtenbriefe Aelfrics von Eynsham († um 1010) widmet. Moilanen gelingt es, die quellentechnische Divergenz zwischen Theorie und Praxis bischöflicher Seelsorge zu überbrücken, indem sie die Präsenz pastoraler Wissensbestände auf der Diözesanebene über die handschriftliche Überlieferung der homiletischen Briefe nachweisen kann. Zugleich zeigt sie hierdurch die Multifunktionalität der Schreiben auf. Der Beitrag ist allerdings nicht nur aufgrund seines Zugriffs, sondern auch aufgrund seiner Thematik besonders hervorzuheben, handelt es sich doch überraschenderweise um die einzige Studie im Band, welche sich explizit mit Predigt und Seelsorge beschäftigt.

Ein weiteres prominentes Thema bildet die vielfältige Involvierung von Bischöfen in spätmittelalterlichen Inquisitionsverfahren, welche Reima Välimäki (S. 186–206) anhand der Waldenserverfolgung im Reich und Rosa Vidal Doval (S. 217–240) über den Umgang mit zum Christentum konvertierten Juden, sogenannten conversos, in Kastilien untersuchen. Beide Studien brechen dabei gekonnt ältere Annahmen auf, welche diese Häresieprozesse allein mit Vertretern der Bettelorden in Verbindung gebracht haben. Bischöfe konnten hier ebenfalls eine aktive Rolle einnehmen – sei es, dass sie auf Anschuldigungen Dritter reagierten, selbst entsprechende Verfahren initiierten oder andere Akteure zum Handeln veranlassten. Somit verdeutlichen die Beiträge, dass die Funktion des Episkopats als Wahrer der Rechtgläubigkeit speziell in der eigenen Diözese im Spätmittelalter weiterhin für dessen Amtsverständnis und -führung von Bedeutung gewesen ist.

Die Studien von Martin Neuding Skoog (S. 241–252) und Elena Balzamo (S. 253–263) lassen sich unter dem Leitaspekt der Konkurrenz zusammenfassen. Skoog untersucht die Rolle von Bischöfen als politische Akteure im Kontext der Herauslösung Schwedens aus der Kalmarer Union, wobei er deren Einfluss vor allem auf die Bündelung militärischer Ressourcen zurückführt. Erst unter Gustav I. Wasa († 1560) seien den weitreichenden Ambitionen des Episkopats in Form der Gründung einer Adelsrepublik systematisch Grenzen gesetzt worden, um die Position des Herrschers zu stärken. Neben der politischen Einbindung beleuchtet Skoog somit wie schon Villads Jensen die in der Forschung vielfach vernachlässigte Rolle von Bischöfen in der Kriegführung. Balzamo nimmt die Biographien der drei Anwärter auf den Erzstuhl von Uppsala – Gustav Trolle († 1535), Johannes Magnus († 1544) und Laurentius Petri († 1573) – im Kontext der schwedischen Reformation 1531 in den Blick. Aus den eher knappen Ausführungen wird ersichtlich, dass das individuelle Handeln der Kandidaten den religiösen Umbruch im Bistum weitaus stärker beeinflusste als etablierte Verfahren. Beide Studien zeigen somit, dass auch am Ausgang des Mittelalters die Handlungsmöglichkeiten von Bischöfen wenig institutionalisiert waren, sondern wesentlich von der jeweiligen politischen Konstellation und den persönlichen Eigenschaften der Prälaten geprägt wurden.

Das große Verdienst des Bandes liegt vor allem in der Vertiefung und Erweiterung aktueller Tendenzen in der Bischofsforschung, indem laufenden Diskussionen über die Detailstudien neue Impulse zugeführt werden. Viele der aufgeworfenen Fragen mögen gewiss nicht neu sein. Gerade durch die weitestgehend konsequente Absage an ältere monokausale Erklärungsmodelle, die teils innovativen Zugänge zu vermeintlich wohlbekannten Quellen sowie die exemplarische Fokussierung auf einzelne Aspekte der Amtsführung werden der Forschung allerdings neue Perspektiven erschlossen. Denn ein Großteil der Beiträge zeichnet sich durch eine für einen Sammelband erstaunliche Kohärenz aus, indem die Fallbeispiele in breitere Kontexte eingeordnet und so Anknüpfungspunkte über das jeweilige Spezialthema hinaus angeboten werden.

Als größte Schwäche des Bandes erweist es sich daher, dass die in den Einzelstudien erarbeiteten Teilergebnisse nicht stärker gebündelt werden. Die Einleitung bietet zwar eine kursorische Übersicht über die Beiträge, eine ergebnisorientierte Synthese bildet sie indes nicht. Der inhaltliche Horizont einiger Studien ist allerdings deutlich weiter, als es der Titel zunächst vermuten lässt. Eine Lektüre von Ryans Beitrag eröffnet etwa der frühmittelalterlichen Bischofs- und Kirchenrechtsforschung auch jenseits des englischen Fallbeispiels auf profunde Weise neue Perspektiven. Viele dieser weiterführenden Erkenntnisse erschließen sich somit letztlich nur über die Gesamtlektüre, was die Wahrnehmung einzelner Teilergebnisse erheblich einschränken wird.

Trotz oder gerade wegen dieses Kritikpunktes ist dem Band eine breite Rezeption zu wünschen, zumal über die Website der Kungliga Vitterhetsakademien erfreulicherweise eine gebührenfreie PDF-Ausgabe per E-Mail angefordert werden kann.

Anmerkungen:
[1] Vgl. hierzu etwa exemplarisch für Dissertationen: Tina Bode, König und Bischof in ottonischer Zeit. Herrschaftspraxis – Handlungsspielräume – Interaktionen (Historische Studien 506), Husum 2015; für Habilitationen: Steffen Patzold, Episcopus. Wissen über Bischöfe im Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts (Mittelalter-Forschungen 25), Ostfildern 2008. Zu noch laufenden Projekten sei hier auf den Bericht zu einer internationalen Nachwuchstagung verwiesen, welche im November 2018 in Minden stattgefunden hat: Tagungsbericht: Der Bischof im mittelalterlichen Reich. Aktuelle Forschungsansätze und Perspektiven, 01.11.2018 – 03.11.2018 Minden, in: H-Soz-Kult, 03.04.2019, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8206.
[2] Vgl. hierzu etwa John S. Ott / Anna Trumbore Jones (Hrsg.), The Bishop Reformed. Studies of Episcopal Power and Culture in the Central Middle Ages (Church, Faith, and Culture in the Medieval West), Aldershot u.a. 2007; Peter R. Coss u.a (Hrsg.), Episcopal Power and Local Society in Medieval Europe, 900–1400, Turnhout 2017; Sigrid K. Danielson / Evan A. Gatti (Hrsg.), Envisioning the Bishop. Images and the Episcopacy in the Middle Ages (Medieval Church Studies 29), Turnhout 2014.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.10.2019
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