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Titel
Von der Deliberationsdemokratie zur Zustimmungsdemokratie. Die öffentlichen Finanzen Athens und die Ausbildung einer Kompetenzelite im 4. Jahrhundert v. Chr.


Autor(en)
Rohde, Dorothea
Reihe
Schriften zur Alten Geschichte
Erschienen
Stuttgart 2019: J.B. Metzler Verlag
Anzahl Seiten
IX, 389 S.
Preis
€ 69,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Moritz Hinsch, Alte Geschichte, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Die vorliegende Arbeit von Dorothea Rohde ist die überarbeitete Fassung ihrer 2017 an der Universität Bielefeld angenommene Habilitationsschrift. Die Arbeit widmet sich der Frage, „wie sich ökonomische Elite, Verwaltungsexpertise und Demokratie zueinander verhalten“. Gegenstand dieser Fragestellung ist Athen im 4. Jahrhundert, einer Zeit, die Rohde als „Scharnierepoche “ zwischen „der ‚goldenen Zeit‘“ der Demokratie im 5. Jahrhundert und der von Königen dominierten hellenistischen Zeit bezeichnet (S. 3). Das Verhältnis von sozialer Stratifizierung und demokratischer Partizipation ist ein Grundproblem der Sozialgeschichtsforschung zum klassischen Athen, insbesondere auch in der deutschsprachigen Forschung.[1] Rohde geht das Problem aus einer neuen Richtung an, der New Fiscal History, welche öffentlichen Finanzen in ihrem sozialen und politischen Kontext verortet (vgl. S. 22–33). Damit begibt sich Rohde auf ein Forschungsfeld, das nach wichtigen deutschsprachigen Beiträgen im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einer Domäne der englischen und französischen Forschung geworden ist.[2]

Rohdes Arbeit gliedert sich in zwei Hauptteile: Im ersten (Kapitel 2 und 3) werden die athenischen Finanzen politisch kontextualisiert. Im zweiten Teil (Kapitel 4 und 5) wird der Zusammenhang zwischen der Entstehung einer sozio-ökonomischen Elite und dem Wandel der politischen Mentalität und Praxis rekonstruiert. Methodisch verbindet Rohde deutsche Tradition mit angelsächsischer Innovation. Max Weber tritt mit seinem Modell der Honoratioren-Regierung in Einleitung und Schlussbetrachtung prominent auf (Kapitel 1 und 6), aber ebenso greift Rohde Modelle der Neuen Institutionenökonomie (vgl. S. 35–37) und Spieltheorie (bes. S. 245–250) auf.

Die Autorin beginnt mit einer (auf Schätzungen beruhenden) Bilanz der öffentlichen Gelder (Kapitel 2). Sie kommt zum Ergebnis, dass es den Athenern zunehmend gelang, im zivilen und im militärischen Bereich Ausgaben durch Einnahmen zu decken und die vorhandenen Mittel effektiv zu nutzen. Dieses Finanzsystem sei Ausdruck des Demokratieverständnisses gewesen, das alle Bürger als Eigentümer der Polis betrachtete, aber einigen besondere Aufgaben übertrug: Auszahlung von Diäten und Schaugeldern auf der einen Seite, Vermischung privater und öffentlicher Finanzen und Abtretung öffentlicher Ausgaben (Liturgien) auf der anderen Seite (zusammenfassend S. 149–151). Als Gegenbeispiel dient Sparta (Kapitel 3). Die spartanischen Finanzen seien zwar besser gewesen als ihr Ruf, aber sie waren weniger komplex als die athenischen und delegierten die Liturgien an die Periöken, an Nicht-Bürger also.

In Athen hingegen führten die vermögendsten Bürger die Liturgien persönlich aus und das förderte die Herausbildung einer sozio-ökonomisch definieren Oberschicht (Kapitel 4). Den wohlhabenden Bürgern fehlte zunächst das „Klassenbewusstsein“ zum kollektiven politischen Handeln, weil sie sozial heterogen waren und erbittert um Ehrungen konkurrierten (S. 217–230). Aber weil die Liturgien auf Eigeninitiative beruhten und öffentliches Ansehen und Vertrauen einbrachten, entwickelten die Mitglieder der Liturgien leistenden Klassen mit der Zeit ein „statusorientierte[s] Bewusstsein“ als herausgehobene Schicht (S. 251). Aus dieser Schicht rekrutierten sich auch die Inhaber wichtiger Ämter und die Redner, wie die Prosopographie der Gesetzesanträge zeige (S. 261–268, contra Stephen Lambert und Claire Taylor). Anhand der frühen politischen Reden von Demosthenes stellt Rohde dar, wie sich ambitionierte Redner als Finanzexperten inszenierten (S. 255–261). Mitte des Jahrhunderts standen die Athener dann am Scheideweg. Man hatte die Einnahmen aus dem zweiten Seebund verloren, aber musste sich eines aufstrebenden makedonischen Königs erwehren. Zur Rationalisierung ihrer Finanzen gezwungen, legten die Athener deren Kontrolle noch stärker in die Hände der Führungsschicht. Symbolträchtiger Kern dieser Verschiebung war das neue Amt des Vorstehers der „Schaugeld-Kasse“ (theorikon), aus der den Bürgern der Theater-Besuch bei den Dionysischen Festen gezahlt wurde. Der Inhaber des Amts wurde zu einem allgemeinen Finanzaufseher und genoss außergewöhnliche Macht, weshalb Rohde sogar von einer „Aushebelung der für die Demokratie grundlegenden Prinzipien“ spricht (S. 272). Macht und Ansehen einer Minderheit führender Leute kontrastierten nun mit der Passivität des Großteils der Bürgerschaft. Laut Rohde wurden die Zahlungen des Schaugelds als „Transferleistungen“ angesehen, „nicht Ausdruck der Polis als Kultgemeinschaft, sondern als soziale Verpflichtung gegenüber ärmeren Mitbürgern“ (S. 291f., 294).

Damit sind wir beim Ergebnis der Studie: Die Aufspaltung der Polis in Leistungserbringer und Leistungsempfänger beendet die Demokratie nicht, aber hat sie grundlegend verwandelt: Die Überantwortung von Führungsaufgaben an eine Honoratiorenschicht hat die Finanzen und die Versorgung der Stadt verbessert; aber die alte, partizipative Demokratie des 5. Jahrhunderts ist erledigt. Anstelle „echter Deliberation“ steht nun „Konsens“ als Zweck der Volksversammlung (S. 309). Der Hellenismus bricht an.

Welche Bilanz lässt sich angesichts dieser ambitionierten Studie ziehen? Auf der Habenseite steht das Verdienst, das spannende Forschungsfeld der Fiskalgeschichte der deutschsprachigen Forschung monographisch erschlossen zu haben. Rohde hat eine Fülle von Material zusammengetragen und kommentiert; wer sich für die Thematik interessiert, findet in umfangreichen Fußnoten Informationen zu jedem erdenklichen Aspekt athenischer Wirtschaft, Politik oder Kultur.

Auf der Sollseite steht das Gefühl eines nicht ganz eingelösten Versprechens. Anders als die Selbstverortung in der New Fiscal History erwarten lässt, werden die politischen Mittel und Zwecke der öffentlichen Finanzen diskutiert, aber kaum die Strukturen und das Personal der Finanzverwaltung. (Die Einführung eines allgemeinen Budgets Anfang des 4. Jahrhunderts (der merismos) findet zum Beispiel nur in einer Fußnote Erwähnung (S. 64, Anm. 197), wird aber später als „entscheidende[r] Schritt“ vorausgesetzt (S. 151; vgl. 292).) Überzeugend betont Rohde, dass der (politisch aktive Teil) der Liturgien leistenden Klasse über Reichtum und Redegeschick verfügte und beides ostentativ gemeinnützig einsetzte. Aber macht das die athenische Oberschicht zur „Kompetenzelite“ und handelt es sich um Kompetenzen im Sinne von „Verwaltungsexpertise“? Diejenigen Amtsträger, bei denen wir eine solche Expertise erwarten würden (und in den Abrechnungsurkunden finden), werden von Rohde kaum oder nicht behandelt: Die Schatzmeister, Demen-Vorsteher, Baukommissare, Rechnungsprüfer usw. (ganz zu schweigen von den bezahlten Schreibern und öffentlichen Sklaven). Aber diese Personen gehörten ausweislich der Prosopographie überwiegend gerade nicht zur „Elite“. Ihr Fehlen mag damit zusammenhängen, dass Rohde die berühmten Gesetzesurkunden behandelt (vgl. ihre überzeugende Analyse des berühmten Getreidesteuer-Gesetzes auf S. 87–96), aber die seriellen Abrechnungsurkunden und „kleinen“ Finanz-Dekrete weitgehend unberücksichtigt lässt.

Der Quellenauswahl mag auch die Kontrastierung des 5. und 4. Jahrhunderts geschuldet sein. Uns fehlen die Reden, die über das fiskalische Denken des 5. Jahrhunderts informieren könnten. Aber Inschriften, die Geschichtsschreibung und Aristophanes’ Komödien böten einiges Material, um Kontinuitäten aufzuzeigen. Der außerordentlichen Autorität der theorikon-Vorsteher des 4. Jahrhunderts ließe sich der Einfluss eines Themistokles oder Perikles gegenüberstellen; dem Empfang der Schaugelder der Empfang von Diäten im 5. Jahrhundert. Die perionta, die in der theorikon-Kasse gesammelt wurden, waren keine „übrig gelassenen Beträge“ (S. 289), sondern „Überschüsse“, die wie in vergangenen Jahrhunderten an alle Bürger verteilt wurden – nicht als Empfänger von „Transferleistungen“, sondern gewissermaßen als Anteilseigner des Gemeinwesens (vgl. Rohde selbst, S. 65 und S. 292f.).[3] Verteilungen führen zu Verteilungskonflikten und diese äußern sich in moralisierender Fremdkritik. Schon im 5. Jahrhundert unterstellte der Durchschnittsbürger den Rednern und Amtsträgern illegitime Bereicherung, während Mitglieder der Oberschicht die Liturgien als Umverteilung nach unten diffamierten. Angesichts dieser Parallelen ließen sich die Entwicklungen des 4. Jahrhunderts auch als schrittweiser Prozess verstehen, in dem die bereits im 5. Jahrhundert weitgehend festliegenden Prinzipien schrittweise rhetorisch und institutionell ausbuchstabiert wurden. Rohdes Studie bietet eine aktuelle Darstellung der Grundmerkmale und Wendepunkte dieses Prozesses.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Christian Mann, Die Demagogen und das Volk. Zur politischen Kommunikation im Athen des 5. Jahrhunderts v.Chr., Berlin 2007: und Wolfgang Blösel, „Zensusgrenzen für die Ämterbekleidung im klassischen Griechenland“, in: ders. u.a. (Hrsg.), Grenzen politischer Partizipation im klassischen Griechenland, Stuttgart 2014, S. 71–93.
[2] Vgl. etwa Peter J. Rhodes, „The Organization of Athenian Public Finance“, Greece & Rome 60 (2013), S. 203–231; David M. Pritchard, Public Spending and Democracy in Classical Athens, Austin 2015; Léopold Migeotte, Les finances des cités grecques. Aux périodes classique et hellénistique, Paris 2014.
[3] Vgl. Alain Bresson, „Prosodoi publics, prosodoi privés. Le paradoxe de l'économie civique“ (zuerst 1998), in: ders., La cité marchanded, Paris 2000, S. 243–261.
[4] Vgl. Aristophanes, Wespen vv. 655–679 vs. [Xenophon], Verfassung der Athener 1.13.

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Veröffentlicht am
20.07.2020
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