Cover
Titel
A Biography of Loneliness. The History of an Emotion


Autor(en)
Alberti, Fay Bound
Erschienen
Anzahl Seiten
XVI, 298 S.
Preis
€ 16,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Hannig, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

Schon vor der aktuellen Krise wurde Einsamkeit in vielen Gesellschaften als akutes Problem diskutiert. Es ist also kein Wunder, dass auch Historiker/innen das Thema für sich entdecken.[1] In der Rückschau erstaunt allerdings die Abwesenheit von Einsamkeit in bisherigen historischen Darstellungen. Definiert man Einsamkeit als subjektives Gefühl der Nichtzugehörigkeit und versteht man die Moderne als Prozess der Herauslösung von Individuen aus gewohnten Ordnungen, dann müsste Einsamkeit im Zentrum einer Geschichte der Neuzeit stehen. Das ist allerdings nicht der Fall. Die englische Historikerin Fay Bound Alberti ist tatsächlich die erste, die eine Monografie über die Geschichte moderner Einsamkeit vorlegt. Für diese Pionierleistung gebührt ihr Lob, auch wenn das Buch – so viel sei hier schon angedeutet – die Ambition, Einsamkeit in der Moderne zu historisieren, nur teilweise einzulösen vermag.

Das Buch deckt den Zeitraum vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart ab und ist geografisch auf das Vereinigte Königreich konzentriert. Dennoch erhebt die Autorin den Anspruch, allgemeine Aussagen über die Geschichte der Einsamkeit in westlichen Gesellschaften zu treffen. Dieser große zeitliche und räumliche Rahmen überspannt den Bogen des bei der derzeitigen Forschungslage für ein Buch bzw. ein/e Forscher/in Möglichen. Die Autorin flüchtet aus diesem Dilemma, indem sie statt einer systematischen Analyse auf einer breiten Quellenbasis anekdotische Beobachtungen, vereinzelte analytische Tiefenbohrungen und essayistische Betrachtungen mehr oder weniger stringent zu einem Argument verbindet. Die Auswahl der Themen und analysierten Personen wird dabei nicht begründet und wirkt oft willkürlich. Alberti geht auf die Begriffsgeschichte, das Verhältnis von psychischer Krankheit und Einsamkeit, auf romantische Liebesvorstellungen, Einsamkeit nach dem Verlust eines Partners, auf soziale Medien des 21. Jahrhunderts, Einsamkeit im Alter und unter Obdachlosen sowie Geflüchteten, auf Einsamkeit als körperlicher Erfahrung und schließlich auf Einsamkeit als Quelle von Kreativität ein.

Originell und fruchtbar ist, dass Alberti Einsamkeit nicht als ein Gefühl, sondern als Knotenpunkt verschiedener Emotionen sieht („emotional cluster“, S. 5). Somit lässt sich untersuchen, welche Gefühle zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen geografischen Räumen mit Einsamkeit verbunden wurden. Nach diesem Verständnis ließe sich Einsamkeit radikal historisieren, was auch Albertis Absicht entspricht. Andererseits trifft die Autorin selbst Aussagen über Einsamkeit, die nicht auf eine historische Zeit spezifiziert sind, sondern zumindest für die Moderne als allgemeingültig erscheinen. Alberti geht etwa davon aus, dass Einsamkeit je nach Alter, Geschlecht und Ethnizität einer Person sowie ihrer Dauer unterschiedlich erfahren wird. Diese Unterschiede werden jedoch nicht als Produkte historischer Konstellationen gedacht, sondern vielmehr vorausgesetzt. Dies führt die Autorin dazu, recht frei zwischen den Zeiten zu springen und etwa Aussagen zur Jugend der amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath aus den 1940er-Jahren auf heutige Jugendliche zu beziehen. Diese Spannung zwischen Historisierung und Verallgemeinerung von Erfahrungen durchzieht das gesamte Buch.

Im ersten Kapitel geht es um die Begriffs- und Wissensgeschichte von Einsamkeit von 1800 bis heute. Hier entwickelt Alberti eine übergreifende Interpretation, wonach sich Einsamkeit von einem wenig bekannten Begriff im 18. Jahrhundert zu einer ubiquitären Vokabel im 21. Jahrhundert entwickelt habe. Aber nicht nur der Begriff, sondern auch der emotionale Zustand, auf den er verweist – ein subjektives Gefühl des Mangels von bedeutsamen sozialen Beziehungen – sei erst in der Moderne entstanden und habe zunehmend gesellschaftlich an Bedeutung gewonnen.

Die Autorin führt diesen Wandel recht abstrakt auf Prozesse der Modernisierung wie Säkularisierung, Verwissenschaftlichung, Industrialisierung und Urbanisierung zurück. Diese hätten Menschen zum einen immer mehr vereinzelt und seien vom Individualismus als Wert begleitet worden. Subjektiv habe der Mensch in der Moderne seinen Platz in der Welt verloren, der zuvor religiös und ständisch festgelegt gewesen sei. Zum anderen sei das Alleinsein immer mehr problematisiert worden. Einsamkeit entstand in diesem Verständnis also aus einem nicht näher erläuterten Wechselverhältnis zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und subjektiven Verarbeitungsprozessen.

Danach folgen Kapitel, die auf der Basis von Ego-Dokumenten einzelner Personen (etwa Sylvia Plath, Queen Victoria) und im Rückgriff auf wenige Romane (Wuthering Heights, Twillight-Serie) das Verhältnis von moderner Einsamkeit („loneliness“) und vormodernem Alleinsein („solitude“) ausloten sowie deren Unterschiede herausarbeiten. Fest in einer göttlichen Ordnung verankert, habe sich der vormoderne Mensch nie ganz verlassen und von seinen Bindungen gelöst gefühlt. Dieser emotionale Zustand sei erst im 19. Jahrhundert entstanden, als sich auch das romantische Ideal des Seelenverwandten durchgesetzt habe. Dieses habe alle bedeutsamen Beziehungen auf die Partnerschaft reduziert und so Menschen von alternativen Quellen der Zugehörigkeit entfremdet.

Die anschließenden Kapitel über Soziale Medien, Alter, Obdachlose und Flüchtlinge basieren kaum auf der Analyse von Quellenmaterial, sondern sind eher Forschungsskizzen, die die sozialwissenschaftliche Literatur synthetisieren und mögliche Frageperspektiven vorschlagen. Im letzten Kapitel dreht Alberti die Perspektive um und fragt danach, welche positiven Elemente Einsamkeit anhand der Analyse von Künstler/innenbiografien abgewonnen werden können. Einsamkeit ermögliche demnach, Kreativität zu entfalten, wenn sie frei gewählt und temporär sei. Schlussendlich mündet das Buch in einem politischen Argument. Alberti wendet sich vor allem gegen eine Naturalisierung und Essentialisierung von Einsamkeit und damit gegen die Vorstellung, dass sie sich wie eine Epidemie ausbreite. Dieser biologisierenden und individualisierenden Sicht auf Einsamkeit stellt die Autorin eine politische Perspektive gegenüber: „All emotions are political […]. But at this historical moment, none is so political as loneliness.” (S. 229). Sie betont die politischen Entscheidungen, die Bedingungen für die Ausbreitung von Einsamkeit geschaffen hätten: der Rückbau des Sozialstaats und das Verschwinden von nichtkommerziellen öffentlichen Räumen, neoliberale Theorien, die Leid privatisieren und zur individuellen Verantwortung erklären sowie Glück im Konsum versprechen. Die Behandlung von Einsamkeit als Epidemie sei gewissermaßen eine Ideologie, die über diese neoliberale Agenda hinwegtäusche.

Dieses politische Anliegen findet der Rezensent sympathisch und bedenkenswert, dennoch hat ihn das Buch analytisch und stilistisch nicht richtig überzeugt. Auf einer sehr schmalen empirischen Grundlage entwickelt Alberti sehr weitreichende Thesen, die in ihrer Allgemeinheit nicht überzeugen. Auch scheint mir die Entwicklung von einem unproblematischen, vormodernen Alleinsein hin zu moderner, krisenhafter Einsamkeit zu linear und unterkomplex gedacht. Hier muss die zukünftige Forschung genauer hinschauen und sich an den Thesen von Alberti abarbeiten.

Anmerkung:
[1] Gerade erschienen ist: David Vicent, A History of Solitude, Cambridge 2020. Darüber hinaus hat der englische Sozialhistoriker Keith Snell eine Studie über Einsamkeit angekündigt, die seine Arbeiten zur Zunahme von Einpersonenhaushalten zusammenfasst. Das Verhältnis von Einsamkeit und Technologien wird in diesem Buch behandelt: Luke Fernandes / Susan J. Matt, Bored, Lonely, Angry Stupid. Changing Feelings about Technology, from the Telegraph to Twitter, Cambridge, Mass. 2019. Im deutschsprachigen Raum finden sich vor allem literaturwissenschaftliche Arbeiten zum Einsamkeitsdiskurs im 18. Jahrhundert, der wiederum von der englischsprachigen Forschung (Vincent bildet hier eine Ausnahme) bisher nicht wahrgenommen wurde: Kathrin Wittler, Einsamkeit. Ein literarisches Gefühl im 18. Jahrhundert, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 87 (2013), S. 186–216; Alina Timofte, Einsamkeit (Ver-)Schreiben. Umwertungen im anthropologischen Diskurs des 18. Jahrhunderts, in: Recherches Germaniques 44 (2014), S. 27–50.