G. Holzweißig: Die schärfste Waffe der Partei

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Titel
Die schärfste Waffe der Partei. Eine Mediengeschichte der DDR


Autor(en)
Holzweißig, Gunter
Erschienen
Köln 2002: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
295 S.
Preis
€ 24,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Günter Agde, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Buchstäblich in der vorletzten Zeile seines Buches nennt der Autor denjenigen Prägestempel, der seine Arbeit durchweg dominiert: Die DDR-Bürger hätten „zwei Informationsdiktaturen“ zu erdulden gehabt, nämlich die „des NS- und des SED-Regimes“ (S. 189). Damit wird die ansonsten latente, textimmanente Diktaturen-Gleichsetzung offenkundig, der der Autor anhängt und die er mitschreibt. Dabei scheint die Zeit vorbei zu sein, wo eine direkte Diktaturen-Gleichsetzung als Folge einer vereinfachenden Totalitarismus-Theorie einen schnellen Zugang zur DDR-Geschichte ermöglicht und als provisorische Brückenkonstruktionen erste frühe Einsichten bereitgestellt hatte.

Zügig und abfolgerichtig handelt Holzweißig ab, wie über die Jahre von 1945 bis 1989 das Beziehungsgeflecht zwischen der Partei (anfangs KPD, dann SED, und hinter ihr lange die sowjetische Besatzungsmacht) und den Medien Presse, Rundfunk und Fernsehen ablief. Nein, nicht -geflecht, das eben beschreibt Holzweißig nicht. Er stellt eine Art Zwei-Wege-System dar: von der Partei zu den Medien und zurück. Er belegt damit jene von der Partei selbst geprägte Aufgabe der Medien als ihrer schärfsten Waffe.

Die Mediengeschichte der DDR war durchweg immer auch konstituierendes Element der Herrschaftsgeschichte. Das macht Holzweißig mehr als deutlich. Allerdings ist das auch nicht neu – schon die Geschichte des deutschen Fernsehens (die Knut Hickethier und Peter Hoff über Fernsehen-Ost und Fernsehen-West akribisch und umfänglich geschrieben haben) legte das plausibel und sachkundig offen [1], und es gibt heutzutage keine ernstzunehmende Studie über DDR-Geschichte ohne diese fundamentale Grundierung.

Funktion und Entwicklung der Medien in der DDR und ihrer Abhängigkeiten von der Partei bildeten einen wechselvoll-dynamischen, kompliziert verästelten Prozess voller Widersprüche, Indoktrinationen vieler Art und auch mit Überraschungen. Er war freilich mehr als nur ein System linear kommunizierender Röhren, das vom Hoheits- und Unfehlbarkeitsanspruch der Partei überwölbt wurde (wo dann folgerichtig der Partei-Generalsekretär auch der Oberste Chefredakteur war). Holzweißigs Arbeit provoziert die Frage, ob die Skizzierung des kleinen Einmaleins’ dieser Verhältnisse als Sender-Empfänger-Struktur ausreichen kann, ob man also mit der Anatomie der Wirbelsäule schon das Skelett und dann den ganzen Organismus so beschreibt, dass der selbstgewählte hohe Anspruch des Untertitels „Mediengeschichte“ gültig erfüllt wird.

Holzweißig folgt der historischen Chronologie und lässt da nichts aus. Er gliedert seinen Stoff analog zur DDR-Geschichte in fünf große Kapitel. Detailliert beschreibt er vor allem die Anfänge: wie auf den Trümmern des NS-Regimes hinterm Schild der sowjetischen Besatzungsmacht und mittels deren massiver Eingriffe und Anweisungen alles das an Propagandainstrumentarien installiert wurde, was das Fundament der Parteiwaffe ausmachte und was dann später gesäubert, begradigt und zementiert und um neue technische Möglichkeiten (Fernsehen) erweitert wurde.

Er lässt auch Personalia nicht aus dem Auge, die zu dieser Geschichte gehören: den dienstältesten Fernsehintendanten der Welt Heinz Adameck, den meistbeschimpften DDR-Polit-Kommentator, den Schwarze-Kanal-Arbeiter Karl-Eduard von Schnitzler (der auch hinter den Kulissen, z.B. bei den Leipziger Dokumentarfilmfestivals, manch Faden spann, auch Filmrezensionen und selbst Filme schrieb). Zu ihm flicht Holzweißig eine amüsante, recht eigentlich verblüffende Anekdote ein, wie nämlich Schnitzler, ausgerechnet er, eine Parteirüge bekam (S. 118; S. 223). Mehr als eine Schnurrpfeiferei ist dies nicht: Aber Holzweißig hat die einschlägigen Akten gefunden (er ist Mitarbeiter des Bundesarchivs, hat folglich idealen Zugang zu allen Quellen und mag nicht darauf verzichten.)

Von größerem Wert und wirklich neu sind später Holzweißigs Erkundungen zu Hintergründen des berüchtigt-legendären Sputnik-Verbots durch Honecker 1988, für die er die einschlägigen Dokumente auswertet (S. 147ff.) Auch reglementierte Biografien wie die Hans Mahles, des Moskau-Emigranten und ersten Generalintendanten der Rundfunks, bezieht Holzweißig ein.

Weil er aber strikt der Zwei-Wege-Struktur folgt, findet er kaum Platz für Leute „dazwischen“. Ein Mann wie der Rundfunkkommentator Herbert Geßner war zweifellos in diese Pole eingebunden und hat beide kräftig bedient. Zugleich aber hat Geßner auch oft viele unbequeme Höreranfragen sachlich und offensiv und meist so gar nicht in Harmonie mit der Parteiführung öffentlich via Rundfunk beantwortet. Ebenso der Wirtschaftsjournalist Karl-Heinz Gerstner, dessen Wirtschaftsreportagen in der „Berliner Zeitung“ und dessen „Sonntägliche Wirtschaftsbetrachtung“ im Radio viel öffentliche Resonanz erfuhren. [2]
Auch Holzweißigs Notierungen einzelner Propaganda-Instrumente erweisen sich als unzureichend und ungerecht: der Studenten-Zeitschrift „Forum“ lediglich zu bescheinigen, dass sie „aufmüpfig“ gewesen sei (S. 29) und sonst überhaupt nichts zu Charakter und Wirkungsweise der Zeitschrift zu nennen, ist m.E. gröblichst vereinfacht. Dies Etikett sagt nichts über Machart und Wirkungsweise der Zeitschrift aus. In der Mediengeschichte der DDR der 60er Jahre aber hat sie – weit über Studentenkreise hinaus – eine mobilisierende, diskussionsfreudige, auch in Teilen mutmachende Rolle gespielt. Allein schon die Abdrucke neuester Belletristik sorgten für Leser-Diskussionen wie sonst nirgendwo. Von den „Forum“-Machern ganz zu schweigen: Immerhin war Rudolf Bahro lange Jahre stellvertretender Chefredakteur, und Heinz Nahke, der langjährige Chefredakteur, sorgte mit unglaublich chaotisch-anarchistischen Methoden dafür, dass im „Forum“ neueste Texte von Schriftstellern, quasi heiß aus der Schreibmaschine gerissen, erschienen und ganz rasch von einem massenhaften Publikum diskutiert werden konnten, etwa die gewiss vereinfachende, aber durch manch neue Denk-Ansätze anregend-lebendige „Faust“-Diskussion oder Volker Brauns Stück „Kipper Paul Bauch“ und Dieter Nolls Roman „Werner Holt“.

Gewiss, letztendlich ordneten sich auch diese „Leute dazwischen“ in das SED-DDR-Medienimperium ein und ihm unter und gewiss mit vielerlei Stasi-Ambivalenzen. Zugleich haben sie oft versucht, der disziplinierenden Apologetik zu entkommen. Gemeinsam war ihnen - neben vielem anderem - auch etwas, was bei der Parteiführung so nicht üblich und schon gar nicht angesehen war, was aber einen erheblichen Teil der Resonanz bei den Lesern/Hörern ausmachte: In Argumentationsführung, in Vokabular und Diktion erkannte man, dass diese Leute meinten, was sie sagten, durchaus keine Selbstverständlichkeit.

Auch manche mediale und medien-programmatische Erscheinung übergeht Holzweißig. Die Orientierung am und nach „Westen“ bildete, über die lautstarke sogenannte Konterpropaganda hinaus (etwa bei den internationalen Pressekonferenzen des Politbüro-Mitglieds Albert Norden), einen parteiinternen, starken Motor bei der langen, kostspieligen, forciert betriebenen Installation des 2. DDR-Fernsehprogramms, mit dem 1969 das Farbfernsehen in der DDR gestartet wurde. Wenn man die Erinnerungen Walter Bruchs, des hochbegabten, vermarktungstüchtigen PAL-Erfinders, dem man keinerlei lineare parteipolitische Ausrichtung nachsagen kann, gegenliest, so wird sichtbar, wie sehr außenpolitische Gründe der Bundesrepublik und der DDR und noch mehr marktwirtschaftliche Gesichtspunkte in die Entscheidungsfindung auf beiden Seiten einflossen. Auch derlei Antriebe und Gesichtspunkte gehören zur Mediengeschichte.[3]

Oder ein anderer tagesprogramm-politischer Aspekt. Über mindestens zwei Jahrzehnte funktionierte in Radio-Ost und Radio-West eine stillschweigende, freilich stark wahrgenommene sonntägliche Verabredung: Der Berliner Rundfunk (Ost) sendete ab 10.30 Uhr ein Magazin „Atelier und Bühne“, von der Filmkritikerin Margit Voss und dem Theaterkritiker Dieter Kranz moderiert und inhaltlich ausgefüllt, 11.05 folgte eine ähnlich strukturierte Magazin-Sendung „Galerie und Theater“ vom Sender SFB von Dietrich Steinbeck, und 11.45 beschloss die „Stimme der Kritik“ des RIAS Friedrich Luft den Block. Wer diese Sendungen aufnahm, war kompetent, kritisch und sehr individuell über die wirklich wichtigen kulturellen Neuerscheinungen in beiden deutschen Staaten in Sachen darstellender Kunst informiert. Die Macher gewannen über die Jahre durch Kompetenz die Zuneigung der Hörer und unterliefen die Konterpropaganda-Doktrin des Politbüros.

Auch in anderen Zusammenhängen bleibt Holzweißig der inneren Logik seiner Darstellungsweise streng - um nicht zu sagen: starr – verpflichtet. In einem Dokumentenanhang, der sein Gesamtkonzept stützt, druckt er (als Nr. 3, S. 221) einen Beschluss des ZK-Sekretariats ab, eine Direktive zu Fragen der Satire in der DDR. Dann spart jedoch Holzweißig leider denjenigen Schritt aus, der dies banale Detail eines parteipolitischen Dirigismus wahrhaftig und elegant in sein Vorhaben einer Mediengeschichte hätte einpassen können.

In Nr. 4/1956 der kulturpolitischen Wochenzeitschrift „Sonntag“ nämlich wurde die beschlossene Satire-Direktive veröffentlicht, wie angewiesen anonym und ohne jegliche Erwähnung von Hintergründen. Schon das ist grotesk genug: Eine Partei deklariert, was Satire sei und formuliert diverse Forderungen an alle Künstler, Satire so zu betreiben, wie sie sie sieht. Der Beschluss, den Holzweißig abdruckt, bildet die Weiche - die Direktive aber, die Holzweißig nicht abdruckt, bildet das Gleis: Dort wird im Gewand eines ästhetischen Thesen-Katalogs die Disziplinierung der Künstler (und der Medien!) erkennbar. Zum Charakter einer Mediengeschichte gehörte wohl die Darlegung solcher Verflechtung dazu.

Nebenbei, dem Buch fehlte ein Lektor, der stilistische Entgleisungen ausgemerzt hätte: „Glaubwürdig“ erträgt keine Komparation – „glaubwürdiger“ gibt es nicht. Entweder ist etwas glaubwürdig oder nicht. Oder: etwas ist fein gesponnen oder feiner gesponnen, aber „fein gesponnener“ gibt es nicht (schon auf S.1). Und so noch öfter.

Nimmt man denn alle diese Anfragen und Einwendungen zusammen, so findet man, dass die Methode Holzweißigs einen Überblick ermöglichen kann. Die Drauf-Schau bietet in ihrer Schlankheit eine eigene Überzeugungskraft. Eben ein Grundriss (wie im Klappentext erwähnt), im Schnell- (und also notwendigen Vereinfachungs-) gang, der aber nicht den Anspruch einer Mediengeschichte erheben sollte.

Anmerkungen:
[1] Hickethier, Knut (unter Mitarbeit von Peter Hoff), Geschichte des deutschen Fernsehens, Stuttgart 1998.
[2] Gerstner, Karl-Heinz, Sachlich, kritisch und optimistisch, Berlin 1999.
[3] Bruch, Walter, Heide Riedel, PAL – Das Farbfernsehen, Berlin 1987, S. 59ff.

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Veröffentlicht am
03.06.2003
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