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Titel
Kommunale Bündnisse im Patrimonium Petri des 13. Jahrhunderts.


Autor(en)
Christina Abel
Reihe
Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 139
Erschienen
Berlin 2019: de Gruyter
Anzahl Seiten
X, 587 S.
Preis
€ 129,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Krumm, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Die Geschichte Italiens seit dem 13. Jahrhundert wird traditionell als die dreier Regionen erzählt. Jede von diesen habe eine ganz eigene politisch-soziale Prägung aufgewiesen: Während im Norden die Kommunen dominierten, sei der Süden fest im Griff des – eben diese Kommunen unterdrückenden – Regno gewesen; den Raum dazwischen hätten die Päpste beherrscht. Diese Dreiteilung, die selbstverständlich auf einer Makroebene einiges für sich hat, ist in Detailstudien längst hinterfragt worden.[1] Für die Erforschung sowohl der einzelnen Regionen als auch übergreifender Phänomene hat sie gleichwohl noch immer erstaunliche Konsequenzen. Prägende Merkmale des einen Landesteils scheinen im anderen nicht vorzukommen, treten jedenfalls nicht in das Blickfeld der Forschung. Mit ihrer Berliner Dissertation zeigt Christina Abel auf beeindruckende Weise, wie sehr sich eine konsequente Hinterfragung dieser Meisterzählung lohnen kann. Auf breiter Quellenbasis untersucht sie ein Phänomen, das es in der traditionellen Sicht praktisch gar nicht geben konnte: die kommunalen Bündnisse im Patrimonium Petri (konkret in Umbrien und den Marken). Solche Bündnisse wurden von der älteren Forschung zwar hier und da erwähnt, doch erst Abel hat ihrer mehr als einhundert identifiziert und somit ein kommunales Bündniswesen ins Licht gerückt, wie es bislang wohl nur für die Lombardei für möglich gehalten wurde.

Einleitend benennt Abel zwei Untersuchungsschwerpunkte: Zum einen fragt sie „nach der praktischen Organisation, den vereinbarten Inhalten, der rechtlichen und formalen Ausgestaltung und Funktion der societates“, zum anderen „nach dem Umgang der Päpste und der päpstlichen Verwaltung mit dem autonomen Bündniswesen der Kommunen“ (S. 3). Vor allem die zweite Frage hängt eng mit der Genese der Arbeit zusammen, die im Rahmen des von Matthias Thumser geleiteten DFG-Projekts „Das sanfte Joch der Päpste – Autorität und Autonomie im Patrimonium Petri des 13. Jahrhunderts“ entstanden ist, ohne dem ursprünglichen Projektdesign zu sehr verhaftet zu sein. Lag der Schwerpunkt beim Projektentwurf offensichtlich auf der Rolle des Papstes, hat sich dieser in der Arbeit auf die Kommunen verschoben (wie schon der geänderte Titel zeigt).

Entsprechend den beiden Schwerpunkten ist die Arbeit – nach einleitenden und gewichtigen Vorüberlegungen (S. 1–49; u. a. zur Definition eines Bündnisses) – in zwei Teile untergliedert. Der erste Teil „Kommunale Bündnisse in Umbrien und der Mark Ancona: Praxis und Schriftlichkeit“ (S. 51–229) gilt den Verträgen selbst in diplomatischer Perspektive. Die einzelnen Kapitel vollziehen gewissermaßen den idealtypischen Lebenszyklus eines Bündnisvertrags nach, ausgehend von der Kommunikation im Vorfeld einer societas, über die Untersuchung der ausgefertigten Verträge selbst bis hin zum weiteren Umgang mit diesen. Dem liegt die Einsicht zugrunde, dass der individuelle Bündnisvertrag „nur der Abschluss einer kürzeren oder längeren Reihe von Entscheidungen, Kommunikationsakten, Verschriftlichungen und zeremoniellen Handlungen innerhalb der Kommunen und zwischen ihren Repräsentanten“ (S. 57) war, die Überlieferung zu einzelnen Bündnissen jedoch selten so aussagekräftig ist, dass sich alle Etappen rekonstruieren ließen. In der Zusammenschau ihres gesamten Materials entwickelt Abel daher ein anschauliches Modell, das nicht nur ein plastisches Bild von der Kommunikation rund um das Zustandekommen einer societas vermittelt; deutlich wird zudem, wie sehr der gesamte Prozess des Bündnisabschlusses auf Schriftlichkeit basiert haben muss und von welchen Überlieferungsverlusten auszugehen ist. Dabei macht die Verfasserin immer wieder auf Leerstellen aufmerksam, die sich allen Rekonstruktionsbemühungen zum Trotz nicht mehr oder allenfalls spekulativ füllen lassen.

Angesichts der zahlreichen Befunde zu den einzelnen Etappen seien nur kursorisch ein paar Ergebnisse hervorgehoben: Im Hinblick auf die Verhandlungen misst Abel den seit den 1220er-Jahren greifbaren sindici große Bedeutung zu. Anders als die schon zuvor mit der Verhandlungsführung betrauten ambaxatores hätten erst die sindici, ausgestattet mit den neu aufkommenden Syndikatsurkunden, über die notwendigen Vollmachten zum rechtsgültigen Abschluss von Verträgen verfügt (S. 69–105). Die ausgehandelten Vereinbarungen wurden üblicherweise durch zwei Akte bestätigt: einen promissorischen Eid sowie die Ausfertigung der Bündnisurkunde. Mitunter folgten weitere Eidesleistungen in den beteiligten Kommunen (S. 105–114). Bei allen Etappen des Bündnisschlusses kam den kommunalen Ratsgremien eine hohe Bedeutung zu; Eigenständigkeiten von Podestà, Konsuln oder Rektoren waren selten.

Aus der Untersuchung der einzelnen Bestimmungen der Verträge (S. 126–196) schlussfolgert Abel, dass ein Bündnis in erster Linie eine „Absicherung“ war, durch die man „versuchte, Bedrohungen handhabbarer zu machen“ (S. 164f.). Konkret zeigt sie diese Funktion etwa anhand von Bestimmungen auf, die einen Konfliktausbruch nach erfolgtem Bündnisschluss verhindern sollten (S. 165–172). Ausgehend von Peter Moraws Unterscheidung von Bünden und Bündnissen (erstere zeichneten sich durch einen höheren Grad „des Eingriffs in die Lebenswelt des Einzelnen und der Gesellschaft“ aus, S. 172) stellt Abel fest, dass die „Bündnisse der Kommunen des Patrimonium Petri [...] zwar nicht den gesamten Kriterienkatalog [...] für die Definition eines ‚Bundes‘“ erfüllen, dennoch konstatiert sie einen „hohe(n) Grad an Institutionalisierung und Territorialisierung in den Verträgen, die durch einzelne Klauseln das alltägliche Handeln der kommunalen Einwohner und den Umgang miteinander beeinflussten [...], selbst wenn die Bündnisräume, die auf diese Weise entstanden, gegen die großen regionalen und überregionalen Bünde des 13. Jahrhunderts unbedeutend erscheinen mögen.“ (S. 179f.)

Bei ihrer Untersuchung zu Aufbewahrung und Umsetzung der Verträge (S. 198–222) setzt sich Abel nicht zuletzt kritisch mit der von Alfred Haverkamp und Ernst Voltmer vertretenen These auseinander, wonach den Bündnissen angesichts der sich rasch ändernden inneren und äußeren Verhältnisse der Kommunen keine besondere Verbindlichkeit zugekommen sei. Demgegenüber belege etwa die Aufnahme der Verträge in die kommunalen libri iurium die Bedeutung, die den Schriftstücken zugemessen wurde. Die Verfasserin gesteht jedoch ein, dass sich die Relevanz der Verträge quellenmäßig nur selten konkret fassen lasse. „Dass der Bündnisvertrag den Rahmen für die Kooperation der Kommunen darstellte, ist sehr wahrscheinlich, aber letztendlich nur eine Interpretation.“ (S. 222) Grundsätzlich betont Abel in diesem ersten Teil der Untersuchung den Charakter des Bündnisvertrags als „klar definiertes, nach formalen juristischen Vorgaben gestaltetes und verschriftlichtes Rechtsinstrument“ (S. 367). Die societates ordneten sich in die breitere Entwicklung „einer zunehmenden Verschriftlichung und Verrechtlichung zwischenmenschlicher Interaktionen“ (ebd.) im Laufe des 13. Jahrhunderts ein, die letztlich alle Lebensbereiche der Kommunen erfasst habe.

Der zweite Teil der Untersuchung (S. 231–365) geht der Funktion der Bündnisse in der kommunalen Politik nach. Wie schon anhand der Überschrift „Konkurrenz und Kooperation: Die Bündnisse Perugias und die päpstliche Herrschaft (S. 1198–1304)“ deutlich wird, beschränkt sich Abel hier auf eine exemplarische Untersuchung anhand der größten Kommune Umbriens. Perugias frühe societates („Contado-Bündnisse“) seien stark von der noch nicht erfolgten Konsolidierung der territorialen Einflussbereiche der umbrischen Kommunen geprägt gewesen (S. 247–262); Parteienbündnisse im Rahmen politisch-sozialer Konflikte zwischen den Perusiner milites und pedites seien in 1220er-Jahren vorherrschend gewesen (S. 262–275). Während der Kämpfe zwischen Friedrich II. und der Kurie wurden in Umbrien vier große Bündnisse beeidet. Dabei positionierten sich die von Perugia geschlossenen Bündnisse klar zur päpstlichen Seite und gegen die staufische Anhängerschaft (weniger eindeutig war dies in den Marken) (S. 280–295). Überhaupt nur zwei Päpste versuchten aus eigener Initiative Bündnisse zu organisieren: Gregor IX. war hierbei 1228 erfolgreich, Alexander IV. 1260/61 hingegen nicht (S. 296–307). In der zweiten Jahrhunderthälfte festigten Perugias Bündnisse die hegemoniale Stellung der Kommune in Umbrien – mit einem kurzfristigen Rückschlag unter Bonifaz VIII. (S. 345–354). Überzeugend vertritt Abel die These, wonach die von Maire Vigueur für das 14. Jahrhundert attestierte pax Perusina bereits im 13. Jahrhundert begonnen habe (S. 307–345).

Eine konzise Zusammenfassung der erzielten Ergebnisse, mehrere Anhänge, darunter Regesten zu insgesamt 115 von Abel identifizierten societates (S. 389–522), Karten, tabellarische Zusammenstellungen zu den Bündnissen in Umbrien und den Marken sowie ein Personen- und Ortsregister beschließen den sorgfältig lektorierten und gut lesbaren Band.

Christina Abel hat eine beeindruckende Studie vorgelegt. Vor allem auf den ersten Teil zu den Etappen, über die kommunale Bündnisse geschlossen wurden, sowie die Regesten im Anhang wird die Forschung künftig dankbar zurückgreifen. Mit ihrer Vorgehensweise bewegt sich die Verfasserin nicht nur auf Augenhöhe mit der Forschung zu kommunalen Bünden und Bündnissen in Norditalien; sie regt vielmehr dazu an, vergleichbar detaillierte Forschungen dort überhaupt in größerem Umfang in Angriff zu nehmen. Die eher untergeordnete Rolle der Päpste in dieser Arbeit über die Kommunen im Patrimonium Petri mag mancher als Defizit wahrnehmen. Angesichts der Forschung zu hochmittelalterlicher Herrschaft der vergangenen Jahre scheint der Befund, wonach die Päpste vor allem reagierten und sich in aller Regel mit der Anerkennung ihres Herrschaftsanspruchs durch die Kommunen im Patrimonium zufrieden gaben, ohne sich aktiv allzu sehr einzubringen, freilich nicht unschlüssig.[2]

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Paul Oldfield, City and Community in Norman Italy (Cambridge Studies in Medieval Life and Thought 72) Cambridge 2009; Jean-Claude Maire Vigueur, L’autre Rome. Une Histoire des Romains à l’Époque des Communes, XIIe–XIVe Siècle, Paris 2010.
[2] Aus der Fülle an Literatur vgl. unter anderem Roman Deutinger, Königsherrschaft im Ostfränkischen Reich. Eine pragmatische Verfassungsgeschichte der späten Karolingerzeit (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters 20) Ostfildern 2006; Gerd Althoff, Funktionsweisen der Königsherrschaft im Hochmittelalter, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 63 (2012), S. 536–550; Knut Görich / Jan Keupp / Theo Broekmann (Hrsg.) Herrschaftsräume, Herrschaftspraxis und Kommunikation zur Zeit Kaiser Friedrichs II. (Münchner Beiträge zur Geschichtswissenschaft 2), München 2008.

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Veröffentlicht am
29.07.2020
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