Cover
Titel
Marketplace, Power, Prestige. The Healthcare Professions’ Struggle for Recognition (19th–20th Century)


Herausgeber
Pfütsch, Pierre
Erschienen
Stuttgart 2019: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susanne Kreutzer, Fachbereich Gesundheit, Fachhochschule Münster

Berufsprofile und Ausbildungswege in den Gesundheitsberufen sind aktuell Gegenstand intensiver gesundheitspolitischer Diskussionen. Der allseits beklagte Ärztemangel in ländlichen Regionen eröffnet unter anderem Pflegenden die Möglichkeit, erweiterte Handlungskompetenzen für sich zu reklamieren; auch der Trend zur Akademisierung der Gesundheitsfachberufe geht mit der Forderung nach einer größeren beruflichen Eigenständigkeit und höheren gesellschaftlichen Anerkennung einher. Dies wiederum bedroht die Position der Ärzteschaft und löst mitunter massive Abwehrreaktionen aus.

An diese aktuellen Kontroversen knüpft der von Pierre Pfütsch herausgegebene Sammelband an, der sich im Feld der Konfliktforschung verortet. Pfütsch interessiert in historischer Perspektive, wie und warum Konflikte im Feld der Gesundheitsberufe entstanden, welche Akteursgruppen diese vorantrieben und inwiefern diese Aushandlungsprozesse zu einer Transformation der Gesundheitsberufe und der Krankenversorgung beigetragen haben. Bei diesen Konflikten, so die leitende These, ging es im Kern stets um Fragen von Macht, Ressourcenverteilung und Prestige. Während der Aufbau eines Gesundheitsmarktes und die Durchsetzung der akademischen Ärzteschaft als dominante Profession im 19. Jahrhundert schon vergleichsweise gut untersucht worden ist, greift der Band mit den Entwicklungen im 20. Jahrhundert ein wichtiges Forschungsdesiderat auf. Regional liegt der Schwerpunkt des Sammelbandes auf westlichen Industrienationen – Deutschland, Niederlande, Großbritannien, USA und Palästina/Israel.

Der Sammelband ist in drei Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel widmet sich den Konflikten zwischen den Gesundheitsberufen und wird mit einem Beitrag von Karen Nolte zu den Kontroversen um die „Schwesternnarkose“ eröffnet. Sie zeigt, wie in den 1950er-/60er-Jahren aus der Narkose als einer ehemals pflegerischen Aufgabe eine ärztliche Tätigkeit wurde, die von der sich neu etablierenden Berufsgruppe der Anästhesisten übernommen wurde. Eileen Thrower untersucht, wie die Arbeit von Hebammen in den USA im 19./20. Jahrhundert zu einer pflegerischen Spezialdisziplin wurde. Während der Beruf der Hebamme damit de facto abgeschafft wurde, entwickelte sich mit den sogenannten nurse-midwives eine neue Berufsgruppe, die Tätigkeiten übernahm, die weit über das ehemalige Aufgabenfeld von Hebammen hinausgingen. Pierre Pfütsch beleuchtet mit dem Rettungssanitätswesen in der Bundesrepublik Deutschland ein Handlungsfeld, das ehemals ehrenamtlich organisiert war und ab den 1970er-Jahren zunehmend verberuflicht und professionalisiert wurde. Konfliktreich gestalteten sich hier nicht nur die Beziehungen zur Ärzteschaft, sondern auch die zwischen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Kräften.

Konflikte innerhalb einer Berufsgruppe des Gesundheitswesens stehen im Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Christoph Schwamm analysiert in seinem Beitrag die paradoxe Diskussion um Männer in der Krankenpflege in Westdeutschland um 1970 und argumentiert, dass die Unterrepräsentanz von Männern im Bereich Care-Arbeit nicht umstandslos auf herrschende Männlichkeitskonstruktionen zurückgeführt werden könne. Um den Stellenwert von Männlichkeit im Bereich Care-Arbeit ausloten zu können, sei es vielmehr dringend geboten, neben dem Diskurs sehr viel genauer die soziale Praxis zu untersuchen. In den beiden anschließenden Beiträgen wird der Blick auf Konflikte gerichtet, die sich rund um konkrete Versorgungspraktiken entzündeten. Im Bereich der Kinderkrankenpflege beleuchtet Sylvelyn Hähner-Rombach (†) die Auseinandersetzungen um die Anwesenheit von Müttern auf Kinder- und Säuglingsstationen in Westdeutschland, und sie arbeitet die Faktoren heraus, die ab den 1970er-Jahren zu einer Öffnung der Stationen für die Eltern führten. Geertje Boschma analysiert anhand von drei Generationen von Psychiatern die Kontroversen um die Elektroschocktherapie in den Niederlanden zwischen 1950 und 2010.

Das dritte und letzte Kapitel widmet sich Konflikten aufgrund veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Jane Brooks zeigt auf, wie sich unter den Bedingungen des Zweiten Weltkriegs im Bereich der britischen Kriegskrankenpflege die tradierten hierarchischen Strukturen – nicht nur zwischen Pflegenden und Ärzt/innen, sondern auch unter Pflegenden – langsam veränderten zugunsten eines eher kooperativen Arbeitsstils. Dabei übernahmen Pflegende auch zunehmend ärztliche Tätigkeiten, die ihnen allerdings nur für die begrenzte Zeit des Krieges anvertraut wurden. Eyal Katvan untersucht die Regulierung der Zahnheilkunde im britischen Mandatsgebiet Palästina/Israel und zeichnet ein eindrucksvolles Bild von den komplexen Akteurskonstellationen und konfliktreichen Auseinandersetzungen um die Anerkennung oftmals unklarer im Ausland erworbener Qualifikationen und Berufserfahrungen, die zu einem ausdifferenzierten und gleichwohl flexiblen System von Berufsgruppen im Feld der Zahnheilkunde führten. Die Geschichte Israels eigne sich deshalb in besonderem Maße zur Untersuchung von Professionalisierungsprozessen in Einwanderungsgesellschaften. Der Band schließt mit einem Beitrag von Aaron Pfaff zur Entwicklung der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe ab. Damit wird ein im Chor der Gesundheitsberufe ungewöhnlicher Berufszweig untersucht, der auf ein spezifisches Krankheitsbild ausgerichtet ist und als Mediator zwischen Mediziner/innen und Patient/innen konzipiert wurde. Die Geschichte dieser Berufsgruppe ist deshalb eng mit einer Alltags- und Sozialgeschichte der Diabetes mellitus verknüpft.

Pierre Pfütsch hat einen eindrucksvollen Sammelband vorgelegt, der ein vielversprechendes und in Bezug auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts ausbaufähiges Forschungsfeld aufzeigt. Der Schwerpunkt der Beiträge liegt auf den Entwicklungen in Deutschland. Insbesondere die Beiträge zu den USA und Palästina/Israel zeigen jedoch das Potenzial einer transnationalen Geschichte auf, nicht nur, weil Professionsgrenzen kontextabhängig unterschiedlich verhandelt wurden, sondern auch weil Berufsgruppen wanderten und die Aufnahmegesellschaften mit ihren beruflichen Strukturen und jeweiligen Interessengruppen herausforderten.

Die Zuordnung der Beiträge zu den Themenschwerpunkten des Sammelbandes ist nicht immer nachvollziehbar, dies liegt allerdings im Charakter des Themas begründet, da die behandelten Konflikte stets in komplexen Konstellationen – inner- sowie intraprofessionell als auch im gesellschaftlichen Kontext – zu verorten sind. Es spricht für die Qualität des Sammelbandes, dass genau diese Komplexität in allen Beiträgen verhandelt wird. Das Buch sei allen empfohlen, die sich für die Geschichte der Gesundheitsberufe interessieren sowie deren Strategien, sich Handlungsmacht und Prestige zu sichern.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.10.2019
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