Titel
Urbanizing Nature. Actors and Agency (Dis)Connecting Cities and Nature Since 1500


Herausgeber
Soens, Tim; Schott, Dieter; Toyka-Seid, Michael; De Munck, Bert
Erschienen
London 2019: Routledge
Anzahl Seiten
342 S.
Preis
£ 115.00; € 139,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Götz, Institut für Geschichte, Universität Regensburg

Man kann eine zentrale, von den Reihen-Herausgebern Bert De Munck (Antwerpen) und Simon Gunn (Leicester) formulierte Perspektive, „how cities and urban environments help to create 'nature'“ (S. XII) auf zweierlei Weise auffassen: als Fortsetzung einer gar nicht mehr „neuen Kulturgeschichte“ des Urbanen oder eher als Programm für eine Stadtgeschichte, die im Sinne eines „material turn“ (Martin Knoll) zu einer „neuen Bodenhaftung“ der Geschichtswissenschaften beiträgt[1] und in diesem Zusammenhang „the place of materiality in urban history“ (Chris Otter)[2] neu bestimmt. Ganz so, wie Nik Heynen und andere schon im Rahmen einer politischen Ökologie des Urbanen lakonisch konstatierten: „Put simply, gravity or photosynthesis is not socially produced.“[3]

Ohne Anführungszeichen verstehen die Herausgeber des vorliegenden Sammelbands – neben Bert De Munck auch Tim Soens (ebenfalls Antwerpen), Dieter Schott und Michael Toyka-Seid (beide Darmstadt) – ihre auf die zurückliegenden 500 Jahre europäischer Stadtgeschichte ausgerichtete Leitfrage: „Did Cities Change Nature?“, die in den folgenden 14 Beiträgen im Rahmen der fünf Sektionen „Nature into Urban Hinterlands“, „Nature as Urban Resource“, „Nature as Urban Challenge“, „Vision of Urban Nature“ variiert wird. Die abschließende essayartige Überschau von Chris Otter (Ohio), „Beyond Cities, Beyond Nature; Building a European Urban Stratum“ bestimmt dann den Ertrag der zwei Tagungen, die bereits vor fünf Jahren (2014/15) an der Universität Antwerpen beziehungsweise der Technischen Universität Darmstadt stattfanden, in einer gleichsam geologischen, jedenfalls eher konkreten denn luftigen Dimension: Das urban geprägte Europa von heute sei demnach im Rahmen einer „technostratigraphy“ aufzuschließen und letztlich zu begreifen als „gigantic artificial object, or system“, das noch das Verschwinden des Menschen überdauern werde (S. 324).

Nicht nur die seit dem 17. Jahrhundert geläufige Entgegensetzung von Natur und Kultur, Natur und Stadt, habe mit der Brüchigkeit modernisierungstheoretischer Narrative an Plausibilität verloren, bilanzieren die Herausgeber. Auch der in den 1980er- und 1990er-Jahre modische Konstruktivismus beziehungsweise Postmodernismus, der in Natur wie Kultur nichts weiter erkennen wollte „than a social construct, a discursive invention“, führt(e) auf eine falsche Fährte, insofern er „harte“ naturale und materiale Kontexte lediglich auf „Diskurse“ reduziert und in dieser Engführung letztlich verkennt. Als weit ertragreicher hat sich demgegenüber schon des Längeren das auf Marx zurückgreifende Konzept eines gesellschaftlichen Stoffwechsels (oder sozialen Metabolismus) erwiesen – nicht erst in Zeiten, die für den ökologischen Fußabdruck ganzer Volkswirtschaften sensibilisiert sind. Schon für die Epoche vor der fossilenergetischen Transformation gilt: „The ‚life‘ of the city depends on a never-ending flow entering the city, transformed in and by the city, and released from the city.“ (S. 5) Ins Zentrum der Aufmerksamkeit geraten daher vom Menschen kontrollierte und modifizierte Technologien, Energie- und Materialflüsse samt zugehöriger Infrastruktur. Hierzu leisten Studien zur städtischen Umweltgeschichte und -soziologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte sowie aus der politischen Ökologie ihren Beitrag.

Umweltmedien wie Wasser und Luft stehen demzufolge auch im vorliegenden Band im Zentrum geographisch eingrenzbarer Fallstudien. Neben dem urbanen Metabolismus bildet die Actor-Network Theory das methodologische Rückgrat des Bandes, wobei man gerade dadurch die unfruchtbare Dichotomie Natur-Kultur transzendieren kann: Sowohl vor als auch nach den Zeiten einer perfektionierten Technosphäre sind Menschliches und Nicht-Menschliches nur aus einem koevolutionären Prozess heraus zu begreifen; „Agency“ kommt demzufolge auch dem (technisch veränderten) Naturalen zu, insbesondere aber der um 1900 ausgebauten großstädtischen Infrastruktur, zumal der Wasser- und Energieversorgung (Elektrizität). „Henceforth, human activity and agency can neither be reduced to being the result of natural and material conditions, nor abstracted from them.“ (S. 11f.) Nach der zweiten fossilenergetischen Revolution durch die flüssigen Kohlenwasserstoffe in den 1950er-Jahren verdichteten sich die (expertengestützten) Netzwerke und die entsprechenden Abhängigkeiten, weil man zum Nutzer des Straßennetzes für den Individualverkehr wurde oder zu einem Haushaltsmitglied, das als Konsument auf funktionierende Müllkippen am Stadtrand angewiesen war.

Im „‚Manifesto‘ for the History of Urban Nature“ (S. 19f.) unterstreichen die Herausgeber, wie sehr die Umweltgeschichte der Stadt von sozialökologischen Ansätzen profitiert hat, die ihren Schwerpunkt insbesondere auf die energiesystemische Transformation nicht zuletzt in einer auch hier augenfälligen „Sattelzeit“ gelegt haben. So richtig der Hinweis ist, dass es sich dabei keineswegs um automatische oder selbsterklärende Prozesse handelte und jede Stadt ihre eigene Trajektorie besaß, so unabweisbar ist der gesamteuropäische beziehungsweise universalhistorisch-systemische Charakter dieser Transformation – auch die Position einer abgehängten Provinzstadt in einem übergreifenden Städtenetz bemaß sich nach Nähe beziehungsweise Distanz zu den fossil-industriellen Archipelen und deren Dynamik. Im Rahmen der bis in die 1950er-Jahre „segmentären Industrielandschaft“, in der Reste der Agri-Kulturlandschaft überlebt hatten, frappierte die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Einige Kilometer jenseits von Hochöfen, Kohlehalden und proletarischen Massenquartieren traf man auf Pferdefuhrwerke, die nach der Fahrt durch ungepflasterte Alleen in Scheunen von Ackerbürgern anlangten. Erst mit den „Trente glorieuses“ des mineralölbeschleunigten, kunstdüngergespeisten Massenwohlstands verschwanden diese Relikte im suburbanen Einheitsbrei.[4]

Betrachtet man den nicht zuletzt mit Rolf Peter Sieferle verbundenen, aber auch von Paul Warde und Paolo Melanima variierten Energiesystemansatz (im weitesten Sinne) als vorzüglich aufschließend für eine sozialmetabolisch angelegte Umweltgeschichte der Stadt („Ist Energie knapp, so ist alles knapp“[5]), so erweisen sich die Beiträge von Sabine Barles und Martin Knoll („Long-Term Transitions, Urban Imprint and the Construction of Hinterlands“), Dieter Schott („Energizing European Cities: From Wood Provision to Solar Panels – Providing Energy for Urban Demand, 1800–2000“) und Georg Stöger („Re-use and Recycling in Western European Cities“) als besonders ertragreich – nicht nur wegen des in jedem Fall weitgespannten zeitlichen Bogens. Die dem urbanen Metabolismus inhärente – Energieregime übergreifende! – Externalisierung lenkt den forschenden Blick auf die Funktion der „hinterlands“: „The socio-ecological characteristics of these hinterlands differ across space and time in terms of area, proximity to the city, hinterland ecosystem transformation, government, regulation and control“ – hier ist ein Sample hilfreicher Parameter aufgelistet, das zu weiteren „in-depth, long-term case studies“ anregt (Barles/Knoll, S. 45; vgl. auch Schott, S. 136, 151). Nicht nur bereits vorliegende Studien zu Paris und Wien veranschaulichen die schiere Quantität verfügbar-benötigter Fläche: Der Zugriff auf die Kohleflöze ersetzte im Falle von Wiens Energieversorgung um 1900 ein Flächenäquivalent von einer Million Hektar Wald – was rund einem Drittel des heutigen österreichischen Staatsgebiets entspricht (Schott, S. 142). Daran anschließend muss man allerdings die Frage aufwerfen, wie die angestrebte Energiewende wegen der geringeren Energiedichte der (zudem noch intermittierenden) „Erneuerbaren“ bei „global cities“ allein flächenmäßig darstellbar sein soll: Um das hochurbanisierte Japan komplett zu dekarbonisieren, bräuchte man 60 Prozent mehr Fläche, als die vier Hauptinseln bieten.[6]

Hinreichend billige Energie trug in der jüngeren Vergangenheit sodann dazu bei, das Verhältnis von Materialwert und Arbeitskosten umzudrehen: War über die Frühe Neuzeit hinaus das eine vergleichsweise hoch, das andere niedrig (und der Zwang zur gewerblichen Wiederverwendung groß), befeuerte im 1950er-Jahre-Syndrom kostengünstiges Erdöl den wachsenden Konsum von Massengütern durch besser entlohnte breite Bevölkerungsschichten (vgl. Stöger, S. 157–160). Der in Städten wie in Knoten verdichtete Stoffwechsel ganzer Gesellschaften steht und fällt mit den Energiekosten – das gilt für den via Futteraufwand limitierten Brennholztransport im solarenergetischen Zeitalter ebenso wie für einen entsprechenden Bedarf zukünftiger „smart cities“. Insofern wären (aufwendige) regionale Materialflussanalysen (MEFA) die Königsdisziplin eines stadtgeschichtlichen „material turns“.[7]

Aber auch die anderen Aufsätze des Sammelbandes variieren zumeist in anregender Weise das Zentralthema Material-/Stoff-Flüsse (inklusive allfälliger Externalisierung) und tragen somit zur mittlerweile schon erfreulich fortgeschrittenen „neuen Bodenhaftung“ in der Stadtgeschichtsschreibung insgesamt bei. Wie aus dieser Neu-Verwurzelung kräftige Triebe erwachsen können, veranschaulicht etwa die Studie von Christian Rohr, der in seinem Blick auf die neuen gründerzeitlichen Fluss- und Seeprospekte Technik-, Bürgertums- und Tourismusgeschichte auf das glücklichste verbindet. Sie mag als tröstlich-harmonischer Contrepart zum gleichsam planetarisch-distanzierten, kalt-klaren Resümee Chris Otters gelesen werden, der uns nach der „Great Acceleration“ ab 1945 im „fully fledged Anthropocene“ verortet. Demnach erübrigen sich auch weitere methodologische Glasperlenspiele: „This metanarrative is obviously very schematic, but it does offer some advantages over the modernity narrative. It is far more empirical, material, tangible and measurable. We do not have to agonize over the multiple meanings of modernity.“ (S. 321) Die Städte unserer sozialmetabolisch entgrenzten Gegenwart werden die spektakulären Ruinen von morgen sein: „Viewed thermodynamically, cities are gigantic ordered systems whose organization and permanence is sustained through the simultaneous entropic dissipation of matter through burning, digesting, rotting and crumbling.“ (S. 317) Für den illusionslosen post-humanen „Archäologen“ ist dieses urbane „Stratum“ „homo faber`s most enduring human creation“ (S. 324).

Anmerkungen:
[1] Martin Knoll, Nil sub sole novum oder neue Bodenhaftung? Der material turn und die Geschichtswissenschaft, in: Neue Politische Literatur 59 (2014), S. 191–207.
[2] Chris Otter, Locating matter. The place of materiality in urban history, in: Tony Bennett / Patrick Joyce (Hrsg.), Material powers. Cultural studies, history and the material turn, London 2010, S. 39–59.
[3] Nik Heynen / Maria Kaika / Eric Svyngedovw, Urban political ecology. Politicizing the Production of Urban Natures, in: Heynen u.a. (Hrsg.), In the Nature of Cities. Urban political ecology and the politics of urban metabolism, London 2006, S. 1–20, hier S. 6.
[4] Vgl. Rolf Peter Sieferle, Rückblick auf die Natur. Eine Geschichte des Menschen und seiner Umwelt, München 1997, S. 163.
[5] Ders., Die industrielle Transformation, in: Die antiken Stätten von morgen. Ruinen des Industriezeitalters. Fotografien von Manfred Hamm, Text von Rolf Peter Sieferle, Berlin 2003, S. 7–17, hier S. 9.
[6] Vgl. Vaclav Smil, Energy Transitions, Santa Barbara 2017, S. 248.
[7] Vgl. Rolf Peter Sieferle u.a., Das Ende der Fläche. Zum gesellschaftlichen Stoffwechsel der Industrialisierung, Köln 2006, Vorwort sowie S. 192ff., S. 335ff.

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Veröffentlicht am
24.07.2020
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