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Titel
Karten als Quelle und Darstellung. Historische Karten und Geschichtskarten im Unterricht


Autor(en)
Oswalt, Vadim
Erschienen
Frankfurt am Main 2019: Wochenschau-Verlag
Anzahl Seiten
406 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Schröder, Department of Church History, University of Helsinki

Infolge des spatial turns hat sich die Wissenschaft in der jüngeren Vergangenheit intensiv mit kartographischen Quellen auseinandergesetzt. Diese werden längst nicht mehr allein unter geographischen Gesichtspunkten betrachtet. Karten sind vielmehr als „soziale Konstruktion[en]“ (S. 22) zu verstehen, mit der Räume und Weltbilder, die die Rezipienten und deren Vorstellungen effektiv beeinflussen sollen, erst generiert und imaginiert werden. Mithilfe der in die Karte eingeschriebenen Legenden und Zeichen, die sich bei Weitem nicht nur auf geographische Aspekte beziehen, wurden etwa ideologische, politische und kulturelle Intentionen verfolgt. Dies gilt gleichermaßen für historische Karten wie für Geschichtskarten, mit denen diverse historische Inhalte zu Bildungszwecken vermittelt werden. Umso erfreulicher ist es, dass mit Vadim Oswalts Monographie nun ein Hilfsmittel vorliegt, in dem die Ergebnisse der höchst interdisziplinären wie internationalen Forschung erstens profund aufgegriffen und zweitens anhand zahlreicher Unterrichtsmodelle didaktisch für den Geschichtsunterricht in Schulen und Universitäten aufbereitet sind.

Im ersten Teil des Bandes widmet sich Oswalt den historischen Karten. Das veränderte Verständnis von Karten als Medium, das trotz seiner scheinbaren Objektivität keine neutrale Visualisierung des Raumes darstellt, sondern diesen erst entwirft und zu implementieren sucht, spiegelt sich in Oswalts Kapitelfolge wider. Denn im ersten Kapitel (S. 22–53) geht er systematisch auf die unterschiedlichen, gleichwohl komplementären Funktionen von historischen Karten ein (unter anderen Orientierungshilfe, Rechtsmittel, Herrschaftslegitimierung und -repräsentation, Wissensspeicher, Objekte der Utopie und Fantasie; zu ergänzen wäre die aktivierende Memorialfunktion von Karten). Erst im zweiten Kapitel (S. 54–67) folgt ein knapper Überblick über die Kartographiegeschichte. Darin stellt Oswalt zurecht die problematische, artifizielle Einteilung in Phasen der Geschichte von Karten in Frage, da sie zu stark dem Narrativ von einer angeblich linearen Entwicklung von vormodernen, laienhaften Artefakten zu maßstabsgerechten, Empirie-basierten und mit wissenschaftlichen Methoden erarbeiteten Objekten verhaftet sind. Gleichwohl sind die sich im Verlauf der Zeit verändernden Methoden der Vermessung physischer Räume und der Kartenherstellung ein bedeutendes Forschungsfeld, sodass Karten eine wichtige Quelle für die Technikgeschichte darstellen. Der die Materialität von historischen Zeugnissen in den Vordergrund rückende derzeitige Trend in den Wissenschaften wird in den kommenden Jahren zu weiterführenden Erkenntnissen gerade in diesem Bereich führen.

Zu kurz kommen in diesem Kontext die mit neuen Technologien einhergehenden Möglichkeiten (S. 68–71). Neben der interaktiven Aufbereitung der Ebstorfer Weltkarte und der Georeferenzierung historischer Karten sind für die Vormoderne weitere, teils technologisch fortgeschrittene Plattformen zu erwähnen, in denen Karten erschlossen werden.[1] Andere, mehr forschungsorientierte Projekte geben den Nutzern die Möglichkeit, Toponyme in historischen Karten und geographischen Texten zu annotieren und kommentieren, sodass Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den Quellen aufgespürt werden können.[2] Darüber hinaus digitalisieren zahlreiche Archive und Bibliotheken ihre Bestände historischer Karten, sodass die Objekte in hoher Auflösung betrachtet werden können.[3] Hierdurch ergeben sich weitere Anwendungsmöglichkeiten für den Unterricht.

Das vierte Kapitel (S. 72–95) bietet eine gründliche Einführung in die methodischen Grundlagen und Fallstricke der Interpretation historischer Karten und bildet damit die Basis für die von Oswalt vorzüglich erarbeiteten Unterrichtsmodelle im folgenden Kapitel (S. 96–226). Diese reichen vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert und greifen einschlägige wie weniger bekannte Beispiele auf. Sie veranschaulichen und vertiefen die mit den historischen Karten einhergehenden Funktionen. Zugleich verdeutlichen sie die Vielfalt von Kartentypen und die Bedeutung von kartographischen Repräsentationen als kulturhistorische Dokumente, die gleichzeitig Zeugnisse und Vehikel eines geschichtlichen Wandels sein können.

Der zweite Teil des Bandes fokussiert sich mit Geschichtskarten auf Quellen, die speziell zur Vermittlung historischer Inhalte und Generierung eines Geschichtsbewusstseins entwickelt wurden und werden. Nach einer Reflexion über den Raum als (neben der Zeit) zentraler Kategorie im historischen Denken (S. 229–243) verdeutlicht Oswalt in den folgenden methodischen Kapiteln zu „Karten als Geschichtsdarstellung“ (S. 244–254) und „Grundelemente[n] geschichtskartographischer Darstellung" (S. 255–276), wie abhängig die Interpretationen historischer Ereignisse von Raumvor- und -darstellungen und wie wirkmächtig die Eindeutigkeit suggerierenden Geschichtskarten sein können. Nicht nur die Darstellungsmodi (etwa Zustands- oder Entwicklungskarte) und der Grad der Komplexität (Anzahl und Differenzierung von Zeichen), sondern bereits die Wahl der Grundkarte mit der Auswahl an topographischen Informationen, dem gewählten Ausschnitt, der Zentrierung und Projektion wirken sinnstiftend und formen, beeinflussen und manipulieren die Deutung der durch die Karte visualisierten historischen Inhalte.

Darauf aufbauend folgen ein knapper Abriss über Geschichtskarten und -atlanten (S. 277–288) von der Frühen Neuzeit bis in die jüngere Gegenwart mit Schwerpunkt Nationalismus und Nationalsozialismus, ohne aber beispielsweise auf die Parallelen und/oder Unterschiede in den beiden deutschen Staaten einzugehen, ein wiederum etwas zu kurzer Abschnitt über neue digitale Zugänge (S. 289–296)[4] sowie eine wichtige Reflexion über die sich wandelnden Standpunkte zu Geschichtskarten in der Fachdidaktik (S. 295–303). Das letzte Kapitel behandelt chronologisch geordnete Unterrichtsmodelle (S. 325–383), anhand derer der Umgang mit und die Interpretation von Geschichtskarten geübt werden können.

Oswalts hervorragende Einführung sollte in keinem Handapparat zum Thema fehlen. Sie zeigt, wie wichtig die Reflexion über kartographische Repräsentationen auch oder gerade in unserer Gegenwart ist, wie sorgfältig man bei der Interpretation dieser Quellengattung vorgehen muss und wie vielfältig deren didaktische Anwendungsmöglichkeiten sein können. Sie bietet einen gelungenen fächerübergreifenden Zugang zur Erschließung und Nutzung von Karten sowohl im Schulunterricht als auch in der Hochschullehre. Die vielen Abbildungen sind leider nur in Schwarz-weiß wiedergegeben, was gerade im Hinblick auf den bewussten Einsatz von Farben und deren symbolische Bedeutung sowohl in historischen Karten als auch in Geschichtskarten ein Manko ist.[5] Das Literaturverzeichnis bietet dem Leser einen soliden Überblick über die gegenwärtige Forschung. Ein Register, das einen systematischeren Zugriff auf Themen und Personen ermöglicht hätte, fehlt hingegen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa die Seite zur spätmittelalterlichen, die britischen Inseln darstellenden „Gough map“, http://www.goughmap.org/map/ (05.01.2021) oder die Plattform Virtual Mappa 2.0, https://sims2.digitalmappa.org/36 (05.01.2021), welche hochauflösende Bilder von zahlreichen mittelalterlichen Karten mit einer Transkription der Textlegenden bietet.
[2] Vgl. etwa das Projekt Recogito, https://recogito.pelagios.org/ (05.01.2021).
[3] Stellvertretend sei verwiesen auf die Angebote der Bibliothèque national de France, http://mandragore.bnf.fr/jsp/rechercheExperte.jsp; https://gallica.bnf.fr/accueil/en/content/accueil-en (05.01.2021), der Library of Congress, https://www.loc.gov/collections/?fa=original-format:map%7Cpartof:geography+and+map+division (05.01.2021), der Bayerischen Staatsbibliothek München, https://www.digitale-sammlungen.de/index.html?c=sammlung&projekt=1352889503&l=deamp;l=de (05.01.2021) oder die an die Stanford University angegliederte Kartensammlung von David Rumsey, https://www.davidrumsey.com/ (05.01.2021).
[4] Wünschenswert wäre hier eine ausführlichere Würdigung etwa der interaktiven Karten des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte in Mainz, www.ieg-maps.uni-mainz.de (05.01.2021) gewesen, doch ist der Schwerpunkt auf ältere Projekte gelegt, deren digitale Inhalte infolge der im Handel vergriffenen CD-ROMs nur noch eingeschränkt zugänglich sind.
[5] Über die Verlagsseite ist ein Download der meisten der im Band besprochenen Karten in Farbe möglich, doch ist dieser an ein mit dem jeweiligen Buchexemplar verknüpftes Passwort gebunden.

Redaktion
Veröffentlicht am
18.02.2021
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