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Titel
Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ


Autor(en)
Hoeres, Peter
Erschienen
München 2019: Benevento
Anzahl Seiten
597 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jürgen Wilke, Institut für Publizistik, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Nicht nur politische Institutionen und Akteur/innen haben die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 geprägt, sondern auch solche der Massenkommunikation und des Journalismus. Letztere sind im Vergleich zu den Ersteren in der historischen Forschung nicht selten noch unterbelichtet. Das gilt beispielsweise für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), die zwar bereits Gegenstand auf einzelne Themen fokussierter Studien gewesen ist, deren Innenleben und Funktionieren aber bisher weitgehend im Verborgenen geblieben ist. Dies lag wohl auch daran, dass der Zugang zu den Quellen im Haus lange Zeit verwehrt war. Endlich aber ist es dem Würzburger Historiker Peter Hoeres gelungen, die Vorbehalte zu überwinden und Zugang zum Archiv der FAZ zu erhalten. Die Nachlässe einzelner Herausgeber liegen interessanterweise getrennt davon im Bundesarchiv.

Auf diese Grundlagen stützt Hoeres seine jetzt vorliegende Darstellung. Auch wenn sie rechtzeitig zum 70. Geburtstag der Zeitung am 1. November 2019 erschienen ist, handelt es sich nicht um eine Auftragsarbeit. Gleichwohl hat die Zeitung Vorabdrucke aus dem Buch veröffentlicht und es auch im September 2019 bei dem Kongress zur Jubelfeier präsentiert. Das deutet daraufhin, dass man dort mit der Darstellung nicht unzufrieden ist.

Der Autor hat vor allem die Protokolle der Sitzungen einsehen können, in denen die Herausgeber (zusammen mit der Geschäftsführung) die Geschicke der Zeitung lenkten, grundlegende Positionierungen vornahmen und personalpolitische Entscheidungen trafen. Protokolle der Ressortkonferenzen kamen hinzu. Der Verfasser wundert sich etwas über den Zustand des FAZ-Archivs, wahrscheinlich, weil er als Historiker bei staatlichen Archiven anderes gewohnt ist. Dabei lässt er dessen Bedeutung für die journalistische Produktion völlig außer Betracht. Immerhin fand er durchaus einzelne Vorarbeiten vor, so von der langjährigen Archivleiterin Marianne Englert, deren Verdienste um die Presse-Archivierung über die FAZ hinaus nicht genug zu würdigen sind.

Da anfänglich noch Verlaufsprotokolle, später nur noch Ergebnisprotokolle und dann gar keine mehr angefertigt wurden, musste diese Quelle unterschiedlich ergiebig und für die Gewichtung der Darstellung mit maßgeblich sein. Hoeres hat zusätzlich Auskünfte bei rund drei Dutzend Akteuren und Akteurinnen eingeholt, offenbar unsystematisch, denn welche Fragen gestellt wurden, ist nicht dokumentiert. Durchweg waren es (ehemalige) Journalisten, sowie drei Journalistinnen, was ein Licht auf das Geschlechterverhältnis wirft, das sich in den letzten Jahren freilich sehr verändert hat. Angesichts der Zahl der Gesprächspartner/innen hält sich die Menge der in den Fußnoten belegten persönlichen Auskünfte aber in Grenzen, wohl auch, weil die Berichte der Beteiligten offenbar differierten (S. 535, Fußnote 90). Redakteur/innen, die von der Zeitung im Dissens schieden, wurden offenbar nicht befragt, abgesehen von dem Ex-Herausgeber Hugo Müller-Vogg.

Außer auf den bisher genannten Quellen basiert die Darstellung auf einer intensiven Zeitungslektüre, die notwendigerweise selektiv sein musste. Weil die Zeitung inzwischen digitalisiert ist, kann Hoeres den Gesamtumfang seit der Erstausgabe der Zeitung auf mehr als 6,4 Millionen Artikel beziffern. Davor nicht zu kapitulieren, verlangt schon Mut. Die digitale Verfügbarkeit erlaubt quantitative Auswertungen, eine Möglichkeit, von der der Autor nur in wenigen Fällen Gebrauch gemacht hat: so um das Vorkommen von Schlüsselbegriffen („Holocaust“, „schwul“, „neoliberal“ etc.) zu ermitteln und – kurioserweise – die geografische Verteilung der Länder in der Reiseberichterstattung.

Das vorliegende Buch ist kein Solitär, sondern stellt gewissermaßen die „Krönung“ eines größeren durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekts dar, das unter Hoeres‘ Leitung an der Universität Würzburg angesiedelt war. Dabei sind mehrere Dissertationen zu einzelnen Akteuren und Ressorts der Zeitung entstanden, von denen die Gesamtdarstellung profitiert hat.[1]

Das Buch ist in zehn (Haupt-)Kapitel gegliedert, die von einem Prolog und einem Epilog gerahmt werden. Um die chronologische Reihung, die leicht ermüdend wirken könnte, zu unterbrechen, sind dazwischen vier Exkurse platziert, in denen der Verfasser Teilaspekte herausgreift und gesondert beleuchtet. Dazu gehören der Sprachwandel, die Popmusik, die äußere Aufmachung (Layout) und die Visualisierung (Fotos und Karikaturen). Zudem werden Spezialressorts wie Lokal-, Sport- und Reisejournalismus in gebotener Kürze abgehandelt. Hier hätte auch die Beilage „Natur und Wissenschaft“ (seit 1958) genannt zu werden verdient, denn die Zeitung war führend beteiligt an der Etablierung des Wissenschaftsjournalismus in der Bundesrepublik. Unerwähnt bleibt auch, dass sich die FAZ erst 2001, später als andere Blätter, zu einer täglichen „Medienseite“ entschloss.

Gegliedert hat Hoeres seine Darstellung nach „wesentliche[n] Stationen und Positionen“ (S. 411) in der Geschichte der Zeitung. Für die Wahl der „Ausschnitte“ (S. 13) waren demnach drei Kriterien maßgeblich: Übereinstimmende Erinnerungen von Zeitzeug/innen, der Niederschlag in unpublizierten Quellen und die Bedeutung der Zeitung für andere gesellschaftliche Funktionssysteme. Neben diesen „objektiven“ Faktoren sind aber gewiss auch „subjektive“ Prioritäten eingeflossen.

Im Prolog schildert Hoeres die Vorgeschichte der FAZ. Einerseits stand sie in der Tradition der 1943 verbotenen alten „Frankfurter Zeitung“, institutionell und personell lagen ihre Wurzeln aber vielmehr in der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“. Das ist bekannt, nirgendwo jedoch bisher so detailliert nachzulesen. Letzteres gilt insbesondere für die Beteiligung mehrerer Unternehmer und Firmen (Salamander, Bosch), die aufgrund ihrer Einlagen durchaus Druck ausüben konnten und die Zeitung in finanzieller Abhängigkeit hielten, aus der sie sich erst in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre lösen konnte. Prägend waren von Anfang an der Einfluss der Freiburger ordoliberalen Schule der Nationalökonomie und die Orientierung an den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Dauerhaft gesichert wurde die Unabhängigkeit durch die 1959 gegründete FAZIT-Stiftung, eine für die deutsche Tagespresse einzigartige Konstruktion.

Das zweite Kapitel ist der Vergangenheitspolitik gewidmet, einem unabänderlichen Obligo der deutschen Nachkriegszeit. Hoeres redet nicht um die „braunen Flecken“ herum, die einigen der Akteure (wie z.B. dem Herausgeber Karl Korn) anhafteten und die vielleicht mit ein Grund waren, warum man den Zugang zum Archiv so lang blockierte. Gleichwohl, die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nahm man sehr ernst, nicht ohne Toleranz zu üben und Ambivalenzen einzuräumen. Journalistische Glanzlichter waren in diesem Zusammenhang die Berichterstattung über den französischen Oradour-Prozess 1953, den Eichmann-Prozess 1960/61 und den Frankfurter Auschwitz-Prozess 1965/66.

Kern des dritten, im Kalten Krieg angesiedelten Kapitels ist der erste große, innerhalb der Zeitung ausgetragene publizistische Konflikt, der „Fall Sethe“. Der Herausgeber dieses Namens hatte mehrfach Kritik am „Westbindungs“-Kurs der Adenauer-Regierung geübt. Gegen diese Position Sethes kam nachweisbar politischer Druck von außen. Allerdings hatte dieser gegen kollegiale Regeln im Herausgebergremium verstoßen. Dass er am Ende dieses Konflikts aus der FAZ ausschied, ist gern als illegitime Unterdrückung der Pressefreiheit gewertet worden, jüngst noch in einem amerikanischen Buch.[2] Dagegen schildert Hoeres den Fall differenziert. Denn Sethe konnte in diesem Fall die Pressefreiheit nicht allein für sich reklamieren. An der Kompetenzabgrenzung zwischen Herausgeberschaft, Verlag und Redaktion entzündete sich seinerzeit das Problem der inneren Pressefreiheit. Auch in der FAZ wurde ein Redaktionsrat eingerichtet, der aber offenbar – aus Mangel an Anlässen – alsbald dahinsiechte.

Im vierten Kapitel wendet sich Hoeres dem Feuilleton zu. Hier beschreibt er, wie die FAZ den Anschluss an die kulturelle Moderne suchte. In einem Exkurs wird die Kritik an der FAZ thematisiert, vor allem die Invektiven des jungen Hans Magnus Enzensberger. Eine weitere „wesentliche Station“ ist im fünften Kapitel die Auseinandersetzung um die Studentenbewegung von 1967/68. Sie bietet dem Autor die Möglichkeit, die politischen Differenzen in der FAZ-Redaktion aufzuzeigen: Während in der Politik konservative Positionen herrschten und im Wirtschaftsteil liberale, war das Feuilleton zunehmend „links“ gestrickt. Doch gab es in den „roten“ 1970er-Jahren, als die sozial-liberale Regierung an der Macht war, im Politikteil auch Anhänger von Willy Brandts Ostpolitik. An dem Herausgeber Jürgen Tern entzündete sich dann der zweite große politische Streitfall, der zu dessen Entlassung führte und in der Redaktion eine „Rebellion“ auslöste.

Nur unter Widerständen konnte auch Joachim Fest, der seit 1973 als Nachfolger von Karl Korn Herausgeber der FAZ geworden war, im gleichen Jahr Marcel Reich-Ranicki als neuen Literaturchef der Zeitung durchsetzen. Der zu cholerischen Ausbrüchen neigende Literaturkritiker verschaffte der FAZ zwar Reputation, befeuerte aber selbst allerhand Kontroversen, die nicht zuletzt zur Entfremdung von seinem einstigen Förderer führten. Anlass war dafür der Historikerstreit 1986/87. Ihm widmet Hoeres ein längeres Unterkapitel. Dem voraus geht noch ein solches zur deutschen Wiedervereinigung. An diesem Ziel hatte die Zeitung stets festgehalten, was – so Hoeres – den von Beginn an gewählten Untertitel „Zeitung für Deutschland“ für die FAZ gewissermaßen teleologisch rechtfertigte.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends kam es zu dem „Rauswurf“ des für den Stadt- und Regionalteil zuständigen Herausgebers Hugo Müller-Vogg, angeblich, weil er ebenfalls das kollegiale Vertrauensverhältnis zerstört hatte. Den Hintergrund versucht Hoeres zu erhellen. Seiner Schilderung liegt hier wohl ein längeres Gespräch mit dem Betroffenen zugrunde. Viel dramatischer war jedoch die im Gefolge konjunktureller und struktureller Faktoren ausbrechende Zeitungskrise. Davon waren Anfang des Jahrtausends Anzeigen- und Auflagenentwicklung betroffen, die insgesamt aber nur beiläufig erwähnt werden.

Im zehnten Kapitel behandelt Hoeres noch einmal übergreifende Fragen. Außer dem Gender-Aspekt charakterisiert er den Stil der FAZ und schreibt ihr die Funktion eines „Leitmediums“ zu. Als eindrücklichstes Beispiel für politische Wirkung nennt er den Einsatz des Herausgebers Johann Georg Reißmüller für die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens 1992 (mit der Konsequenz des Zerfalls des alten Jugoslawiens).

Im Zuge seiner Darstellung gelingen Hoeres prägnante Charakterisierungen maßgeblicher Akteure. Das gilt für den mehrfach auftretenden, als „Gründungsherausgeber“ firmierenden Erich Welter, aber nicht minder für den lange das Wirtschaftsressort dirigierenden Jürgen Eick oder die Feuilletonisten Fest, Bohrer und Reich-Ranicki. Bemerkenswert ist auch die recht kritische Würdigung des oft bejubelten Frank Schirrmacher, dessen „Debatten- und Zukunftsfeuilleton“ im Rückblick nicht ohne Reserve abgehandelt wird. Es scheint fast, als ob der Verfasser dem Ressortchef hier eine jahrelange missliebige Lektüre heimzahlen wolle.

Die längste Zeit ihrer Geschichte war die FAZ eine auf Papier gedruckte Zeitung. Als in den frühen 1980er-Jahren Kabel- und Satellitentechnik aufkamen und die elektronischen Medien auch für private Anbieter geöffnet wurden, wollte sich daran auch die FAZ, die diese medienpolitische Wende befürwortet hatte, beteiligen. Davon handelt unter anderem das neunte Kapitel, allerdings etwas knapp, vielleicht, weil diesen Bemühungen kein längerfristiger Erfolg beschieden war. Immerhin besaß die Zeitung mit Dietrich Ratzke, dem langjährigen Chef vom Dienst (eine wichtige Funktion, die bei Hoeres ausgeblendet bleibt), einen der besten Kenner der Materie. Er hob die „Tele-FAZ“ aus der Taufe. Der Verfasser macht es sich auch etwas leicht, wenn er behauptet, die Zeitung habe das Internet „verschlafen“. Er erörtert die Zukunftschancen der Zeitung, wobei die Gemengelage nur schwer Prognosen zulässt.

Die FAZ-Geschichte von Peter Hoeres ist die eines politischen (Ideen-)Historikers. Im Vordergrund steht die Rolle der Zeitung als politischer Akteur. Bei den meisten der ausgewerteten und in den Fußnoten belegten Zeitungsartikeln handelt es sich um Leitartikel oder räsonierende Hintergrundberichterstattung. So erscheint die FAZ primär als Organ des Meinungsjournalismus und einer heute nicht selten kritisierten Tradition des „missionarischen“ journalistischen Selbstverständnisses. Darauf weist der Verfasser aber nur beiläufig hin. Man erfährt beispielsweise nicht, dass die Zeitung durchaus auch eine Nachrichtenredaktion besaß und besitzt. Dass es an Bezügen zur kommunikationswissenschaftlichen Journalismus- und Redaktionsforschung mangelt, ist der disziplinären Verortung des Verfassers geschuldet. Daraus ist kein Vorwurf abzuleiten, es sei aber als Desideratum vermerkt. Zumindest die Veränderungen, die seit den 1980er-Jahren durch elektronische Redaktionssysteme verursacht wurden, hätten es schon verdient gehabt, erwähnt zu werden. Mehr sagen ließe sich auch noch über die Position der Zeitung im publizistischen Spektrum der Bundesrepublik.

Man wird von einer solchen Zeitungsgeschichte nicht eine gleichrangige Bearbeitung aller Aspekte erwarten können. Mit Recht baut der Verfasser vor, keine „Totalgeschichte“ (S. 13) liefern zu wollen. Was er an Fakten und Urteilen zusammengetragen hat, ist auch so schon erstaunlich. Dabei ist Hoeres ein talentierter Erzähler, der seinen Stoff souverän und lebendig zu schildern weiß und dem pointierte Resümees gelingen, so, wenn er von einer „Ordens- und Klostermentalität“ (S. 429) in der FAZ spricht. Das Buch bereitet streckenweise eine geradezu unterhaltsame Lektüre, dies auch deshalb, weil der Verfasser es nicht an Ironie fehlen lässt und es sprachlich mitunter sogar leichtfüßig daherkommt.

Anmerkungen:
[1] Worauf verschiedentlich hingewiesen wird; bisher ist publiziert: Maximilian Kutzner, Marktwirtschaft schreiben. Das Wirtschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1949–1992, Tübingen 2019.
[2] Volker R. Berghahn, Journalists between Hitler and Adenauer. From inner emigration to the moral reconstruction of West Germany, Princeton 2019.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.02.2020
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