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Titel
Geschichte ist Bewusstsein. Historie einer geschichtsdidaktischen Fundamentalkategorie


Autor(en)
Norden, Jörg van
Reihe
Forum Historisches Lernen
Erschienen
Frankfurt am Main 2018: Wochenschau-Verlag
Anzahl Seiten
397 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philippe Weber, Institut für Erziehungswissenschaften, Universität Zürich

Die deutsche Geschichtsdidaktik verortet in ihrem Gründungsnarrativ den eigenen Ursprung in den Geburtswehen, die 1972 mit der kontroversen Auseinandersetzung um die Hessischen Rahmenrichtlinien für Gesellschaftslehre begannen und in die Institutionalisierung der Geschichtsdidaktik als akademische Disziplin mündeten. Die Vaterschaft wird in dieser Erzählung Karl-Ernst Jeismann zugeschrieben, der mit seiner Kategorie des Geschichtsbewusstseins die Grundlage für die akademische Geschichtsdidaktik bereitstellte. Die Omnipräsenz dieses Begriffs und die Vaterschaft Jeismanns gehören bis zur Gegenwart zur DNA der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik.

Die Selbstverständlichkeit des Begriffs, die damit einhergehende Leere als „Container“ (S. 12) sowie vereinzelte kritische Stimmen bilden den Ausgangspunkt für das „Unbehagen“ (S. 10), das den Bielefelder Geschichtsdidaktiker Jörg van Norden zu einer Geschichte des Begriffs „Geschichtsbewusstsein“ motivierte, wie der Autor in der Einleitung seiner 2018 publizierten Monographie Geschichte ist Bewusstsein erläutert. Das Resultat ist eine empirisch dichte Studie, die das Gründungsnarrativ entmystifiziert und Grundlagen bereitstellt, um den Begriff neu zu denken.

Der Ansatz der Begriffsgeschichte ermöglicht dem Autor, Positionen freizulegen, die nicht ausschließlich an die klassischen Namen der Geschichtsdidaktik gebunden sind. Als neuen Ursprung des Begriffs entdeckt van Norden die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, in der Historiker, Philosophen und Pädagogen den Begriff „Geschichtsbewusstsein“ einführten, um einen Problembereich zu fassen, den die auf den Ersten Weltkrieg zurückgehende „tiefe Krise“ (S. 13) der Geschichtswissenschaft und des Geschichtsunterrichts ausgelöst habe. „Geschichtsbewusstsein“ wurde nun zum Objekt, mit dem sich historisches Denken, Forschen und Lernen ergründen ließ. Dementsprechend sei der Begriff eine „geschichtsdidaktische Fundamentalkategorie“, wie der Autor im Untertitel überzeugend formuliert. Denn mit seiner Entstehung in der Weimarer Republik sei Geschichtsdidaktik als eigene Domäne denkbar geworden. Auf dieser Grundlage kann van Norden Diskussionsstränge über geschichtsdidaktische Fragen rekonstruieren, die Jeismann und mit ihm die ganze Disziplin fortgeführt hätten, ohne sich der genealogischen Linien bewusst zu sein.

Van Nordens Geschichte ist weitestgehend auf Deutschland fokussiert, was unter anderem dem begriffsgeschichtlichen Zugang geschuldet ist. Innerhalb dieser sprachlichen und räumlichen Grenzen legt van Norden ein Buch vor, das geradezu als enzyklopädisches Werk bezeichnet werden kann. Die Aussagen über „Geschichtsbewusstsein“ bekannter oder auch längst vergessener Autoren werden quellennah durchdekliniert, aufeinander bezogen und im damaligen Diskussionszusammenhang verortet. In chronologischer Reihenfolge werden Autoren der Weimarer Republik und des „Dritten Reichs“, der frühen Bundesrepublik, der DDR sowie der bundesdeutschen Geschichte seit 1972 besprochen.

Mit seinem enzyklopädischen Ausmaß bietet sich das Buch nicht nur Interessierten der Geschichte der deutschen Geschichtsdidaktik an, sondern es lässt sich auch als Fundus an Positionen lesen, wie Geschichtsbewusstsein und letztlich Geschichtsdidaktik gedacht werden konnte und kann. Dabei zeigt van Norden auf, dass nahezu alle Positionen der gegenwärtigen Geschichtsdidaktik bereits vor 1972 formuliert wurden. Der Blick auf die „longue durée“ (Braudel) lehrt unter anderem, dass es seit der Weimarer Republik einige wenige Dichotomien sind, die das Feld des geschichtsdidaktischen Denkens strukturieren: die Rolle des Individuums und des Kollektivs; Metaphysik vs. Historizität; Sinnvorgaben der Vergangenheit vs. Geschichtsbewusstsein als Konstrukt; Identitätsbildung vs. Kritik; bewusste vs. unbewusste sowie rationale vs. emotionale Anteile des Geschichtsbewusstseins. Innerhalb dieser Dichotomien tauchen seit den Tagen der Weimarer Republik regelmäßig Fragen zur Lernprogression, zur Methodik, zur Bedeutung von Faktenwissen, zur Rolle der Narrativität und zum Verhältnis politischer und historischer Bildung auf. Solch eindrückliche Kontinuitäten lässt van Norden allerdings nicht in einer undifferenzierten traditionalen Erzählung aufgehen. Stattdessen rekonstruiert er präzise Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Autoren. Angesichts der irritierenden Kompatibilität der bis in die Nachkriegszeit entwickelten Theorien des Geschichtsbewusstseins mit völkischen und faschistischen Ideologien sucht er Positionen, die mit kollektivistischen, ahistorischen Konzepten wie dem auf Herder zurückgehenden „Volksgeist“ brechen. Individualistische Ansätze während der Weimarer Republik findet er insbesondere bei Siegfried Kawerau und dem bislang unbekannten Kurt Sonntag. Einen eigentlichen Durchbruch bei der Überwindung autoritären Geschichtsbewusstseins schreibt der Autor Reinhard Wittram und Theodor Litt zu, weil sie beide die „verhängnisvolle Dreieinigkeit von Kollektiv, Volk und Metaphysik“ (S. 116) aufgegeben hätten.

Im Geschichtsbewusstsein, wie es Wittram und Litt konzipierten, sieht der Autor ein emanzipatorisches Potential, das für seine Darstellung eine Hintergrundfolie bietet, um die bereits erforschte Karriere des Begriffs Ende der 1960er-Jahre in der DDR sowie die bekannte Erfolgsgeschichte in der BRD seit den 1970er-Jahren neu zu erzählen. Das emanzipatorische Potential begann aus Sicht der DDR-Spitze sein Unwesen zu treiben, nachdem man 1967 Historiker und Pädagogen zum Kampf um das sozialistische Geschichtsbewusstsein aufgerufen hatte. Die kurze, aber intensive vierjährige Fachdiskussion um den Begriff endete abrupt mit einem Machtwort des Instituts für Gesellschaftswissenschaften, das auf dem Ziel eines homogenen Geschichtsbewusstseins in der Gesellschaft beharrt habe. Auch in der BRD ging es gemäß van Norden zunächst nicht um Emanzipation – im Gegenteil: In den Diskussionen um die Hessischen Rahmenrichtlinien, die der Autor minutiös und umfassend rekonstruiert, bestand der Einsatz des Jeismann‘schen Geschichtsbewusstseins darin, die Gegner der sich als emanzipatorisch verstehenden Hessischen Rahmenrichtlinien zu vereinen. Das Erfolgsrezept lag darin, den seit der Weimarer Republik entstandenen Resonanzraum des Begriffs zu nutzen, freilich ohne die entsprechenden Traditionslinien offenzulegen. Nach der gewonnenen Schlacht und der Institutionalisierung der Geschichtsdidaktik als wissenschaftliche Disziplin habe sich Jeismann der emanzipatorischen Geschichtsdidaktik angenähert, indem er den Gegenwartsbezug, die Konstruktivität, die Subjektivität und die methodische Reflexivität des Geschichtsbewusstseins zunehmend betonte. Die Entfaltung des emanzipatorischen Potentials habe aber nicht zur Präzisierung des Begriffs beigetragen. In Jeismanns Antwort auf Joachim Rohlfes berechtigten Vorwurf einer „Leerformel“ Ende der 1980er-Jahre sieht van Norden das entscheidende Verdienst des vermeintlichen Vaters des Geschichtsbewusstseins: Aus einem „Containerbegriff“ habe Jeismann einen Terminus geprägt, der „die hoch anspruchsvolle Kenntnis der Möglichkeiten, hier und jetzt distanziert und vernünftig mit dem umzugehen, was Menschen sich aus der Vergangenheit machen beziehungsweise gemacht haben“ (S. 286f.), bezeichne.

Geschichtsbewusstsein als rationale, selbstreflexive Geschichtsbewusstheit – es ist dieses Jeismann‘sche Erbe, das van Norden als zukunftsfähiges Konzept verstanden haben will und das er mit der Narrativitätstheorie Jörn Rüsens kombiniert. Diese definitorische Reduktion mache den Begriff zu einem nützlichen Forschungsinstrument und entfalte zugleich dessen emanzipatorisches Potential. Leider sei Jeismanns Reduktion schwach rezipiert worden, wie der Blick auf die verschiedenen Bedeutungen zeige, die dem Begriff seit den 1990er-Jahren zugeschrieben würden. Folgerichtig schließt der Band nach einer ausführlichen Darstellung der aktuellen Forschungsdiskussion mit einem Plädoyer, Geschichtsbewusstsein als individuelle, emanzipatorische und rationale Geschichtsbewusstheit zu definieren und von anderen Feldern der Geschichtsdidaktik wie dem „Verlangen nach Vergangenheit, Geschichtlichkeit, Geschichtsbildern, Geschichtskultur“ (S. 343) und Geschichtspolitik abzugrenzen.

Man kann dieses Fazit teilen, muss es aber nicht. Es gründet auf einer Begriffsgeschichte, die stark hermeneutisch angelegt ist. Es geht van Norden darum, Autoren zu verstehen und sie vor dem Hintergrund der eigenen Theorieposition zu bewerten und gegebenenfalls zu korrigieren. Dazu verwendet er eklektizistisch die klassischen Instrumente der Hermeneutik: Er verortet die Texte in den Biografien, den institutionellen Kontexten, den Geistesströmungen und nicht zuletzt dem jeweiligen „Zeitgeist“. Die Resultate sind im Einzelnen erhellend, insbesondere die Nachweise metaphysischer Ideen. Dennoch ist es irritierend, wie konsequent van Norden sämtliche Ansätze der neueren Wissensgeschichte, wie sie sich in den letzten 30 Jahren etablierte, ignoriert. Diskurse im Sinne Foucaults, Dekonstruktion im Sinne Derridas, die Analyse von Wissen als machtdurchdrungene Praxis und von Vernunft als historische Kategorie oder die Untersuchung von Medien für die Konstitution von Wissen – all diese Ansätze, die letztlich aus einer Ablehnung der klassischen Hermeneutik entstanden, sind dem Autor und mit ihm weiten Teilen der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik fremd. Ob und wie sich mit solchen Ansätzen van Nordens Vorschlag für eine zukunftsfähige Definition verändern würde, muss offengelassen werden. Vielleicht würde ein diskursanalytischer Ansatz zeigen, dass „Geschichtsbewusstsein“ ein Containerbegriff bleiben und insofern nicht „eine“, wie es im Untertitel heißt, sondern die „Fundamentalkategorie“ der Geschichtsdidaktik bleiben wird und bleiben muss.

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Veröffentlicht am
30.07.2020
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