Cover
Titel
Without the Banya We Would Perish. A History of the Russian Bathhouse


Autor(en)
Ethan Pollock
Erschienen
Anzahl Seiten
XII, 343 S.
Preis
$ 34.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Oberländer, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin

Obwohl der Titel eine Geschichte der Banja, der russischen Variante der Sauna, verspricht, ist das kurzweilige Buch Ethan Pollocks eigentlich eine Geschichte Russlands von seinen Anfängen im 10. Jahrhundert bis heute. Es wird weniger die Geschichte der russischen Banja erzählt, als vielmehr die russische Geschichte durch die Banja vermessen. Große Überraschungen bleiben für Russlandhistoriker/innen bei einer solchen Gliederung aus. Leser/innen wiederum, die sich dezidiert für die Geschichte der Banja interessieren und bislang wenig über Russland oder die Sowjetunion wussten, kommen durchaus auf ihre Kosten. Bis hin in die Quellenauswahl spiegeln die chronologisch sortierten Kapitel die klassischen Themen der russischen und damit der europäischen Geschichte wider.

In der Frühen Neuzeit sind es zumeist religiöse Quellen, die über das Erlebnis der Banja berichten. Mit der Aufklärung werden es vor allem westeuropäische Reiseberichte, die ein rückwärtsgewandtes Bild Russlands und damit der Banja liefern. Im ausgehenden 19. Jahrhundert übernimmt die hedonistische Literatur des Silver Age und würdigt die Banja als Ort sexueller Freizügigkeit. Schließlich bemühen sich die Bolschewiki seit 1917 um einen progressiven, aufgeräumten mithin wissenschaftlichen Hygienediskurs. Ab den 1930er-Jahren bestimmen zusehends Zahlen und Pläne das Narrativ. Für den Hoch-Stalinismus kommen Lagerhäftlinge zu Wort, die die Gefahren der Banja als zusätzlichen Ort des Strafens schildern, weil sich dort Häftlinge wechselseitig sanktionierten. In den 1970er-Jahren schließlich wird die Banja Stoff für Zelluloid und lässt sich in Filmen als privaten Rückzugsort feiern. Und zu guter Letzt wurde sie seit den 1990er-Jahren zum Ort des Geschäfts zwischen Männern, die sich entweder im Namen von Clans oder ganzer Staaten die schwitzenden Hände reichten und schmierige Deals schlossen.

Was mit einer solchen Gliederung allemal auffällt, ist ein Grundnarrativ der russischen Geschichte, wie es gerne von Nicht-Russ/innen oder aber Dissident/innen bedient wird: das Narrativ des beständigen Scheiterns. Nach der Lektüre dieses Buches stellt sich durchaus die Frage, warum die Banja (mithin Russland!) als Ort der Krankheitsübertragung, des Mangels, des Drecks, der korrupten Eliten und nicht zuletzt der beständigen Gewalt überhaupt überleben konnte? In der Tat betont Ethan Pollock in jedem einzelnen Kapitel die unhygienischen Bedingungen in den Banjas. Sei es, dass in den dörflichen Banjas der schwarze Ofenruß in großen Brocken von den Holzwänden fiel; sei es, dass Läuse oder anderes Ungeziefer unter den klimatischen Bedingungen der Banja perfekte Übertragungswege fanden; sei es, dass sich Banjagänger/innen aufgrund von mangelnden Leitungen mit dem Wasser ihrer Vorgänger/innen waschen mussten; oder sei es, dass Abwasser samt Notdurft in den nächsten Fluss geschüttet wurde, der seinen Anrainer/innen als zweifelhafte Wasserquelle diente. Streckenweise liest man also einen Text, der eigentlich heißen müsste: With the Banya we will most certainly perish.

Zum Teil sind diese unhygienischen Schauergeschichten der Auswahl der Quellen zu verdanken. Vor allem Reisende aus dem frühmodernen Westeuropa schauderten angesichts der schwitzenden und geröteten Körper, die sich zu allem Überfluss mit Birkenruten auspeitschten. Dass in solchen Reiseberichten ganz generell kein allzu positives Bild des russischen Imperiums gezeichnet wird, ist hinlänglich bekannt. Ethan Pollock betont zurecht, dass diese Reiseberichte mit Vorsicht zu genießen sind, die von Westeuropäern geschrieben wurden, die es selbst vorzogen – und hier zitiert er Georges Vigarello – sich für glatte 300 Jahre gar nicht zu baden (S. 22). Pollock betont auch, dass „den Russen“ die Vorzüge der Banja sehr früh bekannt gewesen seien. Man wusste darum, dass die Banja gesundheitsfördernde Aspekte aufwies, rheumatische Beschwerden linderte, bei Hautkrankheiten helfen konnte – ganz zu schweigen davon, dass schlichtes Waschen bereits positive hygienische Effekte zeitigen konnte. Eine weitere Konstante russisch-sowjetischer Narrative findet sich darin, die fragwürdigen hygienischen Bedingungen und die ausbleibenden Gesundheitseffekte dem sowjetischen Mangel zuzuschreiben.

Mit den Migrationswellen vor allem des 20. Jahrhunderts wanderte die Banja nach Brighton Beach und Haifa aus und beweist damit einen Zeiten und Kontinente überdauernden Charakter, der nicht selten als ein nationaler verstanden wird. So hält es auch Pollock, der die Banja bereits als typisch russisch beschreibt, als ein „Russland“ historisch noch in weiter Ferne lag. Mit dem 19. Jahrhundert setzte auch für die Banja ein Nationalisierungsdiskurs ein und gehört laut Pollock seit dem Übergang zum 20. Jahrhundert zum „kulturellen Wesen“ (S. 128) Russlands. Die Banja erscheint in Pollocks Text also immer wieder als etwas, worauf sich alle Russen/innen einigen konnten, Zaren wie Parteiführer, Bauern wie Literaten, Nationalisten wie homosexuelle Männer.

Was Pollock selbst auffällt, ist wie männlich die von ihm beschriebene Banja ausfällt. Und zwar nicht, weil es keine Waschabteilungen für Frauen gegeben hätte – die russische Banja ist in der Regel bis heute nach Geschlechtern getrennt –, sondern weil die Überlieferungslage für das weibliche Schwitzen noch prekärer ist als für das männliche. Es ist das Verdienst Ethan Pollocks aus einer Vielzahl von Quellen dieses Kaleidoskop der Männersauna über nahezu ein Jahrtausend zusammengefügt zu haben. Was allerdings auch fehlt, sind dezidiertere Ausflüge in die Badekulturen des Osmanischen Reiches, der Mongolen, oder aber Japans. Gerade weil die Europäer/innen 300 Jahre nicht badeten, erstaunt der beständige Blick nach Westen. Und die Frage, ob es nicht aus „östlichen“ Quellen mehr über die Banja zu erfahren gäbe, drängt sich nachgerade auf.

Pollock weist in seiner Einleitung daraufhin, dass die Banja Gemeinsamkeiten aufweist mit anderen Orten wie dem Kaffeehaus, der Kneipe, dem Sportverein, dem Fitnessstudio, und dem Friseur. Leider verfolgt er diesen Strang in seinem Buch nicht, obgleich es doch genau diese Orte sind, die eine besondere Halböffentlichkeit oder aber ein erweitertes Wohnzimmer darstellen. Geschlossene Orte, an denen man viel Zeit mit den unterschiedlichsten Menschen verbringt, Orte, die davon leben, dass man ins Gespräch kommt. Die russische Banja ist ein Ort des Schwatzens und des Miteinanders – und nicht wie in Deutschland des Schweigens. Diese Halböffentlichkeiten stehen vor allem in der Sowjetunion für Rückzugsräume, die qua Charakter eine gewisse (politische) Brisanz aufwiesen. Im Unterschied zu Cafeterien, Mensen oder Clubs aller Art wurde die Banja jedoch nicht vom sowjetischen Staat für seine Zwecke okkupiert und mit Bannern und Sinnsprüchen plakatiert. Und das obwohl wie Ethan Pollock überzeugend darlegt, die Sauna zentral war für die sowjetische Gesundheitspolitik und entsprechend gefördert wurde.

„The banya is eternal“ (S. ix), so Pollock in seinem Prolog. Die Sowjetunion hat sie in der Tat überlebt – und sie wird wohl auch Corona überleben. Bis wir uns endlich wieder in der Banja oder der Sauna begegnen, wird es wohl ein wenig dauern. Bis dahin sei allen afficionados Pollocks Buch empfohlen, der sich mit seiner Geschichte der Banja eine der zentralen soziokulturellen Institutionen Russlands vorgenommen hat.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.09.2020
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag