ttt: reb Rezension zu: J. Peltzer: Fürst werden | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften | Geschichte im Netz | History in the web
Cover
Titel
Fürst werden. Rangerhöhungen im 14. Jahrhundert. Das römisch-deutsche Reich und England im Vergleich


Autor(en)
Peltzer, Jörg
Reihe
Historische Zeitschrift. Beihefte. N.F. 75
Erschienen
Berlin-Boston 2019: De Gruyter Oldenbourg
Anzahl Seiten
150 S.
Preis
64,95 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christina Bröker, Institut für Geschichte, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte, Universität Regensburg

Rang war nicht gleich Rang, sein Wesen variierte je nach Region. Das ist die Kernaussage, die am Ende der Lektüre von Jörg Peltzers Beiheft zur Historischen Zeitschrift vermittelt wird. Und es ist keine unwichtige Erkenntnis – ganz im Gegenteil. Während es bei den zahlreichen Publikationen zu „Rangstreitigkeiten“, „Rangfragen“ und „Rang“ generell immer wieder um Hierarchieverständnisse innerhalb einer Region geht[1], setzt Peltzer mit seiner vergleichenden Studie zum römisch-deutschen Reich und England neue Akzente und liefert dabei wertvolle Ergebnisse.

Für Peltzer ist das Forschungsfeld kein neues, setzte er sich doch bereits ausführlich mit dem Thema Rang besonders in Bezug auf die Rheinregion auseinander.[2] So stammt auch die Person, die Peltzer wählt, um seine Erkenntnisse zu verdeutlichen, aus dieser Region. Am Beispiel der „singulären Karriere“ (S. 11) Wilhelms V./I. von Jülich, der sowohl den Titel eines Earls in England als auch den Titel eines Reichsfürsten im römisch-deutschen Reich innehatte, kann nachvollzogen werden, dass ähnliche Rangtitel nicht die gleichen Rechte und Pflichten bedeuteten und in den jeweiligen Reichen anders eingeordnet und auch unterschiedlich priorisiert wurden.

In der Abhandlung, die sich in den Rahmen der Forschungsgruppe RANK in Heidelberg einordnen lässt[3], will Peltzer konkret die Frage behandeln, wie variabel Rangerhebungen die politisch-soziale Ordnungsvorstellungen beeinflussten und dafür stärker die europäische Perspektive miteinbeziehen (S. 17). Diese Untersuchungsfrage zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie sich der Komparatistik und Transfergeschichte zuordnen lässt, ohne jedoch ganz darin aufzugehen. Stattdessen spricht Peltzer von einer Kombination der unterschiedlichen „Akzentsetzungen“ dieser Forschungsrichtungen (S. 16). Tatsächlich kann gar nicht genug betont werden, wie wichtig Vergleiche zwischen den Königreichen im Mittelalter sind, vor allem um die Geschichte von „dem“ Mittelalter weiter zu dekonstruieren und für Besonderheiten zu sensibilisieren. Besonders der Vergleich des römisch-deutschen Reiches mit England wird bisher noch relativ zögerlich betrieben, wenngleich es einige Studien gibt, auf die Peltzer auch verweist (S. 16).

Die Analyse des Umgangs mit Rang erfolgt nicht nur am Beispiel von Wilhelm von Jülich, sondern wird in den größeren Kontext der Zeit von Eduard III. und Richard II. in England, sowie Ludwig IV. und Karl IV. eingeordnet. Hierbei konzentriert sich Peltzer vor allem auf die Praktiken der Investitur und dessen Darstellung in Urkunden in beiden Reichen. Peltzer legt dar, wie Hierarchie generell und wie die Unterschiede zwischen einzelnen Rängen sichtbar gemacht wurden. Eine große Bedeutung misst er dabei dem Ritual bei (S. 19). Dies überrascht nicht, da momentan kaum ein Weg an der Ritualforschung vorbeiführt, wenngleich Kritik an dieser nicht unberechtigt ist.[4] So stellt man sich im Folgenden oft die Frage, ob nun weiterhin von Ordnungs“vorstellungen“ oder von der tatsächlichen Konstitution der Ordnung die Rede ist, und welcher der beiden Aspekte in welchem Maße an den Urkunden abzulesen ist. Der Blick auf Rituale gibt aber besonders für England wichtige neue Impulse, da dies bisher eine eher geringe Rolle spielte.[5]

Im Abschnitt „Urkunden“ (S. 37f.) geht Peltzer stärker auf die Verschriftlichung der Rangübertragung ein und greift das Ritual in dieser Form wieder auf. Beim Vergleich unterschiedlicher Urkunden fokussiert sich Peltzer auf die Arengen. Da im Reich andere Metaphern als in England verwendet werden, schließt er daraus, dass die politisch-soziale Ordnung ebenfalls anders verstanden wurde. So wurde in England den Baronen als Ratgeber eine größere Bedeutung zugestanden, was durch ihre Bezeichnung als „Schutz, Stärke und Zierde“ (S. 56) ausgedrückt wird.

Hervorzuheben ist das Kapitel „Kriterien für den Rang eines Reichsfürsten, Earls oder Herzogs“ (S. 68–82); erneut mithilfe der Arengen erarbeitet. Was wurde als Grund für die Rangerhöhung benannt? Hier kann Peltzer Entstehungsprozesse bestimmter Formulierungen und mögliche Transferprozesse dieser aus dem römisch-deutschen Reich nachzeichnen, indem er Einblick in die englische Kanzleipraxis gibt (S. 73). Zudem zeigen sich interessante Ergebnisse durch die Verknüpfung mit Gelehrtendiskursen über den Adel. Bei beiden Reichen spiegeln sich Fragen nach der Natur des Adels in den Urkunden wider (S. 76). So werden persönliche Eigenschaften neben Verdiensten hervorgehoben. Für England nennt Peltzer Kategorien, die bei der Erhebung erwähnt werden: „Adlige Herkunft, körperliche wie geistige Tüchtigkeit und dienstbare Ergebenheit gegenüber dem Herrscher.“ (ebd.) Es ist ebenfalls auffällig, dass zwar Kategorien wie Verwandtschaft in den Urkunden genannt werden, aber diese nicht zwingend als notwendig für eine Rangerhebung vermittelt werden; dazu zählt genauso – und vermutlich umso überraschender – „edle Herkunft“ (S. 80).

Während Wilhelm in den vorherigen Kapiteln immer wieder kursorisch erwähnt wurde, geht es im vorletzten Abschnitt (S. 83-95) genauer um ihn. „In welchem Maße war Wilhelm Fürst in zwei Reichen?“ (S. 83) Er war wohl eher Fürst in einem Reich, und zwar im römisch-deutschen. Peltzer schlussfolgert, dass Wilhelm seine Rolle als Earl im Vergleich weniger wichtig war und seine „soziale Identität“, sowie sein „Selbstverständnis“ einseitig beeinflusst wurden (S. 89/90). Die von Peltzer genannten Argumente können allerdings keine Auskunft über Wilhelms Selbstverständnis als Earl geben, da dieses unabhängig von seiner faktischen Ausübung der Rolle existieren kann. Zwar mag es sein, dass Wilhelm seine Stellung in England bewusst nicht ausbauen wollte, aber die Möglichkeiten dafür waren ohnehin eingeschränkt. Peltzer merkt später selbst an, dass Wilhelms Sitz an erster Stelle im römisch-deutschen Reich war und es somit unter Anderem logistisch schwierig war, seine Herrschaft in England entscheidend aufzubauen (S. 90). Jedoch: Dass Wilhelm Earl bleiben konnte, ohne die damit einhergehenden Rechte und Pflichten vollständig wahrzunehmen, verdeutlicht wirkungsvoll die Besonderheit dieses Ranges (S. 95).

Wenn man sich noch nicht intensiv mit den Publikationen der Forschungsgruppe RANK beschäftigt hat, bleiben am Ende ein paar Fragen offen. Nicht immer eindeutig ist, was der Begriff der „politisch-sozialen Ordnung“ eigentlich umfasst und wie genau der Zusammenhang zwischen Vorstellungen, Inszenierungen und Modellen der Ordnung und tatsächlicher Konstruktion dieser mithilfe der Quellen aufgeschlüsselt werden soll. Beide Ebenen vermischen sich bei Peltzer teilweise. An einigen Stellen verweist er darauf, wie beide zusammenhängen, wenn er zum Beispiel anmerkt, dass bestimmte Formulierungen in Urkunden „schriftlicher Ausdruck konkreten herrscherlichen Selbstverständnisses“ seien (S. 82). Generell könnte aber stärker thematisiert werden, inwiefern die jeweilige „Ordnung“ gegebenenfalls nicht nur verbalisiert, sondern auch gezielt beeinflusst wurde. Sicherlich konnten die von Peltzer herausgearbeiteten sprachlichen Unterschiede sowohl Ausdruck einer andersartigen Ordnung sein als auch diese aktiv formen. Der kurze Einblick in die Resonanz bei der Verlesung von Urkunden erweist sich hierbei als Anknüpfungspunkt, auch wenn die genaue Art der Rezeption natürlich schwer nachzuvollziehen ist (S. 97). In dem Kontext könnte sich auch die Annahme Peltzers, Unterschiede seien möglicherweise mit unterschiedlichen Graden herrscherlicher Gewalt zu erklären, bestätigen (ebd.).

Die vorherigen Überlegungen offenbaren, welchen Mehrwert eine vergleichende Arbeit zum Thema Rang hat. Am Fall Wilhelm von Jülich wird deutlich, wie variabel Rangerhöhungen in Europa ausgelegt wurden, trotz ähnlich lautender Rangtitel. Die generell stärkere Gewichtung auf England ist dabei zu begrüßen. Überzeugend resümiert Peltzer, dass der Rang des Earls wesentlich heterogener präsentiert wurde und zudem stärker finanziell geprägt war als der des Reichsfürsten (S. 103). Die Aufdeckung eines direkten Transferprozesses von Formulierungen vom römisch-deutschen Reich nach England beweist, wie Peltzer anmerkt, dass „die Frage nach möglichen Verflechtungen und Transfers keine Option, sondern ein Muss darstellt.“ (S. 97). Die vergleichende Herangehensweise ist somit mehr als aussichtsreich, schärft den Blick für Besonderheiten und lässt mögliche Umstände der Rangerhöhungen besser erkennen. Eine Urkundenedition der Erhebung Wilhelms zum Earl von Cambridge im Anhang trägt dazu ebenfalls bei (S. 111f.). Die Studie erweckt Neugier auf Peltzers umfassendere vergleichende Arbeit zum Thema Rang im 13. und 14. Jahrhundert, wo auch weitere Einblicke in die Herangehensweise und den Forschungsstand gegeben werden sollen (S. 9).

Anmerkungen:
[1] Vgl. zuletzt: Jürgen Dendorfer/Heinz Krieg/Johann Regnath (Hrsg.), Die Zähringer. Rang und Herrschaft um 1200 (Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts 85), Ostfildern 2018.
[2] Jörg Peltzer, Der Rang der Pfalzgrafen bei Rhein. Die Gestaltung der politisch-sozialen Ordnung des Reichs im 13. und 14. Jahrhundert (Rank. Politisch-soziale Ordnungen im mittelalterlichen Europa 2), Ostfildern 2013.
[3] Rang und Ordnung, RANK, Universität Heidelberg, https://www.uni-heidelberg.de/fakultaeten/philosophie/zegk/histsem/mitglieder/ls_prof_peltzer/RANK.html (29.04.2020).
[4] Vgl. dazu vor allem Philippe Buc. The Dangers of Ritual. Between Early Medieval Texts and Social Scientific Theory, Princeton 2011.
[5] Dies führte bereits Weiler an, Björn Weiler, Kingship, Rebellion and Political Culture. England and Germany, c. 1215–c. 1250 (Medieval Culture and Society), Basingstoke 2007, S. XIV.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.05.2020
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