: Theodor Fontane. Der Romancier Preußens. München  2019. ISBN 978-3-406-73437-3

: Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung. Reinbek bei Hamburg  2018. ISBN 978-3-498-00099-8

: Theodor Fontane. Biografie. München  2018. ISBN 978-3-446-26035-1

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lennart Bohnenkamp, Institut für Geschichtswissenschaft, Technische Universität Braunschweig

„Der künftige Biograph thut mir leid“, entschuldigte sich Fontane schon 1882 im voraus bei den Generationen von Wissenschaftlern, die einmal seine Biografie schreiben würden. Es geschehe in seinem Leben „absolut gar nichts“, in seinem Tagebuch stehe immer nur: „Gearbeitet, Abendspaziergang, gelesen.“[1]

Es ist unklar, ob Hans Dieter Zimmermann, Regina Dieterle und Iwan-Michelangelo D'Aprile die Entschuldigung annehmen würden. Sie alle drei sind Literaturwissenschaftler, letzterer auch Historiker, und haben Fontane zu seinem 200. Geburtstag mit einer Biografie beehrt. Aber wie schreibt man die Biografie eines Familienvaters und Ehemannes, der sich dafür entschuldigen muss, dass er außer einem Ausflug als Barrikadenkämpfer des Frühjahrs 1848 und einigen Abstechern als Kriegsberichterstatter in den Bismarckschen Einigungskriegen nichts erlebt hat, was Stoff hergeben könnte für auch nur eine der heldenhaften Balladen oder auch nur einen der hochdramatischen Romane, die Fontane selbst geschrieben hat? Wie schreibt man also die Biografie eines Mannes, der die längste Zeit seines Lebens im Hauptberuf Schreiber und Leser war, ein „Scribifax“ (Fontane über Fontane), der Texte in allen möglichen Formen verarbeitet hat? Und – letzte Frage – was lässt sich eigentlich noch Neues über ein Leben sagen, das doch ausgeforscht und auserzählt zu sein scheint, nachdem schon Fontanes 100. Todestag vor 21 Jahren eine wahre Biografie-Lawine ausgelöst hatte?

Alle drei Biografien – das wäre dem Jubilar sicherlich eine Freude gewesen – beantworten diese Fragen auf ihre Weise und gerade in dieser Vielstimmigkeit liegt auch der Reiz einer Sammelrezension.

Die konventionellste Biografie hat Hans Dieter Zimmermann vorgelegt. Seine Biografie steht in der Tradition der älteren Fontane-Forschung, insbesondere in der Tradition des Standardwerks von Hans-Heinrich Reuter (1923–1978).[2] Das Charakteristikum der älteren Forschung ist ihre teleologische Blickrichtung: Sie versteht Fontane von seinem Lebensende her, also in seiner letzten Rolle, der Rolle als Schriftsteller. Das Cover der Zimmermannschen Biografie zeigt daher eine nachkolorierte Fotografie von 1896, auf der wir den „Romancier Preußens“ – so der Untertitel der Biografie – am Schreibtisch sitzen sehen. Und so begegnet Fontane uns auch in der Biografie vor allem in seinen letzten beiden Lebensjahrzehnten (1878–1898), in denen er seine Romane geschrieben hat. Was Fontane selbst über seinen Vater sagt, sagt Zimmermann über Fontane: „Denn wie er ganz zuletzt war, so war er eigentlich.“ Und fährt fort: „Ein Satz, der gerne auch auf den Sohn angewandt wird, der nach einem langen Arbeitsleben als Apotheker, als Journalist, als Balladendichter, als Korrespondent, als Kriegsberichterstatter, als Theaterkritiker endlich in hohen Jahren zu seinem eigentlichen Werke fand: zu seinen Romanen, die ihn über die anderen deutschen Autoren hinausheben, und zu seinen späten Briefen, die ihn an Klarsicht über viele seiner Zeitgenossen stellen.“ (S. 18) Selbstverständlich erzählt Zimmermann in seiner Biografie auch von Fontanes Werdegang vom Sohn eines brandenburgischen Apothekers zum Bestsellerautor des deutschen Kaiserreichs. Aber schon die stufenförmig angelegten Titel der drei Hauptkapitel – „Lehrjahre“, „Wanderjahre“, „Meisterjahre“ – erzeugen einen Dreiklang, der den Akzent auf die letzte Note setzt: Die Biografie ist so etwas wie der Entwicklungsroman eines gescheiterten Apothekers, der schon als junger Mann nichts anderes werden will als Schriftsteller und der schließlich nach vielen „Irrungen, Wirrungen“ am Ziel seiner Träume angelangt ist.

Zimmermann schreibt daher weniger eine Biografie über Fontanes Leben als vielmehr eine Biografie über Fontanes Texte, vor allem über das Spätwerk und diejenigen Schriften, die Zimmermann als Vorläufer der Romane einordnet, also in erster Linie die fünfbändigen Reisefeuilletons „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (1862–1889 veröffentlicht) und die Erlebnisberichte aus den Einigungskriegen (1866–1876 veröffentlicht). In seiner Biografie interessiert sich Zimmermann also vor allem dafür, was Fontane geschrieben hat: Jeder Band der „Wanderungen“ und jeder Kriegsbericht bekommt genauso wie die meisten Romane jeweils ein eigenes Kapitel. Diese Kapitel folgen stets demselben Schema: Auf eine ausführliche Inhaltsangabe folgt eine Mischung aus textimmanenten und autorintentionalen Interpretationen. Die methodisch ausdifferenzierteren Interpretationsansätze der neueren Fontane-Forschung werden dafür nicht herangezogen. Die Quellen- und Literaturgrundlage der Biografie ist dementsprechend überschaubar und eher veraltet. So verwendet Zimmermann als Hauptquelle die etwas in die Jahre gekommene Nymphenburger Fontane-Ausgabe (1959–1975) und zusätzlich einige ältere Briefausgaben. Neuere Werkausgaben wie die Hanser Fontane-Ausgabe (1971–1997) und die noch nicht abgeschlossene Große Brandenburger Ausgabe (seit 1994) nimmt er nicht zur Kenntnis und übersieht dadurch sowohl Fontanes umfangreichen Briefwechsel als auch Fontanes mittlerweile publizierten Tage- und Notizbücher. Die Biografie ist daher insgesamt nicht auf dem Stand der neuesten Forschung, sie will aber auch ausdrücklich „kein Beitrag zur Forschung sein“, wie Zimmermann in seinem „Nachwort“ (S. 431–432) feststellt. Dort gibt er sich auch unumwunden als Fontane-Fan zu erkennen und spricht von seiner „Liebe zu Theodor Fontane“ (S. 431) und dessen Romanfiguren. Hans Dieter Zimmermann hat eine Biografie geschrieben nicht für Wissenschaftler, sondern für Liebhaber und solche, die es noch werden können.

Die umfangreichste Biografie hat Regina Dieterle vorgelegt. Ihr Band ist so etwas wie das Gegenstück zu den großen Biografien der älteren Fontane-Forschung – neben der bereits erwähnten Biografie von Hans-Heinrich Reuter sei noch das neuere Standardwerk von Helmuth Nürnberger (1930–2017) genannt.[3] Diese Biografien hatten sich – genauso wie Zimmermann – ihrem Protagonisten ganz in seiner Rolle als Schriftsteller verschrieben. Regina Dieterle nimmt dagegen die Tendenz der neueren Forschung auf, Fontane auch in seinen früheren Rollen zu porträtieren: als Apotheker, Revolutionär, Regierungsmitarbeiter, Redakteur, Auslandskorrespondent, Reiseschriftsteller, Kriegsbuchautor und Theaterkritiker. Und auch der Familienmensch Fontane mitsamt seiner Ehefrau Emilie und seiner Tochter Martha steht im Gegensatz zu früheren Biografien mehr im Mittelpunkt. An dieser Stelle macht sich die Expertise bemerkbar, die sich Dieterle mit ihrer Biografie über die Tochter Martha erworben hat.[4] Noch kein Fontane-Forscher hat es geschafft, eine solche Materialfülle an Nachlässen, Archivalien, Werkausgaben und Studien für eine Biografie zu verwerten. Allein mit dieser engagierten und akribischen Forscherleistung ragt Regina Dieterles Werk aus der Masse an Fontane-Biografien heraus. Liegt hier also ein neues Standardwerk vor? Die Vorzeichen standen ja günstig: Seit den letzten Biografien rund um Fontanes 100. Todestag hat die Grundlagenforschung gewaltige Fortschritte gemacht: Das Fontane-Handbuch erschien 2000, die Fontane-Bibliografie 2006, das Fontane-Lexikon 2007, die Fontane-Chronik 2010. Sollten wir also Regina Dieterles Biografie neben diese Standardwerke ins Regal stellen? Das nun auch wieder nicht, denn das Problem ihrer Biografie besteht darin, dass sie sich in ihrer thematischen Schwerpunktsetzung von der älteren Fontane-Forschung abgrenzt, gleichzeitig aber in ihren Leitfragen deren teleologische Blickrichtung übernimmt: „Was trieb Fontane an, wie ging er als Schriftsteller vor und warum dauerte es so lange, bis er zum Romaneschreiben kam?“ (S. 693) Gerade die letzte Frage zeigt, dass Dieterle sich nicht von dem Fontane-Bild der älteren Forschung lösen kann und letztlich in das Muster einer konventionellen Biografie zurückfällt.

Der biografische Bezugspunkt ihres Buches ist daher genauso wie bei Zimmermann das Jahr 1878, als Fontane mit seinem Roman „Vor dem Sturm“ den Durchbruch zum Romancier schaffte. Der Unterschied zwischen den beiden Biografien besteht lediglich darin, dass sich Zimmermann mehr für die Zeit danach interessiert und Dieterle mehr für die Zeit davor, also den „Weg dahin“ (S. 13), wie sie das nennt. Das Cover zeigt dementsprechend eine nachkolorierte Fotografie von 1879, auf der wir den nunmehr erfolgreichen Schriftsteller Fontane in Großaufnahme sehen, wie er selbstbewusst zurückblickt. Und in Großaufnahme lichtet Dieterle auch Fontanes Werdegang vor 1878 ab: In allen Details und Farben lesen wir in streng chronologischer Reihenfolge von seinen unterschiedlichen Lebensstationen, von seiner Herkunft aus einer Apothekerfamilie, der Heirat mit Emilie, der Familiengründung und der Geburt der Kinder, den Geldsorgen, den prekären Beschäftigungsverhältnissen und den schwierigen Arbeitsbedingungen, bis er – allen Widrigkeiten zum Trotz – schließlich im Jahr 1878 den Durchbruch schafft, auch dank der Unterstützung seiner sich für ihn aufopfernden Familie. Über den Inhalt und über mögliche Interpretationen all der Balladen, Korrespondenzen, Reisefeuilletons, Kriegsberichte, Theaterkritiken und Romane erfahren wir allerdings nur sehr wenig, dafür aber sehr viel über ihre komplexe Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte, über die Phasen des Schreibprozesses, über die Mitwirkung seiner Ehefrau und seiner Tochter und über die begleitenden Gesundheits- und Gemütszustände der Familie Fontane.

Regina Dieterle bleibt dem historischen Fontane sozusagen dicht auf den Fersen, Hans Dieter Zimmermann bleibt ihm dicht an den Versen. Die familiären Hintergründe und die privaten Lebensverhältnisse der Fontanes vermag Regina Dieterle mit einer manchmal geradezu erschöpfenden Akribie zu schildern, die journalistische und literarische Bedeutung von Theodor Fontane erschließt sich dem Leser auf diese Weise jedoch nicht. Wir dürfen also weiter auf die große Fontane-Biografie warten, die auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstands eine multiperspektivische und dadurch ganzheitliche Perspektive auf Fontane wirft.

Die originellste Biografie hat Iwan-Michelangelo D'Aprile vorgelegt. Seine Band bricht nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch mit der konventionellen Form bisheriger Fontane-Biografien. Schon das Cover zeigt – für eine Biografie recht ungewöhnlich – nicht etwa Fontane, sondern das Ölgemälde einer dampfenden Eisenbahn in Cardiff aus dem Jahr 1896. Das Buch ist tatsächlich weniger eine Biografie als vielmehr ein „Epochenporträt“ (S. 15), es erzählt die Geschichte des 19. Jahrhunderts als „Jahrhundert in Bewegung“ – so der Untertitel – mit all seinen Revolutionen der Verkehrsverhältnisse, des Wirtschaftssystems, der Politik, der Kriegsführung, des Zeitungsmarkts und des Literaturbetriebs – und mittendrin bewegt sich Fontane. Diese Konzeption der Biografie als Epochenporträt ist geschickt gewählt, denn sie bewahrt D'Aprile davor, in die zwei gefährlichsten Fallen der Fontane-Biografik zu tappen.

Die erste Falle ist Fontanes Nachruhm als Schriftsteller, der den Biografen dazu verleitet, das Leben des Autors vor 1878 nur als Vorgeschichte zu seinem Durchbruch als Romancier zu erzählen – wir sprachen davon. Im Gegensatz dazu hat bei D'Aprile jede Lebensstation, in der Fontane sich befunden hat, und jede Rolle, die er gespielt hat, ihr eigenes Recht oder – um es mit den Worten eines anderen großen Geschichtsschreibers des 19. Jahrhunderts zu sagen – ist „unmittelbar zu Gott“ (Leopold von Ranke). Und so interessiert sich D'Aprile für den „Apotheker“ genauso wie für den „Journalisten“ und den „Romancier“ – diesen drei Rollen sind die drei gleichgewichtigen Hauptkapitel der Biografie gewidmet. So hat D'Aprile es beispielsweise nicht nötig, so wie Zimmermann (S. 125–129) und Dieterle (S. 301–305) Fontanes Abschied aus dem Apothekerberuf als selbstbewusste und risikofreudige Entscheidung für seinen Lebenstraum einer Schriftsteller-Existenz zu deuten. Bei D'Aprile (S. 161–177) kommt diese Entscheidung sehr viel nüchterner daher: Der frisch verheiratete 30-jährige Fontane brauchte dringend Geld und hätte genauso gut eine Stelle als Privatlehrer, Hilfsbibliothekar, Eisenbahnschaffner oder auch wieder als Apotheker angenommen, wenn er sie denn bekommen hätte.

Die zweite Falle ist die hervorragende Quellen- und Literaturgrundlage, die den Biografen dazu verleitet, Fontanes Leben und Werk in streng chronologischer Reihenfolge bis ins kleinste Detail zu rekonstruieren – wir sprachen auch hiervon. Demgegenüber beweist D'Aprile die wohl am meisten unterschätzte Tugend des Biografen: den Mut zur Lücke. Sein Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und folgt einer lockeren Chronologie, die immer wieder von Zeitsprüngen durchbrochen wird. Dieses Gliederungsprinzip erlaubt D'Aprile einen systematischeren Zugriff auf bestimmte Aspekte, die von einer streng chronologischen Darstellung nicht erfasst werden können.

Ein Beispiel, das zeigt, wie geschickt D'Aprile beide Fallstricke zu umgehen versteht: Wenn wir bei Zimmermann Werk für Werk nachlesen können, was Fontane geschrieben hat, und bei Dieterle Werk für Werk genauestens darüber unterrichtet werden, wann und wo er geschrieben hat, geht es bei D'Aprile vor allem darum, wie er geschrieben hat: von der Sammlung und Verarbeitung des Stoffs in seinen Notizbüchern und auf seinen Reisen in England, Schottland und Brandenburg, über die Skizzierung erster Projektentwürfe und die Verhandlungen mit Zeitungen und Zeitschriften bis hin zur Ausarbeitung, Kompilation und Veröffentlichung der Texte. In den Kapiteln „Provinzialkorrespondenz und Heimatexpedition“ (S. 248–263) und „Romane in Serie“ (S. 335–386) werden Fontanes Vermarktungsstrategien genauso wie seine Schreibpraktiken und Erzählverfahren in den Kontext des expandierenden Berliner Politik-, Zeitungs- und Literaturbetriebs, aber auch in die Tradition der europäischen Reise- und Romanliteratur eingeordnet. Auf diese Weise eröffnet die Biografie Fontanes tatsächlich einen Blick auf das 19. Jahrhundert als „Jahrhundert in Bewegung“; der Privatmann Fontane tritt dabei allerdings deutlich hinter den professionellen „Scribifax“ zurück.

D'Aprile bezieht in seiner systematischen Analyse einige von Fontanes Klassikern, aber auch einige fragmentarische und unveröffentlichte Romanentwürfe mit ein, ohne detailliert auf jeden einzelnen Band der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ oder auf jeden einzelnen der großen Romane einzugehen. Seine Textinterpretationen gehen dabei über die textimmanten und autorintentionalen Interpretationen von Zimmermann und Dieterle weit hinaus: Die Biografie ist durchgängig auf dem Stand der neuesten Forschung geschrieben und auch wenn sie insgesamt nicht an die Materialfülle von Dieterles Biografie heranreicht, zieht sie doch einige neuere Studien heran, die weder von Zimmermann noch von Dieterle berücksichtigt werden. Während wir zum Beispiel bei Zimmermann (S. 239–241) und Dieterle (S. 522–525) noch nachlesen können, dass Bismarck höchstpersönlich den Kriegsberichterstatter Theodor Fontane im Herbst 1870 aus der Kriegsgefangenschaft in Frankreich befreit habe, entlarvt D'Aprile (S. 268–274) dies unter Hinweis auf eine jüngere Studie von Jana Kittelmann als „Bismarck-Legende“.[5] Und er mutet seinen Lesern auch die Erkenntnis zu, dass der kenntnisreichste Fontane-Biograf nicht auf alle Fragen eine Antwort haben muss: Die Frage etwa, was Fontane im Sommer 1850 dazu bewegte, während des ersten Schleswig-Holsteinischen Krieges für zwei Wochen ins Kriegsgebiet zu reisen, bleibt für D'Aprile schlichtweg ein „Rätsel“ (S. 171), während Zimmermann (S. 127–129) und Dieterle (S. 296) über diese Leerstelle in Fontanes Biografie geflissentlich hinwegerzählen. D'Apriles selbstreflexive und quellenkritische Biografie eignet sich daher für interessierte Laien genauso wie für Studierende und Fachwissenschaftler als aktuelle Einführung nicht nur in das Leben und Werk Fontanes, sondern auch als Einführung in die Geschichte des 19. Jahrhunderts.

Was bleibt also vom 200. Fontane-Geburtstag und seinen Biografien? Lassen wir am Ende noch einmal den Jubilar selbst zu Wort kommen, der ja ein leidenschaftlicher Leser von Biografien war. Bestimmt wäre er geschmeichelt gewesen von Zimmermanns Biografie über den „Romancier Preußens“, aber vielleicht hätte er dem Liebhaber wohlwollend zugeraunt, dass „zu viel Liebe“[6] den Blick eines Biografen auch verklären könne. Sicherlich wäre er auch beeindruckt gewesen von Dieterles detailreicher Biografie, aber vielleicht hätte er ihr auch aus eigener Erfahrung zugezwinkert, dass solche dicken Bücher mitunter eine „Kofferbeschwer“, ein „Ueberfrachtungsgegenstand“[7] werden könnten. Und ganz gewiss wäre er entzückt gewesen von D'Apriles Biografie über Fontanes „Jahrhundert in Bewegung“, hätte ihn aber auch freundlich ermahnt, dass er neben dem professionellen Texter auch „einen Menschen mit all seinen Menschlichkeiten“[8] zeigen müsse. Mag sein, dass ihm die allgemeine Verehrung an seinem 200. Geburtstag trotz aller Genugtuung am Ende auch etwas unheimlich geworden wäre. Dann hätte Fontane seinen drei Biografen die letzten Verse aus seinem Gedicht „Summa summarum oder Alles in allem“ ins Stammbuch geschrieben:

„Altpreußischer Durchschnitt. Summa Summarum,

Es drehte sich immer um Lirum Larum,

Um Lirum Larum Löffelstiel.

Alles in allem – es war nicht viel.“[8]

Nicht viel, aber doch genug.

Anmerkungen:
[1] Zitiert nach: Regina Dieterle, Theodor Fontane. Biografie, München 2018, S. 648.
[2] Hans-Heinrich Reuter, Fontane, 2 Bände, Berlin 1968.
[3] Helmuth Nürnberger, Fontanes Welt. Eine Biographie des Schriftstellers, erw. Neuausgabe, München 2007 (Erstausgabe 1997).
[4] Regina Dieterle, Die Tochter. Das Leben der Martha Fontane, München 2006.
[5] Jana Kittelmann, „Kriegsgefangen. Erlebtes 1870“ (1871), in: Hermann Gätje / Sikander Singh (Hrsg.), Übergänge, Brüche, Annäherungen. Beiträge zur Geschichte der Literatur im Saarland, in Lothringen, im Elsass, in Luxemburg und Belgien, Saarbrücken 2015, S. 103–116.
[6] Theodor Fontane an Wilhelm Hertz, 11.06.1894, in: Otto Drude / Helmuth Nürnberger (Hrsg.): Theodor Fontane: Werke, Schriften, Briefe. Abteilung IV, Band 4: Briefe. 1890–1898, München 1982, S. 366–367.
[7] Theodor Fontane an Karl Fritsch, 15.06.1898, in: Regina Dieterle (Hrsg.), Theodor Fontane. Briefe an Karl Emil Otto Fritsch und Anna Fritsch-Köhne. 1882–1898, Berlin 2006, S. 78.
[8] Joachim Krueger / Anita Golz (Hrsg.), Theodor Fontane. Gedichte. Einzelpublikationen, Gedichte in Prosatexten, Gedichte aus dem Nachlaß, Große Brandenburger Ausgabe Band 2, Teil 2, 2. durchges. und erw. Aufl., Berlin 1995 (1. Aufl. 1989), S. 486–487.

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12.02.2020
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