Cover
Titel
Die Entstehung Griechenlands.


Autor(en)
Ulf, Christoph; Kistler, Erich
Reihe
Oldenbourg Grundriss der Geschichte 46
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 314 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Grote, Institut für Geschichte, Universität Regensburg

Wie die fachliche Provenienz der beiden Autoren – Christoph Ulf war bis zu seiner Emeritierung Althistoriker an der Universität Innsbruck, Erich Kistler ist dort Klassischer Archäologe – bereits nahelegt, zeichnet sich dieser neue Band aus der Oldenbourg Grundriss-Reihe durch seinen interdisziplinären Zugriff aus. Bereits im Vorwort begründen Ulf und Kistler ihren Ansatz, bei der Deutung der Anfänge Griechenlands auf „Archäologie und Geschichtswissenschaft als gleichberechtigte wissenschaftliche Disziplinen“ (S. VIII) zurückzugreifen: Aufgrund der Quellenlage sei es notwendig, die vielfältigen Ergebnisse der archäologischen Forschung „in historische Sprache zu übersetzen“ und unter Rückgriff auf ethnologische Modelle zu interpretieren, um überkommene „Meistererzählungen“ von der Entstehung Griechenlands zu überwinden (ebd.). Die beiden letztgenannten Aspekte lassen sich als Hauptanliegen des Buches verstehen: rückprojizierende und mithin anachronistische Elemente wirkmächtiger „Meistererzählungen“ durch alternative Deutungsmuster der zur Leitwissenschaft erhobenen Ethnologie zu ersetzen.

Sicherlich ist es diesem Schwerpunkt geschuldet, wenn der erste Teil des bewährten Dreierschemas der Reihe, die Darstellung, weniger neutral und nüchtern-beschreibend ausfällt, als man es gemeinhin gewohnt ist. So beginnen die Autoren in Kapitel I 1 nicht etwa damit, ihr Bild davon, „wie es eigentlich gewesen“ ist, plausibel zu machen, sondern mit der kritischen Diskussion moderner Deutungsschemata, wie man es in dieser Ausführlichkeit eher im Forschungsteil erwarten würde. Konzepte wie „Volk“, „Staat“ oder „(Ein-)Wanderung“ werden bereits hier als Elemente der „Meistererzählung vom frühen Griechenland“ (S. 1) entlarvt und durch „Die Alternative: Gesellschaften im Wandel und (ethno-)genetische Prozesse“ (Kapitel I 1.2) ersetzt. So lobenswert diese theoretische Fundierung gleich zu Beginn auch sein mag – in einem Darstellungsteil für orientierungssuchende Studierende besteht die Gefahr, dass die hier auf mehr als sechs Seiten (S. 12–18) wiedergegebenen Idealtypen sozio-politischer Organisationsformen wie etwa Big Man-Gesellschaften ihrerseits zum schematischen Narrativ für die griechische Frühzeit gerinnen, was doch gerade vermieden werden sollte. Die der ethnologischen Erforschung anderer Kulturen entnommenen Beschreibungen von Praktiken – ein Beispiel: „Nur aufgrund saisonal bedingter Veränderungen (z. B. Wasserverknappung) sammeln sich die einzelnen selbständigen Familien an einem günstig gelegenen Ort zur besseren Versorgung mit Nahrungsmitteln.“ (S. 13) – könnten jedenfalls das von den Autoren sicher nicht beabsichtigte Bild evozieren, auf der Deutung antiker Quellen zu fußen und somit historischen Praktiken aus der griechischen Frühzeit zu entsprechen. Möglicherweise lässt sich mit einer solchen Verwendung des ethnologischen Vergleichsmaterials die überraschende Behauptung an späterer Stelle erklären, dass nach der Umbruchphase um 1000 v. Chr. „alle Macht […] zurück an den Rat der Ältesten, der sich aus den angesehensten Oberhäuptern innerhalb einer Siedlungsgemeinschaft zusammensetzte“ (S. 62), gegangen sei. Eine solche Annahme über eine Gerusie, wie wir sie aus späteren Zeiten kennen, kann sich jedenfalls nicht auf den antiken Befund stützen und sollte daher zumindest vorsichtiger formuliert werden.

Glücklicherweise sind solche das Ergebnis prädestinierende Vorannahmen eher die Ausnahme[1], wenn ab S. 28, dem historischen Darstellungsteil im engeren Sinne, vom empirischen Befund mehrerer Siedlungsgrabungen ausgehend auf Gesellschaftsstrukturen der späten Bronze- bzw. frühen Eisenzeit geschlossen wird (Kapitel I 2). Schwerpunkte bilden hier (1.) die Palast- und Burganlagen der Bronzezeit, (2.) Megaron- und Aspidialbauten sowie Compounds und Streusiedlungen aus der Zeit von 1050–700 und (3.) die Entstehung gemeinschaftlicher Bauten, wie wir sie mit den hekatompedoi und den agorai ab ca. 700 v. Chr. nachvollziehen können. Überzeugend leiten Ulf und Kistler aus der baulichen Ausgestaltung von Versammlungsplätzen politische Entwicklungen ab, wenn sie etwa am Beispiel Eretrias das Gegenüber von Festplätzen auf der einen und den Monumentalbauten der Elite auf der anderen Seite mit dem Aufkommen von Öffentlichkeit als politischem Regulativ in Verbindung bringen oder die zentrale Agora-Anlage von Megara Hybleia als Ausdruck einer bereits institutionalisierten und sich folglich auch baulich widerspiegelnden Bürgerschaft als feste politische Größe verstehen (S. 43–48). Das in diesem Zusammenhang zur Deutung des Befundes genutzte Konzept der „dritten Instanz“ (S. 44 u. 47f.) bleibt aber seltsam konturlos: Weder im Darstellungsteil, wo er immerhin zweimal in den Marginalien als Teil von Zwischenüberschriften geführt wird, noch im entsprechenden Forschungsteil wird der Begriff oder die soziologische Funktion des dahinterstehenden Phänomens erklärt – Hinweise auf seinen Urheber Georg Simmel oder dessen Theorie zur Produktivität des Konflikts sucht man vergebens.[2] Nichtsdestotrotz gelingt es den Autoren in Kapitel 2, sowohl einen gelungenen Überblick über die Siedlungs- und Gesellschaftsstrukturen der nachpalatialen Zeit Griechenlands zu bieten als in Verbindung mit dem entsprechenden Forschungsteil[3] auch einen methodischen Leitfaden bereitzustellen, der aufzeigt, wie sich aus einer Vielzahl archäologischer Einzelbefunde unter Verwendung theoriegeleiteter Deutungskonzepte größer angelegte historische Entwicklungslinien nachzeichnen lassen. Es ist ein großes Verdienst des Buches, die Möglichkeiten einer modernen, kulturwissenschaftlichen Archäologie, oder, je nach Perspektive, einer archäologisch informierten Althistorie aufzuzeigen.

Das dritte Kapitel widmet sich dann den „Lebenswelten“ der früharchaischen Zeit, indem es sich in den Epen widerspiegelnde soziopolitische Phänomene ausführlich in den Blick nimmt. Die Autoren beginnen bei den Siedlungsformen (Kapitel I 3.1) und den politischen Strukturen wie Öffentlichkeit und Agora (3.2), deuten sodann Geschenke und Gaben als Funktionen sozialer Bindung (3.3) und Distinktion (3.4) und widmen sich schließlich weiteren Themenkomplexen, so den Geschlechterrollen und der Rolle der Gewalt (3.5), der Mobilität (3.6) und der Bedeutung der Dichtung auch aus narratologischer Perspektive (3.7). Im gesamten Kapitel ist der konstante Bezug zu den Quellen bemerkenswert, was sich für einen einführenden Grundriss nicht gerade von selbst versteht. Auch ohne platzraubende, direkte Zitate laden die in Klammern gebotenen Quellenstellen die Leser/innen stets dazu ein, sich ein eigenes Bild anhand der Quellen zu machen.

Angesichts der Bandbreite der angesprochenen Themenbereiche sowie der Ambiguität, die die Epen zuweilen vermitteln, wäre es geradezu verwunderlich, wenn man jeder hier vertretenen These uneingeschränkt zustimmen würde; einige Kritikpunkte seien hier dennoch angesprochen. So verwandelt sich die auf S. 77 zu Recht betonte Erwartung eines bestimmten Verhaltens der Basileis vonseiten des Demos allzu schnell und voraussetzungslos in eine Verpflichtung, für die u. a. ein Gespräch in der Ilias zwischen zwei lykischen Anführern ins Feld geführt wird – zu Unrecht, wie sich zeigen lässt: Nach einer Aufzählung ihrer Privilegien und Annehmlichkeiten betont Sarpedon: „Darum müssen wir bei den Lykiern jetzt unter den Ersten stehen … , dass man solches im Volk der gewappneten Lykier spräche: Wahrlich, ruhmlos herrschen sie nicht im Lykierland“ (Il. 12,315–318). Die beiden Basileis verknüpfen hier keineswegs ihre Privilegien direkt mit einer Verpflichtung gegenüber dem Demos, sondern sind in erster Linie darum bemüht, sich im Kampf hervorzutun, um Ruhm und Ehre zu erwerben – nicht um Privilegien zu genießen oder herrschen zu können, sondern um es zu vermeiden, auf eine bestimmte, eben „ruhmlose“ Art und Weise zu herrschen. Das Volk fungierte mithin als Öffentlichkeit und damit als Resonanzboden für die Leistungen der Basileis, nicht als bindende oder verpflichtende Instanz. Auch über die Vermeidung des Adels- und Elitenbegriffs (vgl. die Zwischenüberschrift S. 91 „Big Men statt Adel“ oder auch S. 188–191) zugunsten eines vielfältigen Begriffsinventars – Beispiele sind „Weiler-Oberhäupter“, „Head Men“, „einfache“ bzw. „komplexe Big Man-Systeme“ oder auch „von kleinen Big Men geführte[n] Gesellschaften“ (S. 120) – lässt sich diskutieren. Dass die Autoren suggerieren, in der Wissenschaft herrsche noch immer ein Adelsbegriff im Sinne eines Geblütsadels vor, der auf romantischen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Auffassungen über Volk und Adel zurückgehe sowie eine direkte Verbindung von Mykene zu den Epen postuliere und gesellschaftliche Zusammenhänge der homerischen Zeit nicht berücksichtige (vgl. nur S. 25 u. 188f.), tut der modernen Forschung zum archaischen Griechenland jedenfalls Unrecht. So begründet Winfried Schmitz die Anwendung des Konzepts „Aristokratie“ in überzeugender Weise und gerade mit Blick auf den gesellschaftlichen Kontext der Epen als Hintergrund, vor dem sich die aristoi distinktiv abhoben. Bereits Elke Stein-Hölkeskamp hat in ihrer Dissertation gezeigt, wie sich der Adelsbegriff reflektiert und ohne substanzialistische Vorurteile anwenden lässt.[4]

Die griechischen Ethnogenese sowie die allmähliche Formierung einer hellenischen Identität steht im abschließenden vierten Kapitel im Vordergrund, das implizit die dem Buch zugrundeliegende Frage beantwortet. Statt den einen Anfang ausmachen zu wollen, sei es sinnvoller, „die verschiedenartigen Veränderungen der Lebenswelt“ (S. 124) griechischer Gemeinden zu betonen. Sich überschneidende und ergänzende Arten des Zusammenlebens, Migration, Traditionen, Alteritätserfahrungen sowie das Aufkommen überregionaler Heiligtümer werden als Faktoren benannt, die allmählich zur Formierung hellenischer Identitäten geführt hätten, ohne dass sich das „Nebeneinander von Erzählungen über den ‚Anfang‘“ (S. 227) verschiedener Gruppen und Gemeinden aufgelöst hätte. Auch in diesem Kapitel zeigt sich der Vorteil, archäologische und philologische Expertise gemeinsam ins Feld zu führen, da die Autoren sich nicht nur auf Grabungsbefunde, sondern auch auf die vielfältigen griechischen Vergangenheitskonstruktionen in Sagen, Gründungserzählungen oder den Epen beziehen.

Eine abschließende Bewertung des Buches sollte die Funktion der Reihe als „Mittel der Orientierung“ (S. V) für Studierende berücksichtigen. In dieser Hinsicht schließt das Werk eine Lücke, indem es den Anschluss archäologischer Erkenntnisse an ein althistorisches Studium des frühen Griechenlands gewährleistet und dabei hilft, bereits im Studium die oft beklagte Fixierung des Fachs auf Textquellen zu überwinden. Mit Blick auf die Darstellung des historischen Gegenstandes bleiben für Orientierungssuchende allerdings einige Fragen offen – vor allem dann, wenn man beim Titel „Die Entstehung Griechenlands“ nicht zuallererst griechische Identitätskonstruktionen als Leitthema erwartet. So fällt vor allem die fehlende Würdigung des inschriftlichen Befundes auf; gerade die im Buch vielfach angesprochene politische Funktion der Agora hätte durch die Veranschaulichung politischer Praktiken, wie sie sich in den Inschriften (etwa aus Dreros oder Chios) widerspiegeln, an Kontur gewinnen können. Liest man das Buch jedoch als kritischen Grundriss zur griechischen Ethnogenese sowie zur Formierung hellenischer Identitäten – eine Lesart, die ein erläuternder Untertitel sicher fördern würde –, handelt es sich fraglos um das neue Standardwerk zu diesem Thema.

Anmerkungen:
[1] Vgl. aber S. 188: „Der Unterschied zwischen den Epen Homers und Hesiods verschwindet, wenn diese mit dem Konzept einer Big Man-Gesellschaft interpretiert werden.“
[2] Während die Autoren viel Wert auf eine fundierte Erklärung der anthropologischen Konzepte und der zentralen Begriffe (wie „Meistererzählung“ oder „Ethnizität/Ethnogenese‘) legen, fällt an einigen Stellen ein etwas unbedarfter Gebrauch von Begrifflichkeiten aus der Theorie auf. Neben der bereits angesprochenen „dritten Instanz“ ist hier beispielsweise die „Dekonstruktion“ zu nennen, die keineswegs auf Michel Foucault zurückgeht (so aber S. 138), sondern auf Jacques Derrida. Die Verwendung des Begriffs auf S. 153 – es geht um die Entlarvung ethnischer Fiktionen – verrät zudem, dass sich die Autoren der „dialektischen“ Implikationen der Dekonstruktion (und auch des Unterschieds zu hermeneutischen Verfahren) nicht bewusst sind, da sie den Begriff im Sinne von „destruieren“ benutzen und somit das kon-struktive Element ausblenden, das sowohl im Begriff selbst als auch im entsprechenden Verfahren enthalten ist. Ein letztes Beispiel: Angesichts der häufigen Verwendung des Begriffs „Komplexität“ in sozio-kulturellen Zusammenhängen (S. 25f.; 58; 63; 67; 180) wäre die Verarbeitung entsprechender soziologischer Forschung sicherlich hilfreich gewesen, die hätte zeigen können, dass sich ein Übermaß an Komplexität hemmend auf soziale Systeme auswirkt und die Reduktion von Komplexität eine große Rolle bei der Herausbildung sozialer Erwartungen, Institutionen oder politischer Verfahren spielt.
[3] Das Pendant zu Kapitel I 2 im Forschungsteil ist seltsamerweise Kapitel II 3.
[4] Winfried Schmitz, Die griechische Gesellschaft, Heidelberg 2014, S. 17–30, bes. 18f. u. 28f.; ders., Verpaßte Chancen. Adel und Aristokratie im archaischen und klassischen Griechenland, in: Hans Beck u.a. (Hrsg.), Die Macht der Wenigen. Aristokratische Herrschaftspraxis, Kommunikation und „edler“ Lebensstil in Antike und Früher Neuzeit, München 2008, 35–70; Elke Stein-Hölkeskamp, Adelskultur und Polisgesellschaft, Stuttgart 1989, S. 15–56; siehe auch Uwe Walter, Aristokratische Existenz in der Antike und der Frühen Neuzeit – einige unabgeschlossene Überlegungen, in: Beck u. a., Macht, S. 367–394.

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Veröffentlicht am
04.01.2021
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