B. Ulrich u.a.: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Cover
Titel
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Entwicklungslinien und Probleme. Unter Mitarbeit von Jakob Böttcher, Sofie Eikenkötter, Claudia Scheel und Justus Vesting


Autor(en)
Ulrich, Bernd; Fuhrmeister, Christian; Hettling, Manfred; Kruse, Wolfgang
Erschienen
Berlin 2019: be.bra Verlag
Anzahl Seiten
519 S., 150 SW-Abb.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephan Scholz, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gehört in Deutschland fraglos zu den wichtigsten erinnerungspolitischen Akteuren mit einer ungewöhnlich langen Tradition. 1919 gegründet, kümmert sich der Verein seitdem nicht nur um den Erhalt und die Pflege von Kriegsgräbern. Er trug auch maßgeblich zur sinnstiftenden Deutung des Sterbens im Krieg, zur Erinnerung an die beiden Weltkriege sowie zur nationalen Identitätsbildung bei – und dies über mehrere politische Systemwechsel hinweg seit nun 100 Jahren.

Runde Jubiläen dieser Art bilden häufig den Anlass, Rückschau zu halten, Rechenschaft abzulegen und Reflexionen über die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anzustellen. Auch das vorliegende Buch ist Folge eines solchen Bemühens. Merkwürdigerweise bleibt in der Einleitung unerwähnt, dass es das Ergebnis eines Forschungsprojektes ist, das der Volksbund 2015 in Auftrag gegeben und drei Jahre finanziert hat (erst auf S. 469 wird in einem Nebensatz kurz erwähnt, dass der 2005 gegründete wissenschaftliche Beirat des Volksbundes die vorliegende Studie initiiert hat). Mit dem Projekt beauftragt wurden Christian Fuhrmeister, Manfred Hettling und Wolfgang Kruse, also drei Fachleute, deren wissenschaftliche Expertise und Unabhängigkeit eine sichere Gewähr dafür bildeten, dass keine apologetische Jubelschrift entstehen konnte. Unklar bleibt allerdings die konkrete Autorschaft der verschiedenen Teile des Bandes. Denn während der Einleitung zufolge die drei genannten Projektnehmer zwar die Gesamtkonzeption entwickelten, lag die „weitere inhaltliche wie redaktionelle Ausgestaltung“ vor allem bei Bernd Ulrich, „der auch große Teile der Forschungsarbeiten durchgeführt hat und in Abstimmung mit den erstgenannten für die Zusammenführung des Gesamtmanuskriptes zuständig war“ (S. 19f.). An den Forschungsarbeiten mitgewirkt und sogar „einzelne Kapitel eigenständig erarbeitet“ (S. 20) haben (ohne dass dies im Einzelnen kenntlich gemacht ist) mit Jakob Böttcher, Sofie Eikenkötter, Claudia Scheel und Justus Vesting zudem vier Nachwuchswissenschaftler/innen, die selbst an eigenen, von den Projektleitern betreuten Doktorarbeiten aus dem Themenbereich arbeiten oder diese mittlerweile auch schon abgeschlossen haben.

Es ist daher wenig erstaunlich, dass es insbesondere zu der bereits 2018 von Jakob Böttcher veröffentlichten und von Manfred Hettling betreuten Dissertation zur Geschichte der deutschen Kriegsgräberfürsorge einige inhaltliche Überschneidungen gibt – gerade in organisationsgeschichtlichen Fragen sowie zur Entwicklung des Verhältnisses zwischen dem privaten Volksbund und dem deutschen Staat.[1] Im Unterschied zu Böttchers Dissertation hat das vorliegende Buch stärker den Charakter eines umfassenden Überblicks, der durch eine ebenso fundierte wie detaillierte Darstellung der Geschichte des Volksbundes gegeben wird.

Theoretisch-methodische Überlegungen spielen dabei nur eine geringe Rolle, wie auch eine kritische Reflexion der verwendeten analytischen Termini unterbleibt. So ist zum Beispiel durchweg und ohne distanzierende Anführungszeichen von „gefallenen“ Soldaten die Rede, obwohl in begriffsgeschichtlichen Studien die damit verbundenen Probleme hinreichend aufgezeigt wurden und die Wendung selbst im offiziellen Totengedenken am Volkstrauertag seit 1990 nicht mehr verwendet wird.[2] Ansonsten erfolgt die Darstellung nicht nur unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes, sondern über weite Strecken auch sehr eng am Quellenmaterial insbesondere aus dem Volksbund-Archiv selbst und aus weiteren Archiven. Ein einleitender Überblick zur generellen Quellenlage fehlt leider.

Gegliedert ist das Buch der zeitlichen Abfolge der unterschiedlichen politischen Systeme entsprechend, die der Volksbund durchlaufen hat. Einem ersten Kapitel über die Gründungsphase unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg folgen je eines zur Weimarer Republik, zur NS-Zeit und zur Ära nach 1945. Anders als Böttchers Arbeit endet der zeitliche Horizont nicht mit der deutschen Wiedervereinigung, sondern umfasst auch die jüngere Verbandsgeschichte bis zur unmittelbaren Gegenwart. Damit gerät die besondere Dynamik nach dem Ende des Systemgegensatzes in den Blick, als sich der Volksbund einerseits angesichts des Generationenwechsels zunehmend mit Fragen inhaltlicher Neuausrichtung konfrontiert sah, andererseits seine traditionelle Tätigkeit der Kriegsgräberfürsorge auf das östliche Europa ausweiten konnte, wodurch sich die Zahl der von ihm betreuten Grabstätten nahezu verdoppelte.

In den Jahrzehnten zuvor hatte die deutsch-deutsche Grenze auch die Grenze des Wirkungskreises des Volksbundes gebildet – zumindest offiziell. Denn wie nun gezeigt wird, war der in der DDR als revanchistisch und militaristisch geltende und daher verbotene Verband über Kontakte mit den ostdeutschen Kirchen in der Gräberpflege durchaus aktiv. Es ist kein geringes Verdienst, dass diese verdeckte Tätigkeit, die sogar im Volksbund selbst nur Wenigen bekannt war, erstmals detailliert rekonstruiert wird.

Auch auf das umstrittene und mit vielen weißen Flecken behaftete Wirken des Volksbundes in der NS-Zeit wird ausführlich eingegangen. Die Autoren betonen dabei den hohen Grad bereitwilliger Anpassung des Verbandes an das Regime, die nicht zuletzt auf ein erhebliches Maß an ideologischer Übereinstimmung vor allem in der Bundesleitung zurückging. Dass der Verband in der Konkurrenz des polykratischen NS-Systems teilweise auch Abstriche machen und zum Ende des Krieges seine Bautätigkeit stark einschränken, ja schließlich einstellen musste, diente einigen Protagonisten bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit dazu, sich erfolgreich als unpolitischer und dem Nationalsozialismus gegenüber in Distanz stehender Verband zu inszenieren, der schon bald wieder seine alten Aufgaben übernehmen konnte. Dass es dabei neben personellen auch formal-ästhetische Kontinuitäten gab, wird hier zwar nicht zum ersten Mal, aber deshalb nicht weniger eindrücklich gezeigt.

Die verschiedenen Kapitel folgen in ihrem Aufbau keinem einheitlichen Schema. Neben einer Orientierung an der zeitlichen Entwicklung sind es jedoch vor allem vier Themen, die immer wieder behandelt und auch in einer abschließenden Zusammenfassung resümiert werden. Neben der Organisationsgeschichte des Verbandes betrifft dies das Verhältnis zum Staat, das in allen Phasen von einer eigentümlichen Mischung aus Einverständnis und Konflikt gekennzeichnet war. Auch wenn diese im Einzelnen höchst unterschiedlich ausfiel, sorgte doch in allen politischen Systemen die grundsätzliche Beauftragung (und zudem maßgebliche Finanzierung) eines privaten Vereins mit der eigentlich staatlichen Aufgabe der Kriegsgräberfürsorge für wiederkehrende Verwerfungen zwischen den Akteuren. In sepulkralkultureller Hinsicht, also bei der Gestaltung von Gräbern und Friedhöfen, ist bis in die jüngste Vergangenheit eine erstaunlich stabile und systemübergreifende Favorisierung des Friedhofs als Gesamtanlage gegenüber dem Einzelgrab konstitutiv. Dies verweist nicht zuletzt auf den sich inhaltlich zwar wandelnden, aber grundsätzlich immer bestehenden erinnerungskulturellen Anspruch des Verbandes im Hinblick auf die gesamte Nation. Über die Jahrzehnte hinweg sah der Volksbund seine Aufgabe nicht nur im bloßen Bewahren und Gestalten von Gräbern, sondern nutzte diese als gedenkpolitisches Medium, um Geschichtspolitik und nationale Identität aktiv mitzubestimmen. Auch wenn das vorliegende Buch nicht alle Fragen klärt, gelingt es ihm hervorragend, solche Zusammenhänge in einer durchaus kritischen Perspektive aufzuzeigen und im Detail näher auszuleuchten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Jakob Böttcher, Zwischen staatlichem Auftrag und gesellschaftlicher Trägerschaft. Eine Geschichte der Kriegsgräberfürsorge in Deutschland im 20. Jahrhundert, Göttingen 2018; siehe dazu die Rezension von Loretana de Libero, in: H-Soz-Kult, 22.02.2019, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-27576 (16.04.2020).
[2] Dort ist seitdem von den „im Krieg gestorbenen“ Soldaten die Rede. Vgl. Alexandra Kaiser, Von Helden und Opfern. Eine Geschichte des Volkstrauertages, Frankfurt am Main 2010, S. 278, sowie Klaus Latzel, Die Gefallenen. Zur Geschichte und Wiederkehr einer Pathosformel, in: Veit Didczuneit / Jens Ebert / Thomas Jander (Hrsg.), Schreiben im Krieg. Schreiben vom Krieg. Feldpost im Zeitalter der Weltkriege, Essen 2011, S. 87–102.