P. Escudé: Imprimerie et pouvoir

Cover
Titel
Imprimerie et pouvoir. Politique, livre et langue à Toulouse de 1475 à 1617


Autor(en)
Escudé, Pierre
Reihe
Cahiers d'humanisme et Renaissance 145
Erschienen
Anzahl Seiten
272 S.
Preis
€ 45,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Charlotte Kempf, Stuttgart

Obgleich die Forschungsliteratur zur Druckkultur im 15. und 16. Jahrhundert kaum noch überblickt werden kann, liegen nur wenige monographische Studien zum Druckwesen in einzelnen Städten vor. Hans-Jörg Künast publizierte 1997 seine Dissertation zur frühen Augsburger Druckkultur, die bis heute ein Standardwerk ist.[1] Ebenso liegen beispielsweise Untersuchungen zu Basel[2], zu Straßburg[3] sowie zur Bretagne[4] vor. Mit der 2017 erschienenen Monographie setzt Pierre Escudé diese Reihe fort. Das Buch widmet einer Stadt vertiefte Aufmerksamkeit, die bislang nicht Gegenstand einer umfassenden Gesamtbetrachtung war. Escudé ist seit mehreren Jahren Professor an der Ecole Supérieure du Professorat et de l’Education (ESPE) an der Universität Bordeaux. Er beschäftigte sich bereits in seiner Doktorarbeit mit dem literarischen und politischen Leben in Toulouse im 16. und 17. Jahrhundert und veröffentlichte zu diesem Themenbereich mehrere Arbeiten. Überdies ist er ausgewiesener Experte für romanische Sprachen, insbesondere Okzitanisch, sowie für Sprachenvielfalt. Bei der Monographie konnte er daher auf breite Kenntnisse zurückgreifen.

Unter den französischen Druckorten steht Toulouse an Produktion und Bedeutung zweifellos hinter Paris und Lyon zurück. Auch die französische Forschung ist auf die beiden Zentren fokussiert. Dennoch ist die Betrachtung von Toulouse lohnenswert: Schon 1475 wurde hier erstmalig eine Druckerei von Johann Parix und Heinrich Turner eingerichtet, wodurch Toulouse zu den ersten fünf französischen Städten mit einer eigenen Druckerei gehört. Zum Vergleich: In Paris wurde 1470 die erste Druckerei errichtet, in Lyon 1473. Toulouse gehört außerdem zu den wenigen französischen Städten, in denen die eigene, städtische Produktion nicht bereits nach wenigen Jahren endete, sondern noch im 15. Jahrhundert fortgeführt wurde. Rund 140 Ausgaben erschienen bereits im 15. Jahrhundert in Toulouse, womit die Stadt zu den produktivsten Druckstädten Frankreichs zählt. Durch die große Anzahl von Ausgaben sowie die hohe Präsenz von Buchdruckern und Buchhändlern bietet Toulouse reiches Anschauungsmaterial für eine historische Untersuchung.

In seiner Monographie verknüpft Escudé die politische und ökonomische Entwicklung mit derjenigen des Druckwesens von seinem Beginn im 15. Jahrhundert bis in die ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts und erläutert den Verlauf der Sprach- und Gattungsproduktion. So gelingt, wie der Autor bereits im Untertitel des Buches ankündigt, eine Verbindung der Druckkultur mit den Feldern Politik und Sprache in der Zeit zwischen 1475 und 1617. Entsprechend ist sein Buch in diese drei Großkapitel untergliedert.

Obgleich Escudé der Inkunabelzeit vergleichsweise wenig Raum widmet, kann er zeigen, welche günstigen Voraussetzungen die Stadt für die Entfaltung der Druckkultur bot: Sie war Sitz eines Parlements und einer Universität, wies eine große Einwohnerzahl auf, war eine wichtige Handelsstadt und bedeutender Ort des Austauschs humanistischer Ideen. Im 16. Jahrhundert expandierte die Stadt zunächst weiter, doch schon bald geriet sie in massive konfessionelle Konflikte, die einen strukturellen wirtschaftlichen Niedergang und die politische Isolation der Stadt zur Folge hatten.

Wie sehr die Stadtentwicklung das Druckwesen beeinflusste, wird besonders im zweiten Kapitel deutlich. Escudé macht innerhalb seines Untersuchungszeitraums vier Perioden der Druckproduktion aus: von 1475 bis 1532 die Entwicklung des Druckwesens und des ökonomischen Aufstiegs, von 1532 bis 1562 den Niedergang des Humanismus und den Beginn politischer und religiöser Konflikte, von 1562 bis 1596 einen Zeitabschnitt der Religionskriege, Gegenreformen und Bürgerkriege sowie 1596 bis 1620 die Wiederherstellung des Friedens und den Versuch einer Rückerlangung des städtischen Gleichgewichts. Die Druckproduktion, die so aussichtsreich und vielversprechend begonnen hatte, wurde durch politische und religiöse Verwicklungen ausgebremst. In den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts war der Höchststand der Produktion aus der Mitte des vorangegangenen Jahrhunderts noch nicht erreicht; gleichzeitig konnten andere Städte wie Bordeaux eine rege Druckkultur aufbauen. Toulouse hingegen versuchte mühsam, den Weg zurück zum Frieden und zur wirtschaftlichen und intellektuellen Blüte zu finden.

Escudé zeigt, dass einerseits das neue Medium für politische und konfessionelle Zwecke instrumentalisiert wurde, andererseits Kirche und Politik dieses Medium selbst massiv kontrollierten und einschränkten. So wurden während der Religionskriege zahlreiche Buchdrucker und Buchhändler vertrieben, verfolgt oder ermordet und ihre Druckprogramme reglementiert. Die Produktion bestimmter Texte geriet zu einem gefährlichen Unterfangen. Trotz dieser Konflikte, der Gefahren und des Einbruchs der Druckkultur blieb Toulouse Standort sehr produktiver Drucker, die mit ihrem Programm den Buchmarkt beherrschten, namentlich Guyon Boudeville und Jacques Colomiès, denen Escudé vertiefende Kapitel widmet.

Im dritten Teil analysiert Escudé die Druckproduktion im Hinblick auf Gattungen und Sprachen. Die Produktion etwa juristischer Werke ging deutlich zurück, nachdem die Universität durch die konfessionellen Auseinandersetzungen an Bedeutung verloren hatte. Stattdessen nahmen Texte der Kontroverse und Propaganda einen großen Stellenwert ein. Damit hängt ein weiteres Phänomen zusammen, das auch bei anderen Städten im 16. Jahrhundert beobachtet werden kann, nämlich der Anstieg der volkssprachlichen Druckproduktion. Am Beispiel von Toulouse lässt sich dieser Sprachenwandel anschaulich erläutern, da die schwierige politische Entwicklung eine neue Sprache der Vermittlung und Kommunikation mit der gesamten Bürgerschaft notwendig machte. Ein besonderes Augenmerk legt Escudé auf die okzitanische Sprache: Sie erlebte im Untersuchungszeitraum mehrere Konjunkturen, wurde zum Gegenpol des Französischen und verschwand schließlich fast vollkommen. Ebenso wandelte sich das mit dieser Sprache verbundene Milieu: von der Sprache der Laien über die Sprache der Literatur bis hin zur Sprache der Mündlichkeit. Sprache wird in Toulouse zu Beginn der Frühen Neuzeit zum Medium des nationalen Verständnisses und erscheint dabei ebenso wie der Textinhalt selbst als Träger soziokultureller Identität.

Escudé unterstützt seine Ausführungen mit einem schematischen Stadtplan, zwölf Tabellen und zehn Diagrammen, die zur Anschaulichkeit und zum Nachvollzug seiner Thesen eine große Hilfe sind. Allerdings hätte der Autor sein Buch etwas großzügiger mit Illustrationen ausstatten können, zumal zwei der insgesamt drei Abbildungen aus demselben Buch stammen. Zusammengenommen bietet Escudé einen informativen und griffigen Zugang zu einem komplexen Thema. Das Buch sollte unbedingt auch von der deutschen Forschung beachtet werden.

Anmerkungen:
[1] Hans-Jörg Künast, „Getruckt zu Augspurg“. Buchdruck und Buchhandel in Augsburg zwischen 1468 und 1555 (Studia Augustana 8), Tübingen 1997.
[2] Pierre L[ouis] van der Haegen, Der frühe Basler Buchdruck. Ökonomische, sozio-politische und informationssystematische Standortfaktoren und Rahmenbedingungen (Schriften der Universitätsbibliothek Basel 5), Basel 2001.
[3] Miriam Usher Chrisman, Lay Culture, Learned Culture. Books and Social Change in Strasbourg 1480–1599, New Haven u.a. 1982.
[4] Malcolm Walsby, The Printed Book in Brittany, 1484–1600 (Library of the Written Word 14 / The Handpress World 8) Leiden 2011.

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Veröffentlicht am
20.08.2019
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