Cover
Titel
Fragmente aus der Endzeit. Negatives Geschichtsdenken bei Günther Anders


Autor(en)
Pollmann, Anna
Reihe
Schriften des Dubnow-Instituts
Erschienen
Göttingen 2020: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
335 S.
Preis
€ 55,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Meyer, Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft, Ludwig-Maximilians Universität München

Anna Pollmanns Buch über den 1902 in Breslau geborenen und 1992 in Wien verstorbenen Günther Stern, der unter dem selbstgewählten Namen Günther Anders berühmt wurde, ist nur auf den ersten Blick eine klassische, aus einer Dissertation hervorgegangene Studie. Die aus insgesamt sieben Kapiteln bestehenden drei Teile durchkreuzen nicht nur die Chronologie, sind nicht nur in ihrer jeweiligen Länge und dem gewählten Tonfall sehr unterschiedlich, sondern verfolgen stets auch weit über Anders’ Werk hinausgehende Probleme. So finden sich neben den üblichen Rekonstruktionen von Argumenten und knappen biographischen Skizzen auch starke Wertungen, die nicht extra abgesetzt sind. Pollmanns Stil setzt sich aus Parataxen und manchmal fast zu sehr kondensierten Urteilen zusammen. Der Mix unterbricht den gewöhnlichen Lesefluss, verpflichtet so aber auf genauere Lektüre. Angenehm ist zudem, dass Auseinandersetzungen mit anderen Positionen offen dargelegt und nicht in Fußnoten „ausgelagert“ werden. Schlagwortartig zusammenfasst lassen sich die Erkenntnisinteressen in Frageform so reformulieren: Wie ist es möglich, nach dem Holocaust unter den Bedingungen der Atombombe weiter Mensch zu sein? Wie lässt sich darüber nachdenken? Und welche Form kann für dieses Nachdenken gefunden werden? Pollmann gibt im Untertitel das systematische Stichwort für die Beantwortung der Fragen: „negatives Geschichtsdenken“.

Folgt man der Autorin, dann kann man sich dem Frage- und Antwortkomplex in Anders’ Werk nur mittels derjenigen Umwege nähern, die er selbst wählte und wählen musste. Um diese Wege abschreiten zu können, hat Pollmann neben den publizierten Schriften auch den umfangreichen, in Wien befindlichen Nachlass und zahlreiche weitere Archive ausgewertet. Als deutscher Jude, Emigrant und Rückkehrer nach Österreich, als antidogmatischer Philosoph und kritisch eingreifender Zeitzeuge war die eigene Biographie für Anders immer Teil der Reflexion. Dem trägt Pollmann Rechnung, indem sie seine Gedankenwanderungen mit den Lebensstationen eng verbindet. Das Buch ist insofern auch eine Biographie im Sinne des Wortes.

Zum „negativen Geschichtsdenken“ führt Pollmann den Leser zunächst über eine Kontrastfigur, nämlich über den Autor des „Prinzip Hoffnung“: Ernst Bloch. Der Einstieg („Günther Stern liest Ernst Bloch“) bekommt systematische Dignität, indem gegen Blochs „Hoffen“ eine minutiöse Analyse von Anders’ Hauptwerk „Antiquiertheit des Menschen“ (1956/1980) gehalten wird. Wenn also im ersten Kapitel Anders’ „negative Anthropologie“ konturiert wird, dann werden jene Stationen mit abgeschritten, die Anders zu dieser Perspektive führten. Das mag hier aufgebauscht klingen, da Ideenhistoriker doch stets das Ganze im Blick haben sollten, wenn sie einzelne Denkstufen rekonstruieren. Bei Pollmann verdient das Vorgehen aber durchaus betont zu werden, da ihr „Held“ keine roten Fäden schätzte, sondern sich stets zwischen Aktualität und präzisen Zeitlosigkeitsansprüchen des Gesagten hin und her bewegte. Das zweite Kapitel versammelt weitere Annäherungsformen an die „negative Anthropologie“. Hier sind es Anders’ selbst veröffentlichte, im Jahr 1941 beginnende „Tagebücher“, die nicht nur Ereignisse und Betrachtungen enthalten, sondern vom Autor als eigene Reflexionsform verstanden wurden. Die Zeitzeugenschaft dehnt auch in den „Tagebüchern“ das Subjekt über die erlebte und berichtete Zeit hinaus ins Philosophische. Doch das Ziel des darin liegenden Allgemeinen ist kein Eskapismus, vielmehr die Autor und Leser verunsichernde Zumutung, dem Objekt „Menschheit“ auf Reisen, in Gesprächen und Briefen zusehen und darüber nachdenken zu können.

Nach dem ersten Teil mit Schwerpunkt auf den Jahren 1956 bis 1967 besteht der zweite Teil aus drei Kapiteln, die mit „1933–1950: Exil“ überschrieben sind. „Exil“ ist hier stets geschichtlich Wirkliches. Sei es, dass Anders’ erste Ehefrau Hannah Arendt (sie waren von 1929 bis 1937 verheiratet), an deren Rettung vor den Nationalsozialisten er maßgeblich beteiligt war, auf ihrer Odyssee bis ins Lager Gurs begleitet wird. Sei es, dass Martin Heideggers Denken als schärfster Gegensatz ausgefaltet wird, denn dessen Sein beklagte zwar die „Bodenlosigkeit“, konnte jedoch stets „Heimat“ bleiben. Dagegen opponierte Anders nicht nur, sondern konnte, wie Pollmann zeigt, eine eigene, durch die Jetztzeit aufgeladene Theorie der „Erfahrung“ entgegenstellen. Dieser Erfahrungsbegriff ist eines Telos entleert, aus ihm lässt sich kein Kantisches Projekt der Moderne – wie unvollendet auch immer – mehr gewinnen. Anders verbuchte die Verluste, ohne eine Bilanz zu ziehen. Reaktionäre Sinnangebote, die ein „Ende der Geschichte“ erträumten, wie es von Alexandre Kojève bis Arnold Gehlen, also bei Linken wie Rechten, en vogue war, gibt es bei Anders nicht. Walter Benjamin erkannte erstaunlich früh – auch das sieht Pollmann richtig –, dass der häretische Heidegger-Schüler der „Geschichtlichkeit“ des Lehrers eine anthropologische Pointe abzugewinnen vermochte. Angesichts der doppelten, je eigensinnigen Katastrophe von Auschwitz und Hiroshima bleibt nur der Sinnhorizont der Geschichte oder deren Absurdität, wenn der Mensch künftig Bezüge zu sich und anderen herstellen will.[1]

Der dritte Teil konzentriert sich auf den Begriff „Krise“, den Pollmann mit dem Jahr 1979 verbindet. Im Mittelpunkt steht hier Anders’ genaues Nach-Denken über die vermeintliche Klammer von Auschwitz und Hiroshima als Katastrophen-Parallelogramm. An dieser Stelle ist Pollmanns Studie auch für die Debatten um Erinnerungskultur wichtig, denn sie zeigt exemplarisch, dass es wortwörtlich denkbar ist, „Hiroshima“ symbolisch für das mögliche Ende der Gattung Mensch zu halten, doch „Auschwitz“ für das ungleich furchtbarere. „Nach Holocaust“ heißt die Schrift von 1979, mit der Anders eine erneute Re-Lektüre seiner Arbeiten angesichts der gewandelten Wahrnehmung geschichtlicher Revolutionen unternahm. Diesem Wandel unterstellte Anders nicht, wie es damals gängige Münze war, Geschichtsvergessenheit, sondern eine Art Aufmerksamkeitsverschiebung. Indem der Holocaust Fetisch und Kitsch gleichzeitig wurde, gelang die Überdeckung dessen, was Anders als interne Revolutionen begriff: eine veränderte Zurichtung des Menschen durch die Technik, die weit über die naive Vorstellung einer instrumentell agierenden Vernunft hinausging. Es war eben nicht ein auf die Arbeitswelt übergesprungener Rationalitätsbegriff, der nach Anders für die internen Revolutionen der Technik verantwortlich war. Vielmehr sei eine „Wegwerf-Welt“ radikalisiert worden, die er bereits Ende der 1950er-Jahre analysiert hatte. Aus dieser „Wegwerf-Welt“, folgt man Pollmanns Analyse, habe sich die Arbeit und die Beschaffung der Arbeit, also letztlich der Mensch, in den Prozess einer Selbstauflösung begeben. Technik ist dabei keine Machenschaft, die quasi hinter uns agiert. Die Realien der Vorgänge sind benennbar und die Prozesse greifbar. Anders, der im publizistischen Tagesgeschäft teils auch unreflektiert das Bild bedienen konnte, das eine daran interessierte Öffentlichkeit von ihm schuf: nämlich des wilden alten Mannes, der prophetisch das Ende der Menschheit nahen sieht, fühlte sich in dem geschaffenen „negativen Geschichtsdenken“ niemals wohl. Bei aller Emphase und bei allem Engagement sah der Philosoph die Verpflichtung zur schonungslosen Analyse als die letzte verantwortbare Stufe des zu Sagenden. Die „Aussichten für morgen“ überließ er dem Wetterbericht.

Anna Pollmanns Arbeit ist alles andere als eine leichte Lektüre. Ohne Sympathie, also das Mitdenkenwollen und die Leidenschaft für den Gegenstand, bleibt mancher geschlagene Bogen unausgeführt. Doch das ist letztlich Kritikersprech, der sich vor der Verantwortung des Gedachten verschließt. Günther Anders, der „Halbvergessene“ (Pollmann), wird hier in überzeugender Weise als Geschichtsphilosoph wiederentdeckt. Er findet im vorliegenden Buch jene Aufmerksamkeit, die diesem im akademischen Betrieb wie im Feuilleton vertriebenen Stiefkind der „prima philosophia“ längst nicht mehr gegönnt wird. Es ist ein verschlungenes, den Zeitläufen entlang hart erarbeitetes Werk, das Hoffnung verweigert, weil es auf den Realitätssinn derer setzt, die Geschichtlichkeit als Refugium, Niederlagen aushalten zu können, schätzen gelernt haben. Insofern ist Pollmanns wichtige Studie zu Anders’ „negativem Geschichtsdenken“ auch ein Kommentar zur Zeit. Einfacher sollte man es sich nicht machen.

Anmerkung:
[1] Siehe dazu die wichtige Studie von Jan Eike Dunkhase, Absurde Geschichte. Reinhart Kosellecks historischer Existentialismus, Marbach 2015.