S. Lorenz u.a. (Hrsg.): Handbuch der Stiftskirchen in Baden-Württemberg

Cover
Titel
Handbuch der Stiftskirchen in Baden-Württemberg.


Herausgeber
Lorenz, Sönke; Auge, Oliver; Hirbodian, Sigrid
Erschienen
Ostfildern 2019: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
720 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Wunschhofer, Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung

Mit einem „Endlich!“ wird im Vorwort das Erscheinen dieses Handbuchs freudig begrüßt. Dieser Ansicht schließt sich der Rezensent uneingeschränkt an. Initiator des Vorhabens war Sönke Lorenz in Tübingen gewesen, dessen zu früher Tod im Jahr 2012 das Vorhaben zunächst weitgehend zum Erliegen brachte. Umso mehr ist dem schon damaligen Mitinitiator Oliver Auge wie auch Sigrid Hirbodian in Tübingen als Nachfolgerin auf dem Lehrstuhl von Sönke Lorenz zu danken, dass letztlich das Projekt zum Abschluss und zum Druck geführt wurde.

Auf dem Tisch liegt nun ein Werk im Katalogformat mit einem Gewicht von rund 3,4 kg und 720 Seiten. Es verzeichnet knapp 140 kirchliche Institutionen vom 8. bis ins 21. Jahrhundert, geht also klar über die Zeit der Säkularisation hinaus. Sowohl im vorderen wie auch im hinteren Innendeckel werden identische Karten von Baden-Württemberg geboten, in der die behandelten Orte eingetragen sind. Untergliedert werden sie nur durch die Grenzen der vier Regierungsbezirke ab 1973. Dem Inhaltsverzeichnis (S. 5–8) folgen Grußworte (S. 9–11) und ein Vorwort (S. 13–14). Die Einleitung (S. 15–59) ist die überarbeitete Fassung eines grundsätzlichen Aufsatzes von Sönke Lorenz aus dem Jahre 2003.[1] Mit dieser naheliegenden und sinnvollen Wahl wird auch die Arbeit von Lorenz gewürdigt. Der Einführung zur Benutzung (S. 60–63) folgen nun die Einzelartikel (S. 65–702) von Adelberg bis Wolfegg. Ein Anhang (S. 703–714) und weitere Karten (S. 715–720) beschließen den Band.

In der Einleitung (S. 15–59) wird nun eine besonders dichte „Stiftslandschaft“ mit einer hohen Zahl von 140 stiftisch verfassten Institutionen herausgearbeitet, bestehend aus Kollegiatkirchen, Damenstiften, Domkapiteln, Prämonstratensern, Augustinern, usw. Das gesamte Werk besitzt durch die Fokussierung auf diese Art kirchlicher Institutionen ein Alleinstellungsmerkmal, reiht sich aber konzeptionell in den Typus der Klosterbücher ein. Zeitlich wurde wie angesprochen der Weg bis in die Gegenwart beschritten. So finden sich beispielsweise die Kamillianer in Freiburg, eine Gemeinschaft päpstlichen Rechts, die 1925 entstanden und bis heute bestehen (S. 216–219). Ganz konsequent ist man hierbei allerdings nicht verfahren, denn von den heutigen Domkapiteln ist Rottenburg-Stuttgart enthalten, Freiburg ist dagegen ausgespart worden.

Kern des ganzen Werks sind natürlich die Einzelartikel. Nach Nennung von Ort und Patrozinium erhält man zunächst in Kurzform mit den sieben Lemmata „Lage“, „Kirchliche Zugehörigkeit“, „Vogtei/Patronat“, „Frühere Benennungen der Institution“, „Lebensform“, „Gründung“ und „Aufhebung“ die Kerninformationen, die einer einfachen und schnellen Orientierung dienen. Dann folgt der Haupttext, der einen geschichtlichen Überblick bietet, dann in meist gleichem Themenraster die Kapitel „Kulturelle und religiös-theologische Leistungen“, „Bau- und Kunstgeschichte“, „Siegel und Wappen“, „Ansichten und Pläne“, „Prosopographie“, „Archivalien“ und „Auswahlbibliographie“. Je nach Sachlage werden einzelne Überschriften hinzugefügt, deren Wortwahl etwas variiert bzw. in wenigen Bedarfsfällen zusammengeführt ist. Konnten einige Themenfelder nicht bedient werden, so fallen entsprechende Überschriften weg. Die Inhalte der Texte dürften sich in erster Linie auf die Auswahlbibliographie und ggf. auf Archivalien/Handschriften stützen. Die Artikel wurden laut Vorwort in den Jahren 2003 bis 2005 verfasst und spiegeln den Forschungs- und Wissensstand seit Anfang der 2000er-Jahre wider. Zahlreiche Abbildungen unterschiedlichster Themenkreise tragen zur Illustrierung bei, so dass der Leser vielfältige Eindrücke erhält. Die Einzelartikel sind alphabetisch unter der heutigen Gemeindezugehörigkeit eingereiht. Damit unterscheidet sich das Handbuch beispielsweise vom Westfälischen Klosterbuch, in dem dies rein nach den ursprünglichen Ortsnamen geschehen ist und dadurch das Nachschlagen einfacher ist.[2]

Das Titelbild zeigt eine Innenansicht von St. Amandus in Bad Urach. Es war überraschend schwierig zu identifizieren. Im Impressum auf S. 4 fehlt der Hinweis, es ist nur der Nachweis der Bildrechte auf S. 705 zu finden. An dortiger Stelle findet man nur einen entsprechenden Hinweis auf den Fotografen. Ein eingehendes Durchblättern des Handbuchs selbst ergab zunächst gewisse Ähnlichkeiten mit einem älteren Foto von St. Nikolaus in Überlingen (S. 647). Erst per Internetrecherche konnte das Titelbild sicher identifiziert werden.[3] Im Handbuchartikel zu St. Amandus (S. 112–120) selbst wird keine Verbindung zum Titelbild hergestellt.

Die Funktionalität eines Handbuchs zeichnet sich auch dadurch aus, dass in Anhängen weitere Zusatzerfassungen und Gliederungen geboten werden, die unterschiedlich kategorisierte Zugänge zum dargebotenen Inhalt ermöglichen und somit einen Mehrwert generieren. Der Anhang (S. 703–714) besteht jedoch einzig aus Nachweisen von Bildrechten. Das richtet nun den Fokus auf das Fehlende. Ein übliches alphabetisches Kurzverzeichnis der zahlreichen Autorinnen und Autoren mit jeweiliger Nennung der verfassten Artikel fehlt. Ebenso vermisst man ein Abkürzungsverzeichnis. Das macht sich besonders bei den Archiven bemerkbar. Einige Abkürzungen erschließen sich durch häufiges Vorkommen. Das Hauptstaatsarchiv Stuttgart ist sowohl als „HStAS“ wie auch als „HStA Stuttgart“ festzumachen. Ein Beispiel sei das Basler Domkapitel, das sein Exil zeitweilig in Freiburg hatte (S. 214): „StABS“ dürfte Staatsarchiv Basel sein, „StadtA Freiburg“ erschließt sich gleichfalls, „GLA Karlsruhe“ ist wegen des häufigen Vorkommens leicht zu identifizieren. „UAF“ könnte Universitätsarchiv Freiburg sein. Was aber „AAEB“ sein soll, bleibt jedoch unklar.

Darüber hinaus bietet beispielsweise das Westfälische Klosterbuch eine „Zusammenstellung [der Stifte und Klöster] nach der Gründungszeit oder der ersten Erwähnung“, eine „Zusammenstellung nach den Diözesen bzw. evangelischen Landeskirchen“, eine „Zusammenstellung nach der Ordenszugehörigkeit bzw. den Geistlichen Institutionen“ sowie eine „Zusammenstellung nach den Patronaten“.[4] Im hier zu besprechenden Band wäre zudem eine Zusammenstellung der Stiftskirchen nach ihrer Auflösungszeit sinnvoll, denn schließlich waren zahlreiche geistliche Institutionen im Südwesten schon in der Reformationszeit untergegangen. Ein Namens- und Ortsregister ist auch nicht vorhanden.

Die genannten vier Einzelkarten (S. 717–720), jeweils in den Grenzen der Regierungsbezirke ab 1973, zeigen die genauere Lage der einzelnen Institutionen, deren Symbole je nach Institutionsart in Farbe und Form unterschiedlich gehalten wurden. Eine Bistumskarte wäre sehr hilfreich gewesen. So hätte man beispielsweise die Karte im hinteren Innendeckel heranziehen können und die Grenzen der Regierungsbezirke durch die Bistumsgrenzen im alten Reich austauschen können. So mag man den Atlas zur Kirche in Geschichte und Gegenwart von Erwin Gatz ergänzend heranziehen.[5]

Der Preis von 58 Euro erscheint angesichts des gebotenen Umfangs passend, so dass eine Anschaffung auch für den persönlichen Gebrauch ermöglicht wird. Das Werk bietet einen Erstzugang zur Thematik und einen Einstieg in weitere Forschungen. Die Möglichkeiten eines Anhangs wurden jedoch nicht genutzt und damit unnötig Potenzial verschenkt.

Anmerkungen:
[1] Sönke Lorenz, Das Tübinger Stiftskirchenprojekt; in: Sönke Lorenz / Oliver Auge (Hrsg.), Die Stiftskirche in Südwestdeutschland. Aufgaben und Perspektiven der Forschung (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 35), Leinfelden-Echterdingen 2003, S. 1–53.
[2] Karl Hengst (Hrsg.), Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen 44 / Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte 2), 2 Bände, Münster 1992–1994.
[3] Artikel zu „St. Amandus (Bad Urach)“ in Wikipedia und Wikimedia Commons.
[4] Hengst (Hrsg.), Westfälisches Klosterbuch (wie Anm. 2), Band 2, S. 510–531.
[5] Erwin Gatz (Hrsg.), Atlas zur Kirche in Geschichte und Gegenwart. Heiliges Römisches Reich – Deutschsprachige Länder, Regensburg 2009.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.07.2020
Redaktionell betreut durch