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Titel
"Wirtschaftskrisen". Effekt und Faktor politischer Kommunikation. Deutschland, 1929–1976


Autor(en)
Klammer, Kristoffer
Reihe
Historische Semantik 28
Erschienen
Göttingen 2019: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
495 S.
Preis
€ 80,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wencke Meteling, Seminar für Neuere Geschichte, Philipps-Universität Marburg

Konkurrierende Deutungen und das Ringen um politische Prioritäten machen Krisen zu einem äußerst spannenden Untersuchungsgegenstand für die Geschichtswissenschaft. Wie sehr politisches Entscheidungshandeln von den Deutungen der Krise abhing, demonstriert Kristoffer Klammers Studie über Wirtschaftskrisen als politische Deutungsmuster im 20. Jahrhundert. Äußerst versiert zeichnet Klammer anhand dreier Fallstudien – der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933, der „Wachstumsdelle“ von 1966/67 und der „kleinen Weltwirtschaftskrise“ von 1973 bis 1976 – nach, in welchen Situationen sich eine Wirtschaftskrise im öffentlich-politischen Sprachgebrauch in Deutschland bzw. der Bundesrepublik als dominierende Deutung etablierte, worauf sich die Krisensemantiken bezogen, wie Erwartungshaltungen geformt und Handlungszwänge erzeugt wurden und welche politischen Entscheidungen folgten.

2017 an der Universität Bielefeld als Dissertation angenommen, zeigt Klammers Studie eindrücklich, was der Ansatz der Historischen Semantik für eine Politikgeschichte der Weimarer und der Bonner Republik leisten kann. Dabei negiert Klammer mit seiner sprach- und argumentationsgeschichtlichen Herangehensweise keineswegs, dass Wirtschaftskrisen eine materielle Realität haben, die es ebenfalls wert ist, untersucht zu werden, etwa ein stagnierendes oder gar sinkendes Bruttosozialprodukt oder eine steigende Arbeitslosenquote. Klammer jedoch geht es um den diskursiven Ereignischarakter von Wirtschaftskrisen. Die Rahmenbedingungen sprachlichen Handelns fasst er mit Willibald Steinmetz als „Konstellationen“ (S. 13). Untersucht werden die Krisensemantiken von Politikern der Regierung und Opposition sowie Journalisten als öffentlich wirkmächtigen Akteuren. An Quellen stützt sich die Analyse auf Plenardebatten in Reichstag und Bundestag sowie nationale Tageszeitungen und Boulevardblätter. Die ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff war die einzige Frau, die an den wirtschaftlichen Krisendiskursen Anteil hatte.

Die Fallstudien sind systematisch aufgebaut, beginnend mit einem Abriss einschlägiger Krisennarrative aus der Forschung und endend mit einem Zwischenfazit, das vergleichende Betrachtungen einschließt. Die eigentliche Sprachanalyse geschieht auf drei Ebenen: Phasenspezifische Topoi markieren den Krisenverlauf und sind Grundlage für die von Klammer vorgeschlagene Periodisierung; sprachliche Charakteristika verweisen auf die zugrundeliegenden Beurteilungs- und Wissensbestände; die dritte Ebene gilt den Akteuren, ihren Begriffsverwendungen und Argumentationsmustern. Hier kann Klammer präzise nachzeichnen, wie sich im Krisenverlauf das Aussagenspektrum und mit ihm die politischen Handlungsoptionen verengten oder ausweiteten.

In ihrem Ausmaß und den politischen Folgen hob sich die Weltwirtschaftskrise (Teil 1) von den beiden anderen Krisen ab. Nicht umsonst funktionieren „Weimar“ und „Weltwirtschaftskrise“ bis heute als Warnsignale im politischen Sprachgebrauch. Als wirtschaftspolitische Lehre hinterließ die Weltwirtschaftskrise in der Nachkriegszeit den Keynesianismus, der in der Bundesrepublik allerdings vergleichsweise spät und nur für kurze Zeit die wirtschaftspolitische Praxis bestimmte. Zum ökonomischen Dreifachcharakter der Krise trat als deutsches Spezifikum die Deflationspolitik von Kanzler Heinrich Brüning hinzu. Selbst während der Weltwirtschaftskrise geschah die Berichterstattung über Wirtschaft in den Zeitungen nachgeordnet; erst in der Bundesrepublik wurde sie neben Politik zum zentralen Zeitungsinhalt. Auch gab es im damaligen Krisendiskurs keine klaren Zäsuren oder Deutungsdynamiken, wie dies in den späteren Wirtschaftskrisen der Fall war. Bis Sommer 1930 blieben die Krisendeutungen latent, sie tauchten hie und da auf und bezogen sich auf strukturelle Probleme wie die Lage der deutschen Landwirtschaft ebenso wie auf akute weltwirtschaftliche Krisenphänomene. Der Weltwirtschaftskrisendiskurs brach erst anlässlich eines politischen Konfliktes durch, des Notverordnungsstreits im Sommer 1930, als Regierungspolitiker die Weltwirtschaftskrise zum Argument machten. Von diesem Zeitpunkt bis Anfang 1933 zog das Interpretament der Weltwirtschaftskrise die Weimarer Republik in seinen Bann. Ende 1931 weitete sich das Aussagenspektrum zur Krise merklich aus. Bezugspunkte waren der taumelnde Bankensektor, der Niedergang des Goldstandards und der Weltwirtschaft, die bittere Erkenntnis, dass die Krise andauern würde, sowie eine scharfe Diskussion über Brünings Deflationspolitik und die (kaum gangbare) Alternative einer aktiven Konjunkturpolitik. Seither rangierte die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit auf der Skala politischer Ziele ganz oben. Auch in den späteren Krisendiskursen blieb die Entwicklung der Arbeitslosenzahl und nicht die Wachstumsentwicklung die entscheidende Referenz.

Die Krise von 1966/67, die bis heute einer monografischen Untersuchung harrt, ist treffend betitelt als „reduzierte Krise“ (Teil 2), war sie doch auf Westdeutschland beschränkt und dauerte nur ein Jahr. Während Überblicksdarstellungen wie selbstverständlich von einer Wirtschaftskrise sprechen, werteten die Zeitgenossen sie als eine politische Krise, eine Krise der Union und eine „Koalitionskrise“, auch von einer drohenden „Staatskrise“ war die Rede, ehe „Finanz-“ und „Wirtschaftskrise“ als Deutungsmuster folgten, ohne jedoch die anderen Krisensemantiken zu verdrängen. Das politische Führungsvakuum wog im Empfinden der Zeitgenossen schwerer als die ökonomischen Schwierigkeiten – ein Umstand, dem die Ex-post-Etikettierung der Krise als „Wirtschaftskrise“ nicht Rechnung trägt. „Die Bildung der neuen Bundesregierung sowie deren […] [keynesianisches, W.M.] Konzept zur Krisenbewältigung schlossen das Leck an politischer Steuerung“ (S. 289), die Krisenrhetorik verebbte und positive Erwartungen traten an ihre Stelle. So markierte die reduzierte Krise denn auch keinen Bruch im Zeitempfinden, sondern bestätigte im Gegenteil das Vertrauen in Stabilität und Wachstum durch politische Planung und Steuerung.

Dieser Wachstums- und politische Steuerungsglaube zerstob im Krisendiskurs der 1970er-Jahre. Die Krise von 1973 bis 1976, „komplex und konturlos“ (Teil 3), war in den Deutungen der Zeitgenossen diffus. Sie hatte nicht die Gestalt eines zusammenhängenden Ereignisses, das geschichtswissenschaftliche Bezeichnungen wie „kleine Weltwirtschaftskrise“ oder „globale Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre“ ausdrücken. Trotzdem stellte der Ölpreisschock von 1973 in den Gegenwartsinterpretationen der Zeitgenossen ein Schlüsselereignis dar. Gemein ist den untersuchten zeitgenössischen Wahrnehmungen und etlichen geschichtswissenschaftlichen Interpretationen, dass in den 1970er-Jahren ein krisenhaftes Zeitalter das „Golden Age“ (Eric Hobsbawm) des Nachkriegsbooms ablöste, mögen Wirtschaftshistoriker auch zu Recht darauf hinweisen, dass diese Jahre lediglich eine Rückkehr zum langfristigen Wachstumstrend markierten. Zur mentalitätsgeschichtlichen Zäsur gehörten die neue Erwartung anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und ein gewandeltes Zukunftsverständnis. „Aus einem zeittheoretischen Blickwinkel besehen verlor die Zukunft ihren Stellenwert als aktiv beschriebener und bemessener Gestaltungsraum. Politisch, zumal wirtschaftspolitisch, büßte sie ihre Funktion als Legitimationsressource ein“ (S. 432). Das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schien in Unordnung geraten und auch sonst zeugten die Krisensemantiken vom Eindruck der Uneinheitlichkeit und Unübersichtlichkeit sowie der Schwierigkeit, die wirtschaftliche Lage auf eindeutige Begriffe und Bilder zu bringen. „Vernunft“-Semantiken wurden in Anschlag gebracht, um die gesellschaftliche „Anspruchsinflation“ zu drosseln und eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik durchzusetzen. Das Bewusstsein für solch einen strategischen Begriffsgebrauch, das es in der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre noch nicht gegeben hatte, nahm im späteren 20. Jahrhundert zu. Die politische Diskussion über die Ursachen der Krise – hier meinte Krise nicht länger ein von außen plötzlich hereingebrochenes Ereignis wie die Ölpreiskrise, sondern ein strukturelles Problem – spiegelte die parteipolitische Polarisierung der 1970er-Jahre, vertraten Regierung und Opposition doch fundamental verschiedene Erklärungen.

Das Fazit rekapituliert Gemeinsamkeiten und Spezifika in den Sprachmustern der Krisen und bündelt wesentliche Befunde in einem Schema zu Krisenverläufen. Außerdem reflektiert es die Wirkmächtigkeit von Krisendiskursen jenseits des öffentlich-politischen Sprachgebrauchs und diskutiert, inwieweit die Krise der 1970er-Jahre bis in die Gegenwart hineinreicht. Zu den vielen Ergebnissen zählt, dass Krisen Regierungspolitikern tatsächlich häufig nützten. Allerdings galt dies nur in der Frühphase einer Krise, wenn sie noch als zugespitzte Situation erschien, die auf eine Entscheidung zulief. Sobald sich der Charakter der Krise von einem Ereignis hin zu einer anhaltenden Misere wandelte und der Streit über Ursachen und Handlungsalternativen tobte, schwand dieser Vorteil der Exekutive. Bedenkenswert ist auch Klammers Hypothese, dass „Krise“ ein seit den 1970er-Jahren „latent stets vorhandenes Gegenwartsinterpretament“ sei, das „eine strukturelle wirtschaftliche Problemlage“ (S. 456) bezeichne und dessen wichtigste Referenz Arbeitslosigkeit sei.

Für die Studie bildete die Weltwirtschafts- und Weltfinanzkrise seit 2008 den aktuellen Bezugspunkt.[1] Künftige Forschungen werden zusätzlich die globale Covid-19- und Wirtschaftskrise adressieren, die der dichten Folge von Krisennarrativen seit den 1970er-Jahren ein neues Großkapitel hinzufügt. Das Ausmaß der Krise in den USA ist ein Lehrstück für die Wirkmächtigkeit politischer Deutungen und Desinformation. Anstatt effektive Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu priorisieren – als conditio sine qua non für wirtschaftliche Erholung –, reden die Trump-Administration, rechtspopulistische Politiker und Medien wie Fox News die Pandemie klein und die Wirtschaftskrise schön, um Sorgen und Ängste der Öffentlichkeit zu zerstreuen und consumer spending zu forcieren. Erreicht haben sie das Gegenteil: Die Pandemie ist in weiten Teilen der USA außer Kontrolle geraten und die Wirtschaftskrise hat sich verstetigt. Klammers Studie weist künftigen Krisenforschungen methodisch einen Weg, um herauszufinden, wie und zu welchen Zwecken Regierungspolitiker/innen die Krise diesmal nutzen, nach dem Motto „never let a serious crisis go to waste”.[2]

Anmerkungen:
[1] Adam Tooze, Crashed. How a Decade of Financial Crises Changed the World, New York 2018.
[2] Philip Mirowski, Never Let a Serious Crisis Go to Waste. How Neoliberalism Survived the Financial Meltdown, London 2014.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.09.2020
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