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Titel
Sprawiedliwość i polityka. Działalność Głównej Komisji Badania Zbrodni Niemieckich/Hitlerowskich w Polsce 1945-1989


Autor(en)
Jasiński, Łukasz
Erschienen
Anzahl Seiten
506 S.
Preis
PLN 30.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Paulina Gulińska-Jurgiel, Aleksander-Brückner-Zentrum für Polenstudien, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Die juristische und vergangenheitspolitische Aufarbeitung der NS-Verbrechen erfreut sich bereits seit geraumer Zeit beträchtlicher historiographischer Aufmerksamkeit. Dennoch füllt das vorliegende Buch von Łukasz Jasiński eine wichtige Lücke. Zwar sind institutionengeschichtliche Zugänge in diesem Forschungsfeld bereits gut etabliert, insbesondere am Beispiel der seit 1958 existierenden Zentralen Stelle der bundesdeutschen Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg.[1] Doch richteten HistorikerInnen ihren Blick bislang nur selten auf den Beitrag vergleichbarer Einrichtungen in ostmitteleuropäischen Ländern zur Dokumentation der deutschen Kriegsverbrechen und zur transnationalen Verfolgung der NS-Täter. Dazu gehört auch die schon im März 1945 gegründete Hauptkommission zur Erforschung der Deutschen (ab 1949 – Hitleristischen) Verbrechen in Polen (Główna Komisja Badania Zbrodni Niemieckich/Hitlerowskich w Polsce), deren wechselvoller Geschichte Jasiński sich erstmals in monographischer Form annimmt.

Jasińskis Studie zielt darauf ab, die Tätigkeit der Hauptkommission von ihrer Entstehung bis 1989 im Kontext der politischen Geschichte der Volksrepublik Polen zu verorten. Dabei nimmt er die Rolle der Kommission als Forschungs- und Ermittlungsinstitution in den Blick, fragt nach ihrem Einfluss auf kollektive Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und analysiert die Arbeit der Kommission im Spannungsfeld der politischen Beziehungen zwischen der Volksrepublik Polen und der BRD (aber auch der DDR). Dahinter steht die übergreifende Leitfrage, ob die Hauptkommission als unabhängige Instanz zur Bereitstellung wissenschaftlicher und juristischer Expertise agieren konnte oder ob sie primär den politischen und propagandistischen Interessen der Machthaber unterworfen war (S. 34).

Dieser Leitfrage geht Jasiński in fünf großen Kapiteln nach. Das erste Kapitel konzentriert sich auf die Vorgeschichte der juristischen Ahndung staatlich initiierter Verbrechen seit dem 19. Jahrhundert. Vor dem Hintergrund des Scheiterns der Aburteilung der Verbrechen des Ersten Weltkriegs zeichnet Jasiński ausführlich die einschlägigen Aktivitäten der Exilregierungen während des Zweiten Weltkriegs und die anschließende juristische Aufarbeitung in Deutschland und Europa 1945 bis 1949 nach.

Das zweite Kapitel behandelt die Gründungsgeschichte der Hauptkommission bis 1956. Jasiński erläutert in diesem Abschnitt zunächst wichtige Rahmenbedingungen für die Arbeitsweise der neuen Einrichtung, darunter das gesellschaftlich-politische Chaos, ungeklärte Zuständigkeiten, konkurrierende Dokumentationsaktionen und der anfangs unklare juristische Status der Kommission. Anschließend stellt er die Einbindung der Hauptkommission in die internationale Verfolgung deutscher Kriegsverbrecher, u.a. in Kooperation mit der Polnischen Militärmission in Deutschland, dar und arbeitet die Verflechtung der Dokumentations- und Ermittlungsarbeit der Kommission mit ihrem gesellschaftlich-politischen Auftrag heraus. Zudem schildert er sehr genau, wie die Kommissionstätigkeit unter den Bedingungen des polnischen Stalinismus nachließ und in den frühen 1950er-Jahren radikal eingeschränkt wurde.

Das dritte Kapitel widmet sich dem Zeitraum 1956 bis 1969, als die Hauptkommission wiederbelebt wurde und erstmals Arbeitsbeziehungen zu bundesdeutschen Institutionen wie der Zentralen Stelle in Ludwigsburg aufnahm. Vor dem Hintergrund der damals noch nicht bestehenden diplomatischen Beziehungen zwischen Polen und Westdeutschland kam der Hauptkommission hier eine spezifische Vorreiterrolle zu. Allerdings schritt zugleich auch die innenpolitische Instrumentalisierung der Kommission voran, wie Jasiński am Beispiel der antisemitischen Kampagne von 1967/68 nachzeichnet.

Das letzte chronologisch angelegte Kapitel befasst sich mit der Zeit zwischen 1970 und 1989, als die Hauptkommission als Institution gefestigt, aber nach wie vor dem Geist der Zeit unterworfen war. Dies zeigte sich etwa bei der Zusammenarbeit mit bundesdeutschen Institutionen: Zwar verlor die gegen Westdeutschland gerichtete Rhetorik an Schärfe; die Kooperation war aber weiterhin von wechselseitigen Vorwürfen der Ineffektivität (so die polnische Seite) bzw. der politischen Instrumentalisierung (so die westdeutsche Antwort) geprägt.

Die 1980er-Jahre brachten für die Hauptkommission ein vor allem innenpolitisch verändertes Umfeld. Mit der Entstehung der Solidarność-Bewegung 1980 drängten bis dahin stiefmütterlich behandelte historische Themen wie Heimatarmee, Katyń-Morde oder Warschauer Aufstand in die polnische Öffentlichkeit. Jasiński argumentiert allerdings, dass es zwischen der alternativen Geschichtskultur und der Tätigkeit der Hauptkommission keine direkten Berührungspunkte gab, da die Verfolgung der NS-Verbrechen außerhalb der Interessen der Solidarność lag. Dagegen habe sich die Einführung des Kriegsrechts im Dezember 1981 unmittelbar auf die Tätigkeit der KommissionsmitarbeiterInnen ausgewirkt.

Der letzte Teil des Buches bietet zwei Fallstudien zu den regionalen Abteilungen der Hauptkommission in Danzig und Krakau. Hier geht Jasiński der Frage nach der Wirkung zentraler Vorgaben nach und beleuchtet die Berücksichtigung regional bedeutsamer Fragen in der Arbeit der Abteilungen. Anhand der Danziger Forschungsprojekte der 1980er-Jahre zu Polen in der Wehrmacht oder zur Germanisierung polnischer Kinder in Pommern wird auch deutlich, dass die regionalen Abteilungen im Hinblick auf innovative Fragestellungen eine Vorreiterrolle einnehmen konnten. Dasselbe gilt für die noch vor 1989 aufgeworfenen Fragen nach dem mangelnden Zugang zu sowjetischen Quellen oder nach stalinistischen Verbrechen.

Insgesamt kommt Jasiński zu einem ambivalenten Gesamturteil. Einerseits sieht er in der Hauptkommission eine politisch abhängige Einrichtung, deren Arbeit weitgehend an die Vorgaben des kommunistischen Staates gebunden war. Als Belege dafür zieht er die Ausblendung der sowjetischen Verbrechen, die Polonisierung des Holocausts oder die Beteiligung an der Propagandakampagne des März 1968 heran (S. 457f.). Andererseits konzediert er, dass die Tätigkeit der Hauptkommission durchaus den Bedürfnissen der polnischen Bevölkerung entsprochen habe (S. 461).

Jasińskis materialreiches Buch bietet seinen LeserInnen umfangreiches Wissen über die Geschichte der Hauptkommission und die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Polen nach 1945. Trotz der ausgesprochen dichten Darstellung lässt der von Jasiński gewählte streng institutionengeschichtliche Zugang jedoch einige relevante Aspekte unbeachtet. Während Jasiński beeindruckend viele Dokumente analysiert, werden ihre Absender und Empfänger kaum als Akteure greifbar. Die Rekonstruktion der jeweiligen Biographien ist zugestandenermaßen nicht einfach und schon gar nicht vollständig möglich.[2] Dennoch wäre es hilfreich gewesen, die heterogenen biographischen Hintergründe der Protagonisten und die damit einhergehenden Interaktionen unter ihnen stärker zu berücksichtigen.

Obwohl Jasiński moniert, dass die Hauptkommission jahrelang vorwiegend in ihrem eigenen Kommunikationsraum agierte, reproduziert er diese Selbstbezogenheit in gewissem Maße, indem er seine Narration weitgehend auf internen Quellen aufbaut.[3] Um aber die Wirkungen der Kommission in die Gesellschaft zu rekonstruieren, wäre es von Vorteil gewesen, externe Quellen wie Presse, Tagebücher oder Akten anderer Institutionen intensiver zu Wort kommen zu lassen, zumal Jasiński diese ausweislich der Bibliographie ohnehin herangezogen hat. So ließe sich auch konkreter nachvollziehen, wie sich Kontakte zu anderen polnischen und internationalen Institutionen gestalteten. Auch die von Jasiński betonte große Bedeutung der deutsch-polnischen Dimension für die Arbeit der Hauptkommission ließe sich auf diese Weise breiter entfalten und weniger eng an die offiziellen zwischenstaatlichen Beziehungen zurückbinden.

Schließlich erweist sich der imposante Zuschnitt der Studie als deren Stärke und Achillesferse zugleich. Jasińskis Bemühen um die möglichst lückenlose Wiedergabe von fast 50 Jahren institutioneller Geschichte mündet in ein Übermaß an Detailinformationen, das die Lektüre streckenweise zu einer Herausforderung macht. Zugleich birgt die umfassende Perspektive die Gefahr, über Gebühr zu verallgemeinern. Dabei demonstrieren die beiden Fallstudien zu den regionalen Abteilungen in Danzig und Krakau, welche Potentiale ein mikrohistorischer und stärker problemorientierter Zugriff bietet. Weniger wäre in diesem Falle womöglich mehr gewesen.

Ungeachtet dieser Kritikpunkte hat Łukasz Jasiński ohne Zweifel eine bedeutende Arbeit vorgelegt, die einen längst überfälligen Beitrag zur Forschung über die transnationale und langfristige Aufarbeitung der NS-Verbrechen liefert. Seine Grundlagenarbeit bietet auch Anknüpfungspunkte für weitere Studien. Eine deutsche Übersetzung des Buches in einer den Vorkenntnissen deutscher LeserInnen angepassten Fassung wäre definitiv wünschenswert.

Anmerkungen:
[1] Kerstin Hofmann, „Ein Versuch nur – immerhin ein Versuch“. Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg unter der Leitung von Erwin Schüle und Adalbert Rückerl (1958–1984), Berlin 2018, rezensiert von Malte Beeker, in: H-Soz-Kult, 05.02.2019, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-27752 (26.06.2020); Hans H. Pöschko (Hrsg.), Die Ermittler von Ludwigsburg. Deutschland und die Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, Berlin 2008; Annette Weinke, Eine Gesellschaft ermittelt gegen sich selbst. Die Geschichte der Zentralen Stelle Ludwigsburg 1958–2008, Darmstadt 2008, rezensiert von Claudia Steur, in: H-Soz-Kult, 03.07.2009, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-12574 (26.06.2020).
[2] Dass dies im Einzelfall sehr wohl machbar ist, zeigte jüngst Filip Gańczak mit seiner Studie über den Leiter der Krakauer Filiale der Kommission: Filip Gańczak, Jan Sehn. Tropiciel nazistów [Jan Sehn. Der Nazi-Fahnder], Wołowiec 2020.
[3] Akten der Hauptkommission (u.a. Sitzungsprotokolle, Berichte) bilden den Löwenanteil der Quellenbasis. Ergänzt werden sie durch Akten des Zentralkomitees der kommunistischen Partei sowie der polnischen Außen- und Justizministerien.

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01.07.2020
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