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Titel
The Boundless Sea. A Human History of the Oceans


Autor(en)
Abulafia, David
Erschienen
London 2019: Allen Lane
Anzahl Seiten
1.050 S.
Preis
£ 35.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael North, Historisches Institut, Universität Greifswald

Dreiviertel der Erdoberfläche sind von Wasser oder Meeren bedeckt. 90% des Güterverkehrs der Welt gehen über die Meere, und 80% der Weltbevölkerung leben an Küsten oder im Hinterland der Meere. Viele Disziplinen – gerade historische – haben das Meer neu entdeckt. Die Wissenschaftsgeschichte beschäftigt sich beispielsweise mit der Navigationskunde, d.h. dem langen Weg zur Bestimmung der Längen- und Breitengrade. Die Literaturwissenschaft erörtert die Konzeption und Repräsentation des Meeres. Die Sozialgeschichte nimmt Hafenarbeiter, Seeleute und Piraten in den Blick, während sich die Wirtschaftsgeschichte dem globalen Handel und der Schifffahrt zuwendet. Die Umweltgeschichte schließlich befasst sich mit katastrophalen Ereignissen wie Tsunamis und mit ökologischen Veränderungen wie Verschmutzung und Erwärmung. Angesichts des vermehrten Interesses an der Globalgeschichte sind Meere und Ozeane als Thema so wichtig geworden, dass diese Studien mittlerweile fast schon eine eigene Subdisziplin bilden: eine historische Meereswissenschaft.

So haben in den letzten fünfzehn Jahren einzelne Meere wie das Mittelmeer[1], die Ostsee[2], der Atlantik[3], der Indische Ozean[4] oder der Pazifik[5] ihre Monographien gefunden. Inspiriert von Fernand Braudels La Méditerranée et le monde méditeranéen à l'époque de Philippe II[6] konstruierten einige dieser Werke Meere und Ozeane entlang ihrer langfristigen physischen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Seit kurzem hat sich die Perspektive erweitert. Nun versuchen Historiker/innen zu verstehen, wie die verschiedenen Meere und Ozeane integriert und miteinander verbunden wurden oder werden.[7]

In diese neue Forschungsrichtung reiht sich auch The Boundless Sea von David Abulafia ein. Das Strukturprinzip ist originell. Die einzelnen Ozeane werden zunächst auf ihre innere Konnektivität und dann auf ihre Verbindungen hin untersucht. Wie bereits bei seinem grundlegenden Buch über das Mittelmeer beginnt er mit der Urgeschichte; dieses Mal beim Pazifik, den er als siedlungsmäßig ältesten Ozean (The Oldest Ocean) begreift. Denn die menschliche Geschichte dieses Raumes begänne vor mehr als 60.000 Jahren, als zum Beispiel die Vorfahren der Aborigines das heutige Australien erreichten. Das Kapitel über den Pazifik reicht dabei nur bis um 1350, als einheimische Seefahrer die meisten Inseln angelaufen und größtenteils besiedelt hatten.

Ihm folgt als Middle Ocean sodann der Indische Ozean mit den benachbarten Meeren, wie der Arabischen See oder dem Südchinesischen Meer. Nicht überraschend stehen zu Beginn die Entdeckung der Monsunwinde durch die Seefahrer und ihre Beherrschung für den Verkehr zwischen Ost und West. Auch die verschiedenen jüdischen, muslimischen und hinduistischen Kaufleute werden ausführlich behandelt. Das Kapitel schließt mit den maritimen Ambitionen Chinas, die mit dem Namen Zheng Hes verbunden sind. In diesem Kontext werden die Rolle Chinas, aber auch die Handelsbeziehungen zu Korea und die Aktivitäten der von Tsushima und Kyushu operierenden japanischen wakō-Piraten ausführlich beschrieben. Es ist gerade das Besondere an der Darstellung Abulafias, dass er dem Leser vielfältige Details in anschaulicher Sprache mitteilt. Vor allem diese kleinen Studien innerhalb des großen Textes machen die Faszination des Buches aus und laden den Leser immer wieder zum vergnüglichen Innehalten ein. Das weiß natürlich in erster Linie zu schätzen, wer bereits ein Bild der Ozeane vor Augen hat.

Als „junger Ozean“ (The Young Ocean) gilt Abulafia der Atlantik. Die jüngsten erst im 20. Jahrhundert anerkannten Ozeane, der Arktische Ozean und der Südliche Ozean, werden in einem Unterkapitel als The Fourth Ocean behandelt. Die Darstellung des Atlantiks ist vor allem durch die Europäische Expansion geprägt, wobei Abulafia seine intensive Forschung zu den Kanarischen Inseln zugute kommt.[8] Ebenfalls wird ein Bezug zur Nord- und Ostsee durch die Wikinger bzw. die Hansekaufleute hergestellt. Hier zeigt sich wie an vielen anderen Fällen, dass Abulafia auf der Höhe der aktuellen Forschungen schreibt und sich nicht – wie die meisten angelsächsischen Autoren – allein auf englischsprachige Sekundärliteratur stützt. Die Verbindungen zum Mittelmeer werden dabei nur angedeutet, denn das Mittelmeer behandelt Abulafia ausdrücklich nicht mehr explizit, sondern verweist auf seine grundlegende Monographie.

Der vierte Teil des Buches (Oceans in Conversation, AD 1491–1900) ist das eigentliche Herzstück, in dem die verschiedenen personellen und ökonomischen Verbindungen der Ozeane analysiert werden. Dabei spielen Kaufleute und Seefahrer für Abulafia die entscheidende Rolle. In erster Linie waren es die europäischen Seemächte, die die verschiedenen Ozeane in der Neuzeit miteinander verbanden. Von Zeit zu Zeit kommen auch die indigenen maritimen Netzwerke zur Sprache, beispielweise wenn Abulafia den Handel Omans und seine Expansion im Golf und an der Küste Ostafrikas herausarbeitet. Wie in The Great Sea gilt Abulafias Interesse vor allem der Zeit vor 1800. Moderne Aspekte wie die maritime Expansion der Industrienationen sowie die der Ausbeutung der Meere dienende Meeresforschung im letzten Kapitel (The Ocean Contained, AD 1850–2000) werden daher nur gestreift. Das betrifft auch die Verschmutzung der Meere, den Klimawandel und die Überfischung im 20. Jahrhundert. Das ist an sich kein Nachteil, weil es für diese Fragen jetzt das Buch von Helen Rozwadowski gibt.[9]

Nach The Great Sea hat Abulafia damit ein – erneut monumental geratenes – Standardwerk vorgelegt. Konzeptionell Neues für die new thalassology bietet es kaum. Das war auch sicher nicht die Absicht des Autors dieses Buches, das sich dezidiert an ein breites Publikum wendet. Gelehrsamkeit und Detailliebe machen „The Boundless Sea“ auch für den Wissenschaftler zu einem Lesevergnügen.

Anmerkungen:
[1] Peregrine Horden / Nicholas Purcell, The Corrupting Sea. A Study of Mediterranean History, Oxford 2000; David Abulafia, The Great Sea. A Human History of the Mediterranean, London 2011.
[2] Michael North, The Baltic. A History, Cambridge, MA. 2015.
[3] Paul Butel, Histoire de l’Atlantique, de l’Antiquité à nos jours, Paris 2012.
[4] Michael N. Pearson, The Indian Ocean, London 2006.
[5] Matt K. Matsuda, Pacific Worlds. A History of Seas, Peoples, and Cultures, Cambridge 2014.
[6] Fernand Braudel, La Méditerranée et le monde méditeranéen à l’epoque de Philippe II, Paris 1949.
[7] Michael North, Zwischen Hafen und Horizont. Weltgeschichte der Meere, München 2016; Wim Blockmans / Mikhail Krom / Justyna Wubs-Mrozewicz (Hrsg.), The Routledge Handbook of Maritime Trade around Europe 1300–1600, London 2017. Eher historiographisch angelegt dagegen: David Armitage / Alison Bashford / Sujit Sivasundaram (Hrsg.) Oceanic histories. Cambridge 2018.
[8] David Abulafia, The Discovery of Mankind. Atlantic Encounters in the Age of Columbus, New Haven, Conn. 2008.
[9] Helen M. Rozwadowski, Vast Expanses: A History of the Oceans, Chicago 2018.

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Veröffentlicht am
30.09.2020
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