Cover
Titel
Geschichte des pädagogischen Denkens.


Autor(en)
Fuchs, Brigitta
Reihe
Einführung in die Erziehungs- und Bildungswissenschaft 1
Erschienen
Anzahl Seiten
270 S.
Preis
€ 14,99
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Julia Kurig, Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften, Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg

„Geschichte des pädagogischen Denkens“ – war die Zeit pädagogischer Lehrbücher, die mit Titeln wie „Pädagogische Ideengeschichte“, „Geschichte der Pädagogik“ oder ähnlichem auftreten, nicht schon seit einiger Zeit abgelaufen? Der Titel dieses in einer Reihe einführender Bände in die Bildungs- und Erziehungswissenschaft erscheinenden Buches löst Respekt, aber auch Skepsis aus – Respekt vor dem Mut, einen solchen Überblick über die „Geschichte pädagogischen Denkens“ für die Zielgruppe von Studienanfänger/innen zu wagen, Skepsis angesichts des Versuchs, eine nicht unproblematische Gattung wiederbeleben zu wollen. Das Buch von Birgitta Fuchs, Erziehungswissenschaftlerin an der Technischen Universität Dortmund, bietet einerseits verständliches Überblickswissen über fünf prägende Phasen pädagogischen Denkens, von der griechischen Antike über die Aufklärung, den Neuhumanismus, die Reformpädagogik bis zur Pädagogik des Nationalsozialismus. Andererseits bestätigt es aber auch die Zweifel, Bildungsgeschichte in der stärker systematisch denn historiographisch ausgerichteten Tradition pädagogischer Ideengeschichte schreiben zu wollen.

Überzeugend ist der Versuch der Autorin, sich von vornherein auf bestimmte Phasen der pädagogischen Ideengeschichte zu konzentrieren, also bewusst exemplarisch vorzugehen. Dass sie dabei mit der griechischen Antike beginnt, ist wichtig und gut in einer disziplinären Situation, in der historische Zusammenhänge vor dem 18. Jahrhundert aus den Modulhandbüchern der pädagogischen Studiengänge eliminiert zu werden drohen. Ob die Sophisten, Sokrates und die Mäeutik, Platon und das Höhlengleichnis oder das rhetorische Bildungskonzept des Isokrates – wichtige antike Entwicklungsschritte pädagogischen Denkens werden in gut lesbarer Form vorgestellt. Anschließende Reflexionsfragen und Hinweise auf weiterführende Literatur erweisen das Buch als eine für die Studieneingangsphase hilfreiche Lektüre. Allerdings: Die Perspektive des Buches ist eine systematische und keine historische. Trotz gelegentlicher Hinweise auf politische Zusammenhänge der griechischen Antike führt hier die Geschichte von einem Denker bzw. einem Buch zum nächsten, was spätestens seit den Forderungen der „Cambridge History of Ideas“[1] nach einer konsequenten historischen Kontextualisierung von „Ideen“ doch irritiert. Die Bildungsgeschichte wird hier den Perspektiven und Fragerichtungen einer systematischen Erziehungswissenschaft unterworfen. Die Referenzen und Hinweise der Darstellung beziehen sich denn auch weniger auf historiographische Literatur als auf pädagogisch-systematische Darstellungen.[2]

Das Kapitel zur „Pädagogik der Aufklärung“, das auch die Entwicklungen des 17. Jahrhunderts mit umfasst, schildert die ideengeschichtlichen Impulse von Johann Amos Comenius, John Locke und Jean-Jacques Rousseau, von Immanuel Kant und den Philanthropen. Historische Zusammenhänge wie die frühneuzeitliche Staatsbildung und der Aufstieg des Bürgertums werden hier zumindest ansatzweise mit einbezogen. Längere Quellentexte und viele Referenzen auf entscheidende Quellentexte machen mit Denk- bzw. Schreibweisen und Schriften der Zeit bekannt. Auch die Ambivalenzen der Pädagogik des 18. Jahrhunderts zwischen Utilitarismus und Selbstbestimmungs-Theoremen werden herausgearbeitet. Das anschließende Kapitel zur Bildungsphilosophie des Neuhumanismus stellt die Ideen Wilhelm von Humboldts und Friedrich Schleiermachers vor und verschafft insbesondere den oft unterschätzten theoretischen Impulsen Schleiermachers zur pädagogischen Theorieentwicklung und zur Theorie pädagogischen Handelns in unterschiedlichen institutionellen Kontexten den Raum, der ihnen zukommt. Die Verbindung von darstellerischen Passagen und historischer Quellenliteratur ist gut gelungen.

Auch das Kapitel zur Reformpädagogik, das diese heterogene Strömung vom Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts nach Motiven, Bewegungen und Vertretern gliedert, ist gut zu lesen und stellt zudem den Forschungsstand zum Thema dar. Zuweilen folgt die Autorin etwas sehr den reformpädagogischen Selbstdarstellungen, insbesondere wo es um die Kritik an der Schule des Kaiserreichs geht. Hier ist dann in einer historisch wenig distanzierenden Form von einer „monotonen und geisttötenden didaktischen Gleichförmigkeit des Unterrichts“ (S. 168) die Rede, vom „einseitigen Intellektualismus und gnadenlosen Leistungsdruck“ in den Schulen des Kaiserreichs (S. 153). Auch die Innovativität der in langen Traditionen stehenden reformpädagogischen Impulse wird etwas stark betont. Insgesamt aber ist dieses Kapitel im Gegensatz zu auch heute immer noch verbreiteten affirmativen Darstellungen der Reformpädagogik überzeugend kritisch, betont eugenische, rassenbiologische und antisemitische Implikationen reformpädagogischer Positionen und Argumentationen, verweist auf die mittlerweile gut erforschte „dunkle Seite“ der deutschen Reformpädagogik. Mit dem Schotten Alexander Sutherland Neill, der Italienerin Maria Montessori und dem Polen Janusz Korczak wird der Blick über die deutschen Entwicklungen hinaus geweitet.

Der Überblick endet mit einer Darstellung der Pädagogik im Nationalsozialismus und betont zu Recht die Diskontinuitäten zwischen den Traditionen pädagogischen Denkens vor und nach 1933. Die nur schwachen Bezüge auf den historiographischen Forschungsstand sind hier allerdings besonders deutlich zu spüren. Denn das Kapitel mit Hitlers in seiner Schrift „Mein Kampf“ vorgelegten Vorstellungen von Erziehung beginnen zu lassen und die nationalsozialistische Erziehung auf diese Weise als Folge und Konsequenz der in dieser frühen Schrift niedergelegten und entgegen der Darstellung auch keinesfalls konsistenten Dogmen zu behandeln, ist angesichts der Forschungen zur Geschichte der NS-Zeit doch problematisch.[3] Der geschichtswissenschaftliche Streit zwischen Intentionalisten und Funktionalisten hat hier keinen Niederschlag gefunden, auch nicht die hier erreichte Einsicht, dass Hitlers Ideologie weder allein noch konsequent die Entwicklungen zwischen 1933 und 1945 prägte. Die ausführliche Darstellung der Institutionen- und Schulgeschichte zwischen 1933 und 1945, der gesetzlichen Grundlagen der NS-Reformen, der Transformationen des Unterrichts, der Neustrukturierungen der niederen und höheren Schulbildung und der außerschulischen Formationserziehung hätte von einer stärkeren Differenzierung zwischen verschiedenen Akteuren und gesellschaftlichen Handlungsräumen profitiert. Instruktiv und differenziert ist die Darstellung der Positionen und Entwicklungen Eduard Sprangers und Erich Wenigers als Vertreter der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik während der NS-Zeit und vor allem Ernst Kriecks und Alfred Baeumlers als Protagonisten einer neuen NS-Erziehungswissenschaft.

Insgesamt enthält das Buch also für Studienanfänger/innen verständliche und gut lesbare Überblicksdarstellungen zur Ideengeschichte einzelner bildungshistorischer Epochen, die für einen Einstieg in das jeweilige Thema geeignet sind und mit ihrem Angebot an Reflexionsfragen auch von Lehrenden im Bachelor genutzt werden können. Die Konzentration auf spezifische Epochen ist legitim, hätte aber im Einzelnen stärker begründet werden können, z.B. der Verzicht auf formative bildungshistorische Phasen wie das christliche Mittelalter, die Renaissance und insbesondere die Reformation. Auch von einer genaueren Darlegung der theoretisch-methodologischen Zugangsweise hätte das Buch profitiert. Dennoch gelingt es diesem einführenden Band, die Relevanz historischer Zugangsweisen zu pädagogischen Problemstellungen deutlich und mit zentralen Problemstellungen und Konzepten der pädagogischen Denktradition bekannt zu machen. Die Ideengeschichte von Bildung und Erziehung ist unverzichtbarer Teil der Historischen Bildungsforschung, aber die konsequente historische Kontextualisierung dieser Ideen ist notwendig.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Martin Mulsow / Andreas Mahler (Hrsg.), Die Cambridge School der politischen Ideengeschichte, Berlin 2010.
[2] Sozial- und kulturhistorisch erweitert wurde die pädagogische Ideengeschichte der Antike bereits 2006 durch das „Handbuch der Erziehung und Bildung in der Antike“: Johannes Christes / Richard Klein / Christoph Lüth (Hrsg.), Handbuch der Erziehung und Bildung in der Antike, Darmstadt 2006.
[3] Wie wenig z.B. Hitlers Programmatik in „Mein Kampf“ die konkrete und komplexe Arbeit des Reichserziehungsministeriums prägte, kann man der Studie Anne Nagels entnehmen: Anne C Nagel, Hitlers Bildungsreformer. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1934–1945, Frankfurt am Main 2012.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.05.2020
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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