B. Bühler: Ökologische Gouvernementalität

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Titel
Ökologische Gouvernementalität. Zur Geschichte einer Regierungsform


Autor(en)
Bühler, Benjamin
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
32,99 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Kling, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Universität Bonn

Hitzerekorde, Polarschmelze, Waldsterben, Ressourcenknappheit – ein ganzes Ensemble von ökologischen Katastrophenphänomenen bestimmt jeden Tag die Informationsmedien; politische EntscheidungsträgerInnen reagieren auf diese Phänomene, zudem formieren sich gesellschaftliche Gruppen wie die Fridays for Future-Bewegung. Ökologische Phänomene stehen damit im Zentrum des politischen Handelns der Gegenwart. Benjamin Bühler nimmt auf dieser Grundlage in seiner kultur- und literaturwissenschaftlichen Studie die historischen Grundzüge einer auf die Ökologie ausgerichteten Regierungsform in den Blick.

Bühler hat in den vergangenen Jahren einige Forschungsbeiträge zum Themenbereich der Ökologie vorgelegt, z.B. zur Entstehung des ökologischen Denkens bei Karl August Möbius, August Thienemann und Karl Friedrichs, zum Recycling sowie zum literaturwissenschaftlichen Ecocriticism. Diese einzelnen Forschungsbeiträge werden in der vorliegenden Studie auf die Generalthese zugespitzt, dass sich seit dem 18. Jahrhundert und verstärkt ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Regierungsform einer ökologischen Gouvernementalität herausgebildet hat. Methodisch verknüpft Bühler dabei drei Forschungsbereiche: erstens die Studien zur Gouvernementalität, die von Michel Foucault begründet wurden; zweitens die Forschung zum Politischen und Politisch-Imaginären, für die Bühler Texte von Claude Lefort, Chantal Mouffe und Jacques Rancière einbezieht; drittens den Forschungsbereich des Ecocriticism, der in den vergangenen Jahren – auch dank Bühlers Einführung (2016)[1] – in den deutschsprachigen Kultur- und Literaturwissenschaften Fuß gefasst hat. Eine Stärke, die sich aus der produktiven Verbindung dieser drei Forschungsbereiche ergibt, ist darin zu sehen, dass aktuelle ökologische Debatten auf ihren historischen und kulturellen Hintergrund zurückgeführt werden. Bühler betont, „Ökologie“ sei im Sinn Foucaults als Dispositiv zu verstehen (vgl. S. 9). Formiert werde dieses Dispositiv aus dem Zusammenspiel des Materiellen und Diskursiven, von Praktiken und Aussageweisen in den Feldern der Politik, der Wissenschaft und der Kunst.

In der Einleitung entwickelt Bühler seine beiden Grundthesen: Die erste lautet, „dass der Ökologie seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert ein ‚Regierungswissen‘ eingeschrieben ist, wobei Regieren als Regulieren konzipiert wird“ (S. 12). Die zweite These besagt, dass die ökologische Gouvernementalität zu der von Foucault beschriebenen Gouvernementalität ein „Gegenprogramm“ (S. 16) darstelle, da sie nicht von der Ökonomie als Leitdisziplin ausgehe und durch den Fokus auf Regulierung in Opposition zum Neoliberalismus zu sehen sei. Zu betonen ist allerdings, dass für Bühler diese Gegenüberstellung keineswegs zu einer rein positiven Bewertung der ökologischen Gouvernementalität führt. Die Bewertung bleibt ambivalent, denn die ökologische Gouvernementalität steht oft quer zu demokratischen Institutionen, so ein vorweggenommenes Ergebnis seiner Studie.

Die weitere Untersuchung gliedert sich in sechs Kapitel. Das erste Kapitel befasst sich grundlegend mit einer historischen Konturierung der ökologischen Gouvernementalität. Vor allem anhand der Holznot im 18. Jahrhundert sowie der Geschichte des Begriffs der Nachhaltigkeit, den der Kameralist Carl von Carlowitz 1713 geprägt hat, werden die Anfänge dieser Regierungsform – auch in ihrer Opposition zu einem ökonomischen Denken – nachgezeichnet. Im Folgenden thematisiert Bühler Leitkonzepte der Ökologie, darunter Vernetzung, Regulation, Komplexität und Gleichgewicht. Deutlich wird in diesem Zusammenhang, dass ökologische Forschung einerseits mit hochkomplexen Szenarien operiert. Andererseits nehmen politische Theorien, z.B. bei Hans Jonas und Aldous Huxley, eine Komplexitätsreduktion vor, wenn sie sich skeptisch zeigen, dass demokratische Entscheidungsfindungen für das „zukünftige Überleben der Menschheit“ (S. 36) tauglich sind. Hier zieht, wie Bühler veranschaulicht, ‚Alternativlosigkeit‘ in den politischen Diskurs ein.

Das zweite Kapitel widmet sich Gegenstandsbereichen, Materialien und Praktiken, die für ökologische Regierungstechniken grundlegend sind. Bühler zeigt, wie das Verhältnis von Nahrung und Bevölkerung im 18. und 19. Jahrhundert zum Thema politischer Theorien wurde. Des Weiteren zeichnet er die Geschichte der Effizienzsteigerung bei der Nahrungsproduktion (Dünger), der Energiegewinnung (Sonne, Kohle) und dem Recycling nach. Auf einer Linie mit solchen Effizienzsteigerungen liegen kulturelle Imaginationen zur Umgestaltung der Erde wie z.B. Hermann Soegels Atlantropa-Projekt – Soegel plante an der Meerenge von Gibraltar einen Staudamm, um so das Mittelmeer trockenzulegen und Europa und Afrika zu einem kolonial ausgerichteten Wirtschaftsraum zu verbinden. Ausgehend von der Beobachtung, dass für die „politische Ökologie […] Ressourcen materielle Voraussetzungen einer ökologisch stabilen Gesellschaft“ sind (S. 90), kommt Bühler sodann auf Ressourcen (z.B. Coltan, Wasser) zu sprechen, die aufgrund einer tatsächlichen oder imaginierten Knappheit in der Zukunft zu Konflikten führen können. Bühler macht deutlich, dass die internationale Rohstoffproduktion häufig auf Ausbeutungsverhältnissen basiert und reichere Länder zur eigenen Stabilisierung die etwaige politische Schwächung ressourcenreicher Staaten sowie die durch Agro- und Bergbauunternehmen induzierten Umweltschäden in Kauf nehmen.

In Zusammenhang mit dem Begriff der Biosphäre stehen Formen des Regierens und Regulierens im Zentrum des dritten Kapitels. Gezeigt wird, wie die Biosphäre mittels Metaphern (z.B. das ‚Raumschiff Erde‘) zur Darstellung gebracht wurde und wie in Wissenschaft und Fiktion künstliche Klimata sowie Projekte des Terraforming erdacht und erprobt wurden. Als weiteres Beispiel für „die Geschichte der institutionalisierten Regulierungen und der Regierungsphantasmen“ kommt Bühler knapp auf den Anthropozän-Diskurs zu sprechen, den er als „technisch-ökologisches Narrativ“ ausweist, das ein Phantasma der „vollständige[n] Kontrollierbarkeit der Umwelt“ mit sich führt (S. 136). Es hätte sich hier als ergiebig erweisen können, den Posthumanismus als komplementäres Gegenmodell zum Anthropozän ins Spiel zu bringen, schließlich verdeutlichen posthumanistische Theorien, dass der Mensch in seine biologische und technische Umwelt eingebunden ist und auch seine Kontrolle ökologischer Prozesse auf störanfälligen Techniken und Medien beruht. Der Zuwachs an Kontrolle ist damit strukturell an einen potenziellen Kontrollverlust geknüpft.

Das vierte Kapitel befasst sich mit dem Wohnen, das schon begrifflich in einer Nähe zur Ökologie steht (oikos, das Haus). Bühler versteht unter Wohnen einen „Komplex von architektonischen Gegebenheiten, Dingen, Tieren und Menschen sowie Instrumenten und Praktiken, zwischen denen komplexe Wechselwirkungen bestehen“ (S. 140). Mit Buckminster Fullers Vorstellungen von mobilen Wohnen und Ian McHargs Landschaftsarchitektur werden zwei Beispiele vorgestellt, die versuchen, der „ökologischen Komplexität“ (S. 150) des Wohnens gerecht zu werden. Im Kapitel stellt Bühler diesen Beispielen für eine „möglichst vollständige[…] Steuerung des Wohnens“ (S. 152) Fälle schwerer industrieller Umweltverschmutzungen gegenüber, die vor allem in ärmeren Wohngebieten Erkrankungen hervorrufen. Aufgezeigt wird damit nochmals der für ökologische Diskurse wichtige Aspekt der Environmental Justice.

Das fünfte Kapitel zur Thematik des Widerstands fällt inhaltlich am knappsten aus. Zum einen werden die Begriffe Gleichgewicht und Resilienz verglichen, zum anderen analysiert Bühler verschiedene Romane von T.C. Boyle. Dabei wird deutlich, wie Boyle in seinen Romanen mit literarischen Mitteln ökologische Themen aufgreift und zugleich deren Paradoxien und blinde Flecke in Szene setzt.

Schließlich steht im sechsten und letzten Kapitel nochmals das Spannungsverhältnis von ökologischer Gouvernementalität und Demokratie zur Diskussion. Bühler veranschaulicht die „antidemokratische Rhetorik“ in ökologisch orientierten Texten. Anschließend entwickelt er anhand der politischen Theorien von Claude Lefort und Chantal Mouffe die Überlegung, dass sich demokratische Institutionen den „Letztbegründungen ökologischer Machtausübung“ zu entziehen haben, sich dabei aber nicht von den ökologischen Problemen abwenden dürfen. Gefordert ist somit nach Bühlers Schlussbefund eine ökologisch orientierte Gouvernementalität, die freilich „nicht als totalitäres Regime realisiert wird, sondern als Rahmenmodell fungiert, das agonistische Beziehungen, nicht-lineare Dynamiken, komplexe Systeme und unterschiedliche Verteilungen von Handlungsoptionen, und zwar auch auf nicht-menschliche Akteure, zu denken erlaubt“ (S. 202).

Bühlers historisch und kulturell breit gefächerte Beobachtungen und Befunde finden sich auf insgesamt nur ca. 200 Seiten bündig dargelegt. Diese Stärke führt zwangsläufig dazu, dass einzelne Aspekte unberücksichtigt bleiben. So hätte es sich als gewinnbringend erweisen können, Ansätze stärker zu berücksichtigen, die dezidiert optimistische Entwürfe der Ökologie entfalten.[2] Zwar streift Bühler Überlegungen zu einer „positiven Zukunftsidee“ (S. 199f.); dennoch dominiert die Analyse der zurecht problematisierten Katastrophenorientierung des ökologischen Diskurses (vgl. S. 196). Insgesamt aber können künftige Forschungen zur ökologischen Gouvernementalität von Bühlers Studie enorm profitieren.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Benjamin Bühler, Ecocriticism. Grundlagen – Theorien – Interpretationen, Stuttgart 2016.
[2] Exemplarisch nennen lassen sich in diesem Zusammenhang Bruno Latour, Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie. Aus dem Französischen von Gustav Roßler, Frankfurt am Main 2010; sowie Emma Marris, Rambunctious Garden. Saving Nature in a Post-Wild World, New York 2011.

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Veröffentlicht am
01.11.2019
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