Cover
Titel
Sozialpädagogik als Sexualpädagogik. Beiträge zu einer notwendigen Neuorientierung des Faches als Lehrbuch. Mit einem Vorwort von Micha Brumlik


Autor(en)
Niemeyer, Christian
Erschienen
Weinheim 2019: Beltz Juventa
Anzahl Seiten
464 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Elija Horn, Ausbildungsinstitut für Humanistische Lebenskunde, Humanistischer Verband Deutschland

Christian Niemeyer widmet sich in seiner jüngsten Monographie einer – wie er zu beweisen versucht – systematischen Leerstelle im Bereich der Sozialpädagogik: der Sexualität. In historischer Perspektive blättert er verschiedene Kapitel aus der Geschichte der Disziplin sowie ihrer Vorläufer bzw. ihres weiteren Umfeldes auf. Niemeyer, auf beeindruckende Weise vertraut mit seinem Gegenstand, will so auf einer breiten Quellenbasis zeigen, wie Aspekte des Sexuellen durch verschiedene Autor/innen und durch deren sozialpädagogische Tradierung verschleiert, negiert oder gänzlich verschwiegen wurden – und zwar dort, wo, Niemeyer zufolge, die Thematisierung des Sexuellen angezeigt gewesen wäre. Der Autor stellt dabei einen Zusammenhang zwischen sexual- und frauenfeindlichen Perspektiven seit dem 16. Jahrhundert bis heute her. Es ist mithin nicht nur sein Anliegen, aktuelle Positionen, wie sie beispielsweise seitens der AfD oder „Besorgter Eltern“ geäußert wurden und werden, einer historisch fundierten Kritik zu unterziehen, Niemeyer will eine „sexualpädagogische Wende“ in seiner Disziplin (S. 23) einleiten.

„Sozialpädagogik als Sexualpädagogik“ setzt sich aus mehreren Einzelstudien zusammen, welche Niemeyer über einen Zeitraum von etwa einer Dekade erstellt hat, die ursprünglich also nicht zusammenhingen. Daraus resultiert eine gewisse Unklarheit, ob Niemeyer einen systematischen oder historischen Ansatz verfolgt. Das erste Kapitel gibt den versammelten Texten, teils Aufsätze, teils Vorträge, einen gemeinsamen Rahmen. Hier begründet Niemeyer die Auswahl des historischen Untersuchungszeitraums mit Verweis auf Ereignisse, die zu einem „Unbedarftheitsverdünnungseffekt“ (S. 23) führten, also den diskursiven Umgang mit Sexualität im negativen Sinn verkomplizierten. Dazu gehören laut Niemeyer die Ausbreitung von Syphilis im 19. Jahrhundert, das Auftreten von HIV/AIDS im späteren 20. Jahrhundert und die Aufdeckung sexualisierter Gewalt in (reform-)pädagogischen Einrichtungen in der jüngsten Vergangenheit. Reaktionen auf letztere hätten, so beklagt Niemeyer, zur Diskreditierung des Verstehens als einer (sozial-)pädagogischen Handlungskompetenz, zur Entsorgung aller „pädagogischen Wärmemetaphern“ (S. 31) und damit zum „Ende aller Sozialpädagogik“ (ebd.) geführt. Grundlegend diesbezüglich ist eine weitere als Kritik und in Anlehnung an Katharina Rutschky[1] formulierte Ausgangsthese, dass nämlich Kindheit und Jugend Lebensphasen des Zwangs und der Sexualunterdrückung darstellten (vgl. S. 34), woran die Sozialpädagogik bislang nichts zu ändern vermochte. Demgegenüber spricht er sich für eine aufgeklärte sexuelle Selbstbestimmung als Ziel (sozial-)pädagogischen Handelns aus. Diese normative Ausrichtung, der prinzipiell zuzustimmen wäre, zieht sich als Subtext durch das gesamte Buch und ist streitbar – unter anderem deswegen, weil sie unhistorisch ist und weil so verwischt wird, dass aufgeklärte Selbstbestimmung stets nur im Rahmen dessen möglich sein kann, was in Bezug auf Sexualität vor je unterschiedlichen historischen Hintergründen sag- und denkbar ist.

Insgesamt spricht sich Niemeyer dafür aus, das Sexuelle als zentralen Gegenstand von Sozialpädagogik anzuerkennen, möchte das in seiner Arbeit historisch fundieren und rekurriert dafür vor allem auf Friedrich Nietzsche. Dieser spielt für Niemeyers Vorhaben, eine „sexualpädagogische Wende“ (S. 23) einzuleiten, eine wichtige Rolle, denn in ihm erkennt der Autor einen wegweisenden „Theoretiker des Sexuellen vor Aufkommen einer förmlichen Sexualwissenschaft“ (S. 36). Der vorliegende Band ist daher auch als Plädoyer dafür zu lesen, Nietzsches Ideen in der Sozialpädagogik verstärkt zu rezipieren und so Versäumnisse der Disziplin aufzuholen. Die Kapitel II bis VI zirkulieren denn auch um Nietzsche sowie um die im 19. Jahrhundert weit verbreitete und sexuell übertragbare Krankheit Syphilis. Niemeyer holt weit aus und seziert vor allem französische Literatur des 19. Jahrhunderts sowie Nietzsches eigene Schriften, um ihn und seine Syphiliserkrankung zu kontextualisieren. Er argumentiert, dass Nietzsche, erstens, die zeitgenössische Tabuisierung von Sexualität als einen ausschlaggebenden Punkt für die Verbreitung von Syphilis verstand und dass er, zweitens, in den menschlichen Trieben den Motor für die Erschaffung eines selbstbestimmten Ichs jenseits aller (verlogener) Moral erkannte. Drittens habe sich Nietzsche – nicht zuletzt in seiner biographischen Betroffenheit als an Syphilis Erkrankter – für einen selbstbestimmten und akzeptierenden Umgang mit Sexualität in all ihrer Vielfalt ausgesprochen. Darin liege die Relevanz Nietzsches für die Sozialpädagogik.

In den Kapiteln VII bis X widmet sich Niemeyer dem Komplex pädagogischer Reformbewegungen um 1900, im Besonderen dem Wandervogel und der bündischen Jugend. Im Zentrum steht hier seine Kritik an den dortigen völkisch-antisemitischen und sexualfeindlichen Denkströmungen, so dass dieser Teil vor allem eine Abrechnung mit der affirmativ-apologetischen Historiographie der Jugendbewegung darstellt.[2] Niemeyers Argumente, beispielsweise bezüglich der unter Jugendbewegten häufigen antifeministischen Gesinnung, sind zweifellos gewichtig, allerdings auch weitgehend bekannt.[3] Demgegenüber verdienen Abschnitte zu bildungshistorisch bislang selten wahrgenommenen Schriften wie Artur Dinters „Die Sünde wider das Blut“ (1918) Aufmerksamkeit und untermauern Niemeyers Kritik an der katastrophalen Verknüpfung von Antisemitismus mit Misogynie sowie lust- und sexualfeindlichen Haltungen. Weniger überzeugend ist Niemeyers Argumentation, dass „dem geisteswissenschaftlich-pädagogischen Paradigma […] ein grundlegend sexualfeindliches Motiv innewohnt“ (S. 305). Zwar weist der Autor Herman Nohl und Eduard Spranger sexualfeindliche Ansichten nach, doch ist damit nicht erwiesen, ob diese über den Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts hinaus die geisteswissenschaftliche Pädagogik prinzipiell bestimmen.

In den letzten Kapiteln widmet sich Niemeyer den „68ern“ und schließlich zeithistorischen Ereignissen, unter anderem Bernd Siggelkows Skandalisierung einer vermeintlichen „sexuelle[n] Tragödie“[4] oder den gewaltförmigen Anfeindungen, denen Vertreter/innen einer Sexualpädagogik der Vielfalt von Rechtsaußen ausgesetzt waren. Elemente früherer sexualfeindlicher Diskurse leuchten hier, wie Niemeyer darlegen kann, erneut auf. Im Fazit leitet der Autor aus seinen Darlegungen unter anderem die Forderungen ab, dass eine engere und reflexivere Verknüpfung von sozialpädagogischer Theorie und Praxis etabliert werden müsse (S. 394) und dass Fragen der Sexualität „und die daraus sich ergebenden nicht-intendierten Effekte […] auf die Agenda der Ausbildung“ (S. 399) zu setzen seien, möglichst auch mittels (auto-)biographischer Methoden (S. 402).

Inhaltlich ordnet sich Niemeyers Band in eine Reihe bildungshistorischer und erziehungswissenschaftlicher Arbeiten ein, die nach der Bedeutung des Sexuellen in der (Sozial-)Pädagogik fragen – und zwar mit der Absicht, Missbrauch und Gewalt in der pädagogischen Praxis dadurch zu vermindern, indem Sexualität zum explizit zu reflektierenden Gegenstand der Profession wird.[5] Allerdings grenzt sich Niemeyer deutlich von den Arbeiten Jürgen Oelkers oder Christian Füllers ab, denen er eine teils zu kurzschlüssige Argumentation nachweist.[6] Ungeklärt bleibt Niemeyers Verständnis von Sozialpädagogik gegenüber Pädagogik allgemein; ebenso wird nicht erklärt, wie Sexualität oder das Sexuelle terminologisch von Niemeyer gefasst werden. Aus sexualgeschichtlicher Perspektive ließe sich fragen, warum die Arbeiten Michel Foucaults[7] von Niemeyer nahezu unbeachtet bleiben; aus bildungshistorischer Sicht erscheint fragwürdig, ob es eine verstehende – und darin völlig unproblematische – Sozialpädagogik, deren „Ende“ Niemeyer konstatiert, jemals so gegeben hat. Insgesamt jedoch liefern die äußerst detaillierten und kenntnisreichen historischen Betrachtungen profunde und mitunter überraschende Belege für seine Argumentation.

Hinsichtlich formaler Aspekte bleibt ein ambivalenter Eindruck zurück. Zum einen ist der Band als Lehrbuch ausgewiesen, was es in seiner voraussetzungsreichen Fülle und in seiner mäandernden Denkweise nicht ist. Auch der von Micha Brumlik im Vorwort angekündigte „Paradigmenwechsel in Theorie und Geschichte der Sozialpädagogik“ (S. 14), den Niemeyers Arbeit anregen könne, schürt überhöhte Erwartungen. Irritierend sind ferner die von Niemeyer ausgetragenen Scharmützel. Zwar kann der Autor in vielen Streitfragen mit der Zustimmung des Rezensenten rechnen, doch die bisweilen polemischen Attacken sind überflüssig. Niemeyer hätte den Inhalt ohne Kolleg/innenschelte glaubwürdiger transportieren können. Sein unbedingter Wille zu überzeugen verleitet Niemeyer mitunter auch zu für sein Thema wenig relevanten Spekulationen, beispielsweise dass die Jugendbewegungsikone Hans Paasche seinen Tod – er wurde 1920 von rechten Freikorps erschossen – selbst inszeniert haben könnte, wofür Niemeyer lediglich Indizien vorlegen kann. Insgesamt hätte Niemeyers Arbeit mehr Überzeugungskraft, wenn er sich auf die Aspekte beschränkt hätte, die seinem eigentlichen Thema zuträglich sind – Fragen zu Sexualität und (Sozial-)Pädagogik. Wo ihm das gelingt, ist seine Arbeit stark.

Anmerkungen:
[1] Katharina Rutschky, Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, Frankfurt am Main 1977.
[2] Damit knüpft Niemeyer an frühere Publikationen an; vgl. Christian Niemeyer, Mythos Jugendbewegung. Ein Aufklärungsversuch, Weinheim 2015; und ders., Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend, Tübingen 2013.
[3] Vgl. u.a. Claudia Bruns, Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934), Köln 2008.
[4] Bernd Siggelkow, Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist, Asslar 2008.
[5] Die Mehrzahl solcher Arbeiten erschien seit 2010 im Zuge der Aufdeckung sexueller Gewalt an verschiedenen pädagogischen Einrichtungen. Vgl. u.a. Michael Hagner, Der Hauslehrer. Die Geschichte eines Kriminalfalls. Erziehung, Sexualität und Medien um 1900, Berlin 2010; Peter Dudek, „Liebevolle Züchtigung“. Ein Missbrauch im Namen der Reformpädagogik, Bad Heilbrunn 2012; Werner Thole et al. (Hrsg.), Sexualisierte Gewalt, Macht und Pädagogik, Opladen 2012; Meike Sophia Baader et al. (Hrsg.), Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968, Köln 2017.
[6] Christian Füller, Sündenfall. Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte, Köln 2011; Jürgen Oelkers, Eros und Herrschaft. Die dunklen Seiten der Reformpädagogik, Weinheim 2011; ders., Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker, Weinheim 2016. Siehe dazu auch die Rezension von Britta L. Behm, in: H-Soz-Kult, 17.10.2016, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-23912 (27.08.2020).
[7] Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit, 4 Bde., Frankfurt am Main 1977–2019.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.09.2020
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/