Cover
Titel
Here All Is Poland. A Pantheonic History of Wawel, 1787–2010


Autor(en)
Nungovich, Petro Andreas
Erschienen
Lanham 2019: Lexington Books
Anzahl Seiten
XXX, 315 S.
Preis
£ 115.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Rochow, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg / Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung

„Here all is Poland“ ist das Ergebnis der im Jahre 2016 von Petro Andreas Nungovitch an der New York University erfolgreich verteidigten Dissertation. Diese ist aus der während eines Aufenthaltes in Polen gewonnenen Erkenntnis heraus entstanden, wie wenig über den Wawel als nationales Pantheon der Polen – zumal in englischer Sprache – geschrieben wurde. (S. xii) Diese Grundaussage könnte als Ausdruck wissenschaftlicher Neugierde zu Beginn der Auseinandersetzung mit dem Thema gewertet werden. Doch merkt man dem gesamten Band an, dass dessen vorrangiges Ziel es ist, die nicht polnischsprachige Forscher/innengemeinde über den vorwiegend polnischsprachigen Diskurs zum Thema Wawel zu informieren. Mit diesem offen formulierten Zielpublikum (S. xv), meint Nungovitch in erster Linie englischsprachige Leser/innen. Diese Fokussierung bringt allerdings ein willkürlich wirkendes Nebeneinander ins Englische übersetzter, englischen Lesegewohnheiten entsprechend transliterierter und polnischer Namen und Begriffe mit sich. Abgesehen von dieser Spezifik ist der Ansatz, die diskursive Konstruktion des Wawel als nationales Pantheon zu untersuchen, durchaus verdienstvoll, da er die üblichen architektur- und kunsthistorischen Betrachtungen um eine neue Perspektive auf diesen bedeutenden Ort polnischer Geschichte ergänzt. Die äußerst ambitionierte Studie untersucht chronologisch gegliedert eine Zeitspanne vom ausgehenden 18. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Folglich reicht sie kaum über schlaglichtartige Betrachtungen hinaus und wird daher insgesamt ihrem Anspruch nur in begrenztem Maße gerecht.

Nungovitch entwickelt entlang der Beisetzungen auf dem Wawel von Józef Poniatowski (1817) über Tadeusz Kościuszko (1818), Adam Mickiewicz (1890), Juliusz Słowacki (1927), Józef Piłsudski (1935), Władysław Sikorski (1993) und Lech und Maria Kaczyński (2010) seine Theorie der „Wawelization“. Darunter versteht er einen Aushandlungsprozess, in dem unterschiedliche Akteure entscheiden, ob sich eine bestimmte Person durch ihre Verdienste – und nicht wegen ihrer königlichen Abstammung – für eine Beisetzung auf dem Wawel qualifiziert hat. Dabei spricht er auch Traditionen und Protokoll eine regulierende Funktion zu (S. 275). Anhand der überschaubaren Anzahl von Fällen gelingt es Nungovitch, die zunehmende Komplexität gesellschaftlicher Aushandlungs- und Entscheidungsfindungsprozesse sowie die wechselnden internationalen Einbindungen Polens zu verdeutlichen. Die chronologische Abfolge lässt sich auch als eine thematische lesen, die mit den Beisetzungen Poniatowskis und Kościuszkos den Beginn des Wawels als nationalen Pantheon unter dem Schutz des russischen Zaren beschreibt (Kapitel 2). Daran schließt sich die Umbettung Mickiewiczs an, die entschieden durch die Zunahme der involvierten Parteien und die Rolle der Presse geprägt wurde (Kapitel 5). Parallel dazu mehrten sich die Stimmen, die eine Rückübertragung des seit 1846 vom habsburgischen Militär besetzten Schlosses auf dem Wawel-Hügel forderten, was schließlich 1903 geschah. In Kapitel 7 stellt Nungovitch die sich verhärtenden Fronten zwischen dem 1918 entstandenen polnischem Staat und dem Kapitel der Krakauer Kathedrale auf dem Wawel anhand der Fälle Słowacki und Piłsudski dar. Nungovitchs Einteilung zufolge fällt in dieselbe Epoche auch die Übereinkunft darüber, dass der 1943 verunglückte Sikorski ebenfalls auf dem Wawel beigesetzt werden sollte, was jedoch erst nach Ende des Sozialismus der Fall war (Kapitel 9). Dass sowohl Sikorski als auch Kaczyński bei einem Flugzeugunglück umkamen, stärkt die Parallele zwischen beiden Fällen, die der Autor wiederholt hervorhebt. Dennoch überwiegt Nungovitchs Ansicht nach die Einmaligkeit der Causa Kaczyński in vielerlei Hinsicht. So verweist er beispielsweise auf den Umstand, dass mit Lech und Maria Kaczyński das erste Mal in der Geschichte des Wawels ein Ehepaar zusammen dort beigesetzt wurden, zumal Maria Kaczyński diese Ehre lediglich aufgrund des Verdienstes ihres Mannes zukam (Kapitel 9). Neben diesen „erfolgreichen“ Fällen erwähnt Nungovitch kursorisch auch einige Initiativen, die nicht von Erfolg gekrönt waren. Für die Argumentation bleiben diese aber nebensächlich. Einen Sonderfall stellt die zufällige Entdeckung Kazimirs des Großen in der Wawel-Gruft 1869 dar, die eine enorme gesellschaftliche Mobilisierung in der Diskussion über den Umgang mit den Inhalten seiner Gruft zur Folge hatte und in eine größere Debatte über den Stellenwert des Wawel für die polnische Nation mündete (Kapitel 4).

Die Kapitel 1 und 8 dienen dem Autor zur Darstellung des historischen Kontextes und der Funktion des Wawels bzw. Krakaus als Symbol für den polnischen Staat und die polnische Nation. Im ersteren musste sich dieser erst noch vom Beisetzungsort der polnischen Könige über die Figuren Poniatowski und Kościuszko zum nationalen Pantheon emanzipieren. Im letzteren schildert der Autor anschaulich den Antagonismus zwischen sozialistischem Staat und religiös aufgeladenem Wawel, der gegen Ende der 1980er-Jahre in einen Wettbewerb um die Deutungshoheit über die historischen Figuren, die in der Gruft auf dem Wawel liegen, überging. Im Vergleich dieser zwei Kapitel zeigt sich eine methodische Verschiebung der Studie: Geht Nungovitch zu Beginn des Bandes mikrohistorisch vor, legt er zum Ende der Studie den Fokus eher auf die zentralstaatliche Ebene. Die Ereignisse in Krakau zieht er nun lediglich zur Untermauerung der Darstellung heran.

Ergänzt wird Nungovitchs Argumentation durch zwei Kapitel, in denen er sich dem Topos Wawel anhand konkreter historiographischer bzw. literarischer Texte annähert. In Kapitel 3 zeichnet er anhand der „Historischen Beschreibung der Stadt Krakau und ihrer Umgebung“ von Ambroży Grabowski (1782–1868) nach, wie Krakau als neues Jerusalem bzw. neues Rom verstanden wurde. Da ein Vergleich mit ähnlichen Diskursen anderswo fehlt[1], gelingt es dem Autor nicht, die Besonderheiten im Falle Krakaus hervorzuheben. Umso ergiebiger zeigt sich aber die punktuelle komparatistische Analyse der verschiedenen Ausgaben von Grabowskis Werk. Diese spiegeln auf anschauliche Weise die Veränderungen im geopolitischen Umfeld sowie seiner eigenen politischen Loyalitäten wider. In der Auseinandersetzung mit Stanisław Wyspiańskis (1869–1907) „Die Befreiung“ (Wyzwolenie) wechselt Nungovitch im 8. Kapitel die Perspektive. In diesem Theaterstück fungiert der Wawel, der allein durch seine symbolische Aufladung in das Stück integriert ist, als Kulisse. Die durch den Titel des Buches suggerierte Zentralität dieses Kapitels – „Here all is Poland“ ist ein Zitat aus Wyspiańskis Stück – wird inhaltlich allerdings nicht untermauert. Zudem fällt es methodisch aus dem Rahmen des Bandes und fügt sich nur mäßig in Nungovitchs Argumentation.

Insgesamt legt Nungovitch eine klar strukturierte Argumentation vor, die durch ihre Lesbarkeit besticht. Beides trügt jedoch nicht darüber hinweg, dass der Band entscheidende inhaltliche Schwächen aufweist. So dezidiert sich Nungovitch etwa mit seiner Wortschöpfung „Wawelization“ und dem Begriff des „Pantheon“ auseinandersetzt, so rigoros vermeidet er es, darzulegen, was bzw. wo genau dieses Pantheon sein soll. Die Beziehung zwischen Schloss und Kathedrale klingt an einigen Stellen an, wird aber keiner diachronen Analyse unterzogen. Er sitzt außerdem dem Fehlschluss auf, dass dieses Pantheon quasi inaktiv wäre, wenn keine Beisetzungen erfolgten (S. 273). Dabei geht es gerade um die diskursive und performative Erschaffung dieses Pantheons über die Ereignisse hinweg, die den Ort seine Bedeutung erlangen lassen. Mit Grabowski und Wyspiański berührt er diese Problematik, ohne sie aber zu thematisieren.

Mit seinem starken Fokus auf polnischsprachige Forschungsliteratur verschenkt Nungovitch die Chance, eine angemessene Reflexion seiner Argumente und eine Einordnung der im Band dargestellten Sichtweisen vorzunehmen. Auch wenn er im Vorwort darauf hinweist und gleichzeitig bedauert, einer europäischen Dimension nicht mehr Raum geben zu können, wirkt der Umgang mit dem polnischen Quellenmaterial und die unhinterfragte Übernahme polnischer Bezeichnungen und Darstellungen – so wird z.B. Piłsudskis militärischer Rang eines Marschalls oft betont und von ihm an einer Stellen als „Vater des modernen polnischen Staates“ gesprochen (S. 178) – zuweilen unkritisch. Zudem erscheinen einige längere Passagen, in denen Nungovitch englischsprachige Übersichtswerke lediglich zusammenfasst, ohne sich in besonderer Weise mit ihnen auseinanderzusetzen, als unnötige Redundanzen. Die immer wieder auftauchenden längeren biografischen Exkurse, die für das fachfremde Publikum auflockernd wirken mögen, schwächen außerdem die argumentative Stringenz des Textes. Sie wären in einem weiteren Anhang, ähnlich dem beigefügten zur Etymologie der Bezeichnung „Wawel“, besser aufgehoben gewesen. Dem Fachpublikum wird darüber hinaus der nachlässige Umgang mit dem Anmerkungsapparat als wesentlicher Makel auffallen. So ist die Bibliografie lückenhaft, viele Literaturverweise unvollständig (insbesondere fehlen oft die Kurztitel bei mehreren angeführten Werken eines Autors) und an einigen Stellen, wo ein Blick in die historischen Quellen ratsam gewesen wäre, erfolgt lediglich der Verweis auf Forschungsliteratur.

Anmerkung:
[1] Vgl. z.B. Justus Cobet, Babylon, Jerusalem, Athen, Rom. Vier Metropolen: Skizze eines europäischen Diskurses, in: Historische Zeitschrift 293 (2011), S. 1–38.

Redaktion
Veröffentlicht am
31.10.2019
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