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Titel
Gregor VII. und Heinrich IV. in Canossa 1077. Paenitentia – absolutio – honor


Autor(en)
Ernst-Dieter Hehl
Reihe
Monumenta Germaniae historica. Studien und Texte
Erschienen
Wiesbaden 2019: Harrassowitz Verlag
Anzahl Seiten
XXII, 142 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eugenio Riversi, Institut für Geschichtswissenschaft, Universität Bonn

Canossa ist ein klassisches Thema der deutschen Mediävistik. Im Zuge des erneuerten Interesses an der salischen Dynastie in den letzten dreißig Jahren wurde das Ereignis zu einer Art historiographischem Labor, auf der methodischen ebenso wie der epistemologischen Ebene. Unter den zahlreichen Abhandlungen zum Thema – darunter auch der Versuch, die in der älteren Forschung vorherrschende symbolische Bedeutung des Ereignisses zu reaktualisieren (Stefan Weinfurter)[1] – stechen zwei heraus, weil sie Debatten auslösten. Zum einen wurde in den neunziger Jahren versucht, den Bußakt Heinrichs IV. als politisches Unterwerfungsritual (deditio) zu interpretieren und somit zu resemantisieren. Dem lagen allgemein die neue kulturgeschichtliche Strömung in den Geschichtswissenschaften zugrunde und konkret Forschungen zum Konflikt, zum Institut der Friedensvermittlung, zur symbolischen Kommunikation und zu Spielregeln der Politik, vor allem von Gerd Althoff.[2] Zum anderen wurde 2008 vorgeschlagen, das Canossa-Treffen als Gelegenheit für das Schließen eines vorbereiteten Friedenspakts zwischen Papst und König zu deuten (Johannes Fried).[3] Methodisch basierte dieser Vorschlag auf der von Fried seit einiger Zeit verfolgten positivistisch-neurealistischen Tendenz, deren Autorität er mit einer neurowissenschaftlichen Theorie des Gedächtnisses begründet. Die zwei Debatten verliefen zwar chronologisch und schwerpunktmäßig getrennt, sind aber thematisch und vor allem strukturell – im Hinblick auf die Positionen und auf das Spiel der Forscher in dem hier betroffenen Mikrosektor des wissenschaftlichen Felds[4] – miteinander verbunden.

Hehls Monographie positioniert sich mit etwas zeitlichem Abstand in der zweiten Debatte über Canossa und setzt sich grundsätzlich mit der Deutung von Johannes Fried auseinander, laut dem in Canossa vor allem ein vorher ausgehandeltes politisches Friedensbündnis zwischen Gregor VII. und Heinrich IV. geschlossen wurde. Das Buch besteht aus einigen analytischen Untersuchungen (Kap. I–V und zwei Exkursen), einer verhältnismäßig ausführlichen Synthese (Kap. VI, S. 90–115) und einem erweiternden Ausblick (Kap. VII). Hehl geht bei seinem analytischen Experiment von einer Grundannahme aus, die eigentlich den basics der Quellenkritik entspricht: Da die bis heute sehr einflussreichen dramatisierten Darstellungen des Canossa-Ereignisses in der damaligen Geschichtsschreibung erst nach der deutlichen Veränderung der politischen Situation infolge der Erhebung Rudolfs von Rheinfelden zum König (März 1077) und der zweiten Exkommunikation Heinrichs IV. (1080) verfasst wurden, konzentriert sich Hehl auf die wenigen „dokumentarischen Texte“ (S. 8) über das Treffen und – soweit möglich – auf ihre archivalische Überlieferung: Der Eid Heinrichs IV. und das Rundschreiben Gregors VII. an die geistlichen und weltlichen Großen des Reichs, die in seinem Register überliefert sind.[5]

Die Untersuchungen Hehls lassen sich in einigen Kernaussagen zusammenfassen, obwohl sie detailreich auch viele andere Aspekte berühren. Im ersten Kapitel analysiert Hehl die grammatische Struktur des Schlüsselsatzes im Eid Heinrichs IV. oder besser in den von ihm in Canossa versprochenen securitates, die als Bedingungen für die Absolution galten: Heinrich werde entweder Gerechtigkeit gemäß dem Urteil des Papstes oder Eintracht gemäß dem Rat des Papstes schaffen. In einem späteren Zusammentreffen im nordalpinen Reich sei deshalb dem König eine aktive Rolle neben dem Papst in der Beilegung eines gleichzeitig kirchlich-religiösen und politischen Konflikts zugekommen, der für die damaligen Maßstäbe ein ungewöhnliches Ausmaß hatte: Das war das kurzlebige politische Ergebnis von Canossa. Wenn Hehl so Frieds Übersetzung unterstützt, lehnt er dagegen dessen Idee eines Obödienzeids in Canossa ab (Exkurs 1, S. 123–129).

Im zweiten Kapitel betont Hehl, dass der Informationsbrief Gregors an die deutschen Großen nicht nur als politische Rechtfertigung, sondern vor allem als ein Bestandteil der Lösung der Exkommunikation (als provisorische und aufhebbare Strafmaßnahme) und der Rekonziliation interpretiert werden müsse: Es handelte sich um eine Mitteilung nach den damaligen kanonisch-liturgischen Vorstellungen der paenitentia und der absolutio, die das Handeln in Canossa sowie seine zeitgenössischen Darstellungen bestimmten. Dabei lehnt Hehl auch die Interpretation Canossas als deditio ab (S. 26, 36–37), sowie die scharfe Trennung der politischen Dimension von der kirchlich-religiösen in der Deutung von Johannes Fried. Das führt zur Grundthese des dritten Kapitels: Die politische Dimension war durch den Leitbegriff honor in die kirchlich-religiöse eingebettet. Gregor hat durch die Absolution versucht, den honor aller Beteiligten zu wahren: seinen, den des Königs und vor allem den der opponierenden Fürsten, deren wichtige Rolle als Verteidiger des Glaubens er anerkannte.

Im vierten Kapitel betont Hehl, dass diese Lösung nicht vor dem Treffen vorbereitet worden war – wie Fried behauptet hat –, sondern erst in Canossa in der Formulierung der securitates ausgehandelt wurde, die als Bestandteil des liturgischen Absolutionsverfahrens galten. Diese stellten deshalb keine Beilegung des komplexen politischen Konflikts dar, sondern nur die Vorbedingungen für das zukünftige Treffen in Deutschland. Da die Darstellung des Verfahrens im Rundschreiben Gregors VII. wenig konkret ist – aber nicht verschleiernd, wie Fried vermutet hat –, hätten die Chronisten, insbesondere Lampert von Hersfeld und Berthold von Reichenau, die Erzählung ergänzt bzw. dramatisiert: Allerdings findet man in diesen Chroniken keine Spur eines in Canossa geschlossenen politischen Vertrags (Exkurs 2, S. 129–136).

Wie im fünften Kapitel gezeigt wird, wurden eher diese Darstellungen, die z. B. die trügerische Einstellung bzw. die falsche Buße Heinrichs betonen, schon stark von der politischen Weiterentwicklung beeinflusst: insbesondere von der Königswahl Rudolfs von Rheinfelden in Forchheim wenige Wochen nach dem Treffen in Canossa. Das bedeutete die Obsoleszenz der Lösung, die Gregor VII. durch die Absolution in Canossa eingeleitet hatte. Mit der zweiten Exkommunikation scheiterte sie endgültig (1080): In diesen Entwicklungen waren die politische und kirchlich-religiöse Dimension weiter miteinander verflochten.

Während das sechste Kapitel ausführlich und prägnant rekapituliert, wie die vorherigen Untersuchungen durch akribische philologische und kontextualisierende Analysen das schwierig rekonstruierbare Geschehen in Canossa durch das Geflecht kirchlich-religiöser und politischer Vorstellungen (paenitentia, absolutio und honor) konturieren, stellt das siebte Kapitel eine Kontextualisierung und gleichzeitig eine Art Beurteilung von Canossa dar. Unter verschiedenen Aspekten betont Hehl die neue vom Papst anerkannte Rolle der Fürsten, die die Verantwortung für Aufgaben des Königs in der Verteidigung des Glaubens übernahmen. Im Übrigen sei es ihnen infolge eines tiefen Vertrauensverlusts gegenüber Heinrich IV. unmöglich, das in der Absolution von Canossa eingebettete politische Angebot anzunehmen, das letztendlich strukturell unzulänglich für die Komplexität des Konflikts gewesen sei.

Hehl, der zwar zu Recht die sich auf Entsakralisierungs-, Säkularisierungs- und Entzauberungs-Meistererzählungen ausrichtenden Deutungen der Geschehnisse in Canossa relativiert, schlussfolgert jedoch, dass dieses Ereignis ein „Prüfstein“ für die Geschichtswissenschaft bleiben wird (S. 122). Damit nähert er sich der leider nicht erwähnten Beurteilung Ovidio Capitanis an, der bereits 1977 in einer nüchternen Deutung des Ereignisses Canossa als „lezione da meditare“ [6] definierte. Beide geschichtswissenschaftliche Urteile wurzeln in der Stellung Canossas im abendländischen kulturellen Gedächtnis: Die Erinnerung an Canossa ist eine der wichtigsten und immer wieder produktiven Konkretionen, in denen sich das moderne helldunkle Mythologem der Macht ohne Grundlagen herauskristallisiert.

Anmerkungen:
[1] Stefan Weinfurter, Canossa. Die Entzauberung der Welt, München 2006.
[2] Gerd Althoff, Demonstration und Inszenierung. Spielregeln der Kommunikation in mittelalterlicher Öffentlichkeit, in: Frühmittelalterliche Studien 27 (1993), S. 27–50, hier S. 37–40.
[3] Johannes Fried, Der Pakt von Canossa. Schritte zur Wirklichkeit durch Erinnerungsanalyse, in: Wilfried Hartmann / Klaus Herbers (Hrsg.), Die Faszination der Papstgeschichte. Neue Zugänge zum frühen und hohen Mittelalter (Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters, Beihefte zu J. F. Böhmer, Regesta Imperii 28), Köln u.a. 2008, S. 133–197.
[4] Pierre Bourdieu, Science de la science et réflexivité. Cours du collège de France 2000–2001, Paris 2001.
[5] Das Register Gregors VII., hrsg. von Erich Caspar, Monumenta Germaniae Historica, Epistolae selectae 2/1-2, Bd. 1, IV, 12 und 12a, S. 311–315.
[6] Ovidio Capitani, Canossa. Una lezione da meditare, in: Studi Matildici. Atti e memorie del III convegno di Studi Matildici (Reggio Emilia, 7-8-9 ottobre 1977), Deputazione di Storia Patria per le antiche Provincie Modenesi – Biblioteca, n.s., 44, Modena 1978, S. 3–27, bes. S. 27.

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03.06.2020
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