P. Kramper: Messen, Zählen und Wiegen in Westeuropa 1660–1914

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Titel
The Battle of the Standards. Messen, Zählen und Wiegen in Westeuropa 1660–1914


Autor(en)
Kramper, Peter
Reihe
Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London 82
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 599 S.
Preis
€ 69,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Boris Gehlen, Institut für Zeitgeschichte, München

Einheitliche Standards reduzieren Komplexität. Sie sind in modernen Gesellschaften allgegenwärtig. Standards sind aber vor allem soziale Konventionen, die aus Aushandlungsprozessen oder – seltener – durch normative Setzung hervorgehen. So selbstverständlich ihre Ubiquität heute auch scheint, so wenig selbstverständlich war die Genese von Standards in der Form, wie wir sie heute kennen. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit hatten sich zahlreiche solche Konventionen etabliert, deren Reichweite jedoch begrenzt war. Sie bestanden vielfach nebeneinander, ohne dass damit eine im engeren Sinne chaotische Gemengelage unterschiedlicher Maße einherging. Die Vielfalt vormoderner Maßsysteme war vielmehr Ausdruck von Zweckrationalität: Maßeinheiten waren für die Zeitgenossen nachvollziehbar und transparent, weshalb kein Bedarf bestand, sie in Frage zu stellen. Allerdings strukturierten vormodernen Standards die Alltagspraxis jeweils nur in bestimmten Räumen, das heißt sie waren vornehmlich lokal wirksam.

Daraus ergab sich freilich mit zunehmender Marktbildung, Marktintegration und Staatswerdung die Frage, inwiefern lokal bewährte Maße und Gewichte in größeren Ordnungsräumen – bis schließlich hin zu internationalen Absprachen im 19. Jahrhundert – standardisiert werden konnten und sollten. Diese Frage barg viel Konfliktpotential, denn so unbestritten positive Effekte mit der Standardisierung auch einhergehen konnten, so umstritten war der Weg zu ihrer Implementierung und – nicht minder wichtig – ihrer Akzeptanz. Mit der Adaption des Neuen ging auch immer der Verzicht auf das Alte einher. Bestehende Alltagspraktiken wurden im Großen und Ganzen, so ein Ergebnis der vorliegenden Studie, nur dann aufgegeben, wenn von neuen Standards ein Mehrwert erwartet wurde. Dennoch blieben „veraltete“ Standards in der Praxis auch dann noch lange wirksam, als neue Maßstäbe bereits formal eingeführt worden waren.

Für nicht wenige Beobachter gilt Standardisierung nicht zu Unrecht als ein maßgebliches Signum der Moderne. Das Kernanliegen der Freiburger Habilitationsschrift von Peter Kramper liegt daher darin, das Neben-, Mit- und Gegeneinander alter und die Emergenz neuer Standards historisch zu erklären. Dazu fragt er ausgehend von der Diskussion einschlägiger Theorien systematisch nach Akteuren, Konzepten, Durchsetzungsmöglichkeiten, Widerständen und Widersprüchen des zugrundeliegenden Prozesses.

Kramper untersucht vor allem drei Kräfte, die den Standardisierungsdiskurs beeinflussen wollten und konnten: Staat, Wissenschaft und Wirtschaft. Damit geraten unterschiedliche Ebenen von Aushandlungsprozessen in den Blick, die nicht nebeneinander bestanden, sondern sich wechselseitig beeinflussten. So offenkundig diese Beobachtung auch sein mag, so weitreichend sind die methodischen Implikationen: Zum einen galt es, unterschiedliche disziplinäre Debatten, etwa aus der Wissens- und der Wirtschaftsgeschichte, zu reflektieren, aufeinander zu beziehen und für die eigene Arbeit produktiv zu machen. Zum anderen stellt eine solch breite Perspektive immer besondere Anforderungen an die Quellenauswahl, zumal bei einem Betrachtungszeitraum von etwa 250 Jahren und einem als „Westeuropa“ bezeichneten Betrachtungsraum, der im Wesentlichen Großbritannien, Frankreich und die deutschen Territorien umfasst. Kurzum: die intellektuelle Strukturierungsleistung Krampers ist beachtlich. Die Darstellung profitiert erkennbar von der Belesenheit des Autors, der die zeitgenössische Literatur ebenso umfassend wie die historiographische Forschung auswertet und – wenn auch eher ergänzend – archivalische Quellen heranzieht.

In seiner Tour d’Horizon entfaltet er ein Bild der Standardisierung, das so vielfältig ist wie das Messen, Zählen und Wiegen am Beginn seines Betrachtungszeitraums. Es reicht von Hexadezimalsystemen über das Theresianische Maßpatent 1756 und die Vorstellungen französischer Physiokratie bis zur Normierung von Gewinden. Auch wenn Kramper immer wieder ins Detail geht und beispielsweise den 55°-Flankenwinkel bei Schrauben erläutert, verliert er nie das große Ganze aus den Augen, sondern solche Miniaturen illustrieren pars pro toto realisierte und gescheiterte Standardisierungen und ermöglichen es ihm, abschließend abstrakte Aussagen über Standardisierung zu treffen.

Der Exaktheitsanspruch der (Natur-)Wissenschaften, der systematische Steuererhebungsbedarf der (entstehenden) Staaten (fiscal-military state) und die Reduktion von Transaktionskosten in Handel und Industrie erwiesen sich dabei als wichtige Triebkräfte der Standardisierung. Sie führten allerdings keineswegs zu einer systematischen oder kohärenten Standardisierungspolitik. Das Gewicht der Interessen und das Potential, die eigenen Vorstellungen durchzusetzen, variierten zeitlich wie räumlich erheblich. Seine Argumentation entfaltet Kramper daher entlang dreier, sich teils überlappender Zeitabschnitte (1660–1795, 1795–1870, 1850–1914), in denen staatliche, wissenschaftliche und ökonomische Interessen unterschiedliche Bedeutung für den Standardisierungsdiskurs hatten. Während etwa bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem die Naturwissenschaften Konzepte diskutieren, die unter Rückgriff auf (vermeintlich) antike Traditionen eine naturgesetzliche Fundierung von Maßeinheiten bevorzugten, spielten ökonomische Interessen lange eine untergeordnete Rolle. Sie entfalteten erst – und häufig in Übereinstimmung mit administrativen Vorstellungen – während des 19. Jahrhunderts Wirkung. Aus dem wissenschaftlichen Diskurs entstand beispielsweise das metrische System, das aber erst allmählich und nach Rückschlägen während des 19. Jahrhunderts größere Verbreitung fand. Das metrische System machten sich wiederum die entstehenden Nationalstaaten zu Nutze, um ihren administrativen Steuerungsanspruch zu verdeutlichen und den Meter als Standardmaß an Stelle zahlreicher lokaler und regionaler Maße durchzusetzen. Kramper erzählt allerdings keine lineare Fortschrittsgeschichte, sondern Brüche, Widersprüche und Obstruktion nehmen breiten Raum der Darstellung ein.

Die beachtliche Studie wird zweifellos fortan als Standardwerk der Standardisierung dienen. Sie ist unter anderem am DHI London entstanden und in dessen Schriftenreihe erschienen, sodass ihre Anlage wohl nicht von ungefähr an Usancen angelsächsischer Historiographie – klares Narrativ, breite Perspektive – erinnert. Diese Anlage sowie der überaus erfreulich Duktus Krampers machen die Lektüre bei aller Sperrigkeit im Detail zu einem Lesevergnügen.

Aus wirtschaftshistorischer Sicht ließe sich anmerken, dass zwar die inhaltlichen Positionen unternehmerischer Interessenvertretungen, das Timing ihrer Eingaben sowie ihre ökonomische Motivation innerhalb der Standardisierungsprozesse klar herausgearbeitet, aber die konkreten ökonomischen Effekte der Standardisierung bzw. die ex-post-Beurteilung durch interessierte Kreise nicht weiter thematisiert wurden. Damit bleibt letztlich offen, inwiefern sich etwa konkrete Erwartungen des Fiskus bzw. jene der wirtschaftlichen Interessengruppen hinsichtlich der Etablierung einzelner Standards tatsächlich bewahrheiteten. Auch könnte man bemängeln, dass die internen Debatten insbesondere der wirtschaftlichen Interessenverbände nicht systematisch ausgewertet wurden, um darauf aufbauend politökonomische Logiken kollektiven Handels zu identifizieren. Ferner erschiene die Frage untersuchenswert, inwiefern realisierte oder unterbliebene Standardisierungen die Herausbildung von „varieties of capitalism“ begünstigten, mithin unterschiedliche Produktionsregime hervorbrachten. Doch eine solche Kritik wäre anmaßend und verfehlt: Das Buch nimmt explizit nicht bloß eine wirtschaftshistorische Perspektive ein, sondern lässt sich deutlich eher einer weitergefassten Kapitalismusforschung zuordnen, die insbesondere auch nach den gesellschaftlichen Auswirkungen des ökonomischen Strukturwandels fragt. Es gehört ja gerade zu den Stärken des Buches, Fachdiskurse historischer Teildisziplinen aufeinander zu beziehen, was angesichts des nicht selten wechselseitigen Anschweigens nur begrüßt werden kann. Dies geschieht zwar um den Preis, dass einige Erwartungen, die sich aus den Diskursen der eigenen Subdisziplin hätten ableiten lassen, unerfüllt bleiben müssen, aber diesen Preis bezahlt man angesichts dieser wohlinformierten, gelehrigen und sorgfältig argumentierenden Studie gerne.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.03.2021
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