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Titel
Carl Zeiss. Die Geschichte eines Unternehmens, Bd. 2 Zeiss 1905-1945


Autor(en)
Walter, Rolf
Erschienen
Köln 2000: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
345 S.
Preis
DM 78,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kilian Steiner, Seminar für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität Ludwigstr. 33/III 80539 Muenchen

Vier Jahre nach dem ersten Band der als Trilogie angelegten Unternehmensgeschichte von Carl Zeiss Jena ist im Jahr 2000 der zweite Band, der die Zeit vom Tod Ernst Abbes bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges behandelt, erschienen [1]. Gegenstand des vom Mitherausgeber der Trilogie, Rolf Walter, verfassten Bandes ist nicht die Unternehmensgeschichte des Gesamtkonzerns bzw. der Carl Zeiss-Stiftung, sondern die des Jenaer Zeisswerks. Die Geschichte des gesamten Unternehmenskomplexes wird nur insoweit einbezogen, wie es zum Verständnis der Entwicklung des Stammwerkes nötig ist.

1. Methode und Konzeption
Im einleitenden Kapitel erläutert Rolf Walter seine Konzeption einer modernen Unternehmensgeschichte am Beispiel Zeiss. Wer sich hiervon allerdings einen wesentlichen Beitrag zur Theoriebildung des Faches Unternehmensgeschichte erwartet, wird indes enttäuscht werden. Vielmehr handelt es sich um eine nachgereichte, methodische Unterfütterung der geplanten Trilogie. Rolf Walter verfolgt als Herausgeber und Autor einen sehr breiten Ansatz, der Elemente der Wirtschafts-, Sozial-, Technik-, Politik- und „Unternehmer“-geschichte in sich vereint. Wie im ersten Band liegt der Fokus nicht auf einer expliziten Fragestellung. Grundlage der Analyse sollen die Theorieangebote der Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre sein. Die empirische Basis bilden zu 95% die Primärquellen aus den beneidenswerten Beständen des Unternehmensarchivs in Jena. Dies ist leider zugleich die größte Schwäche des Projektes. Denn eine moderne Unternehmensgeschichte erfordert auch die kritische Auseinandersetzung mit der Überlieferung innerhalb des untersuchten Unternehmens. Dies geschieht am besten durch Heranziehung externer Quellen. Genau dies erfolgt hier jedoch nur in Ausnahmefällen.

2. Inhalt
Die Untersuchung setzt mit dem Tod Ernst Abbes 1905 und der Regelung der Nachfolgefrage ein. Die ersten beiden Kapitel befassen sich mit der Geschichte des Zeisswerkes bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Es werden Themen wie die innerbetriebliche Sozialpolitik, die wirtschaftliche Expansion, die Internationalisierung, der Verlust von Auslandsvermögen im Krieg sowie die Entwicklung von Angebot und Nachfrage im zivilen und militärischen Bereich behandelt.

Das dritte Kapitel betrachtet die Unternehmensentwicklung zur Zeit der Weimarer Republik. Mit Geschick wurde bei Zeiss der Übergang von der Kriegswirtschaft zur Friedenswirtschaft gemeistert. Besonders hervorzuheben ist die Teilnahme an einem internationalen Konditionenkartell auf dem Gebiet der Mikroskopie (Mikro-Konvention von 1919) sowie die Umgehung des Artikels 170 des Versailler Vertrages (Exportverbot für Militärgüter) durch Gründung einer niederländischen Tochtergesellschaft. Rolf Walter konzentriert sich dann auf die Rationalisierung des Produktportfolios bei Zeiss und die Gründung der Zeiss Ikon AG (1926) in Dresden. Es handelt sich dabei um „eine der größten Fusionen in der Industriegeschichte der Weimarer Republik“ (S. 136). Obwohl es sich hier um einen der stärksten Abschnitte des Buches handelt, muss bemerkt werden, dass es etwas seltsam anmutet, wenn im Abschnitt „Die Besetzung der Chefetage bei Zeiss Ikon“ (S. 144f) nur die ehemaligen Carl Zeiss Mitarbeiter (Heinz Küppenbender, Alfred Simader) Erwähnung finden und der Vorstandsvorsitzende Prof. Emanuel Goldberg mit keinem Wort erwähnt wird. Bei Goldberg handelt es sich zugleich um den „ranghöchsten“ (S. 208) jüdischen Mitarbeiter im gesamten Konzern und Mitbegründer der in einem Exkurs behandelten Fernseh AG. Literatur und Quellenlage hätten eine kurze Erwähnung durchaus zugelassen [2]. Das Kapitel wird mit einer Betrachtung des Unternehmens in der Weltwirtschaftskrise beschlossen.

Das vierte Kapitel behandelt die Unternehmensgeschichte von der „Machtergreifung“ bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. In den Abschnitten „Gleichschaltung“ und „Übergang zur gelenkten Wirtschaft“ wird die Einbindung des Unternehmens in die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik erörtert. Dem „Führerprinzip“ in der Wirtschaft stand dabei die Stiftungssatzung entgegen: „Man einigte sich als Kompromiss darauf, dass die vom Leitungs-Kollegium getroffenen Entscheidungen nur von einem Mitglied nach außen vertreten wurden. Diese Funktion übertrug man August Kotthaus.“ (S. 171). Dieser wird als „gemäßigtes“ Mitglied der Partei beschrieben. Der Versuch der Partei das Unternehmen zu kontrollieren scheiterte jedoch. 1934 wurde der Interims-Stiftungskommissar und NSBO-Mann Julius Dietz durch den Physiker und Staatsrat Abraham Esau ersetzt. Über diese äußerst schillernde Figur der NS-Wissenschaftsgeschichte hätte man jedoch gerne mehr erfahren. Ab etwa 1934/35 machte der militärische Anteil am Gesamtumsatz des Zeisswerkes in Jena über 50% aus. Die Behandlung jüdischer Mitarbeiter wird gegen Ende des Kapitels aufgearbeitet. Aus der Geschäftsleitung musste im Herbst 1933 Rudolf Straubel ausscheiden, da er mit einer Jüdin verheiratet war. Der Fall „Goldberg“ fehlt hier ebenfalls. Er wurde im April 1933 verhaftet und emigrierte. In beiden Fällen bemühte sich das Unternehmen jedoch um eine Weiterbeschäftigung innerhalb des Konzerns [3]. Wie bei den meisten Unternehmen wurden auch bei Zeiss vereinzelt jüdische Mitarbeiter bis in die Kriegszeit hinein weiterbeschäftigt.

Im fünften Kapitel wird die Unternehmensgeschichte bis unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges betrachtet. Wie in jeder neueren unternehmensgeschichtlichen Studie wird auch der Einsatz von Fremd- und Zwangsarbeitern untersucht. Rolf Walter kommt zu dem in der Tat erstaunlichen Ergebnis, dass ein deutscher Betrieb der Größe des Zeisswerkes (1941/42 über 14.000 Beschäftigte) ohne den Einsatz von KZ-Häftlingen auskam. Hier wirkt sich allerdings auch aus, dass sich die Studie eben nur auf das Zeisswerk in Jena beschränkt und Einsätze innerhalb des Konzerns nur am Rande erwähnt werden [4]. Dennoch bleibt das Ergebnis bemerkenswert. Die Studie endet mit der Demontage des Zeisswerkes und dem Abzug von Humankapital durch Amerikaner und Russen.

3. Fazit
Die Studie erschließt erstmals der Forschung die umfangreichen Bestände des Unternehmensarchivs in Jena und schließt bestehende Forschungslücken. Allerdings erweist sich der bereits in Band 1 postulierte umfassende Ansatz im jetzt vorliegenden Band 2 eher als hinderlich. Zu viele Sonderentwicklungen wie der Erste Weltkrieg, die Inflation, die Weltwirtschaftskrise, das Dritte Reich und schließlich der Zweite Weltkrieg prägten diese Phase der Geschichte des Zeisswerkes (1905-1945). Die Folge von beidem ist, dass zahlreiche Themen nur angerissen aber kaum vertieft werden können. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass sich noch zahlreiche UnternehmenshistorikerInnen mit der spannenden Geschichte dieses deutschen „Global Players“ auseinandersetzen können.

Anmerkungen:
[1] Hellmuth, Edith u. Wolfgang Mühlfriedel: Carl Zeiss: Die Geschichte eines Unternehmens, Bd. 1: Zeiss 1846-1905: Vom Atelier für Mechanik zum führenden Unternehmen des optischen Gerätebaus, Köln 1996.
[2] Buckland, Michael: Emanuel Goldberg, electronic document retrieval, and Vannevar Bush’s Memex, in: Journal of the American Society for Information Science 43 (1992), S. 284-94; Buckland, Michael: Zeiss Ikon and television: Fernseh AG, in: Zeiss Historica 17 (1995), S. 17-19.
[3] Rudolf Straubel blieb weiterhin Aufsichtsratsvorsitzender der Zeiss Ikon AG. Prof. Emanuel Goldberg übernahm dagegen ab 1933 in Paris die Leitung der Zeiss Tochtergesellschaften Optica und Iconta (vgl. die Forschungsergebnisse von M. Buckland in Anmerkung 2). Nicht verständlich ist dagegen die Bemerkung Rolf Walters, in Paris sei bis 1933 ein jüdischer Mitarbeiter namens Prof. Dr. Goldberg beschäftigt worden (S. 216). Unter der Voraussetzung, dass es sich nicht um einen Fall von Namensgleichheit handelt, hätte es heißen müssen: ‚ab 1933’. In solchen Fällen wirkt sich das schlechte Lektorat des Buches als sehr lesehemmend aus. Neben einigen übersehenen Tippfehlern sind Namen und Sachregister nicht besonders hilfreich. So führt das Namenregister zwei Goldbergs auf, obwohl es sich vermutlich um ein und dieselbe Person handelt. Bei vielen Personen wie zum Beispiel auch dem Stiftungskommissar Esau wurden die Vornamen nicht recherchiert. Im Sachregister fehlen bei der Fernseh AG die Seitenzahlen und unter der Werkzeugmaschinenfabrik Ludwig Loewe & Co. wird teilweise auch die Radio AG D. S. Loewe subsumiert.
[4] Innerhalb des Konzerns erfolgten Einsätze von KZ-Häftlingen bei der Zeiss Ikon AG in Dresden und der Mitteldeutsche Papierwerke GmbH in Tannroda und eventuell auch im KZ Buchenwald selbst. Der Einsatz von KZ Häftlingen bei Anschuetz & Co. in Kiel-Neumühlen [vgl. ITS (Hg.): Catalogue of Camps and Prisons in Germany and German-occupied Territories, 01.09.1939-08.05.1945, Arolsen 1949, S. 491] wird dagegen nicht erwähnt.

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Veröffentlicht am
08.01.2002
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