H. Mommsen u.a. (Hg.): Der Erste Weltkrieg

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Title
Der Erste Weltkrieg und die Beziehungen zwischen Tschechen, Slowaken und Deutschen.


Editor(s)
Mommsen, Hans; Kováč , Dušan; Malíř , Jiř í; Marek, Michaela
Series
Veröffentlichungen der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission
Published
Extent
330 S.
Price
€ 24,50
Reviewed for H-Soz-Kult by
Martin Zückert, Lehrstuhl für Neuere und Osteuropäische Geschichte, Universität Freiburg Email:

Gleichsam als Durchlauferhitzer erwies sich der Erste Weltkrieg für die inneren Konflikte, die sich in der Habsburgermonarchie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts angestaut hatten. Trotz zahlreicher Ansätze, durch Ausgleichsregelungen die Gegensätze zwischen den Nationalitäten abzubauen, blieben diese bis 1914 im Kern meist ungelöst. Dies trifft insbesondere für den tschechisch-deutschen Gegensatz innerhalb der böhmischen Länder zu. Hier kam es nach dem von vielen Zeitgenossen kaum erwarteten Zusammenbruch der Monarchie im Jahr 1918 zur Gründung eines, die Slowaken miteinbeziehenden Staates, der für neue, keineswegs konfliktfreie Bedingungen im Zusammenleben von Tschechen und Deutschen sorgte. Es ist deswegen begrüßenswert, dass sich die deutsch-tschechische und deutsch-slowakische Historikerkommission im Rahmen einer Tagung mit den Ursachen und Entwicklungen in den Jahren 1914-1918 beschäftigt hat, die zum Ende der Habsburgermonarchie und zur Entstehung der Ersten Tschechoslowakischen Republik beigetragen haben. Im daraus hervorgegangenen Sammelband werden insgesamt 14 Studien zur Entwicklung der böhmischen und slowakischen Frage, zur Rolle der deutschen Politik sowie zu Formen und Inhalten von Massenprotesten während des Ersten Weltkrieges präsentiert.

Die Beiträge zum ersten, der böhmischen Frage gewidmeten Block, bieten zwar keine wesentlich neuen Erkenntnisse, dafür jedoch bündige Zusammenfassungen wichtiger Entwicklungsschritte, die bei der Herausbildung der tschechoslowakischen Staatsidee während des Krieges bedeutsam waren. Zdenĕk Kárník betrachtet in seinem Aufsatz das Verhältnis der tschechischen Parteien zum Deutschen Reich (15-46). Je mehr sich die Führung der Habsburgermonarchie im Laufe das Krieges dem Deutschen Reich annäherte, um so ablehnender wurde die Haltung der tschechischen Parteien zu Österreich-Ungarn. Besonders verheerend für die innere Bindekraft der Monarchie musste sich dabei der Trend auswirken, den Weltkrieg zu einem „Krieg aller Deutschen“(20) zu erklären. Anschaulich schildert Jan Havránek die politischen Repressionen, die in den böhmischen Ländern seit Kriegsbeginn zu verzeichnen waren (47-66). Seine Schilderung der Kriegsbegeisterung unter den Prager Deutschen im Jahr 1914 (48f) wirft freilich eine perspektivische Frage auf. Kann in den böhmischen Ländern bei den Deutschen von einer flächendeckenden Kriegsbegeisterung, evoziert vielleicht gerade durch den deutsch-tschechischen Gegensatz, gesprochen werden oder ist dies, wie für das Deutsche Reich inzwischen geschehen, eher vorsichtig zu relativieren?[1] Dass der tschechoslowakische Staatsgründer Tomáš Masaryk weniger zu idealisieren ist, sondern eher als pragmatisch, im Interesse der Tschechen handelnder Politiker anzusehen ist, macht Karel Pichlík in seinem Beitrag über Masaryks Europavorstellungen während des Krieges deutlich (67-80). Der Aufsatz von Frank Hadler über die tschechisch-slowakische Zusammenarbeit im Exil beschließt den thematischen Block zur böhmischen Frage (81-92).

Von der Entwicklung der slowakischen Frage handeln die Beiträge von Monika Glettler, Elena Mannová, Dušan Kováč und Miroslav Bobrík. Wenn eine national bewusste slowakische Elite im Jahr 1918 nach Schätzungen kaum mehr als 500-1000 Personen umfasste [2], lohnt es sich, einen Blick auf das Bewusstsein der Bevölkerung während des Ersten Weltkrieges im damaligen Oberungarn zu werfen. Monika Glettler plädiert in ihrem Aufsatz (93-108) für eine Untersuchung der gesellschaftlichen Prozesse ohne nationale Scheuklappen und bietet eine anregende Auflistung „weißer Flecken“, derer sich eine zukünftige Gesellschaftsgeschichte der Slowakei anzunehmen hat (107f). Quasi eine erste Antwort darauf bietet die Studie von Elena Mannová, die den „Bewußtseinswandel der slowakischen Gesellschaft“ während der Kriegsjahre beschreibt (109-120). In ihrem Beitrag wird insbesondere deutlich, dass im Jahr 1918 nicht rein „nationale Gründe“ dafür ausschlaggebend waren, ob bestimmte Bevölkerungsgruppen eher pro-magyarisch oder pro-slowakisch eingestellt waren. Durch diese Beiträge wird verständlich, dass erst unter neuen Bedingungen nach 1918 eine „Slowakisierung“ (120) im östlichen Landesteil der Tschechoslowakei einsetzte.

Im Block zur „Rolle der deutschen Politik“ finden sich Beiträge zur Beurteilung der „böhmischen Frage“ in der reichsdeutschen Publizistik während des Krieges (Birgitt Morgenbrod, 221-240) und zum Verhältnis Friedrich Naumanns zu den Tschechen (Rudolf Jaworski, 241-254). Zu diesem thematischen Bereich zählt gleichfalls die mit Abstand umfangreichste Studie des Bandes. Hanns Haas verortet darin die „Sudetenfrage im Rahmen der deutschösterreichischen Staatswerdung“ (143) in den Jahren 1918/19 (141-220). Aus dieser erweiterten Perspektive heraus gelingt es Haas, eine bis heute umstrittene Phase der böhmischen Geschichte in einen größeren Zusammenhang zu bringen. Er bestätigt in seinem Beitrag die Deutung, wonach aufgrund geringer Mobilisierungsbasis bei den böhmischen und mährischen Deutschen, weiterwirkender Bindungen an historische Strukturen sowie der politischen Gesamtlage in Mitteleuropa nach dem Kriegsende eine Abtrennung vorwiegend deutsch besiedelter Gebiete von der entstehenden Tschechoslowakei keine realistische Chance auf Verwirklichung hatte. Auch wenn man den Beitrag von Hanns Haas mit hohem Erkenntnisgewinn liest und es in der Tat wichtig ist, dass sich die deutsch-tschechische und deutsch-slowakische Historikerkommission dieser mythenumragten Phase zuwendet (Vorwort Hans Mommsen, 12), fällt er aus der Konzeption des Bandes etwas heraus. Es geht darin bereits um Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit, die für die Slowakei durch einen Aufsatz nicht explizit thematisiert werden. Für das Verständnis der Entwicklungen in den Jahren 1918-1920 wäre in diesem Fall auch ein Blick auf die Möglichkeit einer sozialen Revolution nach russischem Vorbild in Ostmitteleuropa wichtig gewesen. Umgekehrt fehlt im Band ein Blick auf deutsche Positionen innerhalb der böhmischen Länder während der Jahre 1914-1918.

Ein wichtiges Korrektiv zu den Beiträgen, die den Fokus primär auf die nationale Problematik legen, stellen die Studien von Peter Heumos über „Hungerkrawalle, Streiks und Massenproteste“ in den böhmischen Ländern (255-286) sowie von Ľubomír Lipták zu Soldatenrevolten in Ungarn 1918 (287-292) dar. Dadurch wird die Gemengelage von national motivierten Protesten sowie Protesten und Revolten, die auf Kriegsmüdigkeit, Versorgungskrisen oder sozialrevolutionäre Ideen zurückzuführen sind, offensichtlich. Abgeschlossen wird der Band durch einen vergleichenden Blick auf Massenprotest in Deutschland im Ersten Weltkrieg (Artur Schlegelmilch, 293-305).

Trotz der wenigen Einschränkungen bietet der vorliegende Band eine gute Möglichkeit, sich mit der Entwicklung in den böhmischen Ländern sowie der Slowakei während des Ersten Weltkrieges vertraut zu machen. Nachvollziehbar wird bei der Lektüre, dass der Zusammenbruch Österreich-Ungarns und die Entstehung der Tschechoslowakei keineswegs als „Point of no Return“ für das Verhältnis von Tschechen, Slowaken und Deutschen zu deuten ist, auch wenn die nationale Frage in der Region nach 1918 keineswegs als unproblematisch zu kennzeichnen ist.
Hinweise auf fehlende Aspekte in Sammelbänden haben oftmals etwas Beliebiges. Angemerkt sei an dieser Stelle allerdings, dass für das Verständnis nationaler Bewusstseinsprozesse in der Habsburgermonarchie während des Krieges ein Blick auf die Situation der Frontsoldaten sowie deren Rückkopplung an das Hinterland sinnvoll gewesen wäre. Neue Erkenntnisse zur Wirkung der Frontpropaganda können in dieser Hinsicht unser Wissen über mentale Wandlungsprozesse vertiefen [3]. Hier findet sich die Basis für die relativ rasche Akzeptanz der 1918 neu entstehenden Staaten wie der Tschechoslowakei.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B.: Geinitz, Christian: Kriegsfurcht und Kampfbereitschaft: das Augusterlebnis in Freiburg; eine Studie zum Kriegsbeginn 1914. Essen 1998 (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte; N.F. Bd. 7).
[2] Vgl. Hoensch, Jörg K.: Nationalbewußtsein und Nationswerdung der Slowaken 1848-1918. In: Entwicklung der Nationalbewegungen in Europa 1850-1914. Hrsg. von Heiner Timmermann. Berlin 1998 (Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen; Bd. 84), S. 53-67, hier: S. 62.
[3] Vgl. Cornwall, Mark: The Undermining of Austria-Hungary. The Battle for Hearts and Minds. Basingstoke 2000.

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16.08.2002
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