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Titel
Arktischer Heizraum. Das Energiesystem Kola zwischen regionaler Autarkie und gesamtstaatlicher Verflechtung 1928–1974


Autor(en)
Frey, Felix
Reihe
Osteuropa in Geschichte und Gegenwart 4
Erschienen
Köln 2019: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
347 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Saskia Geisler, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Was kann eine eng fokussierte Mikrogeschichte der Energieversorgung der Kola-Halbinsel zur Betrachtung sowjetischer Geschichte beitragen? Die Lektüre von Felix Freys Dissertation Arktischer Heizraum zeigt: eine ganze Menge. Frey gelingt es, die regionale Energiepolitik an zahlreiche drängende Fragen und Problemstellungen der sowjetischen Geschichte zurückzukoppeln und regionale Erkenntnisse gewinnbringend auf die Sowjetunion als Ganze anzuwenden. Im Kern seiner Untersuchung steht die Frage nach dem Umgang mit der Idee, „regionale Autarkie“ in der gesamten Sowjetunion zu erreichen. Obgleich diese Studie zunächst als regionale Detailstudie anmutet, sei sie allen empfohlen, die mit frischem Blick auf die Sowjetunion der 1920er- bis 1970er-Jahre schauen wollen.

Eine der einschlägigen Studien zur Wirtschaftsgeschichte der Sowjetunion, Oscar Sanchez-Sibonys Red Globalization, betonte 2014, dass das Paradigma der sowjetischen wirtschaftlichen Autarkie, das besonders mit dem Stalinismus verbunden wird, nie stimmte. Die Sowjetunion war stets auf Außenhandel angewiesen und spätestens seit den 1950er-Jahren tief im globalen Handel verwoben; eine bipolare Erzählung der gespaltenen Blöcke ist auf der Wirtschaftsebene also nicht fruchtbar zu machen.[1] Bei oberflächlicher Lektüre des Titels mag Freys Arbeit dem zunächst widersprechen, tatsächlich ist seine Arbeit aber eine Betrachtung der (Energie-)Wirtschaftspolitik aus der umgekehrten, der regionalen Perspektive. Er untersucht, ob und wie sich die regionale Autarkie der Halbinsel Kola erreichen ließ und wo stattdessen auf Ressourcen aus anderen Regionen zurückgegriffen werden musste, also eine stärkere Verflechtung stattfand. Dabei kommen angesichts der geographischen Lage Kolas an der finnischen wie norwegischen Grenze unweigerlich auch transnationale Verbindungen zum Vorschein, die sich organisch in das Gesamtkonzept der Arbeit einfügen.

Frey geht in seinem Text einerseits grob chronologisch vor, folgt andererseits aber der Logik unterschiedlicher Rohstoffe und Energieformen, indem er Kapitel beispielsweise den Kohlerevieren, den Nickelvorkommen oder der Wasserkraft widmet. Dabei gelingt es ihm, zunächst überraschende Blickwinkel einzunehmen: So begreift er etwa die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Arktis als „Energieproblem“, denn die Körper der Zwangsumgesiedelten und Lagerhäftlinge mussten versorgt werden – wenn auch ärmlich genug. Die Züchtung von Getreide und anderen Feldfrüchten, die den arktischen Lebensbedingungen standhalten konnten, wird hier gleichsam zur arktischen Utopie, denn zur Durchsetzung regionaler Autarkie war eine eigenständige Versorgung mit Nahrungsmitteln natürlich zentral. Gleiches gilt für die Versorgung mit Brennstoffen. Wälder und Moore, mit denen Frey sich im Folgekapitel auseinandersetzt, konnten den Hunger nach Energie der Halbinsel letztlich nicht erfüllen, zumal sie – aufgrund des Raubbaus – immer kleiner wurden. Durch die Ausdünnung der Wälder mussten auch die Arbeiter immer weitere Wege zurücklegen und immer größere Flächen bewirtschaften und entzogen sich durch die Weite des Landes damit immer stärker dem Zugriff der staatlichen Kontrolle. Diese führte ab 1932 die Passportizacija ein, um unkontrollierten Migrationsbewegungen einen Riegel vorzuschieben. Die Verknüpfung zwischen diesem neuen Passsystem und staatlicher Kontrolle, also Bevölkerungs- und Ansiedlungspolitik auf der einen Seite und der Versorgung der Halbinsel Kola mit Energie auf der anderen Seite, ist eines der Beispiele dafür, wie Frey die Bestrebungen zur regionalen Autarkie an gesamtstaatliche Politik zurückkoppelt und die Energiepolitik als analytische Perspektive nutzt, um Erkenntnisse über die sowjetische Geschichte der 1920er- bis 1970er-Jahre als Ganze zu vermitteln.

Während in den ersten Kapiteln die regionale Autarkie und ihre Umsetzung im Vordergrund der Energiepolitik auf Kola stand, kann Frey den Wandel des sowjetischen Weltbildes nach Stalins Tod über seinen Forschungsgegenstand nachweisen und zeigt zugleich eindrucksvoll auf, wie energiepolitische Akteure ihre Argumentation veränderten, als ab Mitte der 1940er-Jahre nicht mehr regionale Autarkie, sondern gesamtstaatliche Verflechtung das oberste Ziel der sowjetischen Energiepolitik darstellte.

So wie Frey am Beispiel der Industrialisierung und Energetisierung Kolas die Bevölkerungs-, Regional-, Wirtschafts- und Strafpolitik der Sowjetunion nachvollzieht, gelingt es ihm, an der Energiesituation ebenfalls außenpolitische Momente nachzuzeichnen. Die Kohlereviere auf Spitzbergen etwa brachten in den 1930er-Jahren das sowjetische System in direkte Konkurrenz mit dem Kapitalismus, ab 1937 wurde die dort abgebaute Kohle gar mit ausländischen Schiffen abtransportiert, die (regionale) Autarkie damit ad absurdum geführt, war man doch auf ausländische Infrastrukturen angewiesen.

Zusätzlich zum transnationalen Moment bringt Frey hier außerdem erneut die gesamtsowjetische Perspektive ins Bild, indem er die Folgen des großen Terrors für Spitzbergen beschreibt. Die – so Freys Argument – verdächtig machende Nähe zu Norwegen hatte einen Anteil daran, dass der Leiter der Minen Michail Pliseckij 1938 zum Tod durch Erschießen verurteilt wurde.

Die Nähe zu Norwegen wiederum wird auch im Kapitel zur Wasserkraft thematisiert, genauso wie die Zusammenarbeit mit Finnland. Beide Staaten kooperierten nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders in den 1950er-Jahren, beim Bau von Wasserkraftwerken an den Grenzflüssen. Frey zeigt hier die Unterschiede in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Während er im finnisch-sowjetischen Fall den Wandel vom durch Reparationszahlungen erzwungenen Handel zu versöhnlicher Rhetorik konstatiert, wird am Beispiel Norwegens deutlich, dass nicht zuletzt der sowjetische Druck auf die energetische Zusammenarbeit die Skandinavier zum NATO-Mitbegründer machte.

An manchen Stellen dieser Arbeit wäre Raum für weitere Fragen. So hätte der Vergleich zwischen finnischer und norwegischer Zusammenarbeit vor dem Hintergrund der jeweiligen außenpolitischen Situationen der Länder pointierter ausfallen können. Auch wären gelegentlich stärkere mikroperspektivische Ergänzungen zu den tatsächlichen Lebensbedingungen vor Ort, der Wahrnehmung der Energiepolitik durch die Peripherie interessant gewesen. Doch das ist Jammern auf hohem Niveau. Was für die Sowjetunion als Gesamtstaat bereits nachgewiesen werden konnte, nämlich dass regionale Autarkie eine Chimäre war, die letztlich von der Forschung perpetuiert wurde, konnte Felix Frey nun auch für die Region belegen. Bei allen Bemühungen um regionale Autarkie scheiterten die Akteure und blieben „Getriebene der Rohstoffquellen und Energieträger“ (S. 291). Sprachlich wie inhaltlich ausgezeichnet legt Frey immer wieder den Bezug zwischen Energie, Region und Zentrum offen und zeigt eindrücklich den Wandel des sowjetischen Weltbildes nach dem Zweiten Weltkrieg und Stalins Tod und dessen Niederschlag in allen Ebenen sowjetischen Lebens. Die Energieträger sind dabei das analytische Brennglas für einen tiefgehenden, durchdringenden Blick auf die sowjetische Geschichte.

Anmerkung:
[1] Oscar Sanchez-Sibony, Red Globalization. The Political Economy of the Soviet Cold War from Stalin to Khrushchev, New York 2014.

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Veröffentlicht am
18.11.2019
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