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Titel
Der General. Charles de Gaulle und sein Jahrhundert


Autor(en)
Willms, Johannes
Erschienen
München 2019: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
XXIV, 640 S.
Preis
29,95 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lappenküper, Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh

Zuneigung zum behandelten Gegenstand sei „eine ganz und gar unwissenschaftliche, aber gleichwohl unverzichtbare Voraussetzung“ für das Erstellen einer Biographie, schrieb der Publizist Johannes Willms in seinem Buch über Kaiser Napoleon III.[1] Wenn man sich die Vielzahl der von Willms in den letzten beiden Jahrzehnten verfassten Lebensbeschreibungen meist französischer Staatsmänner oder Literaten vor Augen führt, kommt man nicht umhin, ihn (abgesehen von Bismarck) als einen Menschenfreund zu betrachten. Nach Napoleon dem I. und dem III., Balzac und Stendal, Talleyrand und Mirabeau[2] hat es ihm nun „le Général“ angetan, wie Charles de Gaulle noch heute in Frankreich gern genannt wird. Dessen Lebensweg schildert Willms auf über 600 Seiten an der Zeitschiene entlang in vier Kapiteln, deren Überschriften „Der Soldat“, „Der Prätendent“, „Der Komtur“ und „Der Präsident“ heißen. Sein mächtiger Band beruht ganz wesentlich auf der intensiven Lektüre der de Gaulle’schen Memoiren und veröffentlichten Werke.

1890 als Sohn eines Lehrers in Lille geboren; Offizier; Schriftsteller; selbsternannter Führer des „Freien Frankreich“ gegen Hitler-Deutschland und Chef der ersten Nachkriegsregierung; Rücktritt aus Abneigung gegen die ihm vom Wähler aufgezwungene Mehrparteienkoalition; Gründer der Sammlungsbewegung „Rassemblement du Peuple Français“; Rückzug auf den Landsitz Colombey-les-deux-Eglises; Rückkehr auf die politische Bühne im Moment höchster innenpolitischer Gefahr; Schöpfer des bis heute gültigen Präsidialsystems der V. Republik – so lauten die weithin bekannten zentralen Lebensstationen de Gaulles. Dass wir in ihm eine der größten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts sehen, hängt nach Meinung von Willms vor allem mit der zweifachen Bewährung de Gaulles als Retter Frankreichs zusammen, 1940 und 1958.

Das „Geheimnis“ seines Erfolgs lag Willms zufolge im Besitz der von de Gaulle so genannten „‚certaine idée de la France‘, einer fest umrissenen Vorstellung vom Wesen Frankreichs“ (S. 7). Dazu zählten das Bewusstsein eines bedeutenden und außergewöhnlichen Schicksals, das „spannungsreiche Verhältnis zu Großbritannien und den USA“ (S. 8), aber auch die von „autoritäre[n] Tendenzen“ (S. 11) gespeiste Überzeugung, dass die Ausführung von Politik nicht den Politikern, sondern „ausgewiesene[n] Fachleuten“ (S. 9) überlassen bleiben müsse.

Nun geht es Willms nicht darum, den General zu einem Übermenschen zu stilisieren. Neben der ihm unzweifelhaft testierten historischen Größe legt der Autor denn auch schonungslos die Grenzen des de Gaulle‘schen Wirkens frei. Als „hässlichen Fleck in der Biographie“ macht er die enge Beziehung zum militärischen „Ziehvater“ Philippe Pétain in den 1920er-Jahren aus (S. 52), wenngleich de Gaulle die spätere Kollaboration des Marschalls mit Hitler-Deutschland als „Schande“ verurteilte (S. 75). Das dickköpfige Beharren des selbsternannten Chefs der France libre auf die Fortexistenz der französischen Großmacht im Zweiten Weltkrieg etikettiert Willms als „Souveränitätsschwindel eines von seiner patriotischen Mission durchdrungenen“ Brigadegenerals (S. 131). Den „Mythos, Frankreich habe sich aus eigener Kraft aus Unterdrückung und Knechtschaft befreit“, formte de Gaulle laut Willms „ganz im Interesse seiner Herrschaftsansprüche“ (S. 271). Wenn er bereits vor dem Kriegsende über die Bildung der „Einheit Europas“ sinnierte, war das seines Erachtens nach nicht mehr als eine „rhetorische Pirouette“ (S. 285).

Auch nach dem Triumph der Befreiung unterlief de Gaulle eine Reihe von Fehlern, die Willms insbesondere mit dem Streben nach „Grandeur“ verbindet: Im Indochinakrieg trieb eine „völlig überzogene Großmachtpolitik“ Frankreich bis an den Rand des Abgrunds (S. 307); im Ost-West-Konflikt wirkte der Anspruch auf eine unabhängige Mittlerposition „realitätsfremd“ und „anmaßend“ (S. 315).

Positiv zu Buche schlägt bei Willms hingegen die Schaffung der immer noch geltenden Verfassung der V. Republik. Nachdem es de Gaulle dann auch noch gelungen war, den dornenreichen Algerienkrieg zu liquidieren, schien ein Moment lang der Weg frei, um seine Vorstellungen von der Größe Frankreichs tatsächlich zu verwirklichen. Doch sein Plan einer „engen politischen und strategischen Union Europas unter französischer Führung“ sollte am Widerstand der Bunderepublik scheitern (S. 484). Als Alternative machte sich de Gaulle an den Aufbau einer Nuklearstreitmacht, die nicht nur potentielle Angreifer im Osten abschrecken, sondern auch einen übergriffigen Beschützer im Westen auf Distanz halten sollte. Wenngleich er sich überdies gegenüber der Sowjetunion öffnete, der Dritten Welt zuwandte und China anerkannte, erreichte er das Ziel, Frankreich in den Kreis der Weltmächte zurückzuführen, letztlich nur sehr bedingt.

Innenpolitisch testiert Willms der Herrschaft de Gaulles, die „Revolution“ der umfassenden wirtschaftlich-industriellen Modernisierung „gemeinverträglich“ eingehegt zu haben (S. 512). Als sich die Mentalitäten und Gewohnheiten der Franzosen in den 1960er-Jahren jedoch veränderten, fielen dem Staatschef in seiner „Weltentrücktheit“ keine tragfähigen Antworten auf die neuen Herausforderungen ein (S. 516). Das als „Krönung seines Lebenswerks“ angedachte Projekt der Partizipation (S. 556) wurde nur wenige Monate nach seinem grandiosen Sieg bei den Parlamentswahlen im Sommer 1968 vom Volk verworfen. De Gaulle sah damit seine „Mission im Dienst der certaine idée de la France“ (S. 577) beendet und trat Ende April 1969 zurück. 19 Monate später starb der General-Präsident a. D. auf seinem Landsitz Colombey-les-deux-Eglises.

Trotz aller Schrullen, Eitelkeiten und Unzulänglichkeiten kann de Gaulles Leistung, Frankreich zweimal gerettet zu haben, kaum hoch genug geschätzt werden. Ganz der Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts verpflichtet, war ihm der nationale Machtstaat das Maß aller Dinge; doch die Vision des „Europa vom Atlantik bis zum Ural“ weist ihn zugleich als Propheten des 21. Jahrhunderts aus: ein „Mann von vorgestern und von übermorgen“, wie sein zeitweiliger Wegbegleiter René Pleven ihn einmal genannt hat. Seine Biographie zu studieren, bereitet ein umso größeres Vergnügen, wenn sie literarisch so ansprechend präsentiert wird, wie von einem Autor, der das Hexagon durch seine zahlreichen Publikationen und seine Verwurzelung im Land als jahrelanger Korrespondent der Süddeutschen Zeitung wie als Privatmann aus nächster Nähe kennt. Damit dem Leser zu dieser Jahrhundertgestalt endlich auch jene Antworten geliefert werden können, die heute noch im Spekulativen verharren, ist es höchste Zeit, dass sein Nachlass der Forschung vollständig zugänglich gemacht wird.

Anmerkungen:
[1] Johannes Willms, Napoleon III. Frankreichs letzter Kaiser, München 2008, S. 14.
[2] Johannes Willms, Bismarck – Dämon der Deutschen. Anmerkungen zu einer Legende, München 1997 (ergänzte Neuausgabe 2015); ders., Napoleon. Eine Biographie, München 2005; ders., Balzac. Eine Biographie, Zürich 2007; ders., Stendhal. Biographie, München 2010; ders., Talleyrand. Virtuose der Macht 1754–1838, München 2011; ders., Mirabeau oder Die Morgenröte der Revolution. Eine Biographie, München 2017.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.02.2020
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