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Titel
Industriestädte und ihre Krisen. Wilhelmshaven und Wolfsburg in den 1970er und 1980er Jahren


Autor(en)
Eiben, Jörn
Reihe
Stadt, Zeit, Geschichte 3
Erschienen
Göttingen 2019: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
302 S., 39 Abb.
Preis
€ 19,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sina Fabian, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Jörn Eiben untersucht in diesem Buch, wie sich (Wirtschafts-)Krisen auf Städte auswirken. Er geht davon aus, dass sich Krisenwahrnehmungen und Umgangsweisen lokal unterscheiden. Deshalb analysiert er die Auswirkungen der Wirtschaftskrisen der 1970er- und 1980er-Jahre auf die beiden niedersächsischen Industriestädte Wolfsburg und Wilhelmshaven. Zwar stand die Zeit „nach dem Boom“ zuletzt stark im Fokus der zeitgeschichtlichen Forschung, die sich vor allem auch der wirtschaftlichen Entwicklung, sowohl auf der Makroebene als auch im Hinblick auf einzelne Industriezweige, gewidmet hat.[1] Eibens Perspektive ist jedoch insofern neu, als er das „Krisenjahrzehnt“ mit einem stadt- und mikrohistorischen Ansatz untersucht.

Während es bei Wolfsburg keinen Zweifel gibt, dass es sich beim Hauptsitz des Volkswagenkonzerns um eine Industriestadt handelte, war dies bei Wilhelmshaven weniger eindeutig. Wie Eiben in der Einleitung darlegt, verfolgten verschiedene lokale Akteure aus Politik, Verwaltung und Medien seit Ende der 1960er-Jahre die Strategie, die Stadt durch gezielte Ansiedlungen von Industrieunternehmen zu einer solchen zu machen. Allerdings wurde dieser Plan in den 1980er-Jahren wieder aufgegeben. Eiben erklärt den Fokus auf Industriestädte damit, dass sie aufgrund der engen Verschränkungen mit Industriebetrieben für Wirtschaftskrisen besonders anfällig seien. Als Hauptquellen dienen ihm Lokalzeitungen sowie überliefertes Schriftgut vornehmlich aus der Perspektive der Stadtverwaltung und -politik.

In einem ersten Teil untersucht Eiben die Wahrnehmungen und den Umgang mit den „Öl-, Umwelt-, Wirtschafts- und Beschäftigungskrisen“ der Jahre 1973 bis 1975. Für Wolfsburg stellt er wenig überraschend fest, dass die Krisenwahrnehmungen auf das Engste mit der Entwicklung des Volkswagenwerkes verknüpft waren. Eiben führt das Ausmaß sowohl der realen als auch der wahrgenommenen Abhängigkeit von VW deutlich vor Augen. Der Konzern baute zwischen 1973 und 1975 10.000 Stellen ab, was zu einem Anstieg der Arbeitslosenquote in Wolfsburg auf acht Prozent Anfang 1976 führte. Wie Eiben allerdings zeigt, wurde Arbeitslosigkeit vor allem als Problem diskutiert, wenn es (deutsche) Männer betraf. Überdurchschnittlich von Jobverlusten betroffen waren jedoch Frauen und Migrant/innen. So ging der Anteil sogenannter Gastarbeiter/innen an der Belegschaft zwischen 1973 und 1975 um 50 Prozent zurück.

Als Reaktion auf den zeitweisen Einbruch der Automobilproduktion und eine Abwanderung von Wolfsburger/innen (wozu „Gastarbeiter/innen“ allerdings nicht zählten) wurde als wichtige Maßnahme die Belebung der Innenstadt in Angriff genommen. Dazu gehörte, durchaus symbolträchtig, die Schaffung einer autofreien Fußgängerzone in der Porschestraße. Die volle Zufriedenheit mit der industriellen Monostruktur wurde in den 1970er-Jahren durch eine Skepsis gegenüber der Abhängigkeit von VW ein wenig relativiert. Dabei handelte es sich jedoch lediglich um kleinere Justierungen, die die zentrale Bedeutung des Werkes für die Stadt nicht infrage stellten.

Während in Wolfsburg die Krisenwahrnehmung ähnlich dem Bundestrend verlief, stellte sie sich in Wilhelmshaven ganz anders dar. Dort herrschte zu Beginn der 1970er-Jahre eine äußerst optimistische Stimmung. Obwohl die Haushaltslage, im Gegensatz zu Wolfsburg, schlecht war, hoffte man in Wilhelmshaven mit der Ansiedlung von Alusuisse und einer Ölraffinerie der Mobil Oil AG in den Rang einer Industriestadt aufzusteigen. Die Ölpreiskrise wurde in diesem Sinne eher positiv interpretiert, weil sie die Bedeutung Wilhelmshavens als Ölhafen unterstrich, der die Abhängigkeit von anderen europäischen Ölhäfen zukünftig reduziere. Auch hinsichtlich der städtischen Finanzen war im Jahr 1973 von einem „Boom“ die Rede. Die Krisenwahrnehmung trat hier verzögert ein. Den Optimismus trübte zum einen das Scheitern der Alusuisse-Ansiedlung. Zum anderen wirkte sich die Ölpreiskrise schließlich doch negativ auf die Stadt aus, da der Ölverbrauch in den folgenden Jahren sank und wesentlich weniger Öl umgeschlagen wurde als prognostiziert. Zudem verschlechterte sich die Finanzlage zunehmend und es kam, wie auch in Wolfsburg, zu Abwanderungen von Einwohner/innen.

Im Zuge der zweiten Ölpreiskrise und der sich anschließenden Wirtschaftskrise in den frühen 1980er-Jahren überwogen in Wolfsburg dezidierte Erklärungen der Stadtpolitiker/innen zur Abhängigkeit vom Volkswagenkonzern. Versuche, die Monostruktur aufzulockern, wurden kaum noch unternommen. Stattdessen setzte man auf Haushaltskürzungen. Eiben zeigt, dass die Einwohner/innen Wolfsburgs zu mehr Eigenverantwortlichkeit und geringerem Anspruchsdenken aufgerufen wurden, womit er die vorliegenden Befunde für die Bundesrepublik insgesamt bestätigt.[2] Das Vertrauen in den Volkswagenkonzern zahlte sich auch in den 1980er-Jahren aus. Die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt erholten sich schnell und erreichten Ende des Jahrzehnts einen Höchststand. Dies führte jedoch nicht zum Abbau der Arbeitslosigkeit, die doppelt so hoch war wie vor dem Ausbruch der Krise 1979.

Wilhelmshaven konnte auf keine vergleichbare „cash cow“ hoffen. Im Gegenteil, die Mobil-Oil-Raffinerie, die seit Beginn ihre Kapazitäten nicht ausgeschöpft hatte, wurde 1985 stillgelegt. Damit war auch der zweite Hoffnungsträger für den geplanten Industriestandort gescheitert. Hinzu kamen weitere Jobverluste, etwa bei der Krupp Kranbau AG. Als besonders gravierend erwiesen sich die Schwierigkeiten des Büromaschinenherstellers Olympia, einem Tochterunternehmen des AEG-Konzerns, der 1982 einen Vergleichsantrag stellen musste. Akteur/innen aus der Politik, den Gewerkschaften, der Verwaltung und der Bevölkerung rückten deshalb von der Industrieansiedlungspolitik ab und strebten die Förderung kleiner und mittelständischer Unternehmen, des Tourismus sowie eine landschafts- und umweltfreundliche Meeresnutzung an. Volle Kassen und ein merkbarer Abbau der Arbeitslosigkeit ließen sich dadurch jedoch nicht erreichen.

Eibens Arbeit zeigt, wie sich globale und nationale Wirtschaftskrisen auf der lokalen Ebene auswirkten. Indem er konsequent die zeitgenössische Wahrnehmung in den Blick nimmt, kann er zeigen, dass sich diese und der daraus folgende Umgang mit Krisen durchaus vom nationalen Trend sowie ökonomischen Indikatoren unterscheiden konnten. Dadurch ergaben sich auch, wie Eiben darlegt, unterschiedliche Zeitlichkeitsvorstellungen. Während Wilhelmshaven auf eine bessere Zukunft hoffte, wünschte man sich in Wolfsburg Verhältnisse wie vor der ersten Ölpreiskrise.

Das Potenzial einer stadt- und mikrohistorischen Untersuchung von Krisen zeigt sich insbesondere da, wo der Umgang der Bevölkerung damit in den Blick gerät. Dabei ist besonders Eibens zumindest schlaglichtartiger Fokus auf die sozialen Auswirkungen, auch auf gesellschaftlich marginalisierte Personen, hervorzuheben. In diesem Zusammenhang wäre es für weitere Studien wünschenswert, stärker Veränderungen von Stadträumen und dem Leben in der Stadt in den Blick zu nehmen.[3] Dass dies in der vorliegenden Studie nicht geschieht, liegt vermutlich an der Zugänglichkeit und Verfügbarkeit der Quellen. Eiben hat sich für gut überliefertes Material aus den Stadtarchiven und den Printmedien entschieden. Dies erklärt den Schwerpunkt vor allem auf eine lokalpolitische Perspektive. Wahrnehmungen der Bevölkerung rekonstruiert er vor allem anhand der Lokalzeitungen. Hier wäre allerdings kritisch zu hinterfragen, inwieweit diese nicht eher etwas über die journalistische Wahrnehmung und die Medialisierung der Krise aussagen. Gerade deshalb bieten auch die alternativen Publikationen aus Wilhelmshaven, die Eiben ebenfalls ausgewertet hat, ein wichtiges Korrektiv.

Nichtsdestotrotz bietet das vorliegende Buch eine wertvolle Erweiterung der Perspektive auf die bundesrepublikanischen „Krisenjahre“. Es zeigt einmal mehr, wie fruchtbar es ist, Krisen als Wahrnehmungsphänomene zu untersuchen. Es ist zu wünschen, dass weitere lokal- und mikrohistorische Studien folgen, die unser Verständnis von Krisen und ihren Wirkungen schärfen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Lutz Raphael / Anselm Doering-Manteuffel, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008; Werner Plumpe / André Steiner (Hrsg.), Der Mythos von der postindustriellen Welt. Wirtschaftlicher Strukturwandel in Deutschland 1960–1990, Göttingen 2016; Lutz Raphael, Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom, Frankfurt am Main 2019.
[2] Vgl. Winfried Süß, Umbau am „Modell Deutschland“. Sozialer Wandel, ökonomische Krise und wohlfahrtsstaatliche Reformpolitik in der Bundesrepublik Deutschland „nach dem Boom“, in: Journal of Modern European History 9 (2011), S. 215–240.
[3] Vgl. Tobias Gerstung, Stapellauf für ein neues Zeitalter. Die Industriemetropole Glasgow im revolutionären Wandel nach dem Boom (1960–2000), Göttingen 2016.

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Veröffentlicht am
25.06.2020
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