J. Moore: Inquisition and its Organisation in Italy, 1250–1350

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Titel
Inquisition and its Organisation in Italy, 1250–1350.


Autor(en)
Moore, Jill
Reihe
Heresy and Inquisition in the Middle Ages
Erschienen
Suffolk 2019: Boydell & Brewer
Anzahl Seiten
298 S.
Preis
$ 99.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Giuseppe Cusa, Historisches Institut, RWTH Aachen Universität

Jill Moore betrachtet in ihrem hier zu besprechenden Buch den Arbeitsalltag der mendikantischen Inquisitoren und ihres Mitarbeiterstabs in Nord- und Mittelitalien sowie das Verhältnis zu deren Orden, den Bischöfen und Kommunen im Zeitraum 1250–1350. Die ordens- und regionenübergreifende Studie wartet mit wertvollen neuen Einsichten zur Organisation der inquisitio haereticae pravitatis jenseits normativer Bestimmungen auf, von denen hier nur die wichtigsten Befunde gewürdigt werden können.

In der Einleitung skizziert die Verfasserin den Stand der Forschung, die den Inquisitionsalltag kaum berücksichtigt habe, die Ziele und das Quellenkorpus ihrer Untersuchung, für die sie zahlreiche der heterogenen, aber bloß lückenhaft überlieferten Archivalien heranzieht. Unter anderem wertet sie Trevisaner Schriftgut der 1260–1340er, Bologneser Prozessakten von 1298–1318 und die Finanzberichte der dortigen Inquisitoren aus den Jahren 1311–1318 aus. Dieser teilweise unerschlossene Archivschatz illustriert zugleich Erkenntnismöglichkeiten wie -grenzen.

Das erste Kapitel handelt die kommunalen, kaiserlichen und päpstlichen Normsetzungen von Lucius’ III. Ad abolendam (1184) bis zur Aufnahme der vorigen Verfügungen in den Liber Septimus (1317) ab. Hervorgehoben werden die Standardisierungsbestrebungen Innozenz’ IV. (Ad extirpanda, 1252), der die Zusammenarbeit zwischen Diözesanbischof, städtischen Magistraten und Inquisitor festlegte, die Zuständigkeitsbereiche der Dominikaner und Franziskaner absteckte, die Finanzierung – „a flawed business model“ (S. 49) – sowie die Verteilung der konfiszierten Güter von Häretikern regelte.

Die Kapitel 2–6 nehmen die Inquisitoren und ihren Mitarbeiterstab in den Blick, namentlich notarii, nuncii, vicarii, socii und die familia. Die ordentliche Ernennung der Inquisitoren oblag den Ordensprovinzialen – wenngleich Päpste gelegentlich außerordentliche Delegierte ernannten –, so auch im Falle der 17 Inquisitoren, deren Buchhaltung sich aus den Jahren 1292–1334 erhalten hat. Franziskanische Inquisitoren und ihre dominikanischen Kollegen in der Unteren Lombardei wechselten häufiger, Dominikaner in der Oberen Lombardei blieben dagegen meist lange im Amt, was eventuell auf lokale Begebenheiten oder unterschiedliche Karriereabsichten zurückzuführen sei (S. 61f.). Neuberufene, die oftmals Verbindungen zum Einsatzort besaßen, mussten sich zunächst eigenständig Ernennungsurkunde und Amtssiegel – zumindest die Dominikaner, die Franziskaner gaben es vielleicht weiter – besorgen. Arbeitsstätte und Unterkunft lagen zumeist in den Ordenskonventen, ab den 1270ern errichtete die Inquisition mancherorts eine eigene domus innerhalb des Konventsareals. Weil ihre Amtsvorgänger ihnen oft Schulden hinterließen, mussten Inquisitoren Darlehen aufnehmen und verzeichneten im ersten Amtsjahr überdurchschnittlich viele Konfiskationen und Strafzahlungen.

Die Anzahl der Inquisitionsnotare variierte von Ort zu Ort je nach Arbeitspensum und Verhältnis zu Bischof und Kommune. Mit dem Posten wurden erfahrene Notare, die oftmals in weiteren Dienstverhältnissen standen, belohnt. Auch qualifizierte Mitbrüder und Ordensmitglieder übten die Position aus. Sie setzten die formale Korrespondenz und amtlichen Schriftstücke auf, führten überdies die Wirtschaftsbücher. Anscheinend bestand eine interne Rangordnung der Inquisitionsnotare, die sich allerdings nicht genau erfassen lässt. Notare – und somit das officium inquisitionis – konnten zwischen zwei inquisitores weiterarbeiten, wie ein Fall von 1332 nahelegt.

Auch viele nuncii standen in doppelten Dienstverhältnissen zu Inquisition, Kommune oder Konvent. Sie waren das Sprachrohr der Inquisitoren gegenüber Bischöfen und Kommunen sowie verdächtigten und überführten Häretikern, denen sie Vorladungen, Exkommunikationen oder Konfiskationen verkündeten. Überlieferungsbedingt klaffen auch hier Wissenslücken, etwa bezüglich der Rekrutierung. Sie waren lese-, schreib- und rechenkundig und stammten oft aus angesehenen Familien. Einige verbrachten ihre gesamte Karriere im Dienst der Inquisition; einzelne Familien, wie die Adelardi in Bologna und die Buti in Prato, verrichteten diese Aufgabe generationenübergreifend.

Unscharf bleibt die inquisitorische familia, unter der man vorwiegend das unerlässliche laikale Personal aufgefasst habe. Während die Dominikaner in Bologna mit einer überschaubaren Belegschaft auskamen, beschäftigten die Franziskaner in Florenz einen großen Mitarbeiterstab. Zur Informationsgewinnung wurden explorates und spie eingesetzt, die keinesfalls allesamt ehemalige Ketzer gewesen seien. Deren Arrest und Strafvollzug kam anders als vorgesehen nicht immer den städtischen Autoritäten zu, denn nicht jede Kommune besaß ein Gefängnis, weshalb Inquisitoren eigene errichten ließen oder Privat-, Bischofs- oder Konventsgebäude umnutzten.

Vikare und socii wurden von den Orden abgestellt. In Bologna arbeiteten einige Vikare ununterbrochen für mehrere Inquisitoren. Indes unterschieden sich die Karrierepfade je nach Orden und Region: Nur wenige Dominikaner übten zunächst das Vikars-, danach das Inquisitorenamt aus, anders hingegen die Franziskaner im Veneto. In der Toskana amtierte so mancher Inquisitor späterhin als Vikar. Ihre Kompetenzen sind nicht eindeutig fassbar. Die kaum individuell greifbaren socii wurden auf Kosten der Inquisition bewirtet, beherbergt und bezahlt, waren oft nur kurz im Amt und verrichteten je nach Erfahrung und Inquisitor, dem sie assistierten, unterschiedliche Aufgaben. Die Auffassung Caterina Bruschis, dass das Amt des Inquisitors bis ins Trecento als Einstieg in hohe Ordensämter gedient habe, kann überzeugend widerlegt werden (S. 193–197).

Das siebte Kapitel beleuchtet das Verhältnis der Inquisitoren zu ihren Orden. Ihr Inquisitorenamt brachte die Bettelbrüder in Konflikt mit den Ordensregeln, so hinsichtlich des Kontakts zu Frauen und des Umgangs mit Geld. Im ausgehenden 13. Jahrhundert wuchs zudem die Abhängigkeit von ihren Orden: Sie setzten Ordensbrüder für die Inquisition ein, nutzten Räumlichkeiten und Ressourcen der Konvente, stets gegen Entgelt. Auch mussten sie ihre Ausgaben und Einnahmen dokumentieren – dem seien sie uneinheitlich und selten kontinuierlich nachgekommen. Die Dominikaner prüften die Bücher nur gelegentlich, die Franziskaner ab den 1320ern regelmäßig, aber wohl selten akkurat, anders als die päpstliche Kammer. Die Orden wiederum begannen ab der Jahrhundertwende vermehrt, Inquisitionsgelder für Ordensangelegenheiten zu verwenden – und somit die Kurie und die Kommunen zu prellen.

Der Zusammenarbeit mit Bischöfen und Kommunen widmet sich das achte Kapitel. Inquisitoren wie Bischöfe versuchten hin und wieder, die Kompetenzen des anderen zu beschneiden bzw. sich über diese hinwegzusetzen. Kommunen wiederum kamen der Aufforderung, die päpstliche und kaiserliche Ketzergesetzgebung in ihre Statuten zu integrieren, zeitversetzt und nicht uniform nach. Überdies wurden lokale Vereinbarungen getroffen, um Aspekte wie Vergütung oder Buchführung zu regeln, die Ad extirpanda nicht konkretisiert. Ferner konnte die Aufteilung der Zuständigkeiten und die Verteilung konfiszierter Güter von den päpstlichen Bestimmungen abweichen, etwa weil Inquisitoren ihre Partner des negotium fidei hintergingen oder es an der nötigen Infrastruktur mangelte.

In einer konzisen Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse zusammengefasst und offene Fragen angesprochen. Festzuhalten ist erstens, dass der Institutionalisierungsprozess bereits früh eingesetzt habe – anders als von Richard Kieckhefer behauptet, dessen These in der anglophonen Forschung weiterhin debattiert wird; zweitens, dass die eigenständige bischöfliche und kommunale Bekämpfung religiöser Devianz nicht verdrängt, vielmehr Trennlinien verwischt worden seien; drittens, dass Inquisitoren, anders als gemeinhin konstatiert, enge Kontakte zu ihren Orden gepflegt hätten, deren Ausnutzung der Inquisition zugenommen habe.

Nicht gebührend Berücksichtigung findet indes die politische Dynamik in der nord- und mittelitalienischen Städtelandschaft, die eine nuanciertere Bewertung der Beziehungen zwischen Inquisition und Stadtgemeinden ermöglicht hätte. Zudem diskutiert Moore ihre Definition einer „Institution“, die nicht zwingend geteilt werden muss, nicht weiter (Kontinuitäten auf Mitarbeiterebene, ordensübergreifender Austausch von Inquisitoren). Unberücksichtigt bleibt leider die deutschsprachige Forschung, die – etwa die Schriften Thomas Scharffs – mit Gewinn hätten herangezogen werden können. Ferner hätte man sich in den Anmerkungen öfter und ausgiebigere Zitate aus den ungedruckten Quellen gewünscht. Etwas zwanghaft wirkt Moores Absicht, Richard Kieckhefers Auffassung, dass die mittelalterliche Inquisition keine Institution gewesen sei, zu widerlegen.

Insgesamt hat Moore eine kenntnisreiche, informationsgesättigte und überlieferungsnahe Darstellung vorgelegt, die eindrucksvoll herausarbeitet, wie die Inquisitionspraxis bedingt wurde von den verschiedenen beteiligten geistlichen wie laikalen Personen und Institutionen, von den jeweiligen lokalen politischen, infrastrukturellen und religiösen Gegebenheiten sowie von finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.12.2020
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