Cover
Titel
Finnland 1944. Zwischen Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion


Autor(en)
Meinander, Henrik
Reihe
Veröffentlichungen der Aue-Stiftung
Erschienen
Anzahl Seiten
416 S.
Preis
€ 26,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Saskia Geisler, Ruhr-Universität Bochum

Finnland stellt in vielerlei Hinsicht einen Sonderfall dar, schaut man auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs im gesamteuropäischen Kontext: Im sogenannten Fortsetzungskrieg (Juni 1941 bis September 1944) „Waffenbruder“ des nationalsozialistischen Deutschlands, während in der eigenen Armee jüdische Soldaten kämpften; von der Sowjetunion besiegt und doch nicht besetzt – um nur einige Beispiele zu nennen. Auch wenn Henrik Meinanders Finnland 1944. Zwischen Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion, das auf Schwedisch bereits 2009 erschien, zunächst wie eine Nationalgeschichte anmutet, gelingt es dem Autor, seinen mikroskopischen Blick auf die Ereignisse in Finnland immer wieder an den europäischen Rahmen zurück zu koppeln. Seine Geschichte vom Kriegsende in Finnland stellt damit einen Beitrag zu einer gesamteuropäischen Betrachtungsweise des Zweiten Weltkriegs dar, vor allem aber macht sie die finnische Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg dem deutschsprachigen Raum zugänglich.

Meinander wählt – wie auch schon in seiner 2018 auf Deutsch erschienenen Überblicksdarstellung Finnlands Geschichte. Linien, Strukturen, Wendepunkte[1], einen umfassenden Ansatz, der unterschiedliche historiographische Perspektiven miteinander verknüpft. Auf den ersten Blick chronologisch folgt er dabei dem Jahresverlauf von Januar bis Dezember, bleibt dieser Einteilung jedoch nicht sklavisch treu, sondern macht auch Vorgriffe, wenn sie für den jeweiligen Themenkomplex wichtig erscheinen. Innerhalb der einzelnen Monate setzt er dann unterschiedliche Schwerpunkte. So dreht sich etwa der Februar stark um die Narva-Offensive der sowjetischen Armee, die darauf zielte, die finnischen Streitkräfte zu einem Austritt aus dem Krieg zu zwingen. Die Darstellung Meinanders zeichnet sich dabei dadurch aus, dass er bisherige Forschungen kritisch würdigt und auf einer Metaebene reflektiert, warum die Historiographie bisher wenig auf die Kämpfe an der Narva-Front eingegangen sei: Aus estnischer Perspektive etwa hätte das dem oktroyierten Narrativ der sowjetischen Befreiung (und nicht der eigenen Perspektive des Widerstands gegen eine Besatzung) widersprochen, während aus deutscher Sicht eine militärgeschichtliche Betrachtung schnell als Glorifizierung der Waffen-SS, die hier besonders hervortrat und an der finnischen Seite kämpfte, hätte missverstanden werden können (S. 43). Genau diese Art von Zusammenführungen unterschiedlicher historiographischer Nationalperspektiven ist es einerseits, die Finnland 1944 auch außerhalb des Kreises von Finnland-Interessierten so lesenswert macht, andererseits ist es schade, dass die Literaturauswertung natürlich auf dem Stand von 2009 geblieben ist.

Wie in der oben angesprochenen Debatte schon angeklungen, spielen erinnerungskulturelle Betrachtungen immer wieder eine Rolle, etwa wenn Meinander darauf verweist, dass die sogenannten „sotalapset“, also Kriegskinder, die während Winter- und Fortsetzungskrieg größtenteils nach Schweden evakuiert wurden, sich ihren Platz in der Erinnerungsdebatte zum Krieg erst erkämpfen mussten. Zwar sind heute viele der über 35.000 damaligen Kinder dankbar für die Aufnahme in Schweden, für andere jedoch bedeutete die Verschickung langfristige Probleme, gerade wenn sie so jung waren, dass sie in Schweden das Finnische ganz vergaßen und bei der Rückführung nach Finnland keine Erinnerung mehr an die eigenen Eltern hatten.

So springt Meinander, dem Verlauf des Jahres 1944 folgend, immer wieder von der großen Politik auf die Alltagsebene, von der Stadt aufs Land, von der Front zur Feldpost empfangenden Familie. Er erzählt, wie die Nachricht vom Tod der Soldaten vermittelt wurde, so wie er das Ringen der politischen Führungsriege um den Umgang mit der nationalsozialistischen Führung und deren Forderung nach festen Garantien beschreibt. Immer wieder ruft er dabei Finnlands Wissen um die bevorstehende Niederlage Deutschlands ins Gedächtnis. Gleichwohl konnte die finnische Führung auf die deutsche Unterstützung (noch) nicht verzichten – Waffenlieferungen genauso wie Nahrungsmittel aus Deutschland trugen dazu bei, eine Besetzung durch die Sowjetunion zu verhindern. Wir folgen mit Meinander dem Taktieren der Politik hin zu einem Waffenstillstandsabkommen mit der Sowjetunion, dem zunächst vorgetäuschten und dann doch durchgeführten Angriff auf die ehemaligen Waffenbrüder, der zum sogenannten „Lapplandkrieg“ (September 1944 bis April 1945) zwischen Deutschland und Finnland führte, und sehen anschließend dabei zu, wie die finnische Demokratie den Krieg auch dazu nutzte, ein identitätsstiftendes Narrativ für das kollektive Gedächtnis einer vom Bürgerkrieg 1918 nach wie vor stark zerrütteten Nation zu bilden.[2] Es ist Meinanders ausgesprochen gut komponierter Erzählweise zu verdanken, dass er all diese Elemente miteinander verbindet, ohne den roten Faden zu verlieren und zu über- oder unterfordern.

Er bemüht sich um einen umfassenden Blick, geht auf einflussreiche Literatur oder Filme ein, beschreibt das Alltagsleben an der Front genauso wie im Inland, erzählt das Schicksal der aus dem erneut verlorenen Karelien Evakuierten wie das der sowjetischen Kriegsgefangenen. Immer wieder greift er dabei auf Berichte zurück, die von Finn/innen an die Finnische Literaturgesellschaft übergeben wurden. Ein wenig schade ist dabei, dass diese Erinnerungen als Quellengattung nicht hinterfragt werden, hier zeigt sich ein wenig das Manko einer Erzählung, die auf ein breiteres Publikum gerichtet ist und daher methodisch gelegentlich nicht in die Tiefe geht. Ähnlich ist es mit den Endnoten: So erfolgt etwa auf Seite 50 eine konzise Gegenüberstellung von sowjetischer und finnischer Perspektive auf die sowjetischen Bombenangriffe auf Helsinki im Februar, eine passende Endnote wird jedoch erst auf Seite 54 zum Teil nachgeliefert. Wie so oft in Überblicksdarstellungen wird der Lesbarkeit zuliebe ein Abstrich an der Wissenschaft gemacht.

Schade ist auch, dass die weibliche Seite der Geschichte dünn bleibt. Zwar tauchen die Aktiven der Lotta Svärd-Bewegung immer mal wieder auf, die in unterschiedlichsten Funktionen, etwa als Sanitäterinnen oder als Begleiterinnen der Kriegskinder, das Kriegswesen unterstützten. Auch kommen Augenzeuginnen zu Wort. Insgesamt jedoch bleibt der Krieg eine männliche Geschichte. Desungeachtet sei Finnland 1944 wärmstens empfohlen. Es fasst – spannend zu lesen – wichtige Forschungsstränge zu diesem Epochenjahr zusammen und stellt es immer wieder in den gesamteuropäischen Kontext. Damit ist das Buch eine wichtige Ergänzung zum sonst deutschsprachig zugänglichen Wissensstand, der bisher vor allem aus einzelnen Abschnitten in Überblicksdarstellungen besteht. Die Synthese von kriegsgeschichtlicher Forschung mit anderen historiographischen Perspektiven, die, so betont es der Autor in seinem Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe selbst, stärker auch auf strukturelle, gesellschaftliche Phänomene schaut, gelingt vorbildlich.

Anmerkungen:
[1] Henrik Meinander, Finnlands Geschichte. Linien, Strukturen, Wendepunkte, Bad Vilbel 2017.
[2] Wer ausschließlich an diesen erinnerungskulturellen Debatten interessiert ist, dem sei empfohlen: Tuomas Tepora / Aapo Roselius (Hrsg.), The Finnish Civil War 1918. History, Memory, Legacy, Leiden 2014.

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Veröffentlicht am
06.02.2020
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