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Title
The State in the Forest. Contested Commons in the Nineteenth Century Venetian Alps


Author(s)
Bonan, Giacomo
Published
Extent
230 S.
Price
€ 70,00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Rita Garstenauer, Institut für Geschichte des ländlichen Raumes, Zentrum für Migrationsforschung, St. Pölten

Bevor gegen Ende des 19. Jahrhunderts Holz seine Rolle als vorrangige Energiequelle und Werkstoff verlor, erfuhr die Ressource und ihre Nutzung für ein gutes Jahrhundert eine starke politische Aufladung. Die Regelung der Nutzung von Forstressourcen erhielt ab dem 18. Jahrhundert den Charakter eines Indikators für rationales und vorausschauendes staatliches Wirtschaftshandeln. Die Neugestaltung des Forstwesens stand im Konflikt mit früheren institutionellen Regelungen des Zugangs zu Waldressourcen, die so gut wie immer einen kollektiven Charakter hatten, deckten Wälder doch ebenso den Subsistenzbedarf der lokalen Bevölkerung wie sie als Quelle für Handelsgüter auf überregionalen Märkten fungierten. Wälder, die als Gemeingüter genutzt worden waren, gerieten zur Herausforderung jener obrigkeitlichen Akteure, die in ganz Europa daran gingen, mittels Einrichtung einer modernen kommunalen Administration das Staatgebiet flächenhaft unter Kontrolle zu bekommen.[1]

Giacomo Bonans Untersuchung beleuchtet diesen Prozess an dem exemplarischen Fall der Region Cadore in den Belluneser Dolomiten. Das Cadore war über Jahrhunderte maßgebliches Bezugsgebiet für Holz der Republik Venedig. Hochqualitatives Langholz wuchs dort, das nicht nur für den Schiffs- und Stadtbau, sondern auch in großem Umfang für die maritimen Fortifikationen der Serenissima gebraucht wurde. Zudem umfasst das Gebiet das Einzugsgebiet des oberen Piave, einer günstigen Wasserstraße für den Transport der Hölzer von der Quelle bis zum Abnehmer. Zusätzlich profitierte das Cadore von der Via Alemagna, die bis zum Ausbau der Brennerstrecke die wichtigste Verbindungsachse zwischen Tirol und Adria darstellte. Über Jahrhunderte hatte das Cadore ein hohes Maß an Autonomie in der Verwaltung genossen, die in einer komplexen gestaffelten und sozial differenzierten Struktur von Gemeindeversammlungen und Delegationen organisiert war. Vor allem für die Nutzung der hochalpinen Holzressourcen, der zentralen Quelle von Subsistenz und Prosperität, bestanden lange bewährte Institutionen, die zwischen lokalen Bedürfnissen und überlokaler Nachfrage einen Ausgleich herzustellen vermochten.

Bonans Betrachtungszeitraum erstreckt sich von 1805, dem Zeitpunkt der Eingliederung des Cadore in das napoleonische Königreich Italien über die habsburgische Oberherrschaft von 1815 an bis in die ersten Jahre nach der Integration in das vereinigte Italien ab 1866. Er beschreibt das Zusammentreffen zweier Verwaltungsprinzipien, die unterschiedlicher nicht sein konnten – der zentralistischen territorialen Gliederung nach französischem Vorbild und der traditionellen autonomen Verwaltungstradition im alpinen Hinterland der Serenissima. Wurde die neue territoriale Einteilung des Gebiets in die unterschiedlichen Körperschaften rasch umgesetzt, so waren die Beamten des Königreichs zunächst auf die Gewährung umfangreicher Ausnahmen für das Cadore angewiesen. Die neuen Verwaltungsprinzipien ließen sich schlichtweg nicht durchsetzen; zudem herrschte auch unter den Spitzenbeamten über die gesamte Periode hindurch ein Konsens, dass die unkritische Anwendung von dem Standort nicht entsprechenden forstwirtschaftlichen Praktiken mehr Schaden als Nutzen stiften würden. Eine kollektive Nutzung, insbesondere von entlegenen hochalpinen Wäldern, wurde von Seiten der Verwaltung durchaus präferiert. Aber die neue Gemeinde als Träger der kollektiven Nutzung samt den zugehörigen verwaltungs-, fiskal- und forstrechtlichen Abläufen stand im Konflikt zu den überlieferten und erprobten Formen, die im Wesentlichen in einer doppelten Struktur von Gemeingütern bestanden. Die eine Kategorie kam der ansässigen Bevölkerung direkt zugute, die andere umfasste Gemeingüter im kollektiven Eigentum einer Elite eingesessener Familien. Der kollektive Nutzen der Güter bestand zum einen in der Berechtigung zur Nutzung der vielfältigen Ressourcen zum Unterhalt ärmerer Familien wie Weidenutzung und Holzbedarf, aber auch in einem Vorrecht auf Beauftragung mit den Einschlags- und Bringungsarbeiten für die lokale Bevölkerung. Die Erlöse aus dem Holzgeschäft dienten schließlich auch der Finanzierung von öffentlichen Arbeiten und Fürsorgeleistungen für die lokale Bevölkerung – insbesondere dem Ankauf von Nahrungsmitteln, die vor Ort nicht in ausreichender Menge produziert wurden.

Giacomo Bonan hat für seine Untersuchung einen mikropolitischen Zugang gewählt, der die lokalen Konflikte um die Waldgemeingüter detailliert darstellt und mit überlokalen Ereignissen und Auswirkungen kontextualisiert. Das Quellenmaterial, auf das er seine Ausführungen stützt, entstammt staatlichen und kommunalen Archiven sowie einer Vielzahl von publizierten Stellungnahmen lokaler Politiker und Experten. Er erzählt eine Geschichte von Nutzungskonflikten in der Konstellation von kommunaler Neuordnung und lokalem Widerstandshandeln unter napoleonischer, österreichischer und zuletzt italienischer Oberhoheit, die im Zeitverlauf mit zunehmender militärischer Gewalt von Seiten der Obrigkeit bestritten wurden. Kern der Konflikte war die neue Verwaltungsgemeinde, deren Legitimität als Verwalterin der Waldgemeingüter von den lokalen Akteuren in Zweifel gezogen wurde. Demgegenüber hielten sowohl die österreichische Verwaltung als auch jene des vereinigten Italiens an der Verwaltungsgemeinde, die sie vom napoleonischen Königreich Italien übernommen hatten, fest – gegen das alte Konzept der im Cadore üblichen Gemeindeautonomie. Ziel war auf der untersten Ebene der territorialen Verwaltung eine Gemeinde, die in das Gesamtgebäude staatlicher Verwaltung stringent eingebunden sein sollte. Die lokalen Akteure versuchten daher im Lauf des Betrachtungszeitraums von gut 60 Jahren mehrfach, mittels der Aufteilung der Gemeingüter ihre Autonomie in der Verfügung über die Waldressourcen wiederherzustellen. Gerade die Allianz mit der Repubblica di San Marco im Zuge der Revolution von 1848 erweckte im Cadore die Hoffnung auf die Wiederherstellung der alten Autonomie. Als bewaffnete Miliz im Kampf gegen die österreichischen Truppen wuchs den Cadorini in dieser Phase eine neue Rolle zu, die ihren Forderungen Gewicht verlieh, aber auch zur zunehmenden Militarisierung der Nutzungskonflikte in den nachfolgenden Phasen österreichischer und italienischer Verwaltung führte.

Vier Themen nennt Bonan in der Einleitung zu seinem Buch, die die Untersuchung gliedern: die Rolle von lokalen Akteuren im Staatswerdungsprozess; die Entwaldungsdebatten des 18. und 19. Jahrhunderts; die Privatisierung von Gemeingütern; und schließlich das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Ressourcen in alpinen Gebieten im 19. Jahrhundert. Alle diese Themen finden sich im Buch wieder, werden aber nicht in gleicher Ausführlichkeit behandelt. Während das Verhältnis von lokalen Akteuren und Staatswerdungsprozessen der Kern der Quellenanalyse ist, wird die Debatte um die Gefährdung der Wälder solide anhand von Sekundärliteratur kontextualisiert. Die Frage der Aufteilung beziehungsweise Privatisierung der Gemeingüter ist ebenfalls Gegenstand der quellenbasiert dargestellten Konfliktepisoden. Das Thema wird vor allem im überregionalen Vergleich innerhalb der heute italienischen Gebiete kontextualisiert. Die verschiedenen Aspekte, die für Cadore herausgearbeitet werden, lassen sich in den Kontext der europäisch vergleichenden Commons-Forschung einordnen, etwa hinsichtlich der Bedeutung der Kommunalisierung und Bürokratisierung der Gemeingüter, des Konfliktpotentials der territorialen Inkongruenz zwischen neuer Verwaltungsgliederung und alter Nutzungsgemeinschaft (insbesondere in französischen oder französisch besetzten Gebieten), oder die Interessensgegensätze zwischen alten privilegierten Eliten und Behörden in der Frage der Privatisierung.[2] Bonans Untersuchung trägt zu dieser Forschung eine solide gearbeitete und hochinteressante Fallstudie bei. Das vierte Thema, das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Ressourcen im alpinen Gebiet durchzieht zwar die Arbeit als Generalthema, tritt aber in den zitierten Quellen immer nur am Rande hervor. Etwa dann, wenn zeitgenössische Autoren auf die Not und den Hunger der Bevölkerung Bezug nehmen, die durch die neue Ordnung eher schlecht als recht behoben wurden. Die ältere Literatur zu den demographischen Regimen, auf die Bonan in Bezug auf das Verhältnis zwischen Demografie und Ressourcenangebot verweist, argumentiert auf hochaggregiertem Niveau. Dem, so der Autor, sollte ein differenzierterer Befund gegenübergestellt werden. Damit spricht er ein Desiderat an, das mit der Methodik und der empirischen Basis der vorliegenden Studie nicht eingelöst werden kann. Gleichwohl zeichnet Bonan die Umrisse einer differenzierteren Auseinandersetzung mit demographischen Prozessen im Kontext von administrativem, technologischem und ökonomischem Wandel nach. Das Buch positioniert sich damit im Feld der Integrated Peasant Economy, einem Ansatz ländlicher Wirtschaftsgeschichte, der über die Agrargeschichte im engeren Sinne hinausgeht und die Vielfalt historischer Subsistenz- und Prosperitätsstrategien gemeinsam in den Blick zu nehmen versucht.[3]

Giacomo Bonan legt mit The State in the Forest eine hervorragend kontextualisierte Mikrogeschichte von Ressourcennutzungskonflikten im 19. Jahrhundert über eine Waldregion vor, die für Venedig und den nördlichen Adriaraum zentral war, mithin über einen forstgeschichtlichen Gegenstand von überregionaler Bedeutung und erschließt ihn einem Publikum, das des Italienischen nicht mächtig ist. Interessierte an der Geschichte von Wald- und Forstnutzung, an Umweltgeschichte genauso wie an der Geschichte von Verwaltungsreformen im 19. Jahrhundert werden das Buch mit Gewinn lesen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Michael Mann, Geschichte der Macht. Band 3, Teil 2: Die Entstehung von Klassen und Nationalstaaten, Frankfurt am Main 2001, S. 20.
[2] Niels Grüne / Jonas Hübner / Gerhard Siegl (Hrsg.), Institutionen und Praktiken kollektiver Ressourcennutzung in der europäischen Agrarwirtschaft. Vergleichende Betrachtungen und Forschungsperspektiven (Ländliche Gemeingüter / Rural Commons. Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 2015), Innsbruck 2016, S. 274–296.
[3] Vgl. Aleksander Panjek u. a. (Hrsg.), Integrated Peasant Economy in a Comparative Perspective. Alps, Scandinavia and Beyond, Koper 2017, http://www.hippocampus.si/ISBN/978-961-7023-02-2.pdf (10.07.2020).

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31.07.2020
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