C. Neumaier: Familie im 20. Jahrhundert

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Titel
Familie im 20. Jahrhundert. Konflikte um Ideale, Politiken und Praktiken


Autor(en)
Neumaier, Christopher
Reihe
Wertewandel im 20. Jahrhundert
Erschienen
Anzahl Seiten
596 S.
Preis
€ 84,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Elberfeld, Historische Erziehungswissenschaft, Institut für Pädagogik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Auch im 21. Jahrhundert ist die Familie ein zentraler Gegenstand politischer Kontroversen. So bildete der Protest gegen die Erweiterung des heteronormativen Familienverständnisses in den vergangenen Jahren einen wichtigen Kristallisationspunkt rechter, populistischer Bewegungen, die in der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften einen Angriff auf die Institution Familie sehen.[1] In seiner detailreichen und abwägend argumentierenden Studie zeigt Christoph Neumaier eindrücklich auf, dass die Geschichte der „modernen“ Familie seit ihren Anfängen untrennbar verknüpft ist mit zum Teil erbittert geführten Auseinandersetzungen um ihre gewünschte Form und gesellschaftliche Funktion.

Die zu besprechende Arbeit befasst sich diesbezüglich mit Deutschland in der Zeit vom späten 19. Jahrhundert bis Anfang der 1980er-Jahre. Neumaiers Erkenntnisinteresse gilt vorrangig drei Fragen: Welche Akteur/innen beteiligten sich an den Kontroversen und was für ein Familienmodell vertraten sie? In welchem Verhältnis standen die propagierten Leitbilder zur Veränderung der Sozialstruktur und des Alltagslebens? In welche rechtlichen und politischen Bedingungen war beides eingebettet? Gerade von der Bestimmung der Beziehung zwischen Familienideal und familiärer Praxis verspricht sich der Autor, mehr über die Triebkräfte und die Reichweite gesellschaftlichen Wandels zu erfahren. Im Anschluss an die Familiensoziologie bedient er sich hierzu eines heuristisch weiten Konzepts von Familie als intergenerationeller Lebensform, wodurch neben der klassischen Kernfamilie auch unverheiratete Eltern und Alleinerziehende in die Analyse einbezogen werden. Homosexuelle Paare mit Kindern sowie „Familien mit Migrationshintergrund“ (S. 15) werden indes ausgeklammert, da sie im Untersuchungszeitraum keine nennenswerte Rolle gespielt hätten.

Die Arbeit ist chronologisch aufgebaut und lässt sich grob in zwei Teile unterscheiden. Die Gliederung der Kapitel zwei bis vier folgt den politischen Zäsuren vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Kapitel fünf bis acht nehmen eine vergleichende Perspektive auf die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die alte Bundesrepublik Deutschland (BRD) ein. Die Studie setzt ein mit der Entstehung des bürgerlichen Familienmodells zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dessen Bedeutung weniger in der quantitativen Verbreitung, denn in seiner Strahlkraft als Ideal gelegen habe, das am Ende des Jahrhunderts im Bürgerlichen Gesetzbuch rechtlich kodifiziert wurde. Unterdessen war mit der proletarischen Familie ein weiteres, als modern konnotiertes Modell entstanden, das je nach politischem Standpunkt als Zeichen gesellschaftlichen Verfalls oder Fortschritts gedeutet wurde. Ab dem Fin de Siècle verschärfte sich die Auseinandersetzung um die Familie, was an drei Prozessen gelegen habe: einer Dramatisierung ihrer Lage, einer Polarisierung der konkurrierenden Familien- und Gesellschaftsvorstellungen sowie einer zunehmenden Biologisierung in Gestalt von Vererbungslehre und Eugenik. Der Erste Weltkrieg habe diese Entwicklungen nochmals forciert. In der Weimarer Republik habe sich die Debatte vornehmlich um die Rolle der Frau gedreht, wobei sich zwei konträre Antworten gegenüberstanden: Konservative Parteien und die Kirchen stritten für eine – vermeintliche – Rückkehr zum bürgerlich-patriarchalen Familienmodell des 19. Jahrhunderts und suchten Veränderungen rückgängig zu machen. Dagegen traten Liberale, Sozialdemokraten und die bürgerliche Frauenbewegung für eine vorsichtige Reform des Leitbildes ein, das es an die neuen Verhältnisse anzupassen gelte, damit die Familie weiterhin ihre Funktion als integrierende und ordnungsstiftende Kraft erfüllen könne. Diese zwei Positionen sollten die Auseinandersetzungen im Fall der BRD bis weit in die 1970er-Jahre bestimmen.

Der Nationalsozialismus (NS) habe mit seiner bevölkerungspolitischen Ausrichtung der Familienpolitik an Debatten der späten 1920er-Jahre anschließen können. Im Unterschied zu konservativen Auffassungen habe der NS allerdings ein funktionalistisches Modell vertreten, das die Familie an ihrem Wert für die „Volksgemeinschaft“ bemaß und auf staatliche Interventionen in ihren Binnenraum setzte. Beim Umgang mit Ehescheidungen und unehelichen Kindern hätten sich gleichwohl die ideologischen Widersprüche des NS zwischen einem traditionellen Familienideal und dem Primat der „Rassenpolitik“ gezeigt. In der Nachkriegszeit sei es zu einer temporären Erweiterung der Kernfamilie durch die gestiegene Bedeutung verwandtschaftlicher Netzwerke gekommen. Die Rückkehr der Ehemänner aus Krieg und Gefangenschaft habe indessen zu Konflikten geführt, da sie oft weder in der Lage gewesen seien, ihre frühere Rolle als Familienpatriarch auszufüllen, noch willens, der lange Zeit auf sich gestellten Ehefrau als Partner gegenüberzutreten.

In der Phase des Wiederaufbaus habe die Familie in beiden Teilen Deutschlands enorme Wertschätzung erfahren. Wenngleich die politischen Zielsetzungen stark divergierten, hätten Ost wie West vor dem Problem gestanden, ihr Familienideal mit den sozialen Praktiken in Einklang zu bringen. So entwickelte in der BRD das bürgerlich-christliche Familienmodell eine hohe normative Kraft und floss in Verfassung und Gesetzgebung sowie die Familienpolitik ein. Vor diesem Hintergrund sei gerade über die Berufstätigkeit von Frauen und die damit einhergehende Frage der Kinderbetreuung gestritten worden. Dessen ungeachtet habe Mutterschaft bis in die 1960er-Jahre den Kern des weiblichen Lebenslaufs gebildet. In der DDR wiederum sei die Berufstätigkeit von Frauen politisch erwünscht und angesichts des Arbeitskräftemangels ökonomisch notwendig gewesen. Allerdings habe auch im Osten zunächst ein eklatanter Mangel an Hortplätzen geherrscht. Im Anschluss erörtert Neumaier, inwiefern es in den 1960er- und (frühen) 1970er-Jahren zu einem radikalen Wandel der Familie kam. Gegen diese verbreitete Sichtweise relativiert er die statistisch beobachtbaren Veränderungen und bettet sie in längere Entwicklungslinien ein. Demnach seien die 1960er-Jahre als Scharnierjahrzehnt zu charakterisieren, in dem die Auseinandersetzungen nicht zuletzt anhand von Statistiken geführt worden seien. Überhaupt könne nur bedingt von einer Krise der Familie gesprochen werden, wie es zeitgenössische Beobachter/innen taten, denn in der Bevölkerung habe sie weiterhin große Anerkennung genossen. Entscheidend sei ein eher qualitativer Wandel gewesen, im Zuge dessen Ehe und Familie zunehmend als personale Lebensgemeinschaft verstanden wurden.

Seit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahr 1900 habe im Familienrecht eine bemerkenswerte Kontinuität geherrscht. Das änderte sich Mitte der 1960er-Jahre, wobei zeitliche und inhaltliche Differenzen zwischen den beiden deutschen Staaten existierten. Erstaunlicherweise machte sich die DDR erst jetzt daran, ein eigenständiges Familienrecht zu entwickeln, das einen Gegenentwurf zum bürgerlichen Familienmodell beinhaltete. Die Familie hatte sich demzufolge den Anforderungen des Sozialismus unterzuordnen, weshalb dem Staat größere Möglichkeiten zur Intervention eingeräumt wurden. Die ein Jahrzehnt später erfolgte Reform des westdeutschen Ehe- und Familienrechts habe sich in die entgegengesetzte Richtung bewegt und die Individualrechte der Familienmitglieder gestärkt, was insbesondere der Stellung der Frau und des Kindes zugutekam. Neumaier erkennt hier einen zentralen Unterschied zwischen „freiheitlich-demokratischen“ und „diktatorischen Systemen“: Während sich in der BRD Recht und Politik an sich ändernde familiale Praktiken anpassten, habe die DDR das Recht genutzt, um das Familienleben einem politischen Ideal anzugleichen. Das abschließende Kapitel widmet sich der Frage, inwiefern der Wandel des Familienleitbildes in den „langen“ 1970er-Jahren mit Veränderungen auf der Ebene sozialer Praktiken korrelierte. Befördert von der Wissenschaft sowie der sozialliberalen Koalition habe sich der Familienbegriff in der BRD pluralisiert und bis dato stigmatisierte Formen wie Alleinerziehende und unverheiratete Paare seien anerkannt worden. Zugleich habe sich die neue Norm der Partnerschaft sukzessive durchgesetzt. Obschon beide Entwicklungen mit harten Auseinandersetzungen verbunden waren, habe sich selbst in den Kirchen sowie den Unionsparteien ein zaghafter Wandel abgezeichnet. In der DDR habe derweil ein anderes Verständnis von Partnerschaft existiert, das die von beiden Geschlechtern zu leistenden Aufgaben für den Staat betonte. Auf der Ebene der sozialen Praktiken hingegen verblassten die Unterschiede, da sich in beiden deutschen Staaten nur ein langsamer Wandel vollzogen habe. Generell sei die Aufgabenteilung weiterhin zulasten der Frauen ausgefallen und in binären Rollenmustern verfangen geblieben. Nichtsdestotrotz sei der Familie im 20. Jahrhundert eine gleichbleibend große Bedeutung beigemessen worden, wie Neumaier in seinem Fazit nochmals betont. Wie man dem Buch aber entnehmen kann, wurde zugleich ausgiebig über ihren Zustand und ihre Zukunft gestritten. Ideale und Praktiken hätten sich mithin nicht rasch und grundlegend verändert, sondern graduell und eingebettet in langfristige Aushandlungsprozesse. In Abwandlung der bekannten These der Wertewandelforschung von einer „silent revolution“[2] sei es deshalb zutreffender, von einer „lauten Evolution“ (S. 509) der Familie zu sprechen.

Die Arbeit überzeugt mit ihrer politikgeschichtlichen Perspektive auf Konflikte und Kontroversen und hebt sich dadurch von bisherigen Überblicksdarstellungen, die zumeist einen sozialgeschichtlichen Ansatz verfolgt haben, ab.[3] Wenngleich an manchen Stellen bereits gut erforschte Sachverhalte wiederholt werden, bereichert sie unser Verständnis der Familie und ihres Wandels. Das gilt besonders für den deutsch-deutschen Vergleich. Leider wird dieser nicht durchgehend vorgenommen und es bleibt unklar, weshalb Themen wie familiäre Gewalt oder neue Konzepte von Vaterschaft und elterlicher Sorge, die zu den spannendsten Abschnitten gehören, allein für die BRD analysiert werden. Auch wenn derlei Entwicklungen in der DDR nicht im selben Maße zu beobachten waren oder öffentlich verhandelt wurden, sind die Gründe zu erörtern. Einige weitere Punkte sind kritisch anzumerken. So bleibt die Ebene der sozialen Praktiken, trotz der Bezugnahme auf Andreas Reckwitz[4], theoretisch vage und empirisch blass. Beispielsweise wird nicht deutlich, was eigentlich „familiale Praktiken“ sind und worin sie sich von anderen unterscheiden. Ferner argumentiert Neumaier, wie erwähnt, dass hinsichtlich der Beziehung zwischen Ideal und Praktiken ein grundlegender Unterschied zwischen demokratischen und diktatorischen Systemen bestehe. Betrachtet man aber die Fürsorgeerziehung und Heimunterbringung in der BRD, was Neumaier unterlässt, fällt der Kontrast zur DDR zumindest bis in die späten 1960er-Jahre schwächer aus, denn solange es um nicht-bürgerliche Familien ging, wurde auch hier versucht, sie notfalls mit Zwang an ein vorgegebenes Leitbild anzupassen. Schließlich wird die konstitutive Unterscheidung von Privat und Öffentlich nicht hinreichend problematisiert. Das schlägt sich in der Analyse nieder, die sich einseitig auf staatliche Eingriffe und die Politisierung der Familie beschränkt, wohingegen ihre historisch ebenso erklärungsbedürftige Privatisierung und Entpolitisierung keinerlei Beachtung finden.[5] Ungeachtet dieser Einwände wird niemand, der sich zukünftig mit Familiengeschichte beschäftigt, an diesem informativen Buch vorbeikommen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Sabine Hark / Paula-Irene Villa (Hrsg.), Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld 2015.
[2] Vgl. u. a. Andreas Gestrich, Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999; Michael Mitterauer / Reinhard Sieder, Vom Patriarchat zur Partnerschaft. Zum Strukturwandel der Familie, München 1977.
[3] Vgl. Ronald Inglehart, The Silent Revolution. Changing Values and Political Styles among Western Publics, Princeton 1977.
[4] Andreas Reckwitz, Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive, in: Zeitschrift für Soziologie 32 (2003) 4, S. 282–301.
[5] Generell wurden neuere konzeptionelle Ansätze zur Geschichte der Familie kaum rezipiert. Beispielsweise taucht Jürgen Martschukats viel gelobte Studie nicht im Literaturverzeichnis auf. Vgl. ders., Die Ordnung des Sozialen. Väter und Familien in der amerikanischen Geschichte seit 1770, Frankfurt am Main 2013.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.04.2020
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