S. Mee: Central Bank Independence and the Legacy of the German Past

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Titel
Central Bank Independence and the Legacy of the German Past.


Autor(en)
Mee, Simon
Erschienen
Anzahl Seiten
368 S.
Preis
£ 75.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Boris Gehlen, Institut für Zeitgeschichte München-Berlin

Die Unabhängigkeit von Zentralbanken gilt als hohes Gut. Nach vorherrschender Lesart kann eine Notenbank ihre maßgebliche Aufgabe, den Geldwert stabil zu halten, besonders gut erfüllen, wenn sie nicht für kurzfristige finanz- oder wirtschaftspolitische Ziele vereinnahmt wird. Was in Deutschland nachgerade selbstverständlich klingt, war historisch keineswegs Konsens. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg galt in vielen Staaten unter dem Einfluss keynesianischer Paradigmen eine abgestimmte Finanz- und Währungspolitik als erwünscht, die Geldpolitik sollte sich also (wirtschafts-)politischen Zielen unterordnen.

Diese Entwicklung wird vor allem an der Verstaatlichung der Bank of England 1946 deutlich und war maßgeblich durch die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise geprägt, für die vielfach eine zu restriktive Geldpolitik mitverantwortlich gewesen war. Trotz der unbestrittenen ökonomischen, sozialen und vor allem auch politischen Negativwirkungen der Weltwirtschaftskrise im Deutschen Reich prägte in der entstehenden Bundesrepublik aber nicht die Deflationserfahrung der 1930er-Jahre den währungspolitischen Diskurs, sondern die beiden Inflationen und die darauf folgenden Währungsreformen 1923 und 1948.

Simon Mee nimmt diese Beobachtung zum Anlass, nach den Entstehungsgründen für die stabilitätspolitische „monetary mythology“ (S. 7) zu fragen und insbesondere herauszuarbeiten, wie die Bank deutscher Länder (BdL) bzw. die Deutsche Bundesbank die Vergangenheit der deutschen Notenbank deuteten und ein offenkundig wirkmächtiges Narrativ entwickeln konnten. Mee betont nämlich, dass in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch in Deutschland der Gleichklang von unabhängiger Notenbank und anti-inflatorischer Geldpolitik noch nicht selbstverständlich war, sondern dass zum Beispiel währungspolitisch einflussreiche Ökonomen wie Hans Möller oder Otto Pfleiderer eine unabhängige Notenbank keineswegs zum Maß aller Dinge erhoben. Dafür gab es gute historische Gründe: Die Reichsbank war seit 1922 formal unabhängig gewesen, doch dies hatte weder die Hyperinflation 1923 noch die Unterstützung politischer Ziele in der Ära Brüning verhindert. Die NS-Zeit bestätigte dann wiederum die Befürworter unabhängiger Notenbanken: Die Reichsbank verlor zunächst faktisch, durch Gesetz vom 15. Juni 1939 auch formal ihre Unabhängigkeit wieder und das Deutsche Reich steuerte auf eine neuerliche, diesmal verdeckte Inflation zu.

Historisch war der Zusammenhang zwischen Unabhängigkeit und Währungsstabilität nicht so eindeutig, wie die 1948 gegründete BdL es gerne gehabt hätte. Diese war zwar nicht Rechtsnachfolgerin der Reichsbank, aber ein Teil ihres Führungspersonals bestand aus ehemaligen Reichsbankern – allen voran Wilhelm Vocke. Der Vorsitzende des Direktoriums der BdL war bereits von 1919 bis zum Januar 1939 Mitglied des Reichsbankdirektoriums gewesen. Daher war das ideelle Erbe der Reichsbank schon allein durch die Person Vocke wichtiger Bezugspunkt für die BdL.

Vockes Abschied von der Reichsbank im Januar 1939 ging auf einen Vorgang zurück, dem Mee mit Recht eine Schlüsselrolle für das Verständnis der Währungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg zuweist: Das Reichsbankdirektorium sandte eine Denkschrift an Hitler, warnte vor den Gefahren einer künftigen Inflation und mahnte eine Begrenzung der Staats- bzw. Rüstungsausgaben an. Hitler entließ verärgert drei Mitglieder des Direktoriums um Hjalmar Schacht, weitere ersuchten im Anschluss um ihre Demission. Mee erblickt darin den Beginn des stabilitätspolitischen Mythos: Mit Vocke und seinem Nachfolger Karl Blessing hatten die ersten beiden Männer an der Spitze der bundesdeutschen Zentralbank die Denkschrift mitunterzeichnet, was ihnen in späteren öffentlichen Debatten besondere moralische Autorität verlieh.

Das kam nicht von ungefähr, denn seit den Nürnberger Prozessen, genauer seit dem Prozess gegen Hjalmar Schacht, setzten die Zentralbanker die Denkschrift gezielt als PR-Instrument in eigener Sache ein. Besonders rührig war hierbei Victor von der Lippe. Er war in Nürnberg als Verteidiger tätig gewesen und hatte dort Vocke kennengelernt, der ihn für die BdL gewinnen konnte. Bis in die 1970er-Jahre leitete von der Lippe deren Presseabteilung. In der frühen Bundesrepublik war es für ihn hinreichend, Pressekontakte zu pflegen und Journalisten mit Informationen, also der Sichtweise der BdL bzw. der Bundesbank, zu versorgen. Auf diese Weise avancierten etwa Volkmar Muthesius, der Herausgeber der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen, oder der Fritz Knapp-Verlag zu wichtigen Multiplikatoren der BdL-Perspektive. Etwas überraschend erwähnt Mee diesbezüglich die engen Beziehungen der BdL bzw. Vockes zu Rolf E. Lüke nicht, dessen Arbeiten von der Notenbank finanziell unterstützt wurden und mit denen Vocke seine Positionen explizit untermauerte.[1]

Mithilfe einer gezielten Presse- und Klientelpolitik gelang es, die Bank deutscher Länder gerade vor dem Hintergrund der Reichsbankvergangenheit Wilhelm Vockes als Hüterin der Währung zu konstruieren. Weniger hilfreiche Aspekte der Reichsbankvergangenheit – ihre Rolle in der Großen Inflation, der Weltwirtschafts- und Bankenkrise sowie bei der Aufrüstung während der NS-Zeit und ihre Einbindung in die Verwertung von Raubgold – hielt sie aus öffentlichen Diskussionen weitgehend heraus. Stattdessen galt die Reichsbank rasch als bloßes Instrument des NS-Regimes. Die BdL nutzte dieses Image fortan, um von der Politik unabhängig zu bleiben, denn in den 1950er-Jahren hatte die Debatte um politische Einflussnahme auf die Geldpolitik unmittelbare juristische Relevanz: Die BdL war von den Alliierten als Provisorium gegründet worden. Die künftige Regelung für die Zentralbank sollte durch ein (bundes-)deutsches Gesetz erfolgen. In den Diskussionen spielte die politische Unabhängigkeit eine zentrale Rolle. Während die BdL um Vocke sie zu verteidigen suchte, wünschte vor allem Kanzler Adenauer stärkeren politischen Einfluss auf die Geldpolitik.

Spätestens in der „Gürzenich-Affäre“ 1956 eskalierte der Konflikt. Zugleich zeigte sich der Erfolg der persuasiven Öffentlichkeitsarbeit der BdL. Adenauer versuchte aus konjunkturellen und wahltaktischen Erwägungen, Vocke und die BdL davon abzuhalten, den Diskontsatz zu erhöhen. Er erlitt nicht nur materiell eine Niederlage, sondern erntete auch ein verheerendes Presse-Echo. Vocke hingegen galt fortan als derjenige, der nicht nur Hitler, sondern auch Adenauer die Stirn geboten hatte, um die deutsche Währung stabil zu halten. Die BdL nutzte die Gunst der Stunde und ließ – im Knapp-Verlag und eingeleitet von Muthesius – Reden und Aufsätze Vockes zur Geldwertstabilität drucken, nicht ohne im Anhang die Denkschrift vom 7. Januar 1939 ebenfalls zu veröffentlichen.[2] Nicht nur, aber auch wegen der breiten öffentlichen Zustimmung für die Position der BdL bestätigte das Bundesbank-Gesetz 1957 schließlich die Unabhängigkeit der Notenbank.

Vockes Nachfolger Karl Blessing profitierte ebenfalls von der hohen Zustimmung zur Bundesbank. Als seine NS-Vergangenheit, unter anderem seine Mitgliedschaft im Freundeskreis Himmler, in den 1960er-Jahren (erneut) öffentlich wurde – die Fakten waren seit seiner Zeugenaussage in Nürnberg grundsätzlich bekannt – gelang es der Presseabteilung der Bundesbank mithilfe ihres Netzwerks, die Diskussionen rasch zu beenden, und zwar auch indem sie auf Blessings Unterschrift unter die Denkschrift vom Januar 1939 verwies. Etwa zur selben Zeit warnte Hjalmar Schacht angesichts der „importierten“ Preissteigerung in Büchern und Illustrierten vor einer „dritten Inflation“. Doch auch hier blieb die Bundesbank deutungsmächtig, ging auf die Auslassungen von Blessings hoch betagtem Förderer nicht ein und nahm in diesem Sinne Einfluss auf überregionale Tageszeitungen und die Wirtschaftspresse.

Mit Karl Klasen und Otmar Emminger folgten in den 1970er-Jahren zwei Präsidenten, die erst nach 1945 zur Zentralbank gekommen waren und keine Reichsbankvergangenheit hatten. Daher verschiebt sich auch in diesen Kapiteln Mees Perspektive weg von der auch durch die Persönlichkeit verkörperten währungspolitischen Grundhaltung Vockes und Blessings hin zur Frage, wie deren Nachfolger die Erinnerungsnarrative adaptierten. Neben anderem waren die Jubiläen der D-Mark 1973 und 1978 sowie der 100. Jahrestag der Gründung der Reichsbank 1976 Anlässe, die eigene Geschichte zu reflektieren. Dabei waren Inflation bzw. Stabilitätspolitik wichtige Referenzpunkte, ohne die kaum eine öffentliche Äußerung der Bundesbank auskam. So wirkte das Inflationsnarrativ auch auf jene Generationen ein, die die Geldentwertungen des 20. Jahrhunderts nicht selbst miterlebt hatten.

Mee arbeitet Konstruktion und Perpetuierung der „monetary mythology“ sorgfältig heraus und zeigt, wie Narrative bzw. Sinnzuschreibungen Zielvorstellungen und Handeln wirtschaftspolitischer Akteure beeinflussen, wenn nicht gar vorgeben können. Er leistet damit einen wertvollen Beitrag zur Geschichte der politischen Kultur der jungen Bundesrepublik, verbindet kultur- und wirtschaftshistorische Fragestellungen und fügt sich trefflich in eine Reihe jüngerer Neuerscheinungen zur Wirtschaftsöffentlichkeit ein.[3] Mees Befunde erweitern besonders unser Wissen über die kommunikative Inszenierung von Währungspolitik und die Funktion ausgewählter Medien und Einflusskanäle: In den 1950er- und 1960er-Jahren blieben ökonomische Fragen meist auf Elitendiskurse beschränkt und so gewann auch nur ein kleiner Kreis von Experten aus Bundesbank, Wissenschaft, Politik und Publizistik Deutungsmacht über die Währungspolitik. Die Reputation der bundesdeutschen Notenbank speiste sich zu einem Großteil aus der – historisch einseitigen – Inszenierung als unabhängige Garantin der Preisstabilität.

Mee richtet sich an eine internationale Leserschaft. Das ist zu begrüßen, schränkt aber für ein deutschsprachiges Fachpublikum den Ertrag in zweifacher Hinsicht ein: Erstens sind einige längere Passagen, etwa zur Geschichte der Reichsbank seit 1876 oder zur „Kanzlerdemokratie“ Adenauers, handbuchartig. Sie basieren lediglich auf Literatur und bringen wenig Neues. Zweitens führt der stringente Fokus auf die „monetary mythology“ dazu, dass Mee einige andere mit seinem Thema grundsätzlich verwobene Aspekte nur streift, zum Beispiel die Rolle der internationalen Zentralbanker-Community bzw. der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich bei der Ausformulierung des Unabhängigkeitsparadigmas (seit den 1920er-Jahren), die Frage nach den Erfahrungen mit Devisentransfers der 1930er-Jahre bei der Bewertung der Europäischen Zahlungsunion oder die Einordnung des Umgangs der BdL mit dem ideellen Erbe der Reichsbank in genereller Hinsicht. Für den Einsatz von „Geschichte als Argument“ hätten sich gewiss noch andere, freilich weniger eindeutige Beispiele als die stabilitätspolitische „monetary mythology“ finden lassen. Diese Einschränkungen ändern aber nichts daran, dass Mee eine lesenswerte Studie vorgelegt hat, deren Ertrag für die politische Kulturgeschichte der Bundesrepublik jedoch höher ist als für deren Währungsgeschichte.

Anmerkungen:
[1] Allen voran: Rolf E. Lüke, Der Wandel der englischen Geldverfassung, Frankfurt am Main 1950. Die Arbeit kritisiert umfassend die britische Währungspolitik seit der Verstaatlichung der Bank of England 1946.
[2] Wilhelm Vocke, Gesundes Geld. Gesammelte Reden und Aufsätze zur Währungspolitik, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1956.
[3] Thomas Handschuhmacher, „Was soll und kann der Staat noch leisten?“ Eine politische Geschichte der Privatisierung in der Bundesrepublik 1949–1989, Göttingen 2018; Jens-Ivo Engels, Alles nur gekauft? Korruption in der Bundesrepublik seit 1949, Darmstadt 2019; Johannes Bähr / Christopher Kopper, Industrie, Politik, Gesellschaft. Der BDI und seine Vorgänger 1919–1990, Göttingen 2019.

Redaktion
Veröffentlicht am
17.09.2020
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