: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band 1. Hamburg  2016. ISBN 978-3-929728-92-7

: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz und in der Zeit nach 1945. Band 2. Hamburg  2017. ISBN 978-3-946246-13-8

: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz und in der Zeit nach 1945. Band 3. Hamburg  2019. ISBN 978-3-946246-24-4

Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Gisela Miller-Kipp, Philosophische Fakultät, Heinrich Heine Universität Düsseldorf

Hans-Peter de Lorent gehört zu den Pionieren der Geschichtsschreibung über das deutsche Schul- und Bildungswesen im „Dritten Reich“[1]; seine Region war immer Hamburg, hier hatte er als Amtsträger und Schulfunktionär[2] besten Quellenzugang; er ist insofern Teil des Personenkollektivs, dem er historiographisch zu Leibe rückt. Aus eben diesem Grunde war seine Forschung von Anfang an Anfeindungen und der Verdächtigung der Parteilichkeit ausgesetzt – die einen beklagten die Störung des Schulfriedens und verübelten ihm die Destruktion von Entschuldigungsnarrativen, die anderen bezichteten ihn der selektiven Wahrnehmung und Beschönigung. Beides wird auch an de Lorents Quellenumgang festgemacht; und der bleibt ein veritabler Gesichtspunkt. Da de Lorent sich früh auf biographische Rekonstruktion und damit auf personale Täterforschung fixiert hat, besteht sein Quellenmaterial zum weitaus größten Teil aus amtlichem Schriftgut – Personalakten und institutionelle Berichte – sowie aus Lebens- und Erinnerungserzählungen. Beide Quellengattungen bedürfen eigener Kritik, werden von de Lorent aber gleichweg referierend und zitierend zusammengestellt; es mangelt an historischer Kontextualisierung und kritischer Distanz, im Einzelfalle an kritischer Überprüfung sogenannter „Ego-Dokumente“. Diese methodologische Schwäche macht den Autor angreifbar, was sich zuletzt an der Kontroverse über seine Biographie Max Traegers zeigte.[3] Die hier zu besprechenden drei Bände weisen dieselben Schwächen auf, sind aber von überwältigender Materialfülle. Mit ihnen hat de Lorent den Ertrag aus über drei Jahrzehnten historischer Recherche und insofern ein Lebenswerk vorgelegt – insgesamt 167 Einzelbiographien. Erstmals werden sie alle über 1945 hinaus bis zum Tode der Person fortgeschrieben; dabei werden insbesondere die einzelnen Entnazifizierungsverfahren in den Blick genommen.

Aus ihrer Materialfülle heraus zeichnen die drei Bände ein Tableau bildungspolitischer und schulamtlicher Praxis in Hamburg 1933–1945 und eine Typik der Entnazifizierung im Hamburger Bildungswesen. Beides systematisch darzustellen, nimmt sich der Autor selbst nicht vor – es zeigt sich aber doch eine Praxis von „Bespitzelung und Bedrohung, Amtsenthebung und Versetzung, Karriereverweigerung und Postenschacher“[4] und, im Blick auf die Entnazifizierungsverfahren, eine typische Mischung von objektiven Belastungskriterien und subjektiven Einschätzungen. De Lorent urteilt, dass diese Mischung es „so schwer [gemacht habe], die Verantwortlichen im Hamburger Schulwesen […] nach 1945 zur Rechenschaft zu ziehen“, und spricht daher von „unvollendeter Entnazifizierung“ (Bd. 1, S. 38). Zur Illustration dient ihm der kuriose Fall des Halbbruders von Adolf Hitler, Alois Hitler (Bd. 1, S. 69–86). Der führte in Berlin die bei SS und SA beliebte Gaststätte „Alois“, nannte sich nach 1945 „Hiller“ und versuchte, in Hamburg entnazifiziert zu werden, was ihm mit vielen listigen Windungen auch gelang; erstmals 1947, dann endgültig 1950 wurde er als „entlastet“ eingestuft (Bd. 1, S. 84) – allerdings ein Sonderfall außerhalb des markierten Spektrums. Denn das fundamentale Interesse des Autors gilt dem Personenkollektiv der im Hamburger Schulwesen „teils exponiert tätigen, teils hinter den Kulissen wirkenden Nationalsozialisten“ (Bd. 1, S. 9). Die Zurechnung zu diesem Täterkollektiv wird jedoch von Band zu Band durchlässiger durch Hinweise und biographische Beiträge aus der Leserschaft; de Lorent nimmt sie in der erklärten Absicht auf, „das ganze Spektrum an Beteiligung darzustellen“ (Bd. 3, S. 992). Solche (Erinnerungs-)Beiträge wie auch Resonanzen auf den jeweiligen Vorgängerband sind ab dem zweiten Band beigegeben. Die Reihenfolge der Einzelbiographien richtet sich nach institutionellem Rang bzw. nach zugemessenem politischem Gewicht, ein alphabetisches Namensverzeichnis ist jedem Band angehängt; es enthält, geschätzt, in Band eins und zwei je über 600, in Band drei über 1.000 Namen (!) – ein Referenzkosmos für sich. Der Anhang eines jeden Bandes enthält zudem ein umfassendes Literaturverzeichnis, in den beiden ersten Bänden steht auch ein Verzeichnis der höheren Schulen Hamburgs – es ist deren Personal, das de Lorent im Täterkollektiv der Lehrer vornehmlich im Blick hat.

Der erste Band enthält 44 „Täterprofile/Biographien“ (S. 5), dazu den erwähnten Bericht über „unvollendete Entnazifizierung“ (S. 38) und ein Kapitel zur „NS-Schulpolitik im Hamburger Bildungswesen“ (S. 28). Dieses Kapitel führt hauptsächlich Mitglieder und Amtsleitung schulpolitischer Institutionen auf, hier der „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens“[5], der Landesschulbehörde, des Instituts für Lehrerfortbildung und des „Nationalsozialistischen Lehrerbundes“ (NSLB). In diesen Institutionen fand eine „beträchtliche personelle Veränderung“ statt, was zu berücksichtigen sei, so de Lorent, wenn man erklären wolle, „wie der Nationalsozialismus in der Stadt mit der ältesten Lehrergewerkschaft der Welt und langen demokratischen Traditionen im Schulwesen so widerstandslos und schnell Fuß fassen konnte“ (S. 37). Allerdings erfolgt die Personalerfassung in den einzelnen Institutionen zu unterschiedlichen Stichjahren, i.e. zwischen 1933–1938/39, sodass der konstatierte „beträchtliche“ personelle Wechsel für die „Machtübernahme“ 1933/34 nicht repräsentativ ist – mithin greift das vorgetragene Entlastungsargument nicht recht.

Der zweite Band enthält 50 „Täterprofile/Biographien“; darunter sind erstmals „Täterinnen“, drei an der Zahl. Der Band ist wie erwähnt um zugeflossene Erinnerungserzählungen sowie um Reaktionen auf den ersten Band ergänzt und erfasst nunmehr auch „Täter“, die erst nach 1945 in Hamburg eingestellt wurden, dort aber „eine zum Teil bedeutende Rolle“ spielten und unzweifelhaft „eine NS-Vergangenheit hatten“ (S. 27). In dieses erweiterte Täterkollektiv fallen Max Klüver und Peter R. Hofstätter, jeweils ein Musterfall „unvollendeter Entnazifizierung“. Max Klüver (1909–1998), Lehrer und Leiter an HJ-Führerschulen, zuletzt Leiter der in der NS-Ordensburg Sonthofen untergebrachten Adolf-Hitler-Schule, war ein gesinnungsstrammer Nazi, nach 1945 ein unbelehrbarer Revisionist; 1953 in den Hamburger Schuldienst eingestellt, brachte er es dort zum Oberstudienrat, setzte 1971 eine vorzeitige Pensionierung durch aufgrund diagnostizierter „neurovegetativer Störungen [...] und Hypertonie“ (S. 713), bezog mithin die Pension eines Oberstudienrates und wurde alsdann rege publizistisch tätig, um die HJ zu rehabilitieren – all dies dank „unfassbarer Unterstützung durch die Hamburger Schulverwaltung“ (S. 709). Dieser „unfassbare“ Vorgang taugte vorzüglich für eine sozio-institutionelle Studie zur „unvollendeten Entnazifizierung“, jedoch bleibt der Autor beim historischen Narrativ und beim Erstaunen darüber stehen, dass „Personen, die aufgrund ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP oder anderer Naziorganisationen Schulleiter waren, nach 1945 wieder in dieser Funktion eingesetzt wurden“ (Bd. 3, S. 33).

Eine vergleichbar verschenkte Gelegenheit historischer Analyse ist die „Biographie“ von Peter R. Hofstätter, die de Lorent in der Hauptsache als dokumentarische Beschreibung des „Falles Hofstätter“ anlegt. Dieser „Fall“ sorgte 1963 und fortwirkend bis 1967 – „unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren“[6] – landesweit für Aufregung. Hofstätter war Österreicher, Wehrmachtspsychologe in Wien und nach 1938 Kriminalbiologe im Reichsjustizministerium. Das verschwieg er stets und tunlichst, besonders auch, als er 1959 als Sozialpsychologe an die Universität Hamburg berufen, dort Direktor des Psychologischen Instituts wurde und alsbald internationales Renommee erwarb. Seine NS-Vergangenheit kam stückweise ans Licht, als er 1963 auf einer Podiumsdiskussion über „Vergangenheitsbewältigung“ einer „Generalamnestie für Kriegsverbrecher“ (S. 742) das Wort redete. In dem nachfolgenden öffentlichen Aufruhr sah Hofstätter sich stets nur als „ein einfaches Mitglied der NSDAP“ (ebd.) und trat unbeirrt als elitärer Bildungsbürger auf. Das veranlasst de Lorent jetzt zu der Frage, „ob Hofstätter überzeugter Nationalsozialist war oder lediglich ein selbstverliebter Egomane, der in der NS-Zeit alles dafür tat, eine akademische Karriere zu realisieren“ (S. 33). Im Lichte der Täterforschung ist das aber gar keine Alternative – Brüche und Widersprüche sind geradezu typisch für die Lebensläufe der NS-Täter.

Der dritte Band schließt „das Projekt“ ab (S. 33), sprengt aber auch dessen Rahmen. Denn zu 71 „Täterprofilen“ gesellen sich nunmehr Biographien von Lehrer/innen und Schulfunktionär/innen, die in den „pädagogischen“ Ausschüssen der Entnazifizierung „wesentliche Arbeit geleistet“, mithin nach Vorschrift „niemals der NSDAP angehört und […] nachweislich im Gegensatz zum Gedankengut des Nationalsozialismus gestanden hatten“ (S. 903) – es sind acht Aufrechte, darunter eine Frau und auch eine Person, bei der sich de Lorent der politischen Unschuld nicht so sicher ist (vgl. S. 917). Ebenfalls in diesen Band aufgenommen sind diverse Resonanzen, jetzt auf Band zwei, sowie persönliche Zuschriften. Diese widersprechen im Einzelfall de Lorents Täterdarstellung mit positiver Erinnerung; er quittiert das mit Verwunderung. Der Band endet mit einer dem „Fall Hofstätter“ vergleichbaren „Biographie“, mit derjenigen von Hans Bürger-Prinz (1897–1976), Professor und Klinikdirektor in Hamburg, bundesweit anerkannte Kapazität der Psychiatrie, „feste Größe in der Gesellschaft“ der Nachkriegszeit und „Medienstar“ (S. 924). De Lorent belegt, dass Prinz „zutiefst in den Nationalsozialismus [verstrickt]“ gewesen war und entlarvt vornehmlich an der psychiatrischen Gutachtertätigkeit von Prinz bei Aufsehen erregenden Prozessen der 1950er-Jahre die „Legende“, die Prinz „um seine Person aufgebaut“ hatte, beginnend mit der Verschleierung seiner tatsächlichen Herkunft (ebd.). Die in allen angesagten deutschen Tagezeitungen geschriebenen Nachrufe auf Prinz gehen über dessen NS-Vergangenheit glatt hinweg – de Lorent quittiert das kommentarlos.

Auch die Biographie von Prinz bestätigt, dass die NS-Täter keinen monolithischen Block bilden, dass es kaum einen linearen Lebenslauf gibt, dass nur sehr wenige Amtsträger die Zeit des Nationalsozialismus, hier vorliegend im Hamburger Bildungswesen, unbefleckt überstanden haben und dass mancher „Täter“ des „Dritten Reiches“ auch Gutes tat. In summa erarbeiten die drei Bände nicht eigentlich „Täterprofile“ als systematische Darstellung von Sozialcharakteren oder als Psychogramme oder als psycho-soziale Typik der „Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen“ von 1933 bis nach 1945. Sie liefern für solche historisch-systematischen Analysen aber eine außerordentliche Materialfülle und sind damit eine Steilvorlage für Anschlussarbeiten. Außerdem sind die drei Bände ein materialgesättigter Beitrag zur Dekonstruktion der kollektiven Entlastungserzählung(en) aus dem wie für den Funktionärsapparat des „Dritten Reiches“; das ist ein großer historiographischer Zugewinn. Anzumerken ist zuletzt, dass das Format der erzählenden Dokumentation im Blick auf eine junge Leserschaft seine Meriten hat: Es kommt deren Leseinteressen und Leseneigungen entgegen. Die nachwachsenden Generationen müssen ja – curriculare Vorschrift und staatsbürgerliches Selbstverständnis – stets neu für eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur und deren Nachwirken in Deutschland gewonnen werden. Auch dafür sind die angezeigten Bände sehr gut geeignet, besonders natürlich für die Schülerschaft in Hamburg.

Anmerkungen:
[1] Ursel Hochmuth / Hans-Peter de Lorent (Hrsg.), Hamburg. Schule unterm Hakenkreuz. Hamburg 1985; Reiner Lehberger / Hans-Peter de Lorent (Hrsg.), „Die Fahne hoch“. Schulpolitik und Schulalltag in Hamburg unterm Hakenkreuz, Hamburg 1986.
[2] De Lorent war leitender Oberschulrat, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hamburg und Abgeordneter in der Hamburger Bürgerschaft.
[3] Hans-Peter de Lorent, Max Traeger. Biografie des ersten Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (1887–1960), Weinheim 2017; polemisch-kritisch dazu: Micha Brumlik / Benjamin Ortmeyer (Hrsg.), Max Traeger – kein Vorbild. Person, Funktion und Handeln im NS-Lehrerbund und die Geschichte der GEW. Weinheim 2017; vgl. die Sammelrezension beider Bände in: H-Soz-Kult, 23.04.2018, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-26702 (15.12.2019).
[4] Bd. 1, S. 9, „Geleitwort“ von Joist Grolle, Schulsenator in Hamburg 1980–1987.
[5] Seit 1948 „Gewerkstatt Erziehung und Wissenschaft“ (GEW).
[6] Das berühmte Transparent, mit dem sich an der Universität Hamburg zwei Studierende bei der feierlichen Rektoratsübergabe 1967 an die Spitze des Einmarsches der – im Talar eben gekleideten – Professoren setzten; historische causa dieser Aktion war der „Fall Hofstätter“.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.01.2020
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Publikation
Sprache Publikation
Sprache Beitrag