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Titel
Konstantinopel – Istanbul. Stadt der Sultane und Rebellen


Autor(en)
Fuhrmann, Malte
Erschienen
Frankfurt am Main 2019: S. Fischer
Anzahl Seiten
464 S.
Preis
€ 26,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ellinor Morack, Institut für Orientalistik, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Wer Istanbul bereist hat, kehrt mit Sicherheit zurück. Malte Fuhrmann, Südosteuropahistoriker mit Schwerpunkt auf deutsch-osmanischen Verflechtungen und mediterranen Hafenstädten, hat es einrichten können, länger zu bleiben und nach Jahren der Forschung und Lehre vor Ort ein Buch über die Geschichte der Stadt geschrieben. Darin spannt er den Bogen von der Spätantike bis in die Gegenwart.

Das Buch wendet sich an ein breites Publikum, ist jedoch deutlich umfassender und aktueller als konkurrierende Werke. Anders beispielsweise als Bettany Hughes, die die Zeit von 1914 bis 2016 auf mageren 45 Seiten abhandelt, geht Fuhrmann auf über hundert Seiten umfassend auf das 20. und die ersten zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts ein. Unter Rekurs auch auf die neueste türkische Forschung erreicht das Buch in der Zeitgeschichte zugleich seine größte erzählerische Tiefe.[1] Den Rest der über zwei Jahrtausende währenden Stadtgeschichte bekommt der Autor dadurch in den Griff, dass er das „Recht auf Stadt“ (Henri Lefebvre) ins Zentrum rückt, also die Frage der Verteilung des ökonomischen und kulturellen Mehrwerts, den die Stadtbewohner erzeugten: Wie wurde dieser gestaltet, ausgehandelt und erkämpft? Dieser Zugriff erlaubt es ihm, so verschiedene Aspekte wie die räumliche Gestaltung der Stadt, ihre alltägliche Nutzung durch verschiedene Gruppen der Bevölkerung, vielfältige Formen der Freizeitgestaltung und des Vergnügens, aber eben auch Proteste und Aufstände als – zusammenhängende, sich wechselseitig bedingende und zugleich wandelbare – soziale Praktiken zu betrachten.

Der Autor, dessen Forschungsschwerpunkte im 19. und frühen 20. Jahrhundert liegen, hat sich gründlich in vormoderne Epochen eingelesen. Das erste Kapitel ist der ebenso außergewöhnlichen wie schicksalhaften geographischen Lage sowie einem Abriss der Entwicklung Byzantions bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. gewidmet. Die eigentliche Erzählung beginnt mit dem Jahr 337 n. Chr., als Kaiser Konstantin starb und die Stadt nach ihm benannt wurde. Die folgenden drei der insgesamt 17 Kapitel behandeln die byzantinische Zeit inklusive der katholischen Herrschaft im 13. Jahrhundert. Weitere neun Kapitel behandeln die Zeit ab der osmanischen Eroberung im Jahr 1453. Vier sind den Jahren 1453 bis 1800 gewidmet, je zwei dem langen 19. und dem 20. Jahrhundert. Kapitel 15 behandelt die Entwicklung zur Megacity seit 1980, das folgende die Geschichte des Gezi-Aufstandes von 2013. Das Schlusskapitel bietet ein Fazit, das auch die neuesten Ereignisse, nämlich den Putschversuch von 2016 und die Wahl eines kemalistischen Oberbürgermeisters im Jahr 2019, berücksichtigt. Nach Kapiteln geordnete Anmerkungen, die Bibliographie sowie ein Personen- und Ortsregister bilden den Schluss.

Wie bereits der Untertitel „Stadt der Sultane und Rebellen“ vermuten lässt, interessiert sich Fuhrmann besonders für Rebellionen und Aufstände, an denen es Konstantinopel bzw. Istanbul selten gemangelt hat. Dabei spannt er den Bogen vom Nika-Aufstand der Zirkusparteien im Jahr 532 bis zu den Auseinandersetzungen um den Gezi-Park 2013, deren Zeuge er selbst wurde. Auch chaotische Phasen der oströmischen und der osmanischen Zeit, in denen die Stadtbevölkerung großen Anteil an der Absetzung von Kaisern (später Sultanen) hatte, werden anschaulich dargestellt und zum Teil auch miteinander verglichen. Angenehm ist hierbei, dass Fuhrmann sowohl auf soziokulturelle Faktoren wie die immer wieder prekäre Versorgung mit Lebensmitteln und anderen materiellen Ressourcen eingeht als auch auf nicht minder wichtige Konflikte, die um die Gestaltung des Lebens in der Stadt kreisten.

Neben dem „Recht auf Stadt“ ziehen sich zwei weitere Leitmotive durch das Buch: Erstens die von Ibn Khaldun geprägte Vorstellung der begrenzten, verschiedene Phasen durchlaufenden Lebenszeit von Imperien, die Fuhrmann vorstellt, um dann die zahlreichen Abweichungen von dieser Regel zu erklären. Im abschließenden Kapitel wendet der Autor diese Kriterien, eher spielerisch, auf die Zeit der AKP-Herrschaft in der Türkei an. Zweitens greift Fuhrmann für die Zeit ab dem 19. Jahrhundert, das von der Zentralisierung und Modernisierung des osmanischen Staates geprägt war, auf Foucaults Begriff einer spezifisch modernen gouvernementalité zurück und präzisiert diese auf den osmanischen und türkischen Kontext bezogen als ein staatliches Denken und Handeln, das den Interessen des Staates gegenüber jenen seiner Bürger Vorrang einräumt.

Natürlich lässt sich über eine Stadt schwerlich schreiben, ohne auf die Entwicklung der Architektur und des Städtebaus einzugehen. Fuhrmann tut dies auf vorbildliche Weise, indem er die historischen Bedingungen schildert, unter denen Gebäude, aber auch ganze Stadtteile gebaut, umgebaut, abgerissen oder umgenutzt wurden. Er beschränkt sich hier nicht nur auf Stadtmauern, Kirchen, Moscheen und Paläste, sondern geht auch auf Profanbauten wie Kasernen, Universitäten und Ministerien sowie die Behausungen der Ärmsten ein. Schade ist, dass weder Karten noch Abbildungen zeigen, welche Gebäude und Stadtteile gemeint sind und wo diese sich befinden. Wer die Stadt nicht gut kennt, benötigt Hilfsmittel, um sich hier zu orientieren.

Leicht fällt die Lektüre durch einen gleichermaßen flüssigen wie präzisen Stil. Bei den wenigen längeren Zitaten handelt es sich um sorgfältig ausgewählte Gedichte, die zeigen, wie viel Lebensfreude, Humor und Sinn für Erotik frühere Stadtbewohner hatten. Dabei gleitet der Autor niemals in orientalisierende Betrachtungen ab, sondern es gelingt ihm, ganz im Gegenteil, deutlich zu machen, in welchen Punkten die Stadtbewohner sich von ihren europäischen Zeitgenossen unterschieden – und in welchen sie ihnen voraus waren. So weist er etwa darauf hin, dass die Istanbuler Bevölkerung bereits im 18. Jahrhundert bisweilen Zugang zu den herrschaftlichen Parks hatte, als Europäer davon allenfalls träumen konnten.

Nur ein Aspekt scheint ihn wenig interessiert zu haben: die Religion. Fuhrmann geht zwar auf religiöse Aspekte der Sozialgeschichte wie religiöse Stiftungen und den Bau von Kirchen ein. Auch diskutiert er die Bedeutung des Konzils von Chalkedon (451 n. Chr.), den Streit um das Verhältnis zwischen menschlicher und göttlicher Natur Christi und die propagandistische Bedeutung der „Wiederentdeckung“ des Grabes des Prophetengefährten Abu Ayyub al-Ansari kurz nach der osmanischen Eroberung. So wichtige Ereignisse wie den Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion und das Schisma zwischen Rom und Konstantinopel von 1054 dagegen erwähnt er nicht, sondern setzt sie als bekannt voraus.

Dass bei der Darstellung von etwa 1700 Jahren Stadtgeschichte gelegentlich Fehler unterlaufen und nicht überall der allerneueste Forschungsstand berücksichtigt ist, erscheint angesichts der großen Herausforderung eines solchen Unterfangens mehr als verzeihlich. Aus osmanistischer Sicht ist zu beanstanden, dass Fuhrmann den Mythos fortschreibt, das Tanzimat-Edikt von Gülhane (1839) habe bereits die Gleichberechtigung aller osmanischen Untertanen versprochen (S. 239, tatsächlich tat dies erst das Reformedikt von 1856).[2] In der Liste der 1878 nach dem Berliner Kongress gegründeten Staaten fehlt Rumänien (S. 260). Der historische Kontext, in dem die Armeniermassaker von 1894–1897 stattfanden, wird zwar plastisch geschildert, allerdings ist nur von „Zusammenstöße(n)“ in den Provinzen die Rede, und die Opferzahl von einigen hunderttausend wird nicht erwähnt (S. 278). Auch die Darstellung der Auswirkungen des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausches von 1923–24 auf die Istanbuler Griechen gerät ungenau (S. 303). Insgesamt überzeugt Fuhrmann jedoch mit seinem Fokus auf Herrschaft und Rebellion, der es ermöglicht, diachrone Vergleiche anzustellen und nach Kontinuitäten langer Dauer zu fragen – und damit auch die aktuelle Lage der Türkei zu erhellen. Keineswegs zufällig bilden die Gezi-Proteste von 2013 den narrativen Rahmen, um Verbindungslinien und Ähnlichkeiten zu früheren Volksaufständen herauszuarbeiten und den historischen Zusammenhang vergangener und gegenwärtiger Konflikte zu verstehen.

Anmerkungen:
[1] Bettany Hughes, Istanbul. Die Biographie einer Weltstadt, Stuttgart 2018 (englische Originalausgabe: A Tale of Three Cities, 2016). Siehe ferner Klaus Kreiser, Geschichte Istanbuls. Von der Antike bis zur Gegenwart, 2. Auflage, München 2012 (1. Auflage 2010); Brigitte Brigitte Moser / Michael W. Weithmann, Kleine Geschichte Istanbuls, Regensburg 2010.
[2] Zum Gülhane-Edikt vgl. Butrus Abu-Manneh, “Gülhane, Edict of”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE, Edited by Kate Fleet / Gudrun Krämer / Denis Matringe / John Nawas / Everett Rowson, http://dx.doi.org/10.1163/1573-3912_ei3_COM_27541 (04.05.2020).

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Veröffentlicht am
10.06.2020
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