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Titel
Transatlantic Speculations. Globalization and the Panics of 1873


Autor(en)
Von Davies, Hannah Catherine
Erschienen
Anzahl Seiten
226 S.
Preis
€ 56,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Georg Simmerl, Institut für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin

In Zeiten, in denen manch einer bereits das 19. Jahrhundert oder zumindest die Debatte über den deutschen Sonderweg verabschiedet hat[1], mag es anachronistisch anmuten, sich wieder demjenigen Gegenstand historischer Reflexion zu widmen, an dem einst Hans Rosenbergs experimentelle Thesen zur Orthodoxie bundesrepublikanischer Geschichtswissenschaft erhärtet wurden.[2] Hannah Catherine Davies’ Analyse der Börsenpaniken des Jahres 1873, mit denen eine zweite Weltwirtschaftskrise anhob, die später als „Große Depression“ oder „Gründerkrise“ bekannt werden sollte, führt jedoch jüngere Wiederannäherungsversuche zwischen Wirtschafts-, Kultur- und Rechtsgeschichte zu einer äußerst zeitgemäßen Methodik zusammen und eröffnet dadurch neue Möglichkeiten zur Erkenntnis unserer eigenen Gegenwart.

Die Richtung dafür gibt schon der Titel der Studie vor, die auf einer 2014 an der Freien Universität Berlin eingereichten Dissertation basiert: Die transatlantischen Spekulationen meinen sowohl die vornehmlich im Eisenbahnbau getätigten Finanzgeschäfte, die die beiden Kontinente in den späten 1860er- und frühen 1870er-Jahren verbanden, als auch die interpretativen Spekulationen, mit denen sich die Zeitgenossen die folgenden Börsenpaniken des Krachjahres 1873 in Wien, New York und Berlin erschlossen.

Die titelgebende Doppelgestalt steht damit nicht nur für die Rezeption neuerer kulturalistischer Theorie, nach der dem opaken Finanzmarktgeschehen eine inhärente Bedürftigkeit nach kommunikativer Sinngebung eignet (wobei Davies nicht gewillt ist, das Finanzökonomische ganz im Diskursiven aufzulösen und zur Sinnproduktion zu erklären). Die transatlantischen Spekulationen markieren auch einige Neujustierungen gegenüber Rosenbergs Klassiker. Dieser ging zwar ebenfalls von einer internationalen Konjunkturepoche aus und hob auf zeitgenössische Wahrnehmungen ab. Für deren historiographische Einordnung privilegierte er aber einseitig die Einschätzungen ihrem Selbstbekenntnis nach liberaler Zeitgenossen. Zudem beanspruchten seine Thesen von einer vollständigen Diskreditierung des Liberalismus, vom Aufstieg eines kollektivistischen Protektionismus und der Bildung vorfaschistischer, antisemitischer Strömungen, die Rosenberg als nahezu mechanische Reaktionen auf den langgezogenen Wirtschaftsabschwung nach dem Krachjahr 1873 präsentierte, nur für das Deutsche Kaiserreich und die Habsburgermonarchie Gültigkeit. Davies fokussiert dagegen auf die initiale Crashkaskade und ihre Vorgeschichte, zieht die Vereinigten Staaten als dritten Hauptschauplatz hinzu, um dem Umstand gerecht zu werden, dass es sich dabei tatsächlich um einen transnationalen und transatlantischen Ereigniszusammenhang gehandelt hat, und verfolgt seine Konsequenzen im Rahmen eines differenzierenden Vergleichs mit Deutschland und Österreich-Ungarn nur soweit sie Fragen des Finanzwesens und nicht etwa der Handelspolitik betrafen.

Die ersten beiden Kapitel stellen die Hochkonjunkturperiode vor den Börsenpaniken als einen Prozess dar, der unter Beteiligung von Börsengrößen, Finanzjournalisten und Kleininvestorinnen zugleich Transnationalisierung und ökonomische Nationenbildung war. Seit den 1850er-Jahren wurde das Wirtschaftswachstum in der sich industrialisierenden Welt vom Eisenbahnbau vorangetrieben, der sein Kapital aus genauso raumgreifenden Finanzmärkten bezog, mit der Entstehung einer Finanzpresse zusammenfiel und von Davies vor allem anhand der narrativen Strategien nachvollzogen wird, die etwa in Zeitungsberichten und Investitionsratgebern angewandt wurden, um diesen Vorgang verständlich zu machen. Je intensiver, dynamischer und transnationaler die Vernetzung zwischen Magnaten, Presse und Anlegern in der Bewegung auf das Jahr 1873 zu wurde, desto deutlicher machte sich aber auch das Misstrauen bemerkbar: Korruptions- und Betrugsskandale häuften sich, Krisenprognosen grassierten, räumliche Distanz bei Finanzgeschäften wurde zunehmend problematisiert.

Das dritte Kapitel befasst sich zunächst mit dieser diskursiven Vorbereitung der Krachabfolge von 1873, um dann deren Verlauf und öffentliche Verhandlung darzustellen – Wiener Börsenkrach im Mai, im September die Panik an der Wall Street und schließlich die daran anschließenden Kurseinbrüche an der Berliner Börse. Dabei gelingt Davies eine dichte Beschreibung der sich überstürzenden Ereignisse, die innerhalb der durchgängig konzisen und äußerst lesbaren Schrift noch einmal heraussticht und über den transatlantischen Vergleich nicht nur die unterschiedlichen Interventionsstrategien der Regierungsagenturen konturiert, sondern auch den anregenden Aufweis erbringt, dass, obgleich Prognosen und Verarbeitung der Krachereignisse in allen drei Fällen vor allem nationalisierend verfuhren, die Wahrnehmung transnationaler Verflechtungen in Mitteleuropa doch ausgeprägter war als in den USA.

Ihre analytische Zuspitzung erfährt die Studie dann in den drei abschließenden Kapiteln: Zunächst legt das vierte Kapitel die Dominanz monetärer Krisenerklärungen in der nationalökonomischen Theoretisierung der Börsenpaniken dar, die zu einem verstärkten Verlangen nach Übertritt zum Goldstandard geführt habe, vor allem in Deutschland aber mit einer zunehmend antagonistischen Betrachtungsweise der internationalen Wirtschaftsbeziehungen eigentümlich zusammengefallen sei (welche, so ließe sich ergänzen, dort aber eben auch in die Positionen von Goldstandard-Befürwortern wie Ludwig Bamberger Einzug fand). Das anschließende fünfte Kapitel befasst sich dann mit der moralischen Ökonomie der Krachverarbeitung. Da als dessen Hauptleidtragende allseits Kleinanleger und an der Börse gänzlich unbeteiligte „kleine Leute“ in den Mittelpunkt gerückt wurden (wobei das Ausmaß ihrer Verluste auch retrospektiv nicht bestimmt werden kann), erhob sich in allen drei Ländern eine moralisierende Kritik an Finanzcliquen, die Politik und Presse korrumpiert und künstliche Werte erzeugt haben sollen. Während sie in Mitteleuropa vor allem auch als Liberalismuskritik auftrat, nahm sie aber nur im Deutschen Kaiserreich laut Davies systematisch die Form einer rassifizierenden Verschwörungstheorie an und brachte die erste antisemitische Bewegung hervor – in den USA sei die Kritik der Finanz dagegen vor allem von liberalen Reformern artikuliert worden und habe zu konkreten Lösungsvorschlägen geführt.

Allerdings weist Davies selbst darauf hin, dass auch im Deutschen Kaiserreich ein parlamentarischer Wortführer der Nationalliberalen, Eduard Lasker, mit seinen faktengesättigten Enthüllungen des Gründerschwindels im Eisenbahnkonzessionierungswesen den Auftakt machte, bevor Publizisten wie die gefallenen Liberalen Otto Glagau und Franz Perrot oder Rudolf Meyer, der auch bei Friedrich Engels durchaus angesehen war, dieses Genre paranoisierten. Drängt sich damit also schon die Frage nach dem Zusammenhang zwischen „rationaler“ Reformdebatte und „irrationaler“ Verschwörungstheorie auf, so wird sie durch die Erkenntnisse des abschließenden Rechtsvergleichs in Kapitel 6 umso dringlicher. Denn hier zeigt Davies, dass im Deutschen Kaiserreich mit der Novelle von 1884 auch die weitreichendste Reform des Aktienrechts in Reaktion auf den Krach erfolgte, während in den USA schon davor starke Gesetze gegen die betrügerische Gründung von Aktiengesellschaften bestanden hätten. Als Erklärung für den deutschen Reformeifer führt sie an, dass dort (genauso wie in Österreich-Ungarn) vor allem die gründerzeitliche Liberalisierung des Aktienrechts als maßgebliche Ursache der Krise gegolten hätte, ohne aber zu diskutieren, ob dazu auch die breite Streuung einer potentiell antisemitierenden Kritik der Finanzcliquen ihren Beitrag geleistet haben könnte (die, und Davies deutet dies allenfalls an, in den USA dann in den 1890er-Jahren, etwa auch in der populistischen Bewegung, vermehrt auftrat).

Obwohl die klaren Unterscheidungen, mit denen Davies ihre Fälle einander gegenüberstellt, mitunter nicht geeignet sind, um die ambivalenten Wechselverhältnisse zwischen öffentlicher Kritik und reformierend-regulierendem Regieren jeweils analytisch zu klären, so gibt sie doch entscheidende Hinweise, wie dies noch gelingen könnte. Dass im Deutschen Kaiserreich verschwörungstheoretische und rassifizierende Formen der Kritik an Finanzcliquen und Liberalismus größere Verbreitung fanden als in den USA, bringt Davies nämlich mit dem Umstand in Verbindung, dass in der deutschen Presse das Finanzmarktgeschehen vor dem Krach anonymisiert, in der amerikanischen aber auf Großfinanciers personalisiert beschrieben worden sei – und deshalb rät sie auch Studien, die sich weiterführend mit der Depressionsphase selbst beschäftigen, sowohl die breiteren Strukturen des (finanz-)ökonomischen Diskurses als auch die Genese eines durch insistierende Nationalisierung eigentümlich gebrochenen Globalbewusstseins bei der Verarbeitung transnationaler Wirtschaftskrisen in den Blick zu nehmen (S. 125, 150). Die Übersetzung des Transnationalen in das Nationale rechnet Davies zusammen mit der Übersetzung des Abstrakten ins Personale und des Virtuellen ins Materielle – und dies ist eine der zentralen Schlussfolgerungen – zu den drei grundsätzlichen Mechanismen, mit denen die interpretativen Spekulationen das Resultat der Finanzspekulationen verständlich zu machen versuchen (S. 145).

Für die Weiterführung einer strukturalistischen Analyse der diskursiven Konkretisierung von abstrakten, immateriellen und transnationalen Finanzmarktdynamiken in diesem Sinne könnte sich ein Schulterschluss mit der Literaturwissenschaft anbieten, wo schon seit geraumer Zeit Studien zu den „Ökonomien des Realismus“ (Christian Rakow) durchgeführt werden, um die gemeinsame Poetik des Wissens von Literatur und Nationalökonomie im 19. Jahrhundert zu bestimmen.[3] Und wenn im gleichen Zuge auch noch die Einsicht wieder Verbreitung fände, wonach zumindest in Deutschland der Realismus ideen- und bewegungsgeschichtlich über Figuren wie August von Rochau und Gustav Freytag untrennbar mit dem nachrevolutionären, nationalen Liberalismus verbunden ist, dann könnte daraus schließlich auch noch ein Zugriff auf jene strukturelle Problemlage erwachsen, innerhalb derer das regulierende Regieren auf Formen einer kritischen Enthüllung politökonomischer Zusammenhänge trifft, die Reformdebatten vorantreibt, aber genauso schnell in rassifizierende Verschwörungstheorien umschlagen kann und insofern a priori keine funktionale Unterscheidung zwischen liberaler Selbstkritik und Liberalismuskritik mit antiliberaler Stoßrichtung zulässt.

Das große Verdienst von Catherine Davies ist es deswegen nicht nur, mit einer historiographischen Studie, die Anleihen bei der kulturalistischen Finanzmarkttheorie nimmt, interdisziplinäre Anschlüsse ermöglicht, sondern vor allem eine unerlässliche Pionierarbeit für die Vergegenwärtigung einer Geschichtsperiode geleistet zu haben, die manche schon hinter sich lassen wollten. Denn muss man in unserer Gegenwart, bevor man etwaige Weimar-Vergleiche anstellen darf, nicht zuerst diese längst vergangen geglaubte Zeit wieder erkennen? Eine Zeit, in der nach einer großen Finanzkrise die Globalisierung genauso wie die Ungleichheit voranschritten und doch unaufhörlich die Konkurrenz der Individuen und Nationen gepredigt wurde, eine Zeit, in der man die kleinen Leute zum Aufstehen animierte, eine Zeit, die sich bald kleinere Zollerhöhungsspiralen leistete und sich schnell an ein gewisses Maß an politökonomischem Rassismus gewöhnte – und das alles unter dem Zeichen einer modisch gewordenen Kritik des Liberalismus, die damit aber nicht seinen Untergang bereitete, sondern ihn vorerst nur zu seinen äußersten Konsequenzen trieb.

Anmerkungen:
[1] Paul Nolte, Abschied vom 19. Jahrhundert oder auf der Suche nach einer anderen Moderne, in: Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 22 (2006), S. 103–132; Helmut Walser Smith, When the Sonderweg Debate Left Us, in: German Studies Review 31 (2008), S. 225–240.
[2] Hans Rosenberg, Grosse Depression und Bismarckzeit. Wirtschaftsablauf, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa, Berlin 1967; Hans-Ulrich Wehler, Bismarck und der Imperialismus, Köln 1969; ders., Das deutsche Kaiserreich 1871–1918, Göttingen 1973; vgl. Geoff Eley, Hans Rosenberg and the Great Depression of 1873–96. Politics and Economics in Recent German Historiography, 1960–80, in: ders., From Unification to Nazism. Reinterpreting the German Past, Boston 1986, S. 23–41.
[3] Zuletzt Till Breyer, Chiffren des Sozialen. Politische Ökonomie und die Literatur des Realismus, Göttingen 2019.

Redaktion
Veröffentlicht am
31.01.2020
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