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Titel
H.G. Adler. A Life in Many Worlds


Autor(en)
Filkins, Peter
Erschienen
Anzahl Seiten
XV, 403 S.
Preis
£ 19.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Josefine Langer, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Hans Günther Adler, Überlebender der Shoah, Schriftsteller und Wissenschaftler, hat seinen festen Platz in der Holocaust-Forschung. Außerhalb des historischen wie literaturwissenschaftlichen Fachpublikums ist er heute hingegen wohl nur wenigen ein Begriff. Im Zuge eines gestiegenen Interesses an früher Holocaust-Forschung innerhalb beider Disziplinen in den letzten Jahren fällt der Name H.G. Adler jedoch wieder häufiger.[1] Einen Beitrag dazu liefert auch die kürzlich erschienene Biografie des Literaturwissenschaftlers und Dichters Peter Filkins, der sich bereits seit Jahren intensiv mit H.G. Adler beschäftigt, unter anderem durch die Übersetzung seiner Romane.

Adler wurde 1910 in Prag in eine deutschsprachige, jüdisch-säkulare Familie hinein geboren, verbrachte eine äußerst schwierige Kindheit und Jugend ebendort sowie in einem Internat und begann als junger Erwachsener ein geisteswissenschaftliches Studium, welches er mit einer Promotion über Klopstock abschloss. Geprägt war diese Zeit darüber hinaus, so schreibt Filkins, durch Adlers Mitgliedschaft bei den „Neupfadfindern“ als Jugendlicher sowie ein großes Interesse an spirituellen Fragen. Nachdem seine Versuche, die Tschechoslowakei zu verlassen, scheiterten, wurde er im Februar 1942 nach Theresienstadt und von da aus nach Auschwitz und weiter in das Außenlager Niederorschel des KZ Buchenwald und schließlich in das KZ Langenstein-Zwieberge deportiert. Während seiner Zeit in Theresienstadt fasste Adler den Entschluss, sich mit der dort verbrachten Zeit sowohl wissenschaftlich als auch literarisch auseinanderzusetzen. Hier wurde der Grundstein für sein 1955 veröffentlichtes Buch „Theresienstadt 1941–1945. Im Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“ gelegt.[2] Von besonderem Interesse für Historiker/innen ist das Kapitel in Filkins' Biografie, welches sich mit der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Monografie beschäftigt. Ebenfalls behandelt Filkins in diesem Kapitel Adlers zweites wichtiges Werk über den Holocaust „Der verwaltete Mensch“ (1974) sowie dessen Beziehung zum Institut für Zeitgeschichte. Seine Korrespondenz, so Filkins, mit dem damaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter Martin Broszat nimmt vorweg, was in den 1980er-Jahre in der Auseinandersetzung mit Saul Friedländer größere Wellen schlug. So wurde Adler von Broszat und anderen vorgeworfen, er schreibe zu emotional und subjektiv, was er stets entschieden von sich wies. Stattdessen bemühte sich Adler um eine auf Fakten, darunter Tabellen und Statistiken, basierenden Darstellung dessen, was er selbst auch erlebt hatte. Er machte jedoch stets deutlich, dass hinter den „Nummern“ immer menschliche Schicksale steckten. Filkins verortet ihn daher, einen Begriff von Saul Friedländer aufgreifend, zwischen Erinnerung und Historiografie – in „historical consciousness“ (S. 226).[3]

Nachdem Adler die Shoah – anders als alle Mitglieder seiner Familie sowie seine Ehefrau Gertrud Adler-Klepetar und deren gesamte Familie – überlebt hatte, ging er zunächst zurück in seine Geburtsstadt Prag und migrierte zwei Jahre später nach London. Dieser Schritt war einzig durch Bettina Gross möglich, eine Malerin und bildende Künstlerin, die Adler aus seiner Jugend kannte und die seine zweite Ehefrau und Mutter seines Sohnes Jeremy wurde, welcher heute Professor Emeritus der Germanistik am King’s College in London ist. Sie war es auch, die erste schriftliche Beschreibungen von Adler über seine Zeit in den Lagern erhielt, und Zeit ihres Lebens eine wichtige Unterstützerin seiner Arbeit blieb. Beide Ehefrauen kommen in Filkins‘ Biografie allerdings zu kurz. So fehlen zum Beispiel Hintergrundinformationen zu Klepetars Familie und während man zwar etwas mehr über Gross‘ Familie erfährt, bleiben die Beschreibungen ihres späteren Lebens eher blass. Während H.G. Adler in den Jahren 1947–1955 an seinem Buch über Theresienstadt und diversen wissenschaftlichen Aufsätzen arbeitete, bestritt Bettina Adler unter großen finanziellen Schwierigkeiten den Haushalt und kümmerte sich um den 1947 geborenen Jeremy. Wenn Filkins darauf verweist, dass sie mit dieser Situation nicht besonders glücklich war, hätte sich die Rezensentin hier weitere Beschreibungen über Bettina Adler gewünscht – nicht aus Interesse an innerfamiliärem Klatsch, sondern um auch ihr als Menschen und als Künstlerin gerecht zu werden.

Für H.G. Adler stellten sich erst ab Mitte der 1950er-Jahre mit der Veröffentlichung seiner Monografie über Theresienstadt langsame kleinere Erfolge ein. Von da an reiste er jährlich für einige Monate nach Deutschland, um Vorträge zu halten, an Konferenzen teilzunehmen und im Radio zu sprechen. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit war Adler in dieser Zeit auch als Schriftsteller und Dichter produktiv – diesem literarischen Werk räumt Filkins in seinem Buch einen wichtigen Raum ein. Adler selbst bekam jedoch für seine Belletristik nie die Anerkennung, die er sich gewünscht hatte. Nur zwei seiner Romane („Eine Reise“ und „Panorama“) wurden, neben einigen Kurzgeschichten, literarischen Essays und Gedichten, bis zu seinem Tod im Jahre 1988 veröffentlicht.

Filkins führt uns in einer Weise durch Adlers Leben, die sein Wirken trotz aller Brüche und Ambivalenzen kohärent erscheinen lässt. So sei es einerseits eine tiefe Spiritualität, die Adlers Leben begleitet habe, zunächst ausgedrückt in seinem Interesse an der Bhagavad Gita als junger Erwachsener, später durch die Bestärkung seiner Verbundenheit zum Judentum. Andererseits, oder vielleicht gerade deshalb, sei Adler stets von dem Wunsch geprägt gewesen, hinter allem, selbst hinter der Shoah, etwas zu sehen, das über das unmittelbar menschlich Erlebte hinausgeht.

Zweifelsohne bietet Filkins eine sehr lohnende Lektüre für all diejenigen, die mehr über H.G. Adlers konkreten Lebensweg wissen möchten. Anders als Franz Hocheneder, welcher seine Biografie Adlers von 2009 vor allem auf dessen literarisches Werk stützte, hat Filkins eine Reihe wichtiger Korrespondenzen sowie andere private Dokumente, Manuskripte und auch Fotos von Adler eingesehen.[4] Diese Mikroperspektive vernachlässigt jedoch in manchen Momenten die Kontextualisierung, nämlich die Frage, was Adler mit anderen exilierten Intellektuellen seiner Generation teilt. Filkins beschreibt ihn stets mehr als Außenseiter. Aufgrund Adlers Erfahrung im Lager sei er nie vollständig Teil derer gewesen, die schon vor den Deportationen ins Exil gegangen seien. Auch als jüdischer Schriftsteller, der auf Deutsch schrieb, sei es schwierig für ihn gewesen, Fuß zu fassen. Das mag so zutreffen; trotzdem fragt sich die Rezensentin, ob Adler diese Ausschlusserfahrung nicht mit anderen gemein hat. Durch einen solchen Zugang hätten die Lesenden über das individuelle Schicksal Adlers hinaus mehr dazu erfahren, wie jüdische Menschen ihre Exilierung erlebten und was sich daraus für Schlüsse ziehen lassen über Zugehörigkeit und Ausschluss der Gesellschaften, die sie verlassen mussten, und derer, in die sie migriert sind. Eine letzte, jedoch nicht minder wichtige Kritik an Filkins‘ Biografie bezieht sich auf deren wissenschaftliche Genauigkeit. Während der Autor teilweise Briefe aus bereits herausgegebenen Sammlungen zitiert, wäre es für die Transparenz und Nachvollziehbarkeit unabdingbar gewesen, die erstmals von ihm erschlossenen Korrespondenzen und Nachlässe genau zu zitieren. Entsprechende Signaturen fehlen jedoch vollständig. Auch eine Auflistung (statt einer bloßen Nennung in den Endnoten und, etwas umständlich verpackt, in der Danksagung) aller konsultierten Archive wäre für die Übersichtlichkeit wichtig gewesen. Nicht zuletzt ist hier zu bemerken, dass Filkins bei weitem nicht alle Korrespondenzen berücksichtigt (nicht einmal all jene, die in Marbach im Deutschen Literaturarchiv sind), was angesichts der Materialfülle jedoch durchaus nachvollziehbar ist.

Filkins hat mit dieser Biografie, in der in klassischem Sinn ein „großer Mann“ im Mittelpunkt steht, auch mit literarischem Können H.G. Adler ein Denkmal geschaffen. Es ist zu hoffen, dass das Buch andere Wissenschaftler/innen inspiriert, darüber hinaus zu fragen, inwiefern Adlers Leben und Schaffen exemplarisch für das einer ganzen Generation jüdischer Intellektueller und Forschender stehen könnte.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Regina Fritz / Éva Kovács / Béla Rásky (Hrsg.), Als der Holocaust noch keinen Namen hatte: zur frühen Aufarbeitung des NS-Massenmordes an den Juden = Before the Holocaust had its name: early confrontations of the Nazi mass murder of the Jews, Wien 2016; Hans-Christian Jasch / Stephan Lehnstaedt (Hrsg.), Verfolgen und Aufklären. Die erste Generation der Holocaustforschung, Berlin 2019. Äußerst lesenswert ist außerdem der Sammelband zu H.G. Adler, der ebenfalls 2019 erschienen ist: Lynn L. Wolff (Hrsg.), A Modernist in Exile. The International Reception of H.G. Adler (1910–1988), Cambridge 2019.
[2] Eine Rezension zur Neuauflage von 2004 findet sich hier: Kurt Schilde, Rezension zu: H.G. Adler, Theresienstadt 1941–1945, Siegen 2006, in H-Soz-Kult, 28.07.2006, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-9037 (20.12.2019).
[3] Vgl. Saul Friedländer, Introduction, in: ders., Memory, History, and the Extermination of the Jews of Europe, Bloomington 1993, S. viii.
[4] Tatsächlich scheint in der Fotografie ein weiteres Talent Adlers zu liegen; einige Abdrucke seiner Aufnahmen finden sich auch in Filkins' Biografie.

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Veröffentlicht am
13.01.2020
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