M. Gailus u.a. (Hrsg.): Christlicher Antisemitismus im 20. Jahrhundert

Cover
Titel
Christlicher Antisemitismus im 20. Jahrhundert. Der Tübinger Theologe und "Judenforscher" Gerhard Kittel


Herausgeber
Gailus, Manfred; Vollnhals, Clemens
Reihe
Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung. Berichte und Studien 79
Erschienen
Göttingen 2020: V&R unipress
Anzahl Seiten
276 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Vordermayer, Historische Kommission, Bayerische Akademie der Wissenschaften, München

Seit „sehr langer Zeit“, so begründen Manfred Gailus und Clemens Vollnhals einleitend die Notwendigkeit des vorliegenden Bands, sei der „Fall Kittel“ gerade unter evangelischen Theologen „ein Tabu“ gewesen und „weithin beschwiegen“ worden (S. 10). Zurecht gilt den Herausgebern die Janusköpfigkeit Kittels als zugleich international hochgeachteter und ideologisch schwer kompromittierter Forscher, der bis zuletzt dem NS-Staat „aus Überzeugung“ (S. 18) diente, als zentrale Herausforderung jeder ausgewogenen Auseinandersetzung mit dem Tübinger Theologen. Der Band, basierend auf einem 2017 organisierten Workshop des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, nähert sich dieser Aufgabe durch zwei übergeordnete Zugänge: Zum einen beleuchten die Beiträge die Biografie und erstaunliche internationale Wirkung Kittels, zum anderen kontextualisieren sie zeit-, ideen- und theologiegeschichtlich dessen wissenschaftliches Lebenswerk.

In einem anekdotenreichen, streckenweise autobiografischen Beitrag lässt Robert P. Ericksen zunächst die wissenschaftliche Beschäftigung mit Kittel seit 1945 Revue passieren. Nebst dem eigenen Werk schenkt Ericksen Leonore Siegele-Wenschkewitz (1944–1999) besondere Aufmerksamkeit, die nach Ansicht der Herausgeber durch ihre kritischen Pionierarbeiten zur NS-Affinität deutscher Theologen ihre eigenen akademischen Karrierechancen torpedierte (S. 11f.). Indem Ericksen dieser These zustimmt (S. 38), nimmt er Siegele-Wenschkewitz gegen seine eigene frühere Kritik einer zwar kritischen, aber doch „viel zu milde[n] Beurteilung Kittels“ (S. 30) in Schutz. Ansonsten ist Ericksen mit sich „im Reinen“ und wiederholt seine Deutung Kittels als „Kollaborateur“ der NS-Ideologie, der bereit war, „traditioneller christlicher Feindseligkeit gegenüber Juden einen ‚wissenschaftlichen‘ Anstrich zu geben und den Hass rassisch, kulturell und historisch zu rechtfertigen“ (S. 39). Das ist fraglos richtig. Zugleich hätte dem Text jedoch mehr Selbstkritik gutgetan, erneuert Ericksen doch auch seine These, Kittel sei 1933 mit seinem öffentlichen Votum, den Juden die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen und sexuelle Beziehungen zwischen Christen und Juden zu verbieten, „über Hitler und die NSDAP hinaus“ (S. 22) gegangen. Bei einem Blick in das NSDAP-Programm von 1920[1] und Hitlers „Mein Kampf“[2] erweist sich dies eindeutig als Überinterpretation.

Dass Kittel dem Mainstream deutscher protestantischer Theologen entsprach, wenn er die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten „geradezu euphorisch“ als scheinbaren „Aufbruch in eine bessere Zukunft“ (S. 58) begrüßte, Kittels freudig-affirmative politische Haltung 1933 also weder spezifisch war noch als überraschend gelten darf, zeigt der Beitrag von Clemens Vollnhals. Auf Basis der maßgeblichen Grundlagenforschung illustriert er das zwischen opportunistischer Anpassung und heftiger innerer Abneigung changierende Verhältnis der evangelischen Kirche zur Republik von Weimar und fasst prägnant das Wesen der NSDAP als protestantisch geprägte Milieupartei zusammen. Vor diesem Hintergrund skizziert Gerhard Lindemann Leben und Werk Kittels sowie dessen ambivalentes Verhältnis zum Judentum im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Hier kommt erneut die tiefe Ambivalenz von Kittels politisch-ideologischem Denken zum Ausdruck. Lindemann portraitiert einen Theologen, der sich einerseits „klar von Agitation und physischer Gewalt seitens der völkischen Rechten“ (S. 67) distanzierte, andererseits aber „wiederholt Positionen“ vertrat, „die für den völkischen Antisemitismus anschlussfähig waren, […] bis hin zur Akzeptanz rassistischer Deutungskategorien“ (S. 82).

Angesichts dessen ist es umso frappierender, wie vorbehaltlos sich Kittel ab 1933 den neuen Machthabern und ihrer Ideologie verschrieb. Dies aufzuzeigen ist das Ziel Horst Jungingers, der Kittels Identifikation mit dem Regime „weitaus weniger auf opportunistische Anpassung als auf ein breites Spektrum inhaltlicher Übereinstimmung“ (S. 84) zurückführt. Das eine schloss das andere freilich nicht aus. So betont auch Junginger, dass in Kittels Schrift „Die Judenfrage“ (1933) nicht nur ein – wie seit Langem bekannt[3] – weitgehender Konformismus mit dem NS-Rassenantisemitismus zum Ausdruck kommt, sondern auch das kaum verhüllte Bestreben, sich selbst als wissenschaftliche „Autorität und seine Kirche als nach wie vor relevanten Partner des Staates ins Spiel zu bringen“ (S. 86). Dieselbe Gleichzeitigkeit von ideologischer Überzeugung und persönlichem Profilierungsstreben kennzeichnete das von Junginger skizzierte Engagement Kittels für die Abteilung „Judenfrage“ des „Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschlands“ sowie diverse Auftragsarbeiten für Goebbels und das Propagandaministerium.

In einem gedanken-, thesen- und materialreichen Beitrag, der auch durch begriffsgeschichtliche Differenzierung überzeugt, fragt Martin Leutzsch anschließend nach der Bedeutung antijudaistischer und antisemitischer Ideologeme in dem seit 1932 von Kittel herausgegebenen „Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament“ (ThWNT). Leutzsch scheut nicht das klare Urteil: Dem ThWNT sei „der moderne christliche Antijudaismus“ mit seiner „These von der Überlegenheit des Christentums“ gegenüber dem Judentum seit jeher „programmatisch und strukturell inhärent“. Infolgedessen gilt ihm das Wörterbuch „insgesamt als philologisches Instrument unbrauchbar“ (S. 112f.). Die „evolutionistische Meistererzählung vom Christentum als der Höchststufe der Religionsentwicklung“ (S. 107) arbeitet Leutzsch als das zentrale Problem des ThWNT heraus. Gleichzeitig nimmt er das Werk indes vor dem noch schwerwiegenderen Vorwurf in Schutz, es sei auch von einem rassenideologischen Antisemitismus durchdrungen. Dieser Verdacht lasse sich nur aufrechterhalten, „wenn darauf verzichtet wird, das Wörterbuch zu lesen“ (S. 118).

Oliver Arnhold fragt nach Kittels Verhältnis zu dem 1939 in Eisenach errichteten „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Obgleich es, wie Arnhold anhand mehrerer knapper Lebensläufe zeigt, maßgeblich von Schülern Kittels geprägt wurde, brachte sich dieser selbst in die Arbeit des Instituts nicht ein. In Übereinstimmung mit der bisherigen Forschung begründet Arnold dies mit zwei zentralen Argumenten: Basierend auf einem „konservativere[n] Kanonverständnis“ (S. 131) lehnte es Kittel ab, die von den Mitarbeitern des Instituts und ihrem Leiter Walter Grundmann propagierte vollständige Verwerfung des Alten Testaments mitzutragen. Auch wies Kittel alle Spekulationen um einen „arischen Jesus“ strikt zurück. In kritischer Distanz zu Johannes Wallmann[4] betont Arnhold indes, dass sich in der gemeinsamen Intention, „das Christentum aus seinem jüdischen Kontext herauszulösen und es damit kompatibel mit der NS-Ideologie zu machen“ (S. 132), auch eine eindeutige Parallele zwischen Kittel und Grundmann ausmachen lässt.

Besonderen Erkenntnis- und Neuigkeitswert besitzt Lukas Bormanns Analyse der wissenschaftlichen Auslandsbeziehungen und internationalen Rezeption Kittels. Eindrücklich die schwierige Quellenlage für biografische Forschungen zu Kittel betonend, zeigt Bormann den großen Einfluss, den Kittels Vater, der international renommierte Alttestamentler Rudolf Kittel, auf die berufliche Karriere und Forschungsschwerpunkte seines Sohnes nahm. Überzeugend illustriert Bormann, dass Kittel schon vor seinem „internationale[n] Durchbruch“ als Herausgeber des ThWNT „ein relativ dichtes wissenschaftliches Netzwerk ausgebildet hatte“ (S. 145), das Fachkollegen aus Schweden, Großbritannien, den Niederlanden und den USA umfasste. Für die „bald einsetzenden Übersetzungen [des ThWNT] ins Englische“ (S. 146) waren diese Kontakte maßgeblich. Trotz einzelner Vorbehalte gegen seine demonstrative Nähe zum NS-Regime und seine antisemitischen Anschauungen wurde Kittel „gerade in Großbritannien als Repräsentant deutscher philologischer und theologischer Gelehrsamkeit angesehen“, in dessen Person „Fäden zu einem dichten Netzwerk von Förderung und Einflussnahme“ zusammenliefen, „von denen die überwiegende Anzahl der deutschsprachigen Neutestamentler abgeschnitten waren“ (S. 152f.). Nach 1945 wusste Kittel dieses herausragende Standing zu nutzen, um namhafte internationale Unterstützer für seine erhoffte wissenschaftliche und berufliche Rehabilitierung zu mobilisieren.

Durchdrungen von der Attitüde „des ehrlichen und tapferen Soldaten“, der sich „geopfert“ habe „für eine Sache, in der er belogen und verraten worden“[5] sei, verfasste Kittel 1945/1946 die Schrift „Meine Verteidigung“.[6] Anhand der Kerninhalte dieses Dokuments – zugleich „Lebensarbeitsbilanz und […] politisch-moralische Selbstrechtfertigung“ (S. 164) – zeichnet Manfred Gailus nach, „welches Bild Kittel in früher Nachkriegszeit von sich selbst, seiner Wissenschaft und seinem politischen wie privaten Verhalten während der Hitlerzeit“ (S. 164) hatte. Ohne den Anspruch, systematisch aufzuzeigen, welche Teile des Textes als wahrheitsgetreu gelten können und welche unglaubhaft sind, skizziert Gailus überzeugend die „darstellerische[n] und semantische[n] Tricks“ (S. 175), mit denen Kittel von seiner engen Bindung an das NS-Regime und seiner Affinität für den völkischen Rassenantisemitismus abzulenken versuchte. Gailus argumentiert plausibel, dass die Verteidigungsschrift in Verbund mit mehreren ausführlich geschilderten Gutachten wohlwollender Fachkollegen sehr wahrscheinlich ihren primären Sinn erfüllt hätte: einen Freispruch im Spruchkammerverfahren. Da Kittel bereits im Juli 1948, kurz nach Verfahrenseröffnung starb, musste der Text diesen Zweck indes nicht mehr einlösen.

Abgerundet und signifikant bereichert wird der Band durch einen 80 Seiten starken Anhang. Er umfasst zum einen zwei aufschlussreiche Quellentexte: ein Gutachten Kittels zum geplanten Volksgerichtshofprozess gegen den Attentäter Herschel Grynszpan (1942) sowie ein Exzerpt aus „Meine Verteidigung“ (1946), aus dem Kittels auf Sand gebaute Versuche ersichtlich werden, sich von jedweder, auch nur „indirekte[n] Mitschuld“ an der NS-Judenverfolgung freizusprechen. Zum anderen bietet der Anhang einen chronologischen Abriss der Biografie Kittels im Kontext der politischen und kirchlichen Zeitgeschichte sowie eine umfassende Bibliografie des Theologen. Beide Zusammenstellungen sind der sorgfältigen und verdienstvollen Arbeit Horst Jungingers zu verdanken und dürften sich für alle künftige wissenschaftliche Beschäftigung mit Kittel als nützliche Hilfsmittel erweisen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Programmpunkt 4 in: Wilhelm Mommsen (Hrsg.), Deutsche Parteiprogramme, München 1960, S. 548: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“
[2] Ältere völkische Texte reproduzierend, warnte Hitler wiederholt vor den angeblichen Gefahren der „Rassenmischung“ und attackierte im Besonderen Geschlechtsbeziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. Vgl. exemplarisch Christian Hartmann u.a. (Hrsg.), Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, Bd. 1, München 2019, S. 847–851.
[3] Vgl. exemplarisch Christhard Hoffmann, Juden und Judentum im Werk deutscher Althistoriker des 19. und 20. Jahrhunderts, Leiden 1988, S. 254–256.
[4] Vgl. Johannes Wallmann, Ein Vermächtnis Kaiser Wilhelms II. Was hat Walter Grundmanns Eisenacher „Entjudungsinstitut“ mit Martin Luther zu tun?, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 3 (2017), S. 289–314.
[5] Birgit Gregor, Zum protestantischen Antisemitismus. Evangelische Kirchen und Theologen in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.), „Beseitigung des jüdischen Einflusses …“. Antisemitische Forschung, Eliten und Karrieren im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999, S. 171–200, hier S. 194.
[6] Sie liegt seit Kurzem ediert vor. Vgl. Matthias Morgenstern / Alon Segev (Hrsg.), Gerhard Kittels „Verteidigung“. Die Rechtfertigungsschrift eines Tübinger Theologen und „Judentumsforschers“ vom Dezember 1946, Wiesbaden 2019.