F. Klose: Humanitäre Intervention

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Titel
"In the Cause of Humanity". Eine Geschichte der humanitären Intervention im langen 19. Jahrhundert


Autor(en)
Klose, Fabian
Reihe
Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz 256
Erschienen
Göttingen 2019: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
516 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Friedrich Kießling, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Dass das Konzept der humanitären Intervention nicht erst in jüngster Zeit Eingang in die internationale Politik gefunden hat, ist innerhalb der Geschichtswissenschaft keine völlig neue Erkenntnis. Entsprechende Studien zu Idee und Praxis humanitärer Interventionen gerade im 19. Jahrhundert sind seit gut zehn Jahren einige erschienen. Im Zentrum stehen dabei meist die Eingriffe der europäischen Mächte im Osmanischen Reich. Aber auch die völkerrechtliche Dimension hat immer wieder Aufmerksamkeit auf sich gezogen.[1] Wirkliches Neuland betritt Fabian Klose mit seiner Arbeit zur Geschichte der humanitären Intervention im langen 19. Jahrhundert also nicht. Umso mehr interessiert, welche neuen Konturen er seinem Thema zu geben vermag.

Bei der Antwort auf diese Frage fällt zunächst die Schwerpunktsetzung der Arbeit auf. So konzentriert sich Klose, seit 2019 Professor für Internationale Geschichte und historische Friedens- und Konfliktforschung an der Universität zu Köln, keineswegs auf die bekannten Interventionen im Osmanischen Reich. Diese fehlen in der Darstellung zwar nicht. Sehr viel mehr Raum wird allerdings dem beginnenden Kampf gegen den internationalen Sklavenhandel seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert gewidmet. Ausführlich beschäftigt sich Klose zudem mit ideengeschichtlichen Kontexten seines Themas, sei es den frühen Diskussionen um eine internationale Zusammenarbeit, der Entstehung einer neuen „humanitären Sensibilität“ in den Jahrzehnten um 1800 oder der späteren Verbindung von Interventionismus und Imperialismus. Was die Eingriffe der europäischen Mächte im Osmanischen Reich anbelangt, beschäftigt sich Klose am intensivsten mit der Intervention in den griechischen Unabhängigkeitskrieg in den 1820er-Jahren.

Andere Interventionen, wie die Rolle der Mächte bei der Unabhängigkeit Kretas, dem multinationalen Einsatz in Albanien kurz vor dem Ersten Weltkrieg oder der – freilich diplomatischen – Dauerintervention in der Frage der mazedonischen Reformen, werden kaum erwähnt. Ausführlicher wiederum beschäftigt sich die Studie mit der Rolle der Vereinigten Staaten von Amerika innerhalb der Entwicklung einer internationalen Praxis humanitärer Intervention im langen 19. Jahrhundert, wobei der Amerikanisch-Spanische Krieg von 1898 sowie seine humanitären Begründungen in den USA im Mittepunkt stehen. Und schließlich fehlen auch Fallbeispiele der Verbindung von humanitären Argumenten mit dem europäischen Imperialismus in Afrika nicht.

Diese Schwerpunktsetzung ist natürlich Programm. Vor allem möchte Klose zeigen, dass die gängige Interpretation, wonach sich die humanitäre Interventionspraxis des 19. Jahrhunderts erstens aus dem Eingreifen der europäischen Mächte zugunsten vermeintlich oder tatsächlich bedrohter christlicher Minderheiten im Osmanischen Reich entwickelt habe und zweitens auch weitgehend auf den östlichen Mittelmeerraum konzentriert gewesen sei, fehl geht. Für Klose erklärt sich das Aufkommen sowie die Etablierung humanitärer Interventionen im 19. Jahrhundert stattdessen aus dem Zusammenspiel dreier anderer Faktoren: Zeitlich am weitesten reicht danach das Aufkommen eines neuen Humanitarismus zurück, mit dem bereits im Verlaufe des 18. Jahrhunderts eine vermehrte Aufmerksamkeit für das Leiden anderer Menschen in der Öffentlichkeit entstanden sei. Diese im Kern ideengeschichtliche bzw. zivilgesellschaftliche Strömung habe sich (zweiter Faktor) am Beginn des 19. Jahrhunderts mit einer neuen Form internationaler Kooperation der Großmächte verbunden, die Klose auf den Wiener Kongress und die dort grundgelegten Mechanismen des europäischen Konzerts zurückführt. Erstes und auch wohl wichtigstes Beispiel für die Praxis der humanitären Intervention sei auf dieser Grundlage das jahrzehntelange Vorgehen vor allem der britischen Royal Navy gegen den Sklavenhandel gewesen. Im weiteren Verlauf kam dann als dritter Faktor die Verbindung der Idee und Praxis der humanitären Intervention mit der zivilisatorischen Ideologie des Imperialismus hinzu, die ein entsprechendes Eingreifen überall auf der Welt möglich machte. In Letzteres ordnet sich insbesondere das USA-Kapitel ein, mit dem Klose die enge Verflechtung von Humanitätsvorstellungen und handfestem Imperialismus bei dem US-amerikanischen Eingreifen auf Seiten der kubanischen Aufständischen zeigen möchte, das letztendlich bekanntlich nicht nur zur informellen Kontrolle der karibischen Insel, sondern auch zur kolonialen Inbesitznahme der Philippinen durch die Vereinigten Staaten führte.

Nicht alles an Kloses Arbeit überzeugt gleichermaßen. So erscheint die ausführliche historische Darstellung des Kampfes gegen den Sklavenhandel in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überlang, zumal sie über weite Strecken vor allem ereignishistorisch angelegt ist und damit kaum Neues ans Licht befördern kann. Auch die Ausdehnung seiner Thesen über das gesamte 19. Jahrhundert erscheint an Kloses Argumentation gewagt. Mögliche Brüche bzw. Transformationen von Theorie wie Praxis der humanitären Intervention kommen so zu wenig in den Blick. Zumindest irritierend ist auch die regelmäßige Rückführung des gouvernementalen Internationalismus des 19. Jahrhunderts auf die Heilige Allianz und nicht etwa auf die Quadrupelallianz von 1814/15. Aber das ist ein Detail.

In ihrer Hauptthese vermag die Arbeit dagegen sehr wohl zu überzeugen. So gelingt es der Darstellung sehr gut, die Mechanismen des Zusammenspiels zwischen zivilgesellschaftlicher Abolitions-Bewegung und offizieller Politik, zuerst in Großbritannien, dann aber auch in anderen Ländern, zu zeigen. Auch der Nachweis, dass gerade beim ersten und vielleicht wichtigsten Beispiel für eine humanitäre Intervention im Osmanischen Reich, dem griechischen Freiheitskampf, das Vorgehen gegen den Sklavenhandel eine wichtige Vorbildrolle spielte – und es nicht einfach nur um das Argument der bedrohten christlichen Minderheit ging – gelingt gut. Gleiches gilt für die geografische Ausdehnung des Phänomens, das eben nicht nur im Nahen Osten eine Rolle spielte, sondern zumindest potentiell überall im imperialen Raum als humanitäres Argument zu nutzen war. Im Extremfall galt dies, wie Klose zeigen kann, sogar für das koloniale Terrorregime des belgischen Königs im Kongo. Die Entstehung von humanitären Interventionen im 19. Jahrhundert und deren geografische Reichweite werden vor diesem Hintergrund in Zukunft tatsächlich anders zu diskutieren sein.

Neben diesen historischen Erkenntnissen vermag die Arbeit aber auch den Blick auf die heutigen Diskussionen um humanitäre Interventionen oder das vielfach diskutierte „Responsibility to Protect“ als neues völkerrechtliches Prinzip zu bereichern. So zeigt sie sehr gut, dass zumindest für das 19. Jahrhundert das Souveränitätsgebot des Völkerrechts keineswegs so strikt vorherrschte, wie es im Nachhinein häufig für die Epoche des „Klassischen Völkerrechts“ behauptet worden ist. Das Dilemma zwischen Souveränitäts- und Interventionsgebot war auch im 19. Jahrhundert nicht unbekannt. Ähnliches gilt für die Mischung aus humanitären und real- bzw. interessenspolitischen Interventionsgründen, die Klose in allen seinen Fällen konstatiert. Humanitäre Intervention, so lässt sich aus Kloses Beispielen folgern, ist – jedenfalls sobald staatliche Akteure ins Spiel kommen – ohne Realpolitik offenbar nicht zu haben. Und vielleicht ist Letzteres sogar eine Bedingung für den Erfolg des Ersteren.

Anmerkung:
[1] Genannt seien nur Davide Rodogno, Against Massacre. Humanitarian Interventions in the Ottoman Empire, 1815–1914, Princeton 2011; Brendan Simms / D. J. B. Trim, Humanitarian Intervention. A History, Cambridge 2011 sowie Miloš Vec, Intervention/Nichtintervention. Verrechtlichung der Politik und Politisierung des Völkerrechts im 19. Jahrhundert, in: Ulrich Lappenküper / Reiner Marcowicz (Hrsg.), Macht und Recht. Völkerrecht in den internationalen Beziehungen, Paderborn 2010, S. 135–160.

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Veröffentlicht am
09.06.2020
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