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Titel
Der Schnitt. Zur Geschichte der Bildung weiblicher Subjektivität


Autor(en)
Dingler, Catrin
Erschienen
Frankfurt a. Main 2019: Campus Verlag
Anzahl Seiten
476 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Heike Kahlert, Fakultät für Sozialwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum

Catrin Dingler verfolgt in ihrer Monographie die „Absicht, ausgehend von der Französischen Revolution die Geschichte des feministischen Denkens der Geschlechterdifferenz als Schnitt zu reflektieren. Nachgezeichnet werden soll die Geschichte einer feministischen Theorie und Praxis, die mit der Bildung weiblicher Subjektivität auf eine radikale Veränderung der Geschlechter- und Gesellschaftsordnung abzielt.“ (S. 10, Hervorhebung im Original) Mit der Metapher des Schnitts soll ein Raum hinter der Oberfläche eröffnet werden, der die Reflexion der eigenen Position möglich macht.[1] Der Begriff des Schnitts ist bis heute gängig für das feministische Differenzdenken in Italien und beschreibt angesichts der „persönlichen Bildungsbiographie“ und „der eigenen Erfahrung“ (S. 18) die Programmatik der vorliegenden Studie, bei der es sich um die „leicht überarbeitete Fassung einer von der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal [im Februar 2019] angenommenen Dissertation“ (S. 4) handelt. Nach Dingler wird der Schnitt „in jeder (auch zukünftigen) Epoche nicht einfach wiederholt, sondern muss im Bewusstsein der vorausgegangenen neu und anders angesetzt werden“ (S. 14–15), um einen differenten Blick auf die Genealogie der sexuellen Differenz zu ermöglichen.

In Anlehnung an Elisabeth Conradis Vorschläge für „‚Nachrezeption und rekonstruierendes Quellenstudium‘ von Autorinnen jenseits des Kanons“ (S. 17) vollzieht die Verfasserin mit anderen Denkerinnen vergangene Manifestationen der feministischen Differenz nach und will Möglichkeiten reflektieren, wie der feministische Schnitt in der Gegenwart zustande gebracht werden könnte.[2] Für die Gliederung ihrer Untersuchung bedient sich Dingler eines in der Frauenbewegungsgeschichte verwendeten Wellenmodells. In Kapitel 1 fokussiert sie die erste Welle um 1900, auch als Alte Frauenbewegung beschrieben, vornehmlich in Gestalt des radikalen, linken Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland, und stellt die Arbeiten der Frauenrechtlerin und Philosophin Helene Stöcker in den Mittelpunkt. Kapitel 2 handelt von der zweiten Welle nach 1970, auch als Neue Frauenbewegung bezeichnet, und hat wesentlich den italienischen Feminismus anhand der Schriften der Kunstkritikerin Carla Lonzi zum Gegenstand. In Kapitel 3 rekonstruiert Dingler Texte der Journalistin Ida Dominijanni für die in der Forschung kontrovers eingeschätzte dritte Welle seit 1990, wiederum mit Schwerpunkt auf dem italienischen Differenzfeminismus. Den Rahmen bilden eine vergleichsweise kurze Einleitung und ein ebenso kurzes Schlusskapitel, die beide nicht nummeriert sind.

Dinglers Ausführungen sind durchweg in der Theorie und Praxis der sexuellen Differenz verhaftet. Fragen der Geschlechter- und Gesellschaftsordnung werden vornehmlich in ihrer – zweifelsohne wichtigen! – symbolischen Dimension erörtert – darin liegt eine nicht zu unterschätzende Stärke der Studie –, während materielle Aspekte für die Subjektwerdung bedeutungslos erscheinen. Weibliche (wie männliche) Subjektivität werden so primär als Problem und Produkt von sexuell differenter Bildung dargestellt, nicht aber als auch von ökonomischen Rahmenbedingungen und damit verbundenen sozialen Ungleichheiten beeinflusst, die Bildungsmöglichkeiten ermöglichen oder aber begrenzen (können).

Der Fokus des Schlusskapitels auf die feministische Differenz an der Universität könnte gar die Vermutung nähren, als wäre das Erreichen weiblicher Freiheit ein, wenn auch bisher kaum eingelöstes, Privileg von (angehenden) Akademikerinnen. Eine so verstandene Theorie und Praxis sexuell differenter Bildung fiele freilich hinter die Kämpfe und Errungenschaften feministischer Bewegungen vergangener Jahrhunderte zurück, die sich in ihren Anfängen erfolgreich für die Zulassung von Mädchen und Frauen zu (allgemeiner und höherer) Bildung einsetzten und bis heute für Gleichstellung in Führungspositionen eintreten, und erwiese sich als zutiefst sozial exkludierend und elitär.

Auch in method(olog)ischer Hinsicht sind einige kritische Anmerkungen angebracht. Dingler wählt für die Darstellung der Erkenntnisse in den drei Hauptkapiteln einen systematischen Aufbau, der zunächst sinnvoll klingt und verspricht, Ordnung in dem vielfältigen und sämtlich bisher im deutschsprachigen Kontext weitgehend unerschlossenen Material für die Geschichtsschreibung des Denkens der sexuellen Differenz zu schaffen. Auf den zweiten Blick wirft er jedoch Fragen auf. Im je ersten Unterkapitel („Differenz“) stellt die Autorin die entsprechende spezifische differenztheoretische Position in kritischer Diskussion mit anderen feministischen Theorien der jeweiligen Welle vor. Im je zweiten Unterkapitel („Subjekt“) reflektiert sie die jeweiligen subjekttheoretischen Überlegungen vergeschlechtlichter Subjektwerdung, die sie immer im Zusammenhang von Geschlechter- und Gesellschaftsordnung sieht. Im je dritten Unterkapitel diskutiert Dingler die jeweilige historisch prägende Schnittstelle zwischen subjekttheoretischen und gesellschaftspolitischen Fragen und arbeitet im je vierten Unterkapitel Möglichkeiten und Inhalte der „Bildung weiblicher Subjektivität“ (S. 14) heraus. Da diese Schnittstellen und frauenbildungsbezogenen Fragen historisch bedingt kontextspezifisch unterschiedlich sind, tragen diese Unterkapitel je verschiedene Titel und nehmen verschiedene Fokussierungen vor. Nachvollziehbare Kriterien für die Auswahl der diskutierten Kontrasttheorien, Schnittstellen und Fragen erläutert die Autorin nicht.

Darüber hinaus bringt Dinglers Arbeit noch weitere methodologische Probleme mit sich. So wird nicht reflektiert, wie es zum differenten Blick auf die sexuelle Differenz kommen kann, denn dadurch, dass „Schnittkanten […] nachvollzogen“ (S. 14) werden, ist die durchtrennte Oberfläche nach wie vor existent und damit in ihrer Funktion als den Durchlass kanalisierend zumindest potenziell wirkmächtig. Inwiefern hier die anscheinend bewusst reflektierende Wiederholung die gewünschte Transformation des im kritisierten Phallo(go)zentrismus in Ableitung vom Männlichen gesetzten Weiblichen zu einer differenten sexuellen Differenz hervorbringen kann, ist fraglich. Es verwundert daher wenig, dass die zu entdeckende differente Differenz recht unbestimmt als auf einer anderen Ebene liegend beschrieben wird und damit lediglich als vage Option aufscheint. Psychoanalytisch gesprochen bräuchte es folglich weitere Schnitte, um hier mehr Klarheit zu bringen und bewusst reflektierende Wiederholungen aus neuen und anderen Blickwinkeln obsolet zu machen. Eine derartige, auf der Hand liegende Zwischenbilanz zieht Dingler überraschenderweise jedoch nicht.

Verstärkt wird das methodologische Unbehagen der Rezensentin durch das von Dingler in der Geschichtsschreibung der weiblichen Subjektivität verwendete Phasenmodell, das zugleich zurückgewiesen wird. Die Autorin betrachtet Frauenbewegungen und feministische Theorien als „historische Phänomene […], die vornehmlich in historischen Transformationsprozessen hervortreten, wenn infolge gesellschaftlicher Umbruch- oder Krisensituationen auch vermeintlich selbstverständliche Geschlechterverhältnisse fragwürdig werden“ (S. 10). Im Einklang mit dieser Sichtweise ist das in der Bewegungsforschung prominente „naturalistische Bild von den auf- und absteigenden […] feministischen Wellen“ (S. 11). Dingler lehnt aber die damit verbundene „lineare Fortschrittsgeschichte“ (ebd.) mit zyklisch wiederkehrenden Problemen ab: Die Bedeutung der Theorie und Praxis der sexuellen Differenz lasse sich „nicht als Wiederholung vorausgegangener, unerfüllt gebliebener Forderungen begreifen, die von Zeit zu Zeit revitalisiert und aktualisiert werden können“ (S. 11). Warum sie dennoch die Welleneinteilung für die Gliederung ihrer Studie übernimmt, bleibt offen.

Die mit der Übernahme der Wellenmetapher verbundene Problematik einer Phasenbildung wird noch durch den nicht reflektierten Epochenbegriff verschärft. Dieser beschreibt gemeinhin einen großen geschichtlichen Zeitabschnitt und wirkt in dieser Auffassung in Dinglers Studie deplatziert. Es scheint, als sähe die Autorin die (eigentlich kritisierten) Wellen der Frauenbewegungen als (zu untersuchende) historische Epochen an. Deren Beginn und Ende hängen demnach einerseits von der feministischen Bewusstseinsbildung innerhalb der Frauenbewegung(sgeneration)en ab. Andererseits erweisen sich die beanspruchten Epochen angesichts der objektivierenden Zuschreibung von Zeiträumen – zwischen der zweiten nach 1970 einsetzenden und der nach 1990 einsetzenden dritten Welle (= Epoche?) liegen gerade einmal etwa zwei Jahrzehnte! – als sehr klein und schnelllebig und so kaum mit gängigem Geschichtsverständnis kompatibel. In welchem Verhältnis der von Dingler favorisierte Schnitt zu den Wellen und Epochen steht, erschließt sich ebenfalls nicht. Dabei scheint doch für die Nachrezeptionen und rekonstruierenden Quellenstudien von Schriften der ausgewählten Protagonistinnen entscheidend zu sein, zu welchem Zeitpunkt, aus welchem Winkel und in welcher geopolitischen Konstellation der Schnitt wodurch – Welle(n)?, Epoche(n)? oder doch nur „historische Situation[en]“ (S. 11)? – vollzogen wird und was dabei wie sicht- und sagbar werden kann. Befriedigende Reflexionen zu diesen methodologisch zentralen Fragen finden sich in der Studie leider nicht.

Die in raumzeitlicher und theoretischer Hinsicht gewichtig daherkommende und immerhin mehrere Jahrhunderte feministischen Denkens umfassende Abhandlung hinterlässt schließlich einen ambivalenten Eindruck. Das generelle Anliegen der Autorin, mit Bezug auf das italienische Denken der sexuellen Differenz „einen transnationalen Austausch zu revitalisieren und zu intensivieren“ (S. 16), ist uneingeschränkt zu begrüßen und überfällig, zumal dies bisher nur punktuell erfolgte.[3] Die umfangreiche Studie bringt eine Fülle neuer Sichtweisen und bereichernder Erkenntnisse für die feministische Theorie und Praxis hervor und könnte der recht festgefahrenen deutschsprachigen Theoriedebatte zu Geschlecht(erdifferenz) bzw. Gender neue Impulse geben. Insofern verdient die Monographie, trotz aller hier artikulierten Kritik, große Aufmerksamkeit und wertschätzend weiterführende Diskussionen der in den Erkenntnissen liegenden Chancen und Grenzen.

Für die Rezeption des 474 Seiten umfassenden Buches braucht es aber auch einen sehr langen Atem, und der einen oder dem anderen könnte dabei durchaus die Luft ausgehen, da die Studie akribische Rekonstruktionen von Originalquellen, inhaltliche Redundanzen und 445 Fußnoten, sämtlich mit inhaltlichen Anmerkungen, enthält. Darüber hinaus mangelt es formal konsequent an Ein- und Überleitungen, kleinschrittigeren Untergliederungen und Zusammenfassungen der Kapitel, die sämtlich mehr Struktur in der Argumentation geben und den Erkenntnisgewinn fördern könnten.

Dem spezifischen Entstehungskontext ist wohl auch das partiell ein- bzw. aufdringliche, fast schon missionarische Plädoyer für das Differenzdenken zu verdanken, das das intellektuelle Anregungspotenzial der Studie eher schmälert als stärkt. Ja, die italienische feministische Theorie und Praxis der Differenz sind anders, verglichen mit deutschsprachiger Geschlechtertheorie und -politik. Genau darin liegt ihr großes Anregungspotenzial. Sie sind aber auch einem anderen gesellschaftlichen, politischen und soziokulturellen Kontext verhaftet, der die Rezeption wie Übersetzung des italienischen Differenzdenkens zumindest erschwert und der auch handwerklich sorgfältigen Reflexion wie sensiblen Vermittlung bedarf, um interessierte Offenheit zu erreichen. Diesbezüglich wäre weniger mehr gewesen.

Anmerkungen:
[1] Die Metapher des Schnitts, ursprünglich 1946 vom Künstler Lucio Fontana formuliert, beschreibt der Autorin zufolge das schöpferische Moment, durch Messerschnitte in eine zumeist monochrome Fläche einen Raum hinter der Leinwand zu eröffnen, der die Phantasie der Betrachtenden anregt und zur Reflexion der eigenen Position herausfordert. Die italienische Kunstkritikerin und Feministin Carla Lonzi übernimmt diese Metapher 1970 für ihre Revolte gegen die herrschende Geschlechterordnung und die am männlichen Subjekt ausgerichtete Bildung weiblicher Subjektivität, um so „einen differenten Sinn von Weiblichkeit (und Männlichkeit) entwickeln zu können“ (S. 10, Herv. i.O.).
[2] Elisabeth Conradi, Rekonstruierendes Quellenstudium und Nachrezeption: Wie die politische Ideengeschichte zu bereichern ist, in: Walter Reese-Schäfer / Samuel Salzborn (Hrsg.), „Die Stimme des Intellekts ist leise“. Klassiker/innen des politischen Denkens abseits des Mainstreams, Baden-Baden 2015, S. 85–112.
[3] Die Rezeption und Diskussion des italienischen Differenzfeminismus konzentrierte sich im deutschsprachigen Kontext vor allem auf die in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren ins Deutsche übersetzten Schriften der Frauen aus dem Mailänder Frauenbuchladen, der Libreria delle donne di Milano, kurz auch „die Mailänderinnen“ genannt, und der Philosophinnengemeinschaft DIOTIMA an der Universität Verona. Vgl. als Überblick Heike Kahlert, Differenz, Genealogie, Affidamento. Das italienische „pensiero della differenza sessuale“ in der internationalen Rezeption, in: Ruth Becker / Beate Kortendiek (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie – Methoden – Empirie, 3. erw. und durchges. Aufl., Wiesbaden 2010, S. 94–102. Erst jüngst haben Barbara Grubner und Bernadette Grubner in der Einleitung zu dem von ihnen zusammengestellten Themenheft mit dem rhetorisch fragend formulierten Titel „Braucht der Feminismus das Denken der sexuellen Differenz?“ der Zeitschrift „aep informationen: Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft“ dem Differenzdenken attestiert, im deutschsprachigen Raum seit vielen Jahren ein „Nischendasein“ zu fristen, „und zwar sowohl in den sozialen Bewegungen als auch – und noch viel mehr – an den Universitäten“. Barbara Grubner / Bernadette Grubner, Denken der sexuellen Differenz. Ein Geleitwort, in: aep informationen: Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 46 (2) 2019, S. 6–8, hier S. 6.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.02.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/