K. Hagemann: Umkämpftes Gedächtnis

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Titel
Umkämpftes Gedächtnis. Die Antinapoleonischen Kriege in der deutschen Erinnerung


Autor(en)
Hagemann, Karen
Reihe
Die Revolutions- und Napoleonischen Kriege in der Europäischen Erinnerung
Erschienen
Paderborn 2019: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
XVI, 427 S.
Preis
€ 99,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dieter Langewiesche, Historisches Seminar, Universität Tübingen

Den heutigen Forschungsstand zu den antinapoleonischen Kriegen hat Karen Hagemann mit einer Vielzahl eigener und von ihr angeregten Studien mitgeprägt. Nun legt sie mit diesem Buch, von dem 2015 eine kürzere englische Fassung erschienen ist, eine Art Bilanz vor.

Sie ist auf die Erinnerungsgeschichte bis 1913 konzentriert, doch Teil I behandelt die Kriegsgeschichte zwischen 1806 und 1815. Bereits dieser Einstieg bietet mehr als einen bloßen Überblick. Zum einen wird der Kriegsalltag von Zivilisten in Sachsen 1813/14 aus den Quellen sichtbar gemacht: die Typhus-Epidemie, der viele Menschen in Leipzig und im Umland zum Opfer fielen; die zerstörten Ortschaften; die Taktik der „verbrannten Erde“ auf dem Rückzug der französischen Truppen; die Hilfsvereine, unter ihnen in Leipzig drei Frauenvereine. Vor allem aber will Hagemann schon in diesem ereignisgeschichtlichen Teil zeigen, wie sehr die gesellschaftlichen Kriegserfahrungen sich unterschieden, je nachdem wie die Region, in der man lebte, von den Kriegen betroffen war, ob sie von französischen Truppen besetzt wurde oder auf der Seite Napoleons stand. Hagemann betrachtet vorrangig Preußen und norddeutsche Gebiete, in denen Zusammenbruchs- und Ausbeutungserfahrungen in einen „patriotisch-nationalen“ Aufbruch führten. Die neuere Forschung vor allem zu den Rheinbundstaaten habe den preußischen Mythos vom nationalen Erweckungserlebnis so radikal verworfen, dass sie für das „patriotische Kollektiverlebnis“ von 1813 blind geworden sei. Selbst in Preußen habe es sich im Krieg von 1815 nicht wiederholt. Nachzuweisen wie stark und langfristig „1813“ gewirkt habe, zieht sich durch das Buch. Dass auch in Preußen die „patriotisch-nationale Mobilisierung“ regional, sozial und auch konfessionell sehr unterschiedlich war, zeigt Hagemann präzise an den Mobilisierungsquoten für die Landwehr und für Freiwilligenverbände. Doch in den Vordergrund rückt sie die „emotional aufwühlende Erfahrung“ des Krieges nicht nur „für den kleinen Kreis“ derer, die zum Kampf gegen Napoleon aufriefen, sondern „auch für die Masse der Soldaten und Offiziere, Bauern und Bürger, Männer wie Frauen“ (S. 112).

Die drei Hauptteile, die sich anschließen, fragen nach den kulturellen Praktiken des Mobilisierens und des Gedenkens, nach der Geschichtsschreibung und autobiographischen Erinnerungen sowie nach der Bedeutung von Romanen in der Erinnerungsgeschichte. Wo und wie Frauen sich engagierten und wie man sie auszugrenzen suchte, wird stets untersucht.

Die lokalen Feiern boten „fast alle eine Mischung aus militärischen, kirchlichen, landespatriotischen und bürgerschaftlichen Elementen“ (S. 117). In dieser Mischung gab es erhebliche Unterschiede, und es kam auch zu Konflikten. So suchte der preußische König schon 1813 die Initiative der Fahnenwidmung zurückzugewinnen. Er könne es nicht gestatten, „daß Frauenzimmer der Landwehr Fahnen geben können“ (S. 125). Der Wandel der Erinnerung und der gesellschaftliche Erinnerungsstreit, der sich damit verband, wird an den Feiern zum Gedenken der Leipziger Schlacht verfolgt. Auch das Eiserne Kreuz konnte Rivalitäten sichtbar machen. Als der preußische König es 1870 erneuerte, befolgte man im nicht-preußischen Militär nicht die Anordnung, es an erster Stelle der Ordensspange zu tragen. Die Orden des eigenen Staates wollte man dem preußischen nicht unterordnen.

Zu den Kriegserinnerungen und Autobiographien sowie den Romanen hat die Autorin zwei Datenbanken angelegt, in die auch Autoren und Autorinnen aus Österreich einbezogen wurden. Allerdings wird nicht gefragt, ob sich österreichische Spezifika erkennen lassen. Österreichs großer Anteil an den antinapoleonischen Kriegen wird auch hier – wie in der Forschung insgesamt – kaum sichtbar.

Zu den Kriegen von 1813–1815 setzte schnell eine rege Geschichtsschreibung ein, die Hagemann differenziert in akademisch, militärisch und populär. Aus ihr konnten die literarischen Texte, von denen historische Genauigkeit erwartet wurde, schöpfen. Für sie schuf der expandierende Literaturmarkt, der ausführlich vorgestellt wird, gute Bedingungen. Autor/innen nutzten sie in beträchtlichem Maße.

Im Vergleich dieser Textgattungen kommt Hagemann zu wichtigen Einsichten. Die akademische Geschichtsschreibung war keineswegs einheitlich, doch insgesamt entwarf sie ein weniger differenziertes Bild von den Kriegen als die Romanliteratur und auch als die populäre und die militärische Geschichtsschreibung. Die Militärexperten würdigten die Leistungen der Koalitionspartner und des Gegners. In allen Bereichen der Geschichtsschreibung wurde der Anteil unterbürgerlicher Schichten und der Frauen gänzlich ausgeklammert oder an den Rand gerückt. „Dieses Vergessen reflektiert das hochgradig durch Geschlechterbilder geformte Geschichtsverständnis der Historiker im 19. Jahrhundert“ (S. 231).

Die Erinnerungsliteratur war vielfältig, weil ihre Autoren (überwiegend Männer) aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Geschehen schauten. Offiziere aus den Rheinbundstaaten sprachen politische Fragen meist nicht an, die preußischen Offiziere zeigten sich überwiegend konservativ-monarchisch, die Erinnerungen von Freiwilligen betonten die uneingelösten Versprechen. Hagemanns Bilanz lautet deshalb: Bis 1871 kann „von einem dominierenden Einfluss preußischer Erinnerungstexte national-liberaler wie monarchisch-konservativer Prägung […] nicht die Rede sein“ (S. 294).

Der historische Roman entwarf von der Zeit der antinapoleonischen Kriege ein eigenständiges Bild. „Der gebildete Bürger – und die Bürgerin – suchte und fand als Autor und Autorin wie als Leser und Leserin im historischen Roman die eigene Geschichte“ (S. 308). Sie ging nicht konform mit der Geschichte der Geschichtsschreibung, hatte andere Helden und auch Heldinnen. In den Romanen trat die deutsche Nation in ihrer regionalen Vielfalt auf. Diese Vielfalt wurde in ihnen „gleichsam zu einem festen Bestandteil der deutschen Nationalidentität“ (S. 333). Nach der Reichsgründung verliere jedoch die Region zunehmend ihre politische Bedeutung. Auch die Grenzen der Nation werden in den Romanen sichtbar, vor allem gegenüber Juden und Polen. Die Romane stehen hier für das gesamte Spektrum an Meinungen – von den verschiedenen Spielarten des Antisemitismus bis zum Philosemitismus. Auch die Beziehungen zwischen den sozialen Schichten, Generationen und Geschlechtern werden ausdrücklich thematisiert. In der Nation als „Volksfamilie“ erscheinen die unterschiedlichen Positionen zwar als „natürlich“, doch allen werden Handlungsräume zugesprochen. Auch Romane mit entschieden liberal-demokratischer Wertung hatten Erfolg. Diese Vielfalt vor Augen zu führen, macht Hagemanns Werk zu einem wichtigen Beitrag zur deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert, weit über das Thema antinapoleonische Kriege hinaus.

Abschließen sei noch ein Problem angesprochen, dass in hohem Maße in der Unbestimmtheit der Quellensprache liegt. An vielen Stellen spricht die Autorin präzise von preußischer Nation, weil die Quellen hier eindeutig sind. An noch mehr Stellen ist von deutsch-national die Rede. Was das konkret heißen soll, bleibt meist ungeklärt. Wahrscheinlich sind auch die Quellen hier nicht eindeutig. Ein begriffsgeschichtlicher Exkurs zur Vielfalt dessen, was man damals unter Nation verstand und wie sich dies änderte, wäre hilfreich gewesen. Vielleicht kann ihn Karen Hagemann mit ihrem reichen Quellenmaterial an anderer Stelle nachholen.

Redaktion
Veröffentlicht am
07.11.2019
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