Cover
Titel
Völkermord zur Primetime. Der Holocaust im Fernsehen


Herausgeber
Keilbach, Judith; Rásky, Béla; Starek, Jana
Reihe
Beiträge des VWI zur Holocaustforschung 8
Erschienen
Anzahl Seiten
406 S.
Preis
€ 31,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Magdalena Saryusz-Wolska, Deutsches Historisches Institut Warschau

Während der Umgang mit der NS-Geschichte im Fernsehen inzwischen umfangreich diskutiert wurde[1], dominieren in der Forschung zu televisuellen Darstellungen des Holocausts Analysen einzelner Sendungen und TV-Filme. Das Standardwerk „While America Watches. Televising the Holocaust“ von Jeffrey Shandler ist inzwischen über 20 Jahre alt.[2] Der von Judith Keilbach, Béla Rásky und Jana Starek herausgegebene Sammelband, in dem Fernsehspiele, Dokumentationen und Serien aus sieben Jahrzehnten und dreizehn Ländern präsentiert werden[3], stößt daher in eine Forschungslücke, die zu füllen längst überfällig war. Das Buch, in dem 21 deutsch- und englischsprachige Aufsätze veröffentlicht sind, ist Resultat einer Konferenz, die 2014 am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) stattfand. Im ersten Kapitel wird der Umgang mit der Holocaustthematik im Fernsehen unterschiedlicher Länder diskutiert, das zweite widmet sich Analysen von ausgewählten Fernsehspielen. Im dritten Abschnitt werden vier Dokumentationen vorgestellt, im Mittelpunkt des vierten stehen serielle Formate. Im fünften und letzten Kapitel werden Fragen nach den Wandlungen der Holocaustthematik „nach dem Fernsehen“, also hauptsächlich auf YouTube, gestellt. Die Übergänge zwischen den Kategorien sind allerdings fließend, denn einzelne Fernsehspiele repräsentieren unterschiedliche nationale Fernsehkulturen und einige TV-Dokumentationen könnten auch unter dem Stichwort „serielle Strukturen“ besprochen werden.

Weil die Konferenz am Wiesenthal Institut anlässlich des 35. Jubiläums der Ausstrahlung der amerikanischen Mini-Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß“ (1978) stattfand, bildet sie den zentralen Referenzpunkt vieler Analysen. Eva Weibel, Lisa Schoß, Jan Taubitz, Julia Schumacher, Rita Horváth und Robby Van Eetvelde argumentieren in ihren Aufsätzen, dass die europäischen und US-amerikanischen Fernsehsender bereits vor der Ausstrahlung der mittlerweile kanonischen Mini-Serie Spielfilme zeigten, in denen die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden thematisiert wurde. Gleichzeitig bestätigt der Sammelband mehrfach, dass „Holocaust“ fast überall eine erinnerungskulturelle Zäsur bildete – nicht nur in den USA und in der Bundesrepublik, sondern auch in Italien, Österreich, Jugoslawien und sogar in der DDR, wo die Mini-Serie gar nicht ausgestrahlt wurde, aber dennoch Reaktionen des Staatsapparates auslöste.

Die Autorinnen und Autoren machen zudem deutlich, dass der televisuelle Umgang mit dem Holocaust jeweils den Prämissen der nationalen Erinnerungskulturen folgte. Während in Bezug auf die Darstellungen des Holocausts im Kino längst eine „Europäisierung“ des Diskurses festgestellt worden ist[4], scheinen die Bilder der Shoah im Fernsehen mehr von nationalen Narrativen geprägt zu sein. Vor allem öffentliche Sender in Europa folgen der staatlichen Geschichtspolitik, wie unter anderem Raluca Moldovan am Beispiel des rumänischen und Klaus-Jürgen Hermanik im Hinblick auf das serbische Fernsehen zeigen. In der frühen Bundesrepublik hingegen war das Fernsehen dem politisch gesteuerten Umgang mit Geschichte einige Schritte voraus, wie Schumacher und Keilbach zeigen. Die Sendungen von Egon Monk oder die Übertragung des Eichmann-Prozesses haben die westdeutsche und österreichsische Geschichtspolitik geprägt, worüber Eva Waibel, Renée Winter und Drehli Robnik schreiben.

Der großen Bandbreite der präsentierten Fallbeispiele zum Trotz sind die Beiträge methodisch etwas monoton – die meisten Autorinnen und Autoren konzentrieren sich auf die Inhalte der jeweiligen TV-Produktionen. Auf die mediale Spezifik des Fernsehens wird nur vereinzelt eingegangen. Wulf Kansteiner legt dagegen in seinem umfangreichen Einführungstext eine Parallele nahe zwischen den „Bystanders“, die während des Zweiten Weltkrieges die Vernichtung der Jüdinnen und Juden passiv beobachteten, und den Zuschauer/innen, die ebenso passiv den Holocaust im Fernsehen anschauen. Der Akt des Sehens in den privaten Räumen unterscheide sich maßgeblich – so Kansteiner – von dem des Sehens in der Öffentlichkeit. Lediglich Keilbach geht auf die technischen Aspekte der Produktion von Dokumentationen des Eichmann-Prozess genauer ein; Yael Munk erwähnt ferner die Rolle des Finanzierungssystems des israelischen Fernsehens für die Produktion von Dokumentationen über den Holocaust. Jenseits dessen werden die Konsequenzen des kleinen Bildschirms, der Rezeption in Privaträumen oder der Wechselwirkungen mit anderen Sendungen in dem Buch aber kaum analysiert.

Nichtdestotrotz bietet der Sammelband viele interessante und teilweise neue Informationen zu den zahlreichen TV-Sendungen, die in Europa, den USA und in Israel den Holocaust thematisierten. Zwei wichtige Länder fehlen allerdings in der Zusammenstellung: Frankreich und Polen. Die wohl bekannteste und kritischste Antwort auf „Holocaust“ war die französische Dokumentation „Shoah“ (1985) von Claude Lanzmann, die in mehreren europäischen Ländern ausgestrahlt wurde. Die polnische Propaganda hingegen nutzte das Fernsehen schon in seiner frühen Phase, um die Geschichte des Holocausts im Einklang mit der polnischen Geschichtspolitik darzustellen.[5] Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass das Buch alle Vor- und Nachteile eine Konferenzbandes zeigt: Es präsentiert ein breites, aber natürlich nicht vollständiges Spektrum an Themen, die in Aufsätzen von unterschiedlicher Gründlichkeit und Scharfsinnigkeit besprochen werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Christoph Classen, Bilder der Vergangenheit. Die Zeit des Nationalsozialismus im Fernsehen der Bundesrepublik 1955–1965, Köln 1999; Wulf Kansteiner, In Pursuit of German Memory. History, Television and Politics after Auschwitz, Athen 2006.
[2] Jeffrey Shandler, While America Watches. Televising the Holocaust, New York 1999.
[3] Im Klappentext ist von zehn, nicht dreizehn, Ländern die Rede, aber angesichts der Tatsache, dass manche von ihnen nicht mehr existieren – wie die DDR, Jugoslawien oder Tschechoslowakei –, sind unterschiedliche Zahlen möglich.
[4] Małgorzata Pakier, The Construction of European Holocaust Memory. German and Polish Cinema after 1989, Frankfurt am Main 2013.
[5] Michael Zok, Die Darstellung der Judenvernichtung in Film, Fernsehen und politischer Publizistik der Volksrepublik Polen 1968–1989, Marburg 2015.