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Titel
Analogien der "Vergangenheitsbewältigung". Antiisraelische Projektionen in Leserkommentaren der Zeit und des Guardian


Autor(en)
Becker, Matthias J.
Reihe
Interdisziplinäre Antisemitismusforschung / Interdisciplinary Studies on Antisemitism 8
Erschienen
Baden-Baden 2018: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
420 S.
Preis
€ 76,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Nagel, Universität Bremen

Projektion, als psychische Strategie, schreibt bekanntlich unliebsame Eigenheiten einem anderen zu und dient so der persönlichen Entlastung und Stabilisierung. Dass dieses Verfahren nicht nur in individueller Interaktion geübt werden kann, sondern auch seitens gesellschaftlicher Gruppierungen, zeigt die vorliegende wichtige Studie zu öffentlich geäußerten negativen Israelbildern von solchen Teilen der Bevölkerung Deutschlands und Großbritanniens, die sich, als Leser/innen ausgewiesen liberaler bzw. linksliberaler Qualitätszeitungen, selbst als progressiv und vorurteilsfrei einschätzen würden.

Untersucht wurden mit linguistischem Instrumentarium israelfeindliche, teils antisemitische Leserkommentare zu Artikeln betreffend Israel und den Nahostkonflikt der deutschen Wochenzeitung Die Zeit und der britischen Tageszeitung The Guardian in den Online-Diskussionsforen dieser Blätter, die auf negativ konnotierte Anteile der eigenen, also deutschen und britischen, Nationalgeschichte rekurrieren. Die Analyse schließt dabei sämtliche einschlägigen Äußerungen von Leser/innen innerhalb von zwei Zeiträumen intensivierter Berichterstattung zur Nahost-Thematik ein. Ausgewählt wurden dafür die Eskalationsphasen des Nahostkonfliktes anlässlich der beiden israelischen Militäroperationen „Pillar of Defense“ (14. bis 21. November 2012) und „Protective Edge“ (8. Juli bis 26. August 2014). Die Untersuchung ist quantitativ-qualitativ angelegt: Aus den insgesamt 95.431 einschlägigen Leserkommentaren zu mehr als 250 Artikeln der beiden Zeitungen zu Israel und Nahost hat Matthias J. Becker 6.086, also ca. 6,4 Prozent, ausgewählt (S. 49) und mittels linguistischer Kriterien auf ihren Gehalt an israelfeindlichen und israelbezogen antisemitischen Anschuldigungen hin untersucht, soweit diese sich aus Vergleichen mit und Anspielungen auf als verbrecherisch verstandene Abschnitte der eigenen Nationalgeschichte speisen. So wollen die betreffenden Zeit-Leser/innen, in direkter oder indirekter Formulierung, im Agieren Israels Parallelen mit oder gar eine Wiederholung der deutschen Untaten von 1933 bis 1945 sehen, während die erfassten Guardian-Leser/innen für ihre Verurteilungen Israels Bezüge zu als verbrecherisch empfundenen Handlungen der britischen Kolonialgeschichte im 19. und vor allem 20. Jahrhundert herstellen. Die Intensität der Kommentierung bestätigt den Status Israels als eines „thematischen Nachrichtennachbarn“ für die deutsche wie britische Öffentlichkeit, der, im Vergleich zu anderen Staaten, mit hervorgehobenen Themen, nämlich Gewalt und Terrorismus, besonders im Fokus der Aufmerksamkeit steht (S. 47).

Anliegen, Forschungsfrage und Methodik der Studie werden in der ausführlichen Einleitung vorgestellt.[1] Das zweite Kapitel geht auf die geschichtlichen Bezugspunkte der fraglichen Leserkommentare ein, indem in knapper Form zunächst für Deutschland, dann für Großbritannien der historische Zusammenhang zwischen „Antisemitismus und nationale[r] Identität“ (Zwischentitel, S. 64) erläutert wird. Als dominant im heutigen deutschen Geschichtsbild wird die NS-Zeit gesehen, nachgezeichnet wird die Entwicklung des Antisemitismus insbesondere nach 1945 und des israelbezogenen Antisemitismus ab 1967. Dominant in der britischen wissenschaftlichen, politischen und medialen Diskussion um die eigene Geschichte sei dagegen die Zeit des Empire, zusätzlich könne auch hier ein, wiewohl anders und deutlich schwächer als in Deutschland ausgeprägter, Antisemitismus bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden – zu dem, wie der Rezensent anmerken möchte, Charles Dickens, anders als hier nahegelegt (S. 96), mit seinem Gesamtwerk wohl kaum beigetragen haben kann.

Gründlich, systematisch und mit Bezug zum aktuellen Forschungsstand wird im dritten Kapitel das Verhältnis zwischen „Antisemitismus und Sprache“ (Zwischentitel, S. 107) dargestellt. Kognitionslinguistische Aspekte (etwa die Nutzung emotionsstimulierender Wendungen) finden hier ebenso Beachtung wie Varianten von Sprechakten und Analogiebildungen (etwa Anspielungen und Verwendung von NS-Vokabular). Vorgestellt werden zudem geläufige Argumentationsmuster wie beispielsweise Selbstlegitimierung der Kommentatoren oder ihre Leugnung und Relativierung von Verbrechen der eigenen nationalen Bezugsgruppe. Positiv hervorzuheben ist insbesondere für diesen Abschnitt die durchgehende Verständlichkeit auch für eine nicht linguistisch vorgebildete Leserschaft: Zeithistoriker/innen, Medienwissenschaftler/innen und weitere Interessierte werden der Darstellung mühelos folgen, da die verwendeten Begriffe und Forschungsbezüge stets hinreichend erläutert werden.

Das vierte, zentrale Kapitel „Geschichtsbezogene Analogien“ stellt, stellvertretend für den gesamten Textkorpus, eine größere Anzahl der einschlägigen Kommentare zunächst der deutschen, sodann der britischen Leserschaft der beiden genannten Blätter vor und legt, in plausibler linguistisch gestützter Argumentation, deren israelfeindlichen, teils auch antisemitischen Gehalt offen. Der durchgängig gegebene Bezug dieser negativ bis aggressiv gehaltenen Äußerungen zu als problematisch bis verbrecherisch gesehenen Phasen der eigenen Nationalgeschichte fällt dabei für beide Lesergruppen naturgemäß unterschiedlich aus: Wird von deutschen Kommentator/innen die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland beispielsweise analog zu einem rassistischen „Volk ohne Raum“-Konzept des Nationalsozialismus gesehen, Gaza als ein israelischer Gewalt schutzlos ausgeliefertes „Ghetto“ bezeichnet und der Terror von Hamas und anderen Gruppierungen mit dem legitimen Widerstand der Résistance gegen die deutschen Besatzer in Frankreich gleichgesetzt, so finden britische Kommentator/innen Parallelen zum israelischen Agieren 2012 und 2014 in rücksichtslos, auch gewaltsam verfolgten kolonialistisch-imperialistischen Bestrebungen des eigenen Landes oder sehen im israelischen Umgang mit der palästinensischen Bevölkerung eine Neuauflage der südafrikanischen Apartheid-Politik, die von Großbritannien begünstigt worden sei (für diesen Zusammenhang bleibt der Verfasser etwas undeutlich).

Bezeichnend für beide Lesergruppen ist die vergleichsweise seltene Verwendung expliziter Vergangenheitsanalogien, dominant sind dagegen implizite Äußerungen und Anspielungen, die auf das Vorwissen des angesprochenen Publikums der Online-Diskussionsforen abzielen. Im Vergleich von 2012 zu 2014 nimmt für beide Bezugsgruppen die Aggressivität der israelfeindlichen bis antisemitischen Argumentation zu. Gemeinsam ist beiden Gruppen zudem die wiederkehrende Strategie der Selbst-Entschuldung bei ihren Attacken gegen Israel: Beispielsweise bekenne man sich als Deutscher, so manche Kommentator/innen, nach den Verbrechen der NS-Zeit zu einem ethisch-friedlichen Umgang mit anderen Völkern, während Israel sich hier uneinsichtig und nicht „lernfähig“ verhalte; britische Kommentator/innen weisen auf die eigene erfolgreiche Lösung des Nordirland-Konfliktes hin, wenn sie Israel eines mangelnden Friedenswillens beschuldigen. So leuchtet die – bereits im Titel erscheinende – leitende These der Studie ein, dass die Angriffe auf Israel mittels Vergleichen zur eigenen schuldbehafteten Geschichte maßgeblich auch der Stabilisierung und dem positiven Selbstbild der Bezugsgruppe dienen, der dann eine gelungene „Vergangenheitsbewältigung“ attestiert werden kann. Es macht daher, so ließe sich hinzufügen, einen Unterschied hinsichtlich der Intention und Funktion, ob die israelischen Siedlungen im Westjordanland von einem deutschen Online-Kommentator oder, wie 1976 geschehen, von dem damaligen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin als ein „Krebsgeschwür im sozialen und demokratischen Gewebe Israels“ bezeichnet werden.[2]

Wie aber lassen sich derartige kollektive Projektionen, die zu Fehleinschätzungen der eigenen wie der adressierten Bezugsgruppe führen, vermeiden? Indem man sich, nosce te ipsum, einzeln und als Gemeinschaft selbstkritisch statt selbstgerecht betrachtet, nicht im Bemühen um historische und zeitgeschichtliche Aufklärung nachlässt und dem Vereinfachen komplexer Zusammenhänge Vorsicht entgegenbringt. Mit einem hoffnungsvollen Appell hierzu beendet Matthias J. Becker seine fundierte, mit Gewinn zu lesende Studie.

Anmerkungen:
[1] Auf der Verlagsseite zum Buch sind online zusätzliche Materialien zur Methodik verfügbar, darunter das vollständige Quellenverzeichnis und ein Anhang, der das Codesystem zur qualitativen Inhaltsanalyse und die für die Untersuchung angelegten Tabellen und Grafiken umfasst: www.nomos-shop.de/37877 (25.05.2020)
[2] Alexandra Föderl-Schmid, Handschlag für ein wenig Hoffnung. Rezension zu Itamar Rabinovich, Jitzchak Rabin. Als Frieden noch möglich schien. Eine Biographie, Göttingen 2019, in: Süddeutsche Zeitung, 25.03.2020, S. 13; online: https://www.sueddeutsche.de/politik/jitzchak-rabin-israel-1.4826517 (08.04.2020)