Cover
Titel
Beyond the Steppe Frontier. A History of the Sino-Russian Border


Autor(en)
Urbansky, Sören
Erschienen
Anzahl Seiten
XIII, 367 S.
Preis
$ 34.00; € 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nenad Stefanov, Interdisziplinäres Zentrum für Grenzforschung Crossing Borders, Humboldt-Universität zu Berlin

Sören Urbansky zeigt in seiner Arbeit „Beyond the Steppe Frontier“ ganz plastisch, was an der Auseinandersetzung mit Staatsgrenzen, Peripherien und Grenzzonen produktiv sein kann. Wie schon Jürgen Osterhammel hervorgehoben hat, komprimiert sich dort das Verhältnis von Herrschaft und Gesellschaft: „Politische Grenzen sind daher konkret: physische Vergegenständlichung des Staates und Orte der symbolischen und materiellen Verdichtung von Herrschaft, Verdichtung deshalb, weil sich an einer Grenze der Staat im Alltagsleben permanent bemerkbar macht.“[1] Aus dem Fokus auf eine jeweils ganz spezifische regionale Konstellation von Herrschaft und Gesellschaft ergibt sich damit die Möglichkeit, verallgemeinerbare Kategorien dieser Beziehung zu entwickeln, die sich an Grenzen „räumlich formt“.[2]

Wie gelingt es nun, die Geschichte von Gesellschaft und Herrschaft, vermittelt in dem Stichwort Grenze, zu schreiben – zudem noch eine, in der es um Imperien wie Russland beziehungsweise die Sowjetunion und China geht?

Geographisch steht das Grenzgebiet zwischen China und Russland beziehungsweise der Sowjetunion entlang des Flusses Argun in Transbaikalien auf der russischen und der inneren Mongolei beziehungsweise Hulunbeir auf der chinesischen Seite im Mittelpunkt. Entlang der 944 Kilometer langen Grenze beider Länder wird in einen kleineren Ausschnitt rund um die Ortschaften Manzhouli und Zabaikalsk hineingezoomt.

Sören Urbanskys Kombination aus einem mikroregionalen Fokus und einem verhältnismäßig langen Zeitausschnitt ist insofern hoch produktiv, als dadurch die historisch unterschiedlichen Bedeutungen von Grenzen, ihre verschiedenen Funktionen und Wirkungen sichtbar werden – von imperialen Grenzräumen bis hin zu Trennlinien autoritärer Staaten. Urbansky beschreibt die Wandlungen über nahezu drei Jahrhunderte in einer Region, die zunächst davon geprägt war, dass sich seit dem 17. Jahrhundert staatliche Herrschaft allmählich weiter in die Fläche schob. Sichtbar wurde diese etwa in den Kosaken, die dort als Grenzer fungierten. Mit der Zeit kam es zu Verflechtungen zwischen zum Beispiel Altgläubigen, die sich in diesen Gebieten ansiedelten, und der indigenen Bevölkerung, vorwiegend viehzüchtenden Nomaden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kam es dann auch zu einem intensiveren Kontakt der staatlichen russischen und chinesischen Akteure über die Grenze hinweg. Es war dies auch der Zeitraum, als dieses Gebiet vollständig in das Provinzsystem des Zarenreiches integriert wurde. Zugleich wurde ein koloniales Dominanzstreben des russischen Imperiums sichtbar, das im Stile der westlichen Staaten China ähnlich nachteilige Verträge aufgezwungen hatte. Damit verwandelte sich die Region gerade durch die Ostchinesische Eisenbahngesellschaft in Einflussgebiete eigener Art.

Das Buch basiert auf einer imposanten Quellenbasis aus Beständen russischer, chinesischer und US-amerikanischer Archive. Vor allem in Bezug auf die Archive in Russland und China ist es die Kombination aus zentralstaatlichen und regionalen Archiven, die ganz besonders aufschlussreich sind, in denen sich die unterschiedlichen Formen von zentraler Herrschaft und der Einfassung von lokaler Gesellschaft vermitteln.

So wird die ohnehin mit dem mikroregionalen Zugang verbundene differenzierte Anschaulichkeit gestärkt. Wir erfahren auf diese Weise etwas darüber, wie sich der chinesische Beamte Song Xiaolian um die Jahrhundertwende eine effektive Grenzsicherung „erträumte“ (S. 73–75), die für ihn vor allem in der Veränderung der demographischen Verhältnisse bestand, indem die Ansiedlung chinesischer Bauern in der Steppe für eine Festigung der Grenze als Barriere sorgen sollte. Es blieben freilich zunächst nur Pläne. Mobilität über die Grenze hinweg blieb hingegen Alltag. Eine weitere biographisch orientierte Beschreibung von Grenzgängern ist jene Tokhgotos, des Sohns eines mongolischen Würdenträgers, der zum Aufständischen wurde. Dank Selbstzeugnissen lässt sich der buchstäbliche Weg zwischen den Grenzen nachvollziehen, auf dem sich Tokhgoto gegen die zunehmende han-chinesische Präsenz um die Wende zum 20. Jahrhundert mit Waffengewalt wandte. Ein solcher Einblick vermittelt die Reaktion eines Teils der lokalen Akteure auf die zunehmende Veränderung von Herrschaft in dieser Region, in der russische Behörden Tokhgoto unterstützten und vor der Verfolgung durch die han-chinesischen Behörden in Russland aufnahmen. Hinzu kommen zahlreiche biographische Gespräche, die der Autor mit Menschen auf beiden Seiten der Grenze geführt hat, die jene Epoche erlebt haben, in der die Grenze einen Grad an Hermetik erreicht hatte, den sich nicht nur der han-chinesische Beamte um die Jahrhundertwende erträumt hatte – der Zeit der Konfrontation der Volksrepublik China und der Sowjetunion in den 1960er-Jahren.

Der Zugang über einen verhältnismäßig langen Zeitraum erschließt die sich wandelnde Qualität von Präsenz und Prägung des Staates in dieser Region, die in den Formen der Kontrolle und der Strukturierung dieses Raums zum Ausdruck kommt. Gerade Manzhouli ist dafür sehr anschaulich als Ort, der exterritorial definiert war, in dem die Behörden der Ostchinesischen Eisenbahn präsent waren, die Entstehung des Ortes zunächst mitprägten. Als Punkt auf der ostchinesischen Eisenbahnlinie erscheinen Stadt und Region als Zwischenraum, in dem sich lokale und trans-kontinentale Mobilitätsströme verflechten und die Dialektik von Grenzziehung und Kommunikation anschaulich wird. Die Zeit Ende des 19. Jahrhunderts ist eine Phase, in der die Grenze weiterhin durchlässig ist angesichts der schwach besetzten Kontrollstützpunkte, weder für die Einwohner der beiden Ortschaften, noch für die Viehzucht treibenden Nomaden entscheidende Relevanz in ihrem Alltag hat.

Abgrenzung als dominantes Moment beginnt sich mit der zunehmenden Präsenz von Gewalt, vor allem seit dem Untergang der chinesischen Monarchie im Jahr 1911 und dann definitiv im sino-sowjetischen Konflikt 1929 anzubahnen, in dem die Grenze am Argun von einer Kontakt- in eine „Sicherheitszone“ verwandelt wurde. Immer größere Bereiche entlang der Grenze wurden alltäglicher Mobilität entzogen und militarisiert. Damit einher ging vor allem im sowjetischen Transbaikalien ein Kult der Grenze, mit dem auch deutlich wurde, dass nun zunehmend sowjetische Bürger an die sowjetische Seite der Grenze migrierten, die keine Beziehungen mehr mit Manzhouli und der Region verbanden, für die sich jenseits der Steppengrenze eine terra incognita erstreckte, die sich – ganz unabhängig von den Oszillationen der politischen Beziehungen zwischen Moskau und Peking vor allem in den 1950er-Jahren – damit identifizierten, an der Grenze zu leben und sowjetisches Territorium zu „schützen“. Nicht von ungefähr wurde eine kleine Siedlung am „Ausweichgleis Nr. 86“ im Zuge des sino-sowjetischen Konflikts zunächst Otpor („Widerstand“, 1958 in Zabaikalsk umbenannt) getauft und als neue Grenzstation ausgebaut, nachdem die Sowjetunion nicht mehr über Manzhouli verfügen konnte. Eine der wenigen Zabaikalskerinnen, die als Rangiererin auch während der Kulturrevolution die Grenze passieren konnte, war Vera P. Zolotaeva. Die sowjetische Eisenbahnarbeiterin wurde dort regelmäßig zum Ziel chinesischer Protestaktionen gegen die sowjetische Politik.

Es sind gerade diese Überblendungen von transnationalen Beziehungen und der alltäglichen Mikroebene, in denen sich besonders gut erschließt, was Grenzen gesellschaftlich bedeuten. Ein weiteres Moment, das diese Arbeit so lesenswert macht, ist der Fokus auf scheinbar Marginales. So etwa die Beschreibung des Bahnhofs von Zabaikalsk in den 1970er-Jahren, die entlang von (Innen-)Architektur und städtischem Raum zugleich eine Analyse der sowjetisch-chinesischen Beziehungen in dieser Zeit und der politischen Machtkonstellation zwischen beiden Staaten in Ostasien ist.

Ende der 1980er-Jahre beginnen die Grenzen wieder durchlässiger zu werden. Die Grenze am Argun verliert schrittweise ihre Funktion als Barriere, es entwickelt sich ein Alltag, der an jenen vor den 1960er-Jahren erinnert und sich doch fundamental davon unterscheidet. Die Differenz ist nicht einfach eine zeitlich-generationelle, sie liegt gerade an der Erfahrung und Wirkung von staatlicher Gewalt in der Region. Die Arbeit vermittelt anschaulich, wie viel Gewalt notwendig ist, um Vorstellungen von hermetischen Grenzen zu verwirklichen und in den gesellschaftlichen Alltag hineinzuzwingen, die dann aber doch nicht von Dauer sind.

Sören Urbansky ist ein beeindruckendes Panorama über einen langen Zeitraum gelungen, in dem alltägliches Handeln und staatliche Präsenz an den Grenzen sichtbar werden und das weitere Neugier weckt, von den Rändern ausgehend mehr über diese beiden Gesellschaften in ihrer Interaktion zu erfahren.

Anmerkungen:
[1] Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 177.
[2] Georg Simmel, Soziologie des Raumes, in: Gustav Schmoller (Hrsg.), Das Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege des Deutschen Reiches. Neue Folge, Leipzig 1903, S. 46.