M. Wienfort: Monarchie im 19. Jahrhundert

Cover
Titel
Monarchie im 19. Jahrhundert.


Autor(en)
Wienfort, Monika
Reihe
Seminar Geschichte. De Gruyter Studium
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 210 S., 20 Abb.
Preis
€ 24,95; $ 28.99; £ 22.50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulf Morgenstern, Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh

Die Schweiz und das zwischen Revolutionen und Restaurationen wechselnde Frankreich waren an der Wende zum 20. Jahrhundert die einzigen republikanisch verfassten Staaten in Europa. Die Monarchie war mithin die Regel, und sie blieb es bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, als in den Verliererstaaten die regierenden Häuser abgesetzt wurden. Dieser empirische Befund von der Beharrungskraft einer antiken und mittelalterlichen Regierungsform scheint im Widerspruch zu dem Verständnis des 19. Jahrhunderts als der Epoche des geistigen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Aufbruchs in die Moderne zu stehen: Industrielle Revolution, Säkularisierung, Emanzipation, Massenpolitisierung und zuletzt „Unterwerfung der Welt“ (Wolfgang Reinhard) durch Globalisierung und Kolonialismus passen wenig zu der vormodernen Selbstbezogenheit der im „Zeremonialbuch für den königlich Preußischen Hof“ festgehaltenen Hofrangordnung Wilhelms II. aus dem Jahr 1903 (mit ihren 62 Rangstufen als Quelle abgedruckt im hier zu besprechenden Band, S. 91f.). Dennoch müssen diese Ambivalenzen zusammengedacht werden, um zu verstehen, wie es der auf einen überschaubaren Personenkreis beschränkte Hochadel Europas schaffte, zwischen den Zeitaltern des Absolutismus und der Nationalstaatsgründungen an der Spitze der Pyramide zu bleiben. In einigen Fällen gelang es sogar, den von der bürgerlichen Öffentlichkeit getragenen Trend der nationalen Homogenisierung durch die Gründung neuer Nationalstaaten dynastisch zu nutzen (Deutschland, Italien, Belgien, Griechenland, Norwegen, Bulgarien, Rumänien u.a.).

Die hier skizzierten Entwicklungen sind in den letzten Jahren von einer wachsenden Monarchie-Forschung in zahlreichen Einzelstudien untersucht worden, deren thematische Breite längst nur noch Experten überblicken. Als breitangelegte Synthese liegt aus der Feder einer solchen Expertin nun ein Handbuch zur „Monarchie im 19. Jahrhundert“ vor. Das Buch wendet sich wie die gesamte Reihe „Seminar Geschichte“ an Studierende und bietet zugleich als Überblick über alte und neue Themenstellungen und methodische Zugriffe sowie durch den Abdruck ausgewählter Quellen auch für Lehrende eine gelungene Mischung.

In 14 Kapiteln behandelt Wienfort die politik-, kultur-, mentalitäts-, medien-, gender- und rezeptionsgeschichtlichen Dimensionen ihres Themas. Nach einer Einordnung des 19. Jahrhunderts als monarchisches Jahrhundert, an dessen Beginn eine grundlegende Krise der Monarchien stand, aus der die verbleibenden größeren Monarchien gestärkt hervorgegangen seien, behandelt Wienfort in wohlkomponierter Abfolge strukturgeschichtliche Aspekte der Epoche in ihren Wechselwirkungen mit den Binnenlogiken dynastischer Herrschaft und familialer Organisation. Um einzelne der zwischen zehn und 15 Seiten langen Kapitel hervorzuheben, ist hier nicht der Raum, nur so viel sei bemerkt: Zwischen Kolonialismus, Transnationalität, Medien und Skandalen, der Frauen- und Geschlechtergeschichte und der Rezeptionsgeschichte fehlen keine der jüngeren Themenfelder und Blickwinkel, und mit den Schlagworten Konstitution, Revolution, Republikanismus sowie Monarchie und Gesellschaft kommen auch die etwas abgehangeneren, aber nicht überholten Forschungsfragen zu ihrem Recht.

Am Ende jedes Kapitels werden unter dem Anstrich „Quellen und Vertiefung“ mehrere Originaldokumente abgedruckt, es gibt eine kurze Auswahl vertiefender Literatur sowie eine Liste prägnanter Thesen, die hier mit „Fragen und Anregungen“ überschrieben sind. Letztere laden zum Unterrichtsgespräch ein und können Startpunkte für Hausarbeiten und Diskussionen unter Kollegen sein. Diese wiederkehrenden, schematisierten Elemente gliedern das Buch und strukturieren die behandelten Themen auf unaufdringliche Weise. Am Ende findet sich eine Auswahlbibliographie von Quelleneditionen und einschlägigen monografischen Klassikern – auch einige wichtige Aufsätze sind aufgenommen (S. 181–198).

Wer das Haar in der Suppe sucht, wird hier am ehesten einige Fehlstellen bemerken. Das mag dem eigenen Kanon oder Arbeitsgebiet geschuldet sein. Auch dass die Einleitung auf die europäische Reichweite des Buches verweist, dann aber außer den im Mittelpunkt stehenden deutschen Monarchien nur wenige Entwicklungen in Großbritannien nachgezeichnet werden, während Italien, Österreich-Ungarn oder Russland nur am Rande behandelt werden, ist ein Leseeindruck. Allerdings zeigt der Blick in die Orts-, Personen- und Sachregister (S. 205–210), dass die vermissten Namen fast alle auftauchen – wenn auch nur in der knappen Behandlung eines insgesamt gelungenen Studienbuchs.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.06.2021
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